Stiftungsrat betraut Radiodirektorin mit vorläufiger Leitung nach Weißmanns Rücktritt
Nach Roland Weißmanns Rücktritt übernimmt ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher die vorläufige Geschäftsführung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Der österreichische Rundfunk ORF steht vor einem Führungswechsel: Nach dem Rücktritt von Generaldirektor Roland Weißmann hat der ORF-Stiftungsrat am Donnerstag, dem 12. März 2026, ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher mit der vorläufigen Geschäftsführung betraut. Diese Entscheidung wurde unter dem Vorsitz von Heinz Lederer getroffen und markiert einen wichtigen Schritt für die Stabilisierung des größten Medienunternehmens des Landes.
Die Betrauung Thurnhers ist als Übergangslösung konzipiert. Der Stiftungsrat hat ein zweistufiges Ausschreibungsverfahren beschlossen: Zunächst erfolgt eine Ausschreibung für die Position bis zum Jahresende 2026, danach folgt wie ursprünglich geplant die Ausschreibung für die künftige Geschäftsführungsperiode ab 1. Januar 2027. Diese strukturierte Herangehensweise soll Kontinuität gewährleisten und gleichzeitig eine sorgfältige Auswahl des neuen Generaldirektors ermöglichen.
"Jetzt gilt es, rasch Verantwortung zu übernehmen und sicherzustellen, dass der ORF weiterhin das tut, wofür es ihn gibt", betonte Thurnher in ihrer ersten Stellungnahme als vorläufige Geschäftsführerin. Sie verwies dabei auf die Kernaufgabe des ORF: "Programm für unser Publikum zu machen."
Mit Ingrid Thurnher übernimmt eine der profiliertesten Journalistinnen Österreichs die Leitung des ORF. Die gebürtige Bludenzerin kann auf eine beeindruckende 41-jährige Laufbahn beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurückblicken. Seit 1985 prägt sie das österreichische Medienlandschaft in verschiedenen Funktionen.
Ihre Karriere begann 1985 als Redakteurin im Landesstudio Niederösterreich. Von 1986 bis 1991 war sie im Aktuellen Dienst tätig und moderierte bereits damals wichtige Formate wie "Land und Leute", "Österreich-Bild" und "Österreich heute". Ein entscheidender Karriereschritt erfolgte 1991, als sie zur Radio-Innenpolitik wechselte und die Ö1-Journale moderierte.
Besondere Bekanntheit erlangte Thurnher als Moderatorin der "ZIB 2", die sie von 1995 bis 2007 präsentierte und damit zu einem der Gesichter des österreichischen Qualitätsjournalismus wurde. Nach einem kurzen Intermezzo bei der "Zeit im Bild" um 19.30 Uhr übernahm sie von März 2008 bis Ende 2016 die Moderation der politischen Diskussionsformate "IM ZENTRUM" und "Runder Tisch".
Als Moderatorin politischer Großereignisse leitete sie bei der Nationalratswahl 2013 und der Bundespräsidentenwahl 2016 die ORF-TV-Konfrontationen und TV-Duelle. Von 2009 bis 2011 fungierte sie auch als Gastgeberin der traditionellen ORF-"Sommergespräche". Ab Januar 2017 übernahm sie die Chefredaktion von ORF III, bevor sie am 1. Januar 2022 zur ORF-Radiodirektorin ernannt wurde.
Die Entscheidung für Thurnher stößt im Stiftungsrat auf breite Zustimmung. Vorsitzender Heinz Lederer begründete die Wahl: "In dieser für den ORF besonders herausfordernden Situation war es wichtig, möglichst rasch eine geeignete Nachfolgeregelung zu finden, um die Geschäfte ohne Zeitverlust professionell weiterführen zu können und Ruhe in das Unternehmen zu bringen."
Lederer hob Thurnhers Qualifikationen hervor: "Diese Kontinuität ist durch Ingrid Thurnher sichergestellt, sie ist eine der renommiertesten Journalistinnen des Landes und als bisherige Radiodirektorin mit allen relevanten Themen und Handlungsfeldern des ORF bestens vertraut."
