Der Kassenärztemangel in Österreichs ländlichen Regionen spitzt sich zu. Mit Stand Juli 2025 waren 311 Kassenstellen unbesetzt, davon 175 in der Allgemeinmedizin. Diese alarmierenden Zahlen präsentierte die Österreichische Ärztekammer in einer aktuellen Pressekonferenz in Wien. Edgar Wutscher, Vizep
Der Kassenärztemangel in Österreichs ländlichen Regionen spitzt sich zu. Mit Stand Juli 2025 waren 311 Kassenstellen unbesetzt, davon 175 in der Allgemeinmedizin. Diese alarmierenden Zahlen präsentierte die Österreichische Ärztekammer in einer aktuellen Pressekonferenz in Wien. Edgar Wutscher, Vizepräsident der Kammer, betonte: „Der niederschwellige und wohnortnahe Zugang zur medizinischen Versorgung wird immer schwerer.“
Die Auswirkungen sind weitreichend. Bürgermeister und Gemeindevertreter sind sich der Problematik bewusst. Eine Umfrage des Kommunalverlages zeigt, dass fast 70 Prozent der befragten Gemeindevertreter glauben, dass bessere Arbeitsbedingungen für Kassenärzte die Zukunft ihrer Gemeinden positiv beeinflussen könnten. Ohne Ärzte droht den ländlichen Gemeinden eine Abwanderung der Bevölkerung.
Historisch gesehen war die medizinische Versorgung auf dem Land nie einfach. Doch die Situation hat sich verschärft. In den 1990er Jahren gab es noch rund 1.100 ärztliche Hausapotheken in Österreich. Heute sind es nur noch etwa 800. Gleichzeitig ist die Zahl der öffentlichen Apotheken auf über 1.450 gestiegen. Diese Entwicklung hat zu einem Rückgang der hausapothekenführenden Niederlassungen geführt.
Ein wesentlicher Faktor für den Rückgang ist das veraltete Apothekengesetz. Laut diesem darf im Umkreis von vier Kilometern einer öffentlichen Apotheke keine ärztliche Hausapotheke betrieben werden. Silvester Hutgrabner von der Österreichischen Ärztekammer kritisiert: „Eine zeitgemäße, patientennahe Versorgung sieht anders aus.“
Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zeigt sich, dass Österreichs Regelungen strenger sind. In Deutschland beispielsweise gibt es flexiblere Modelle, die es Ärzten erleichtern, Hausapotheken zu führen. Diese Flexibilität könnte auch in Österreich helfen, den Ärztemangel zu mildern.
Hausapotheken sind nicht nur für die Versorgung der Bevölkerung wichtig, sondern auch ein Anreiz für Ärzte, sich in ländlichen Gebieten niederzulassen. Studien zeigen, dass die Stärkung ärztlicher Hausapotheken helfen könnte, bis zu 400 neue Kassenärzte zu gewinnen.
Die Ärztekammer fordert daher nicht nur flexiblere Kassenverträge, sondern auch den Schutz der ärztlichen Hausapotheken und das Recht auf Medikamentenabgabe für alle niedergelassenen Ärzte. „Ohne diese Maßnahmen wird sich die Situation weiter verschärfen“, warnt Wutscher.
Für die Patienten bedeutet der Mangel an Ärzten oft lange Wege zur nächsten Praxis oder Apotheke. Besonders ältere Menschen sind darauf angewiesen, dass ihnen jemand die benötigten Medikamente bringt. Carmen Berti-Zambanini, Obfrau des Schutzverbandes hausapothekenführender Ärzte, kritisiert: „Es kann nicht sein, dass eine kranke Kuh besser versorgt wird als eine kranke Bäuerin.“
Die Zukunft der medizinischen Versorgung auf dem Land hängt von den politischen Entscheidungen der nächsten Jahre ab. Experten sind sich einig, dass ohne Reformen die Versorgung weiter zurückgehen wird. Die Bundeswettbewerbsbehörde empfahl bereits 2019, Primärversorgungseinrichtungen mit Hausapotheken auszustatten. Diese Empfehlung wurde bisher nicht umgesetzt.
Der Kassenärztemangel ist ein komplexes Problem, das schnelles Handeln erfordert. Die Kombination aus veralteten Gesetzen und demografischen Herausforderungen macht es notwendig, neue Wege zu gehen. Nur so kann die medizinische Versorgung in den ländlichen Regionen Österreichs gesichert werden.
Weitere Informationen finden Sie in der vollständigen Pressemitteilung der Österreichischen Ärztekammer auf OTS.