Historikerin Sofie Lene Bak analysiert Antisemitismus und Erinnerungskultur
Am 25. März beleuchtet eine renommierte Historikerin in Wien die Verzerrungen der dänischen Holocaust-Erinnerung und deren Auswirkungen heute.
Das Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies (VWI) lädt am 25. März 2026 zu einer besonderen Simon Wiesenthal Lecture ein. Die dänische Historikerin Sofie Lene Bak wird unter dem Titel "Blindness and Light – Antisemitism and the Memory of Rescue in Denmark" über ein brisantes Thema sprechen: Wie etablierte Erinnerungsmythen die Wahrnehmung des Holocaust verzerren und damit die Fähigkeit einer Gesellschaft schwächen, aktuellen Antisemitismus zu erkennen.
Dänemark gilt gemeinhin als Ausnahmefall während der nationalsozialistischen Besatzungszeit. Tatsächlich überlebten 98 Prozent der dänischen Jüdinnen und Juden die Verfolgung – die meisten von ihnen fanden Zuflucht im benachbarten Schweden. Diese beeindruckende Rettungsquote hat jedoch zu einer verklärten Geschichtserzählung geführt, die bis heute sowohl die nationale als auch die internationale Historiographie prägt.
Bak wird in ihrem Vortrag aufzeigen, wie diese glorifizierende Erinnerungskultur problematische Leerstellen aufweist. "Eine Erinnerungskultur, die sich auf die Retter:innen statt auf die Opfer konzentriert und in eine glorifizierende nationale Erzählung des Widerstands eingebettet ist, hat den Holocaust als gemeinsame europäische und jüdische Katastrophe an den Rand gedrängt", so die Ankündigung des VWI.
Die Referentin Sofie Lene Bak ist außerordentliche Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Kopenhagen und wird 2026 Direktorin des neuen Forschungszentrums "National Forum for Antisemitism Studies" an derselben Universität. Ihre Expertise basiert auf jahrelanger Forschungsarbeit zur Geschichte des Antisemitismus, zur dänisch-jüdischen Geschichte und zum Holocaust.
Zuvor war Bak als Kuratorin am Dänischen Jüdischen Museum tätig und hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zu diesen Themenfeldern veröffentlicht. Besonders hervorzuheben ist ihr Engagement in der Wissenschaftskommunikation: Sie wirkt an Fernsehdokumentationen und Bildungsmaterialien mit und beteiligt sich aktiv an öffentlichen Debatten über Antisemitismus und Erinnerungskultur.
In ihrem Wiener Vortrag wird Bak einen methodisch rigorosen Ansatz verfolgen, um Mythos von dokumentierter historischer Realität zu trennen. Dabei geht es nicht darum, die tatsächlichen Rettungsaktionen in Dänemark zu relativieren, sondern die Art und Weise zu hinterfragen, wie diese in der kollektiven Erinnerung verarbeitet wurden.
Ein zentraler Aspekt ihrer Analyse ist die Frage, wie etablierte Erinnerungsmuster die dänische Gesellschaft daran hindern, zeitgenössischen Antisemitismus angemessen wahrzunehmen und zu bekämpfen. Diese Fragestellung ist hochaktuell, da antisemitische Vorfälle europaweit zunehmen und nationale Erinnerungskulturen oft unzureichend auf diese Herausforderung vorbereitet sind.
Das Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies ist eine international renommierte Forschungseinrichtung, die sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Holocaust und verwandter Themen widmet. Die Simon Wiesenthal Lectures sind eine prestigeträchtige Vortragsreihe des Instituts, die regelmäßig führende Wissenschaftler:innen aus aller Welt nach Wien einlädt.
Die Veranstaltung findet in den Räumlichkeiten des VWI im ersten Wiener Gemeindebezirk statt (Rabensteig 3). Der Vortrag wird auf Englisch gehalten, was dem internationalen Charakter der Forschungsthematik entspricht und ein breiteres Publikum anspricht.
