Österreichs Städte stehen vor einer historischen Chance: Mit einem Förderpaket von 11 Millionen Euro startet das Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur gemeinsam mit dem Klim...
Österreichs Städte stehen vor einer historischen Chance: Mit einem Förderpaket von 11 Millionen Euro startet das Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur gemeinsam mit dem Klima- und Energiefonds zwei bahnbrechende Initiativen zur Beschleunigung der klimapolitischen Transformation. Erstmals können sich parallel Großstädte ab 50.000 Einwohnern und Klein- sowie Mittelstädte zwischen 10.000 und 50.000 Einwohnern um Partnerschaften im Rahmen der Mission "Pionierstädte" bewerben. Die Einreichfrist läuft bis 15. September 2026.
Die neue Förderstrategie berücksichtigt erstmals systematisch die unterschiedlichen Herausforderungen verschiedener Stadtgrößen. Während Großstädte oft bereits über entwickelte Klimastrategien verfügen, fehlen kleineren Kommunen häufig die Ressourcen und das Know-how für ambitionierte Klimaprojekte. Diese Lücke soll nun geschlossen werden.
Innovations- und Infrastrukturminister Peter Hanke betont die Dringlichkeit: "Die Anpassung an den Klimawandel und das Erreichen der Klimaneutralität zählen zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Unsere Städte spielen dabei eine entscheidende Rolle." Mit dem neuen Förderpaket sollen innovative Lösungen umgesetzt und der Wandel vor Ort spürbar gemacht werden.
Die Ausschreibung "Pionierstadt - Partnerschaft für zukunftsfitte Großstädte" richtet sich an österreichische Städte ab 50.000 Einwohnern. Das Programm umfasst ein Gesamtbudget von rund 8 Millionen Euro, wobei pro Stadt bis zu 700.000 Euro zur Verfügung stehen. Diese beträchtliche Summe ermöglicht es den Städten, umfassende Transformationsprojekte anzugehen.
Gefördert wird primär der Kapazitäts- und Kompetenzaufbau - ein Begriff, der die systematische Entwicklung von Fähigkeiten und Strukturen innerhalb der Stadtverwaltung beschreibt. Konkret bedeutet dies: Städte können Personal schulen, neue Abteilungen für Klimaschutz aufbauen, externe Beratung einholen und Planungsprozesse professionalisieren. Diese Investition in "weiche" Faktoren ist entscheidend, da viele Klimaprojekte nicht an fehlenden Mitteln, sondern an mangelndem Verwaltungs-Know-how scheitern.
Die geförderten Projekte sollen zur Stärkung der urbanen Resilienz beitragen - der Widerstandsfähigkeit von Städten gegenüber Klimakrisen wie Hitzewellen, Überschwemmungen oder Dürreperioden. In Österreich wird dies immer wichtiger: Die Temperaturen in Wien sind seit 1960 um durchschnittlich 2,2 Grad gestiegen, deutlich mehr als der globale Durchschnitt. Gleichzeitig nehmen Extremwetterereignisse zu.
Konkrete Maßnahmen umfassen die Verbesserung der Lebensqualität durch Grünflächen, die Gestaltung attraktiver öffentlicher Räume und die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe. Besonders wichtig ist die nachhaltige Verankerung des Themas Klimawandelanpassung in der städtischen Verwaltung - ein Prozess, der oft Jahre dauert und kontinuierliche Schulungen erfordert.
Die zweite Schiene "Pionierstadt - Partnerschaft für zukunftsfähige Klein- und Mittelstädte" verfügt über ein Budget von rund 3 Millionen Euro. Pro Stadt können maximal 500.000 Euro beantragt werden - eine Summe, die für kleinere Kommunen oft transformativ wirken kann. Die Laufzeit der Partnerschaften ist mit drei Jahren angesetzt, was längerfristige Planungssicherheit bietet.
Diese Ausschreibung adressiert eine wichtige Lücke im österreichischen Klimaschutz: Während Großstädte wie Wien, Graz oder Linz bereits über ausgefeilte Klimastrategien verfügen, fehlen kleineren Städten oft die Ressourcen. Dabei leben in Österreich etwa 3,2 Millionen Menschen in Gemeinden zwischen 10.000 und 50.000 Einwohnern - ein erheblicher Anteil der Bevölkerung.
