Es ist die schönste Zeit des Jahres für viele Naturfreunde: Die Sommerbergsaison hat begonnen, und die majestätischen Gipfel der Alpen locken mit ihrer unberührten Schönheit. Doch diese Saison birgt auch Gefahren, die viele Bergsteiger unterschätzen. Der Abstieg, oft als harmloser Teil der Tour angesehen, entwickelt sich immer mehr zur gefährlichen Hürde. Der Österreichische Alpenverein warnt eindringlich vor den Risiken, die bei der Rückkehr ins Tal lauern.

Warum der Abstieg so gefährlich ist

Beim Aufstieg sind Bergsteiger meist voller Energie und Konzentration. Doch sobald der Gipfel erreicht ist, lässt die Wachsamkeit oft nach. Die körperliche Ermüdung setzt ein, und die Konzentration schwindet. Diese Faktoren können fatale Folgen haben, wie die aktuellen Zahlen des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit (ÖKAS) belegen. Zwischen dem 1. Mai und dem 7. Juli 2025 wurden in den Sommer-Bergsportdisziplinen rund 10% mehr Verletzte registriert als im Vorjahr. Besonders erschreckend: Die Zahl der tödlichen Unfälle hat sich in Tirol sogar verdoppelt.

Der menschliche Faktor: Konzentration und Ernährung

Jörg Randl, Leiter der Abteilung Bergsport im Österreichischen Alpenverein, erklärt: „Der Abstieg ist teilweise anspruchsvoll und verlangt volle Konzentration – doch genau die lässt nach langen Touren oft nach.“ Eine unzureichende Energiezufuhr und Flüssigkeitsmangel sind Hauptverursacher der nachlassenden Konzentration. „Ohne eine kontinuierliche Zufuhr von Kohlenhydraten und ausreichend Flüssigkeit sind die Reserven des Körpers schnell erschöpft“, so Randl weiter.

Bei längeren Touren, die über fünf Stunden dauern, kann der Körper bereits frühzeitig an seine Grenzen stoßen. Die Folgen sind nicht nur körperliche Erschöpfung, sondern auch mentale Ausfallerscheinungen wie Konzentrationsprobleme und Desorientierung. Randl empfiehlt daher, immer Energieriegel, Gels, Bananen oder Trockenobst im Rucksack zu haben und ausreichend isotonische Getränke mitzuführen.

Die richtige Vorbereitung ist entscheidend

Doch nicht nur die Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Der Alpenverein rät dazu, die eigene körperliche und mentale Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen und die Touren entsprechend zu planen. „Touren sollten an die körperliche wie mentale Fitness und das eigene bergsportliche Können angepasst sein“, betont Randl. Auch Vorerkrankungen, insbesondere des Herz-Kreislaufsystems, steigern das Risiko erheblich.

Ebenso unerlässlich ist die richtige Ausrüstung. Neben stabilem Schuhwerk mit rutschfester Sohle gehören ein Mobiltelefon, ein Erste-Hilfe-Set sowie Kälte-, Regen- und Sonnenschutz zur Grundausstattung. Der Alpenverein empfiehlt zudem eine Alu-Rettungsdecke, Spikes, einen Biwaksack und Kartenmaterial zur Orientierung.

Das Fünf-Finger-Prinzip: Sicher durch die Berge

Um die Sicherheit am Berg zu gewährleisten, hat der Alpenverein das „Fünf-Finger-Prinzip“ entwickelt, das eine einfache Risikobewertung ermöglicht:

  • Tour: Ist die Tour meinem Können angemessen? (Länge, Schwierigkeit, Exposition, Höhenmeter, Gehzeit)
  • Gruppe: Mit wem bin ich unterwegs?
  • Aktuelle Bedingungen: Altschneefelder, Wegsperrungen?
  • Wetter: Gewitter, Kaltfront, Hitze?
  • Ausrüstung: Schutz vor Regen, Wind und Kälte, Sonnenschutz, genug zu trinken, Notfallausrüstung (Handy, Erste-Hilfe-Set, Biwaksack, Stirnlampe)?

Dieses Prinzip hilft, die Tourenplanung fundiert anzugehen und Risiken zu minimieren. Tourenempfehlungen aus sozialen Medien sind für eine seriöse Planung nicht geeignet. Der Alpenverein empfiehlt hochwertiges Kartenmaterial und geprüfte Tourenportale wie alpenvereinaktiv.com.

Statistik und historische Vergleiche

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass das Risiko von Bergunfällen beim Abstieg kein neues Phänomen ist. Bereits in den 1980er Jahren wiesen Experten auf die Gefahren hin. Doch die zunehmende Beliebtheit des Bergsports und der damit verbundene Anstieg an unerfahrenen Bergsteigern haben das Problem verschärft.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2020 ereignen sich etwa 30% aller Bergunfälle beim Abstieg. Diese Zahl hat sich in den letzten Jahren stetig erhöht, was auf die zunehmende Ermüdung und den Mangel an Vorbereitung zurückzuführen ist. Der Vergleich mit anderen Bundesländern zeigt, dass Tirol aufgrund seiner geografischen Beschaffenheit besonders betroffen ist.

Die Auswirkungen auf die Gesellschaft

Die steigende Zahl an Bergunfällen hat nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Auswirkungen. Die Kosten für Rettungseinsätze und medizinische Versorgung belasten das Gesundheitssystem erheblich. Zudem führen tödliche Unfälle zu einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis und einer stärkeren Regulierung des Bergsports.

Experten betonen, dass eine bessere Aufklärung und Ausbildung der Bergsportler notwendig ist, um die Zahl der Unfälle zu reduzieren. „Nur wer gut vorbereitet ist, kann die Schönheit der Berge sicher genießen“, so ein Experte.

Ein Blick in die Zukunft

Die Zukunft des Bergsports steht vor großen Herausforderungen. Die Klimaveränderungen führen zu unberechenbaren Wetterverhältnissen und erhöhen das Risiko von Naturkatastrophen wie Lawinen oder Erdrutschen. Der Alpenverein plant daher, seine Aufklärungsarbeit weiter zu intensivieren und neue Sicherheitskonzepte zu entwickeln.

Eine verstärkte Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen soll helfen, globale Standards für die Sicherheit im Bergsport zu etablieren. Zudem wird überlegt, verpflichtende Sicherheitskurse für Bergsteiger einzuführen, um die Unfallzahlen langfristig zu senken.

Fazit: Sicherheit geht vor

Der Bergsport in den Alpen bleibt ein faszinierendes Abenteuer, birgt jedoch auch erhebliche Risiken. Der Österreichische Alpenverein appelliert an alle Bergfreunde, die Gefahren ernst zu nehmen und sich gründlich vorzubereiten. Denn nur wer die richtigen Maßnahmen ergreift, kann die Berge sicher und unbeschwert genießen.

Weitere Informationen und Tipps zur sicheren Tourenplanung finden Sie auf der Webseite des Alpenvereins unter www.sicheramberg.at.