OVWG fordert reguliertes Lizenzsystem nach europäischem Vorbild
Während fast alle EU-Länder Lizenzsysteme für Online-Glücksspiel haben, spielt in Österreich nur 40% der Nutzer legal. Experten sehen Handlungsbedarf.
Österreich nimmt beim Online-Glücksspiel eine europäische Sonderrolle ein – allerdings keine positive. Während nahezu alle anderen EU-Mitgliedsstaaten bereits regulierte Lizenzsysteme für Online-Glücksspiel etabliert haben, hinkt die Alpenrepublik gemeinsam mit Polen deutlich hinterher. Die Folgen sind messbar: Nur etwa 40 Prozent der österreichischen Glücksspielerinnen und -spieler nutzen legale Angebote.
Thomas Forstner, Generalsekretär der Österreichischen Vereinigung für Wetten und Glücksspiel (OVWG), sieht in dieser Entwicklung ein erhebliches Problem für den Spielerschutz. In einer aktuellen Stellungnahme betont er, dass Österreich beim Spielerschutz im europäischen Vergleich deutlich zurückfalle. "Die Aussagen im heutigen ORF-Mittagsjournal entsprechen nicht der Faktenlage in Europa. Ein Lizenzsystem schwächt den Spielerschutz nicht – es stärkt ihn", erklärt Forstner.
Der Grund für diese Einschätzung liegt auf der Hand: Legale Anbieter unterliegen staatlicher Kontrolle und müssen strenge Auflagen zum Spielerschutz erfüllen. Illegale Anbieter entziehen sich hingegen jeglicher Regulierung und Überwachung. "Legale Anbieter kann man kontrollieren, illegale nicht", bringt es Forstner auf den Punkt.
Als positives Beispiel für ein funktionierendes Lizenzsystem führt die OVWG Dänemark an. Das skandinavische Land konnte durch die Einführung eines regulierten Lizenzmodells die sogenannte Kanalisierungsrate auf über 90 Prozent steigern. Diese Rate gibt an, welcher Anteil der Glücksspielaktivitäten im legalen, überwachten Bereich stattfindet.
Im Vergleich dazu zeigt sich die problematische Situation in Österreich besonders deutlich: Mit nur 40 Prozent Kanalisierungsrate landet das Land am unteren Ende der europäischen Statistik. Das bedeutet, dass 60 Prozent aller Online-Glücksspielaktivitäten österreichischer Nutzer in einem unregulierten Umfeld stattfinden, in dem Spielerschutzmaßnahmen nicht oder nur unzureichend greifen.
Ein weiterer Aspekt, der für ein Lizenzsystem spricht, ist die praktische Umsetzung von Spielerschutzmaßnahmen. Das österreichische Regierungsprogramm sieht ein anbieterübergreifendes Spielersperrsystem vor – eine Maßnahme, die in fast allen EU-Märkten bereits Standard ist. Forstner weist darauf hin, dass sich ein solches System "am effektivsten im Rahmen eines Lizenzmodells realisieren" lässt.
Ein anbieterübergreifendes Spielersperrsystem ermöglicht es problematischen Spielern, sich gleichzeitig bei allen lizenzierten Anbietern sperren zu lassen. Diese Maßnahme kann jedoch nur dann vollständig greifen, wenn möglichst viele Anbieter in das regulierte System eingebunden sind. Bei der aktuellen Situation in Österreich, wo ein Großteil der Aktivitäten im unregulierten Bereich stattfindet, verpufft die Wirkung solcher Schutzmaßnahmen.
Die OVWG macht deutlich, dass Österreich mit seiner restriktiven Haltung gegenüber Online-Glücksspiel-Lizenzen zunehmend isoliert dasteht. Mit Ausnahme von Polen haben alle anderen EU-Mitgliedsstaaten bereits regulierte Lizenzsysteme eingeführt. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern spiegelt die Erkenntnis wider, dass Prohibition im digitalen Zeitalter nicht funktioniert.
"Nahezu alle europäischen Länder haben bereits ein Lizenzsystem im Online-Glücksspiel eingeführt. Das hat einen guten Grund. Österreich darf den Anschluss an Europa nicht verlieren", warnt Forstner vor den Folgen der österreichischen Sonderrolle.
Die internationale Erfahrung zeigt, dass Verbote und restriktive Regelungen nicht dazu führen, dass Menschen weniger spielen – sie treiben die Aktivitäten lediglich in unregulierte Bereiche. Dort sind Spieler deutlich schlechteren Bedingungen ausgesetzt: Es gibt keine Garantien für faire Spiele, keinen Schutz vor Betrug, keine Limits für Einzahlungen und keine professionelle Suchtprävention.
"Ein regulierter Lizenzmarkt holt Spielerinnen und Spieler zurück in den legalen Bereich und damit unter staatliche Aufsicht", erklärt Forstner die Logik hinter einem Lizenzsystem. Statt Menschen zu kriminalisieren oder sie schutzlos illegalen Anbietern zu überlassen, würde ein regulierter Markt sowohl Spielerschutz als auch Rechtssicherheit bieten.
Die geplante Novellierung des österreichischen Glücksspielgesetzes bietet nach Ansicht der OVWG eine einmalige Gelegenheit für einen Kurswechsel. "Die Novellierung des Glücksspielgesetzes bietet jetzt die Chance, sich stärker an europäischen Best Practices zu orientieren und den Spielerschutz nachhaltig zu stärken", betont Forstner.
Dabei geht es nicht um eine Liberalisierung um jeden Preis, sondern um eine intelligente Regulierung, die sowohl den Realitäten des digitalen Zeitalters als auch den Bedürfnissen des Spielerschutzes Rechnung trägt. Europäische Vorbilder zeigen, dass dies durchaus möglich ist.
Neben dem Spielerschutz würde ein reguliertes Lizenzsystem auch wirtschaftliche Vorteile bringen. Derzeit fließen die Gewinne aus dem Online-Glücksspiel größtenteils ins Ausland zu unregulierten Anbietern. Ein Lizenzsystem würde nicht nur Steuereinnahmen generieren, sondern auch Arbeitsplätze in Österreich schaffen und die heimische Wirtschaft stärken.
Die Diskussion um die künftige Gestaltung des österreichischen Glücksspielmarktes wird in den kommenden Monaten intensiver werden. Die OVWG macht deutlich, dass sie sich für eine europakompatible Lösung einsetzen wird, die den Spielerschutz in den Mittelpunkt stellt und gleichzeitig den wirtschaftlichen Realitäten Rechnung trägt.
Ob Österreich den Sprung aus der europäischen Isolation schafft und sich für ein modernes, reguliertes Lizenzsystem entscheidet, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die Politik bereit ist, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen und von den Erfahrungen der europäischen Nachbarn zu lernen.