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Wien startet Plattform gegen Endometriose-Versorgungslücke

Interdisziplinäre Initiative soll Diagnosezeit verkürzen und Lebensqualität betroffener Frauen verbessern

16. März 2026 um 09:30
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Stadt Wien gründet Expertenplattform für bessere Endometriose-Versorgung. 10% der Frauen betroffen, Diagnose oft Jahre verzögert.

Wien macht ernst im Kampf gegen eine der häufigsten, aber dennoch oft verkannten Frauenkrankheiten: Mit der neuen "Wiener Plattform Endometriose" will die Stadt die Versorgung von Betroffenen grundlegend verbessern. Die Initiative bündelt erstmals alle relevanten Akteure des Gesundheitswesens, um gegen die oft jahrelangen Odysseen bis zur richtigen Diagnose anzugehen.

Volkskrankheit im Schatten der Aufmerksamkeit

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Rund 10 Prozent aller Frauen und Mädchen in Österreich leiden an Endometriose - das sind etwa so viele wie an Diabetes erkrankt sind. Bei dieser chronischen Erkrankung siedelt sich Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter an, meist im Bauchraum, und verursacht dort entzündliche Veränderungen. Die Folgen können verheerend sein: starke Schmerzen, eingeschränkte Lebensqualität und oft auch Fruchtbarkeitsprobleme.

Trotz der weiten Verbreitung ist Endometriose in der medizinischen Fachwelt und der Öffentlichkeit noch immer viel zu wenig bekannt. "Sowohl die Fachwelt als auch die Bevölkerung wissen noch zu wenig darüber", erklärt Gesundheitsstadtrat Peter Hacker die Motivation für die neue Initiative. Diese Wissenslücke führt dazu, dass Betroffene oft Jahre auf eine korrekte Diagnose warten müssen.

Wenn Schmerz nicht ernst genommen wird

Besonders problematisch ist der gesellschaftliche Umgang mit den Symptomen. Starke Regelschmerzen, oft das erste Anzeichen einer Endometriose, werden häufig bagatellisiert. Betroffene Mädchen und Frauen werden als "wehleidig" abgestempelt und mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen. Aus Scham schweigen viele dann über ihre Leiden - ein Teufelskreis, der die Diagnose zusätzlich verzögert.

Dabei ist eine frühe Erkennung entscheidend: Zwar ist Endometriose nicht heilbar, bei rechtzeitiger Diagnose lassen sich die Symptome jedoch gut behandeln und die Fruchtbarkeit oft erhalten. Viele Frauen erfahren erst bei der Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches von ihrer Erkrankung - ein Zeitpunkt, an dem bereits wertvolle Jahre vergangen sind.

Breites Bündnis für bessere Versorgung

Die Wiener Plattform Endometriose versammelt erstmals alle wichtigen Akteure an einem Tisch: Mediziner verschiedener Fachrichtungen, die Ärztekammer Wien, Sozialversicherungsträger, den Fonds Soziales Wien und Patientenvertreterinnen. Gemeinsam haben sie die Hauptprobleme identifiziert und ein konkretes Arbeitsprogramm entwickelt.

"Wir wollen uns auf die Seite der Endometriose-Betroffenen stellen, die seit Jahren eindrucksvoll darauf aufmerksam machen, wie groß der Aufholbedarf bei diesem Thema ist", betont Finanzstadträtin Barbara Novak. Ihr Ressort unterstützt das Projekt über den Innovationsfonds der Stadt Wien. Gemeinsam mit Frauenstadträtin Kathrin Gaál und Gesundheitsstadtrat Hacker fungiert sie als Schirmfrau der Initiative.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel

Die Komplexität der Endometriose erfordert eine fachübergreifende Herangehensweise. "Um Frauen mit Endometriose gut versorgen zu können, ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit für Diagnostik und Behandlung wesentlich", erklärt Rene Wenzl, Leiter des Endometriose-Zentrums an der MedUni Wien. Die Plattform biete die Möglichkeit, "gemeinsam mit allen Playern an adäquaten Strukturen zu arbeiten".

Christoph Wohlmuth vom Endometriose-Zentrum der Klinik Ottakring sieht in der Bündelung der Ressourcen einen entscheidenden Fortschritt: "Mit einer qualifizierten Diagnose können Betroffene auch im Endometriose Zentrum rascher behandelt werden."

Konkrete Verbesserungen für Patientinnen

Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) verspricht sich von der Initiative konkrete Vorteile für ihre Versicherten. "Unsere Versicherten bekommen über die 'Wiener Plattform Endometriose' nun einen rascheren Zugang zu Spezialistinnen und Spezialisten für diese Erkrankung, inklusive Abklärung und Behandlung", so Daniela Kritsch, Stellvertretende Leitende Ärztin der ÖGK.

