Österreichische Parkinson-Gesellschaft informiert über geschlechtsspezifische Unterschiede und personalisierte Behandlungsansätze
25.000 bis 30.000 Österreicher leben mit Parkinson. Neue Erkenntnisse zeigen deutliche Geschlechtsunterschiede bei der Krankheit.
Parkinson zählt zu den am schnellsten zunehmenden neurologischen Erkrankungen weltweit. In Österreich leben derzeit schätzungsweise 25.000 bis 30.000 Menschen mit dieser chronischen Krankheit, die oft in ihrer Bedeutung für Betroffene und die Gesellschaft unterschätzt wird. Anlässlich des Welt-Parkinson-Tags am 11. April macht die Österreichische Parkinson-Gesellschaft (ÖPG) auf die Herausforderungen und neuen Therapiemöglichkeiten aufmerksam.
"Für das Gesundheitssystem bedeutet die steigende Zahl der Parkinson-Erkrankungen eine enorme Herausforderung", erklärt Prim. Univ.-Prof. Dr. Jörg Weber, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und Abteilungsvorstand der Neurologie am Klinikum Klagenfurt. Der Welt-Parkinson-Tag, der am Geburtstag von James Parkinson gefeiert wird, dem Erstbeschreiber der Erkrankung, soll das öffentliche Bewusstsein für diese komplexe Krankheit schärfen.
Eine der wichtigsten neuen Erkenntnisse betrifft die unterschiedliche Betroffenheit von Männern und Frauen. Männer erkranken mindestens eineinhalbmal häufiger an Parkinson als Frauen und weisen auch eine höhere Sterberate auf. Diese Unterschiede sind nicht nur statistischer Natur, sondern spiegeln sich auch im Krankheitsverlauf wider.
"Frauen zeigen teilweise ein anderes Symptomprofil", erläutern die Experten. Während Frauen mehr nicht-motorische Symptome entwickeln und früher unter Wirkungsschwankungen und Überbewegungen leiden, treten bei Männern vermehrt andere Begleitsymptome auf. Dazu gehören Apathie, Demenz, REM-Schlaf-Verhaltensstörungen, Tagesschläfrigkeit und Impulskontrollstörungen.
Die Ursachen für diese geschlechtsspezifischen Unterschiede sind noch nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden Effekte weiblicher Sexualhormone, genetische Faktoren sowie unterschiedliche Exposition gegenüber Umweltbelastungen. Männer sind häufiger schädlichen Substanzen wie Feinstaub, Schwermetallen oder Pestiziden ausgesetzt, die mit einem erhöhten Parkinsonrisiko in Verbindung stehen.
Diese Erkenntnisse unterstreichen die Notwendigkeit personalisierter Therapiekonzepte. "Parkinson ist keine uniforme Erkrankung – weder im klinischen Verlauf noch in den Bedürfnissen der Betroffenen", betont Univ.-Prof. Dr. Raimund Helbok, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie am Kepler Universitätsklinikum in Linz. "Geschlechtsspezifische Unterschiede, moderne Therapieverfahren und die aktive Einbindung der Betroffenen müssen konsequent berücksichtigt werden."
Die moderne Parkinson-Behandlung orientiert sich heute an verschiedenen Faktoren wie Alter, Krankheitsstadium, Geschlecht, Körpergewicht sowie vegetativen, psychiatrischen und kognitiven Symptomen. Patienten sollen aktiv in Therapieentscheidungen eingebunden werden, um eine optimale Lebensqualität zu erreichen.
Neben den bekannten motorischen Symptomen wie Bewegungsverlangsamung, Muskelsteifigkeit, Zittern oder Gangstörungen rücken frühe, nicht-motorische Warnzeichen verstärkt in den Fokus. Diese können bereits Jahre vor der eigentlichen Parkinsondiagnose auftreten und umfassen:
Eine sorgfältige Diagnosestellung, die alle diese Aspekte berücksichtigt, ist wesentlich für eine erfolgreiche Behandlung.
Die medikamentöse Behandlung bleibt ein zentraler Baustein der Parkinson-Therapie. Besonders in frühen Krankheitsphasen ermöglichen die verfügbaren Medikamente meist eine deutliche Linderung der Symptome. Das Spektrum der Verabreichungsformen hat sich in den letzten Jahren erheblich erweitert:
Eine besondere Neuerung ist inhalatives L-Dopa, das über die Lunge aufgenommen wird und bei plötzlichen Off-Phasen eingesetzt werden kann. Diese Bedarfstherapien vermeiden den Umweg über den Magen-Darm-Trakt und ermöglichen einen schnelleren Wirkeintritt.