Das Programm basiert auf dem Konzept der öffentlich-öffentlichen Kooperation (ÖÖK) - einer Partnerschaft zwischen verschiedenen staatlichen Ebenen. Anders als bei klassischen öffentlich-privaten Partnerschaften bleiben hier alle Partner im öffentlichen Bereich, was Interessenskonflikte minimiert und langfristige Ziele in den Vordergrund stellt.
Bernd Vogl, Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds, erklärt: "Damit Städte eine lebenswerte und leistbare Zukunft für ihre Bewohner:innen gestalten können, braucht es Innovationskraft und konsequente Umsetzung." Von der Partnerschaft profitieren beide Seiten: Städte gewinnen an Umsetzungskraft, während der Klima- und Energiefonds seine Unterstützung passgenau an den Bedarf vor Ort ausrichten kann.
Nicht jede Stadt kann sich bewerben. Klein- und Mittelstädte müssen bereits Vorarbeiten geleistet haben, beispielsweise die Erstellung eines Klimaneutralitätsfahrplans - einem detaillierten Strategiedokument, das den Weg zur Klimaneutralität bis 2040 oder 2050 beschreibt. Diese Pläne umfassen typischerweise eine Ist-Analyse der Treibhausgasemissionen, konkrete Reduktionsziele und einen Maßnahmenkatalog mit Zeitplan und Budgetplanung.
Zusätzlich müssen die Städte "hohe Ambitionen" in drei Bereichen vorweisen: "Forschung und Umsetzung", "Governance" und "Lernumgebung". Diese abstrakten Begriffe bedeuten konkret: Die Städte müssen innovative Projekte vorantreiben, klare Entscheidungsstrukturen für Klimaschutz etabliert haben und bereit sein, ihre Erfahrungen mit anderen Kommunen zu teilen.
Eine Besonderheit für Klein- und Mittelstädte: Sie müssen zusätzlich ein Video einreichen, das die Motivation und das Commitment der Stadt darstellt. Diese ungewöhnliche Anforderung soll sicherstellen, dass nicht nur die Verwaltungsspitze, sondern die gesamte Stadtführung hinter den Klimazielen steht.
Die österreichische Initiative fügt sich in eine breite europäische Bewegung ein. Die EU-Mission "100 Climate-Neutral and Smart Cities by 2030" hat bereits 100 europäische Städte ausgewählt, die bis 2030 klimaneutral werden sollen. Österreich ist mit Wien, Graz, Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt vertreten - eine beachtliche Quote für ein Land mit 8,9 Millionen Einwohnern.
Im Vergleich zu Deutschland, wo das Bundesumweltministerium ähnliche Programme mit deutlich höheren Budgets auflegt, ist das österreichische 11-Millionen-Euro-Paket bescheiden. Deutschland investiert allein in das Programm "Klimaschutz durch Radverkehr" 200 Millionen Euro über vier Jahre. Allerdings ist Österreich bei der Pro-Kopf-Förderung durchaus konkurrenzfähig und kann durch die kleineren Strukturen oft flexibler agieren.
Die Schweiz verfolgt einen anderen Ansatz und setzt stärker auf kantonale Eigenverantwortung. Dort gibt es kein vergleichbares nationales Städteförderprogramm, dafür aber höhere CO2-Abgaben und strengere Bauvorschriften.
Die Fördergelder werden sich direkt im Alltag der Menschen bemerkbar machen. Typische Projekte umfassen die Begrünung von Innenstädten zur Hitzebekämpfung, den Ausbau von Radwegen und öffentlichen Verkehrsmitteln, die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude und die Installation von Photovoltaikanlagen auf Schuldächern.
In Wien führte ein ähnliches Programm zur Entstehung von über 200 "Coolen Straßen" - Bereichen mit verstärkter Begrünung und Beschattung, die an heißen Sommertagen bis zu 5 Grad kühler sind als ihre Umgebung. In Graz entstanden durch Klimaförderungen neue Fernwärmenetze, die 15.000 Haushalte mit erneuerbarer Energie versorgen.
Für Kleinststädte können bereits bescheidenere Maßnahmen große Wirkung entfalten. Die Installation einer kommunalen E-Ladestation, die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED oder die Dämmung des Rathauses sind Projekte, die sowohl dem Klima nutzen als auch Betriebskosten sparen und damit den Gemeindehaushalt entlasten.