Auch die Ärztekammer Wien zeigt sich engagiert: "Wir arbeiten daran, Kompetenz zum Thema Endometriose gemeinsam mit den Fachbereichen Gynäkologie, Allgemeinmedizin und Radiologie weiter zu stärken", erklärt Primarius Dieter Kölle.

Fokus auf Fruchtbarkeitserhalt

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Erhalt der Fruchtbarkeit. Der Reproduktionsmediziner Kazem Nouri betont: "Mit der Wiener Plattform Endometriose arbeiten wir interdisziplinär daran, die Fertilität der betroffenen Frauen bestmöglich zu erhalten." Bereits im März hatte eine Veranstaltung zum Thema "Bewusstsein bei Endometriose und Fertilität" stattgefunden.

Stimme der Betroffenen wird gehört

Besonders wichtig ist die Einbindung von Patientenorganisationen in die Plattform. "Wir freuen uns, dass wir mit dieser Expertise, die sich aus den schwierigen und vielfältigen Lebensrealitäten der Betroffenen gestaltet, beitragen und so eine Verbesserung der Versorgung ermöglichen können", so Verena Buck von der Organisation ENDÖ.

Diese Einbeziehung der Betroffenenperspektive ist entscheidend, denn nur wer die täglichen Herausforderungen der Erkrankung kennt, kann auch zielführende Lösungen entwickeln. Die Patientenvertreterinnen bringen jahrelange Erfahrung mit den Schwächen des aktuellen Systems mit - vom mühsamen Weg zur Diagnose bis hin zu Problemen bei der Langzeitbehandlung.

Wien als Vorreiter in der Gender-Medizin

Die Initiative ist Teil des größeren Wiener Programms für Frauengesundheit und positioniert Wien als Vorreiter in der geschlechterspezifischen Medizin. "Solche Plattformen sind entscheidend, um Wissen zu bündeln, neue Ansätze zu entwickeln und die Gender-Medizin nachhaltig zu verbessern", so Stadträtin Novak. Gleichzeitig stärke man damit den Life-Science- und Innovationsstandort Wien.

Die Plattform versammelt Vertreter von ÖGK, Pensionsversicherungsanstalt, Rehabilitationszentren, Ärztekammer, Endometriose-Experten verschiedener Disziplinen, medizinischen Fachgesellschaften, Patientenorganisationen, Selbsthilfegruppen und der Wiener Gesundheitsnummer 1450.

Aufklärung als zentraler Baustein

Ein wichtiger Schwerpunkt der Plattform liegt auf der Aufklärungsarbeit. Nur wenn Ärzte, aber auch die Öffentlichkeit besser über Endometriose informiert sind, können Betroffene schneller die richtige Hilfe bekommen. Die Initiative will dazu beitragen, dass Regelschmerzen nicht mehr automatisch als "normal" abgetan werden und Frauen ermutigt werden, bei anhaltenden Beschwerden medizinische Hilfe zu suchen.

Besonders junge Frauen und Mädchen sollen erreicht werden, da bei ihnen die Symptome oft das erste Mal auftreten. Je früher die Diagnose gestellt wird, desto besser können langfristige Folgen verhindert werden.

Ausblick: Nachhaltige Verbesserungen geplant

Die Wiener Plattform Endometriose versteht sich als langfristige Initiative. Das Ziel ist nicht nur die kurzfristige Verbesserung der Versorgung, sondern der Aufbau nachhaltiger Strukturen. Durch die Zusammenarbeit verschiedener Akteure sollen Standards entwickelt werden, die über Wien hinaus Modellcharakter haben können.

Für Betroffene bedeutet die neue Plattform Hoffnung auf eine bessere Zukunft: kürzere Wartezeiten bis zur Diagnose, kompetentere Behandlung und vor allem das Gefühl, mit ihren Beschwerden ernst genommen zu werden. Die jahrelange Odyssee durch verschiedene Arztpraxen könnte bald der Vergangenheit angehören.

Die Initiative zeigt, wie wichtig es ist, bei vernachlässigten Gesundheitsthemen aktiv zu werden. Endometriose mag zwar nicht heilbar sein, aber mit der richtigen Versorgung können Betroffene ein weitgehend normales Leben führen. Wien geht mit dieser Plattform einen wichtigen Schritt in diese Richtung.

Schlagworte

#Endometriose#Frauengesundheit#Wien#Gesundheitsversorgung#Gender-Medizin

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