Für Patienten mit fortgeschrittener Parkinson-Erkrankung stehen gerätegestützte Therapieverfahren zur Verfügung. Neue Empfehlungen sprechen dafür, diese Pumpensysteme früher als bisher im Krankheitsverlauf einzusetzen. "Bestehen trotz optimaler medikamentöser Therapie ausgeprägte Wirkungsschwankungen oder Dyskinesien, sollten gerätegestützte Verfahren frühzeitig erwogen werden", erklärt Prof. Helbok.
Zu den verfügbaren Optionen gehören:
Die Entscheidung für eine gerätegestützte Therapie erfolgt gemeinsam mit Patienten und Angehörigen und berücksichtigt Faktoren wie biologisches Alter sowie kognitive und psychosoziale Aspekte.
Zur Verbesserung der medizinischen und sozialen Datenlage führt die Österreichische Parkinson-Gesellschaft seit Oktober 2025 das anonymisierte Parkinson-Register ÖPAR. "Mit einer solchen soliden Datenbasis können wir Parkinson in Österreich langfristig besser verstehen und die Versorgung nachhaltig verbessern", erläutert Priv.-Doz.in Dr.in Regina Katzenschlager, Präsidentin der ÖPG und Leiterin der Abteilung für Neurologie an der Klinik Donaustadt.
Das Register schafft eine zentrale Grundlage für die Weiterentwicklung von Forschung, Versorgung und Therapie in Österreich. Patienten sind eingeladen, sich freiwillig zu beteiligen und "damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Parkinson-Versorgung in Österreich zu leisten", ergänzt Univ.-Prof. Dr. Klaus Seppi von der Universitätsklinik für Neurologie der medizinischen Universität Innsbruck.
Neben der medikamentösen Therapie spielen nicht-medikamentöse Maßnahmen eine zentrale Rolle in der Parkinson-Behandlung. Regelmäßige, möglichst tägliche und intensive Bewegung ist nachweislich wirksam und sollte ein fester Bestandteil des Therapieplans sein.
Je nach Krankheitsstadium ergänzen verschiedene Therapieformen die medizinische Behandlung:
Angesichts der steigenden Erkrankungszahlen setzt sich die Österreichische Parkinson-Gesellschaft verstärkt für präventive Maßnahmen ein. Dazu gehören die Reduktion schädlicher Umwelt- und Lebensstilfaktoren, eine gesündere Ernährung und mehr körperliche Aktivität.
Besonders wichtig ist der Schutz vor bekannten Risikofaktoren wie bestimmten Chemikalien und Pestiziden, wobei viele dieser Substanzen heute in der EU nicht mehr zugelassen oder streng kontrolliert sind.
"Für Betroffene ist Parkinson nicht nur eine medizinische, sondern auch eine soziale und emotionale Herausforderung", betonen die Experten. Neben dem medizinischen Wissen sind Austausch und gegenseitige Unterstützung von enormer Bedeutung.
Die Österreichische Parkinson-Gesellschaft veranstaltet daher am 10. April 2026 eine große Informationsveranstaltung in Linz. Diese findet im Festsaal des Neuen Rathauses (Hauptstraße 1-5, 4041 Linz) von 11:00 bis 15:00 Uhr statt. Die Veranstaltung wird gemeinsam mit der regionalen Selbsthilfegruppe organisiert und bietet neben Fachvorträgen gezielt Raum für Gespräche und persönlichen Austausch zwischen Betroffenen und Experten.
"Veranstaltungen wie diese zeigen, dass man mit Parkinson nicht allein ist – und dass es viele Möglichkeiten gibt, den Alltag zu gestalten", erklären die Organisatoren. Die jährlich in einer anderen Region stattfindende Veranstaltung richtet sich an Betroffene, Angehörige und alle Interessierten.
Mit den neuen Erkenntnissen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden, verbesserten Therapieoptionen und einem ganzheitlichen Behandlungsansatz eröffnen sich für Parkinson-Patienten heute deutlich bessere Perspektiven für Lebensqualität und Krankheitsbewältigung als noch vor wenigen Jahren.