Auch der stellvertretende Stiftungsratsvorsitzende Gregor Schütze äußerte sich positiv: "Ingrid Thurnher steht für journalistische Qualität, Erfahrung und ein tiefes Verständnis für den öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF. Gerade in dieser schwierigen Phase wird sie den ORF mit Professionalität, klarer Orientierung und großer Kompetenz führen."
In ihrer Antrittsrede betonte Thurnher zwei zentrale Prinzipien ihrer Amtsführung: "Eines ist mir dabei besonders wichtig: Transparenz und Konsequenz." Sie kündigte an, gemeinsam mit dem Geschäftsführungsteam und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den ORF "mit Professionalität und Besonnenheit durch diese schwierige Phase" zu führen.
Das erklärte Ziel ihrer Amtszeit formulierte Thurnher klar: "Unser gemeinsames Ziel bleibt klar: Vertrauen zu sichern und jeden Tag aufs Neue zu zeigen, welchen Wert der ORF für die Menschen in Österreich hat." Diese Aussage unterstreicht die Bedeutung der Vertrauenswiederherstellung nach den jüngsten Turbulenzen.
Parallel zur Personalentscheidung hat der ORF-Stiftungsrat mit großer Mehrheit auch Adaptionen seiner Geschäftsordnung beschlossen. Diese Änderungen zielen auf ein "effizientes und zeitökonomisches Sitzungsmanagement" ab und sollen die Arbeitsfähigkeit des Gremiums verbessern.
Die wichtigsten Neuerungen betreffen die Rechte und Pflichten des Vorsitzenden, die sich nun aus der sinngemäßen Anwendung aktienrechtlicher Bestimmungen ergeben. Der Vorsitzende erteilt das Wort, vertritt den Stiftungsrat nach außen und informiert bei Bedarf die Öffentlichkeit. Auch Regelungen zu Redezeiten, Redezeitbeschränkungen und Ordnungsrufen wurden überarbeitet.
Der Stiftungsrat hat außerdem einstimmig zwei wichtige Empfehlungen an die neue Geschäftsführung beschlossen, die auf eine Verbesserung der internen Strukturen abzielen. Bis zur Sondersitzung im April soll Thurnher ein "Konzept Taskforce zur Führungskultur im ORF" erstellen lassen, das "geeignete Möglichkeiten und Maßnahmen für ein sicheres Arbeitsumfeld" aufzeigt.
Als zweite Maßnahme wurde empfohlen, zur "umfassenden Aufklärung zur Unterstützung der Compliance Stelle des ORF" eine externe Firma mit entsprechenden Erfahrungen in Compliance-Themen beizuziehen. Diese Schritte signalisieren den Willen zu strukturellen Verbesserungen und transparenter Aufarbeitung.
Thurnher übernimmt die ORF-Leitung in einer Zeit bedeutender Herausforderungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Neben der internen Stabilisierung muss sie die strategische Ausrichtung des ORF in einem sich wandelnden Medienumfeld vorantreiben. Die Digitalisierung, veränderte Sehgewohnheiten und die Konkurrenz durch Streaming-Dienste erfordern innovative Antworten.
Gleichzeitig steht der ORF vor der Aufgabe, sein Vertrauen in der Öffentlichkeit zu festigen und seine Rolle als verlässliche Informationsquelle zu stärken. Thurnhers lange Erfahrung im Journalismus und ihre Kenntnis der ORF-Strukturen könnten dabei wichtige Erfolgsfaktoren sein.
Mit der Betrauung Ingrid Thurnhers hat der ORF-Stiftungsrat eine Entscheidung getroffen, die sowohl Kontinuität als auch Erneuerung verspricht. Die kommenden Monate werden zeigen, wie erfolgreich der Übergang gestaltet wird und welche Weichen für die Zukunft des österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks gestellt werden.