Ex-ORF-Chef wird Bevollmächtigter für Künstliche Intelligenz im Medienbereich
Alexander Wrabetz übernimmt neue Schlüsselposition zur Stärkung des Wiener Medienstandorts im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.
Die Stadt Wien setzt einen strategischen Schritt zur Zukunftssicherung des heimischen Medienstandorts: Mit Alexander Wrabetz, dem ehemaligen ORF-Generaldirektor, wird erstmals ein "Bevollmächtigter der Stadt Wien für den Medienstandort Wien im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz" bestellt. Die Entscheidung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt, da die Medienbranche vor tiefgreifenden Veränderungen durch KI-Technologien steht.
"Wien schützt Medienvielfalt als demokratische Infrastruktur. Künstliche Intelligenz verändert Produktion, Verbreitung und Finanzierung von Medien grundlegend", betont Bürgermeister Michael Ludwig die Dringlichkeit der Maßnahme. Die Herausforderungen sind vielfältig: Internationale Plattformkonzerne verschieben seit Jahren erhebliche Werbevolumina aus nationalen Märkten, während KI-gestützte Systeme die Informationsnutzung revolutionieren.
Besonders problematisch sind die entstehenden "Gatekeeper"-Strukturen, die Reichweiten, Geschäftsmodelle und die Sichtbarkeit klassischer Medienangebote maßgeblich beeinflussen. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die wirtschaftliche Basis der Medienunternehmen, sondern auch die demokratische Meinungsbildung in der Gesellschaft.
Neben den wirtschaftlichen Aspekten entstehen auch erhebliche demokratiepolitische Risiken. Deepfakes, synthetische Inhalte und automatisierte Desinformation gefährden die Glaubwürdigkeit von Medien und das Vertrauen der Öffentlichkeit. "KI ist eine enorme Chance für Innovation, darf aber nicht zu einem Ausverkauf geistigen Eigentums oder zu einer Schwächung demokratischer Öffentlichkeit führen", warnt Ludwig vor den Gefahren eines unkontrollierten Wandels.
Die Stadt Wien setzt daher bewusst auf einen wertebasierten Ansatz, der Innovation ermöglicht, aber gleichzeitig demokratische Grundwerte und Medienvielfalt schützt. Dieser Spagat zwischen technologischem Fortschritt und gesellschaftlicher Verantwortung erfordert koordinierte Maßnahmen und strategische Planung.
Die Grundlage für die neue Initiative bildet die bereits seit 2019 bestehende Wiener Medieninitiative, die sich als erfolgreiches Förderinstrument etabliert hat. Bislang wurden 318 Projekte mit rund 11 Millionen Euro gefördert, wobei der Schwerpunkt auf qualitativen Medienprojekten und digitaler Innovation lag.
Im Rahmen der jüngsten Regierungsklausur wurde die Initiative mit weiteren 6 Millionen Euro für die kommenden Jahre abgesichert. Ab März 2026 startet eine zusätzliche Förderrunde in Höhe von 600.000 Euro, die gezielt Projekte zur Arbeitsplatzsicherung und -schaffung unterstützen soll. Der bewährte Frauenbonus zur Stärkung von Frauen in leitenden Medienfunktionen wird dabei fortgeführt.
Eine zentrale Rolle in der Strategie spielt das bei der Wien Holding neu gegründete Artificial Intelligence-Medienkompetenzzentrum (AIMK). Diese Institution bündelt Kompetenzen aus verschiedenen Bereichen: Medienhäuser, Digitalwirtschaft, Start-ups, Wissenschaft und öffentliche Hand arbeiten hier zusammen, um die Herausforderungen der KI-Revolution gemeinsam zu meistern.
"Für den Standort Wien ist es entscheidend, die Transformation aktiv zu gestalten. Dafür entwickeln wir jetzt ein klares, strategisches Programm mit internationaler Ausrichtung", erklärt Stadträtin Barbara Novak die Zielsetzung. Das AIMK soll als operative Schaltstelle fungieren und die verschiedenen Akteure des Medienstandorts koordinieren.