Baks Forschungsansatz ist von besonderer Aktualität, da er die komplexe Beziehung zwischen Holocaust-Erfahrung und Erinnerung beleuchtet. In einer Zeit, in der populistische Bewegungen historische Narrative für ihre Zwecke instrumentalisieren und gleichzeitig antisemitische Ressentiments zunehmen, wird die kritische Reflexion etablierter Erinnerungsmuster umso wichtiger.
Die dänische Erfahrung kann dabei als Fallstudie dienen, um zu verstehen, wie auch wohlmeinende Erinnerungskulturen ungewollte Nebenwirkungen haben können. Wenn die Fokussierung auf Retter:innen und nationalen Widerstand dazu führt, dass die Perspektive der Opfer marginalisiert wird, entstehen blinde Flecken, die das Verständnis für aktuelle antisemitische Bedrohungen erschweren.
Ein besonderes Merkmal von Sofie Lene Baks Arbeit ist ihr Engagement für die Wissenschaftskommunikation. Als Historikerin beschränkt sie sich nicht auf den akademischen Elfenbeinturm, sondern bringt ihre Forschungsergebnisse aktiv in die öffentliche Diskussion ein. Diese Herangehensweise ist gerade bei sensiblen Themen wie der Holocaust-Erinnerung von großer Bedeutung.
Durch ihre Mitarbeit an Fernsehdokumentationen und Bildungsmaterialien trägt Bak dazu bei, komplexe historische Zusammenhänge einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dieser Transfer von Wissenschaft in die Gesellschaft ist ein zentraler Auftrag zeitgenössischer Geschichtsforschung, insbesondere wenn es um die Bekämpfung von Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung geht.
Die Lecture wird auch die europäische Dimension der Holocaust-Erinnerung thematisieren. Baks Kritik an der Marginalisierung des Holocaust "als gemeinsame europäische und jüdische Katastrophe" verweist auf ein grundlegendes Problem vieler nationaler Erinnerungskulturen: Sie tendieren dazu, die eigene nationale Rolle zu glorifizieren, während die transnationale und universelle Dimension des Holocaust in den Hintergrund tritt.
Diese Perspektive ist für Österreich von besonderer Relevanz, da auch die österreichische Gesellschaft lange Zeit mit einer problematischen Erinnerungskultur zu kämpfen hatte, die die eigene Rolle als "erstes Opfer" des Nationalsozialismus betonte und dabei die Täterschaft und Mitverantwortung ausblendete.
Die Simon Wiesenthal Lecture mit Sofie Lene Bak findet am 25. März 2026 um 18:30 Uhr im Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies statt. Der Eintritt ist frei, jedoch ist eine Anmeldung erforderlich. Interessierte können sich per E-Mail an [email protected] wenden.
Wichtig für Besucher:innen: Es ist ein gültiger Lichtbildausweis mitzubringen. Die Veranstaltung wird auf Englisch abgehalten, was aufgrund der internationalen Ausrichtung des Themas und der Referentin sinnvoll ist.
Das Vienna Wiesenthal Institute befindet sich im Herzen Wiens am Rabensteig 3 im ersten Bezirk und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Weitere Informationen zur Veranstaltung sind unter der URL https://bit.ly/SWL-Bak abrufbar.
Mit der geplanten Eröffnung des "National Forum for Antisemitism Studies" an der Universität Kopenhagen im Jahr 2026, das Sofie Lene Bak leiten wird, entsteht ein neues Zentrum für die systematische Erforschung des Antisemitismus. Diese institutionelle Entwicklung unterstreicht die Bedeutung, die der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Phänomen beigemessen wird.
Die Wiener Lecture bietet somit nicht nur Einblicke in die dänische Erinnerungskultur, sondern auch einen Ausblick auf künftige Forschungsansätze in der Antisemitismus-Forschung. Für das österreichische Publikum dürfte besonders interessant sein, welche Lehren aus der dänischen Erfahrung für andere europäische Gesellschaften gezogen werden können.