Interessierte Städte können sich seit April 2026 um die Förderungen bewerben. Ein verpflichtender Beratungstermin mit der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) muss bis 8. September 2026 wahrgenommen werden. Diese Beratung ist kostenlos und kann optional gemeinsam mit Vertretern des Ministeriums und des Klima- und Energiefonds stattfinden.
Die Einreichung erfolgt ausschließlich elektronisch über das eCall-System der FFG. Diese digitale Plattform hat sich in den vergangenen Jahren als Standard für österreichische Forschungs- und Innovationsförderungen etabliert und bietet einen strukturierten Antragsprozess mit automatischen Plausibilitätsprüfungen.
Am 5. Mai 2026 findet von 11:00 bis 12:00 Uhr eine kostenlose Online-Informationsveranstaltung statt. Erfahrungsgemäß nehmen an solchen Veranstaltungen 200 bis 300 Vertreter aus Städten und Gemeinden teil, was die hohe Nachfrage nach Klimaförderungen unterstreicht.
Die aktuellen Ausschreibungen sind Teil der übergeordneten Mission "Pionierstädte", die 2023 gestartet wurde und bis 2030 läuft. Ziel ist es, österreichische Städte zu Vorreitern der Klimaneutralität zu machen und dabei gleichzeitig die Lebensqualität zu erhöhen. Die Mission ist Teil des österreichischen "Austrian Climate Research Programme" (ACRP) und wird aus Mitteln des Klima- und Energiefonds finanziert.
Bisher haben 15 österreichische Städte verschiedene Partnerschaften mit dem Klima- und Energiefonds geschlossen. Die Evaluierung der ersten Projektphase zeigt positive Ergebnisse: Die beteiligten Städte konnten ihre CO2-Emissionen im Durchschnitt um 12 Prozent reduzieren und gleichzeitig ihre Verwaltungskapazitäten für Klimaschutz deutlich ausbauen.
Trotz der positiven Resonanz gibt es auch kritische Stimmen. Umweltorganisationen bemängeln, dass 11 Millionen Euro angesichts der Klimakrise zu wenig seien. Zum Vergleich: Österreich gibt jährlich etwa 4,7 Milliarden Euro für umweltschädliche Subventionen aus - mehr als das 400-fache des aktuellen Klimastädte-Budgets.
Auch die Konzentration auf Städte ab 10.000 Einwohnern wird kritisiert. Kleinere Gemeinden, die immerhin 40 Prozent der österreichischen Bevölkerung beherbergen, gehen leer aus. Hier fordern Experten separate Programme, die auf die besonderen Bedürfnisse ländlicher Räume zugeschnitten sind.
Die neuen Förderprogramme könnten Österreich tatsächlich zu einem europäischen Vorreiter bei der städtischen Klimatransformation machen. Experten erwarten, dass bis 2030 etwa 50 österreichische Städte umfassende Klimaneutralitätspläne umsetzen werden. Dies würde bedeuten, dass rund 60 Prozent der österreichischen Bevölkerung in klimaneutralen oder klimaresilienten Städten leben.
Langfristig plant das Ministerium eine Aufstockung der Fördergelder. Für die Periode 2027-2030 sind bereits 50 Millionen Euro vorgesehen, abhängig von der Evaluierung der aktuellen Programme. Sollte sich das Modell bewähren, könnte es auch auf andere Politikbereiche übertragen werden - etwa auf Digitalisierung oder soziale Innovation.
Die Erfolgsgeschichten der Pionierstädte sollen als Modell für andere europäische Länder dienen. Bereits jetzt zeigen Delegationen aus Deutschland, der Schweiz und Osteuropa Interesse an den österreichischen Ansätzen. Im Herbst 2026 ist eine internationale Konferenz in Wien geplant, bei der bewährte Praktiken ausgetauscht werden sollen.
Die Bewerbungsfrist endet am 15. September 2026 um 12:00 Uhr. Städte, die sich für eine nachhaltige und klimaresiliente Zukunft stark machen wollen, sollten diese historische Chance nutzen. Die Klimakrise wartet nicht - aber mit den neuen Förderungen haben österreichische Städte endlich die Mittel, um wirksam zu handeln.