Ingrid Thurnher soll übergangsweise die Geschäftsführung übernehmen
Roland Weißmann verlässt mit sofortiger Wirkung den ORF. Eine Mitarbeiterin hatte Vorwürfe sexueller Belästigung erhoben.
Der österreichische Rundfunk (ORF) steht vor einem Führungswechsel: Generaldirektor Roland Weißmann hat seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Der Grund dafür sind Vorwürfe einer ORF-Mitarbeiterin, die dem Generaldirektor sexuelle Belästigung vorwirft. Weißmann selbst bestreitet diese Anschuldigungen vehement.
Die Nachricht über den Rücktritt wurde gestern vom Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer und seinem Stellvertreter Gregor Schütze bekanntgegeben. Beide betonten, dass trotz der Bestreitung der Vorwürfe durch Weißmann eine rasche und transparente Aufklärung der Angelegenheit oberste Priorität habe.
Bereits in der für Donnerstag angesetzten Plenarsitzung des ORF-Stiftungsrats soll die amtierende Hörfunkdirektorin Ingrid Thurnher mit der vorläufigen Führung der Generaldirektoren-Geschäfte beauftragt werden. Die erfahrene Medienmanagerin ist seit mehr als vier Jahren Teil des ORF-Direktoriums und bringt langjährige Erfahrung in leitenden redaktionellen Funktionen mit.
"Mit der von uns als Generaldirektorin vorgeschlagenen Ingrid Thurnher ist die reibungslose Fortführung der Geschäftsführung sichergestellt", erklärte Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer. Sein Stellvertreter Gregor Schütze ergänzte: "Ingrid Thurnher wird den ORF mit ihrer großen Erfahrung souverän durch diese herausfordernden Zeiten führen."
Die Stiftungsratsführung betonte, dass die erhobenen Vorwürfe in enger Kooperation mit der ORF-Compliance-Stelle aufgeklärt werden sollen. Dabei stehe der Schutz der betroffenen Person an oberster Stelle. "Es ist die Verantwortung des ORF-Stiftungsrats, nun rasch die nötigen Schritte zu setzen, damit die erhobenen Vorwürfe transparent und mit aller Konsequenz aufgeklärt werden können", so Lederer.
Der ORF-Stiftungsrat zeige mit seinem entschiedenen Vorgehen, "dass er auch in schwierigen Momenten eine ruhige Hand bewahrt", wie Schütze betonte. Die für diese Woche geplanten Stiftungsratssitzungen finden planmäßig statt.
Roland Weißmann war drei Jahrzehnte lang für den ORF tätig und hatte verschiedene Führungspositionen inne. Seine Amtszeit als Generaldirektor begann im Jahr 2021, nachdem er zuvor bereits als Programmdirektor und in anderen leitenden Funktionen gewirkt hatte. Lederer und Schütze dankten ihm für seine Verdienste und die 30-jährige Tätigkeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Der plötzliche Rücktritt sorgt für erhebliche Unruhe im österreichischen Medienlandschaft. Als Generaldirektor war Weißmann für die strategische Ausrichtung des ORF und dessen Programme verantwortlich. Unter seiner Führung durchlief der Sender verschiedene Reformen und Modernisierungsmaßnahmen.
Die designierte Übergangschefin Ingrid Thurnher verfügt über umfassende Erfahrungen im österreichischen Rundfunk. Als Hörfunkdirektorin verantwortet sie die Radioaktivitäten des ORF, darunter Ö1, Ö3 und die regionalen Radiosender. Zuvor war sie in verschiedenen redaktionellen Leitungsfunktionen tätig.
Thurnher gilt als kompetente und erfahrene Führungskraft, die sowohl das operative Geschäft als auch die strategischen Herausforderungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kennt. Ihre Ernennung zur kommissarischen Generaldirektorin wird als stabilisierender Faktor in der aktuellen Krisensituation gesehen.
Der Führungswechsel erfolgt zu einem kritischen Zeitpunkt für den ORF. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht vor verschiedenen Herausforderungen, darunter die Digitalisierung, veränderte Sehgewohnheiten und finanzielle Engpässe. Die neue Führung muss diese Themen angehen und gleichzeitig das Vertrauen der Mitarbeiter und der Öffentlichkeit wiederherstellen.
Die Compliance-Untersuchung wird zeigen müssen, wie der ORF mit solchen sensiblen Angelegenheiten umgeht und ob die internen Kontrollmechanismen funktionieren. Für eine öffentlich-rechtliche Institution ist ein transparenter und verantwortungsvoller Umgang mit derartigen Vorwürfen von besonderer Bedeutung.
Trotz der aktuellen Turbulenzen ändert sich nichts am Fahrplan für die Neubestellung der ORF-Geschäftsführung für die Periode ab 1. Januar 2027. Diese langfristige Planung soll Kontinuität und Stabilität gewährleisten.
Der ORF-Stiftungsrat wird in den kommenden Wochen und Monaten entscheiden müssen, wie die weitere Führungsstruktur aussehen soll. Dabei wird auch die Performance von Ingrid Thurnher als Übergangslösung eine Rolle spielen.
Die Medienbranche und die Öffentlichkeit reagieren gespannt auf die Entwicklungen beim ORF. Als wichtigste Medieninstitution des Landes steht der Sender unter besonderer Beobachtung. Die Art und Weise, wie die aktuelle Krise bewältigt wird, könnte wegweisend für den Umgang mit ähnlichen Situationen in anderen Medienunternehmen sein.
Für die ORF-Mitarbeiter bedeutet der Führungswechsel zunächst Unsicherheit. Gleichzeitig bietet er die Chance für einen Neustart und die Stärkung einer Unternehmenskultur, die Respekt und professionelles Verhalten in den Mittelpunkt stellt.
Die kommenden Wochen werden zeigen, wie erfolgreich der ORF diese schwierige Phase meistern kann. Mit Ingrid Thurnher an der Spitze verfügt der Sender über eine erfahrene Führungskraft, die das Vertrauen des Stiftungsrats genießt und den ORF durch diese herausfordernde Zeit navigieren soll.