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Palliativversorgung kann vor Suizid schützen

MedUni Wien-Studie zeigt niedrigere Suizidrate bei Krebspatienten in spezialisierter Betreuung

19. März 2026 um 07:51
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Österreichische Forschung belegt: Ganzheitliche Palliativversorgung kann suizidprotektiv wirken

Eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Wien bringt überraschende Erkenntnisse zur Suizidsterblichkeit bei Krebspatient:innen in Palliativversorgung. Entgegen den Erwartungen zeigen die Ergebnisse, dass spezialisierte Palliativbetreuung keinen Anstieg der Suizidrate bewirkt – im Gegenteil könnte sie sogar schützend wirken. Die Forschungsergebnisse wurden im renommierten "Journal of Clinical Medicine" veröffentlicht.

Palliativversorgung als Schutzfaktor

"Unsere Auswertung zeigt, dass Patientinnen und Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung in spezialisierter Palliativversorgung keine höhere Suizidsterblichkeit aufweisen als die allgemeine onkologische Vergleichskohorte", erklärt Studien-Erstautor Stephan Listabarth von der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der MedUni Wien. Diese Erkenntnis ist besonders bemerkenswert, da Krebserkrankungen in der medizinischen Fachliteratur als wesentlicher Risikofaktor für Suizid gelten.

Die Studie untersuchte die Suizidsterblichkeit von onkologischen Patient:innen in spezialisierter Palliativversorgung im Vergleich zu einer österreichischen Vergleichsgruppe. Dabei wurden Patient:innendaten der Palliativstation der MedUni Wien und des AKH Wien aus dem Zeitraum November 2012 bis März 2022 mit Daten des österreichischen Krebsregisters und des nationalen Sterberegisters verglichen.

Ganzheitlicher Ansatz macht den Unterschied

Besonders belastend für Krebspatient:innen sind häufig fortgeschrittene Krankheitsstadien, krankheitsassoziierte Symptome sowie die Auseinandersetzung mit dem Lebensende. Genau hier setzt die spezialisierte Palliativversorgung an: Sie begleitet Menschen mit schweren Erkrankungen ganzheitlich und berücksichtigt neben der medizinischen Behandlung auch psychosoziale Aspekte.

"Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der interdisziplinäre und ganzheitliche Ansatz der Palliativmedizin einen wichtigen Beitrag leisten kann", betont Eva Masel von der Klinischen Abteilung für Palliativmedizin. "Diese umfasst nicht nur die Behandlung körperlicher Symptome, sondern auch psychosoziale und spirituelle Unterstützung. Das kann helfen, Belastungen wie Schmerz, Kontrollverlust, das Gefühl, anderen zur Last zu fallen, oder existenzielle Not besser aufzufangen."

Keine signifikanten Unterschiede in den meisten Krebsarten

In der Gesamtauswertung zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied in der Suizidsterblichkeit zwischen der Palliativkohorte und der onkologischen Vergleichsgruppe – obwohl dieser bei schwerkranken Patient:innen in Palliativbehandlung theoretisch zu erwarten gewesen wäre. Auch bei den Auswertungen nach einzelnen Krebsarten bestätigte sich dieser Befund in den meisten Gruppen.

Besonderheit bei Pankreaskarzinom

Eine bemerkenswerte Ausnahme stellten Patient:innen mit Pankreaskarzinom dar: In dieser Subgruppe wurde in der Palliativkohorte eine höhere kumulative Suizidinzidenz beobachtet. Die Studienautoren betonen jedoch, dass dieser Befund vorsichtig interpretiert werden muss.

"Bei Patient:innen mit Pankreaskarzinom hat sich eine Besonderheit gezeigt, die weiter untersucht werden muss", erklärt Studienleiter Daniel König-Castillo. "Es geht vor allem darum, mögliche Risikokonstellationen besser zu verstehen und Unterstützungsangebote für besonders belastete Patient:innen gezielt weiterzuentwickeln." Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass besonders stark belastete Patient:innen häufiger in eine spezialisierte palliativmedizinische Betreuung aufgenommen werden.

Bedeutung für die österreichische Gesundheitsversorgung

Die Forschungsergebnisse haben wichtige Implikationen für die österreichische Gesundheitsversorgung. Sie unterstreichen die Bedeutung einer Versorgung, die neben körperlichen Symptomen auch psychosoziale Belastungen gezielt berücksichtigt. Das Ziel der Palliative Care ist es, die Lebensqualität der Patient:innen trotz krankheitsbedingter Einschränkungen bestmöglich zu erhalten und zu fördern.

Die Autor:innen betonen, dass aus der retrospektiven Analyse keine kausalen Schlüsse abgeleitet werden können. Dennoch zeigt die Studie deutlich, wie wichtig es ist, dass der Zugang zu spezialisierter Palliativversorgung in Österreich weiter ausgebaut wird. Aus Sicht der Forschergruppe ist eine bedarfsdeckende Stärkung entsprechender Versorgungsangebote notwendig.

Interdisziplinäre Forschungskooperation

Die Studie entstand durch die Zusammenarbeit der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie mit der Klinischen Abteilung für Palliativmedizin der Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Wien. Diese interdisziplinäre Herangehensweise spiegelt den ganzheitlichen Ansatz der Palliativmedizin wider.

Ausblick und Implikationen

Die Ergebnisse dieser österreichischen Studie könnten weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung von Behandlungsrichtlinien und Versorgungsstrukturen haben. Sie stützen die Annahme, dass eine qualitativ hochwertige palliativmedizinische Betreuung nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern möglicherweise auch suizidprotektive Effekte hat.

Für die Zukunft ist es wichtig, diese Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen und sicherzustellen, dass alle Patient:innen, die eine Palliativversorgung benötigen, auch Zugang dazu haben. Die Studie zeigt, dass Investitionen in spezialisierte Palliativversorgung nicht nur ethisch geboten, sondern auch medizinisch sinnvoll sind.

Die vollständigen Studienergebnisse sind unter dem Titel "Suicide Rates Among Patients Receiving Palliative Care—Descriptive Results of a National Cohort Study" im Journal of Clinical Medicine verfügbar und bieten wichtige Grundlagen für weitere Forschung in diesem Bereich.

Schlagworte

#MedUni Wien#Palliativversorgung#Krebsforschung#Suizidprävention#Gesundheitsversorgung

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