Mit der Bestellung von Alexander Wrabetz zum Bevollmächtigten setzt die Stadt Wien auf bewährte Expertise. Der Jurist leitete von 2007 bis 2021 den ORF als Generaldirektor und sammelte dabei umfassende Erfahrungen im Medienmanagement sowie in Digitalisierungs- und Transformationsprozessen. Seine 14-jährige Führungszeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk fiel in eine Phase tiefgreifender technologischer Veränderungen.
Wrabetz bringt nicht nur operative Erfahrung mit, sondern auch das nötige Verständnis für die komplexen Zusammenhänge zwischen Technologie, Medienrecht und gesellschaftlicher Verantwortung. Seine Expertise wird entscheidend sein, um die verschiedenen Interessensgruppen zu koordinieren und tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Der Tätigkeitsbereich des Bevollmächtigten ist breit gefächert und umfasst strategische wie operative Aufgaben:
Besonders bemerkenswert ist die Ausrichtung am Digitalen Humanismus, einem Konzept, das technologischen Fortschritt mit humanistischen Werten verbindet. Dieser Ansatz soll sicherstellen, dass KI-Entwicklungen im Medienbereich nicht nur technisch funktionieren, sondern auch ethischen Standards entsprechen und demokratische Grundwerte respektieren.
Der Schutz geistigen Eigentums steht dabei im Zentrum der Bemühungen. Viele KI-Systeme werden mit urheberrechtlich geschützten Inhalten trainiert, ohne dass die Rechteinhaber angemessen kompensiert werden. Die neue Position soll Mechanismen entwickeln, um faire Vergütungsmodelle zu etablieren und die Rechte von Medienschaffenden zu schützen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Mobilisierung internationaler Ressourcen. Die EU und andere internationale Organisationen stellen erhebliche Mittel für die digitale Transformation zur Verfügung. Der Bevollmächtigte soll diese Chancen nutzen und Wien als attraktiven Standort für KI-Projekte im Medienbereich positionieren.
Die internationale Ausrichtung ist besonders wichtig, da sich die Medienbranche längst global organisiert hat. Lösungen für die Herausforderungen der KI können nur in internationaler Zusammenarbeit entwickelt werden, wobei Wien eine Vorreiterrolle übernehmen möchte.
Der Aufbau von Ausbildungs- und Qualifizierungsprogrammen reflektiert die Erkenntnis, dass der Wandel nur mit entsprechend geschultem Personal bewältigt werden kann. Medienschaffende müssen neue Kompetenzen im Umgang mit KI-Tools entwickeln, während gleichzeitig das kritische Verständnis für die Grenzen und Risiken dieser Technologien geschärft werden muss.
Diese Programme sollen nicht nur bestehende Fachkräfte weiterbilden, sondern auch neue Talente für den Medienstandort Wien gewinnen. Die Verbindung von traditioneller Medienexpertise mit KI-Kompetenz wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Mit der Bestellung des Bevollmächtigten und der Gründung des AIMK positioniert sich Wien als innovativer Medienstandort, der die Chancen der KI nutzt, ohne dabei demokratische Werte zu vernachlässigen. Die Kombination aus finanzieller Förderung, strategischer Koordination und internationaler Vernetzung soll Wien im globalen Wettbewerb um die besten KI-Medien-Projekte einen Vorteil verschaffen.
Die Herausforderung wird darin bestehen, Innovation und Regulierung in Einklang zu bringen. Zu strenge Regeln könnten Innovationen behindern, während zu lockere Bestimmungen demokratische Risiken bergen. Alexander Wrabetz wird als Bevollmächtigter diesen schwierigen Balanceakt koordinieren müssen.
Die Initiative zeigt, dass Wien die Digitalisierung nicht als unvermeidliches Schicksal begreift, sondern als gestaltbaren Prozess. Durch proaktive Maßnahmen und strategische Investitionen soll der Medienstandort gestärkt und gleichzeitig die demokratische Infrastruktur geschützt werden. Dieser wertebasierte Ansatz könnte international Schule machen und Wien als Vorbild für den verantwortungsvollen Umgang mit KI im Medienbereich etablieren.