Internationale Konferenz mit 22 Ländern präsentiert vielversprechende Zwischenergebnisse
Studie belegt: Notarielle Verfahren sind effizienter und kostengünstiger als Gerichtsverfahren – Großes Potenzial für Justizentlastung in Österreich
Die europäischen Justizsysteme stehen unter enormem Druck. Überlastete Gerichte, lange Verfahrensdauern und hohe Kosten belasten Bürger und Staat gleichermaßen. Eine neue Studie des EU-Projekts "Justice without Litigation II" zeigt nun einen vielversprechenden Lösungsansatz auf: Notariate können eine Schlüsselrolle bei der Entlastung der Justiz spielen.
Am 12. März 2026 kamen in Rom Experten aus 22 EU-Mitgliedstaaten zusammen, um die Zwischenergebnisse des ambitionierten Forschungsprojekts zu präsentieren. Die hochkarätige Konferenz vereinte Vertreter aus Justiz, Wissenschaft und Notariat, um gemeinsam Lösungen für die angespannte Lage europäischer Justizsysteme zu erarbeiten.
Zu den renommierten Vortragenden zählten unter anderem Vito Pace, Präsident des italienischen Consiglio Nazionale del Notariato, Prof. Brigitta Lurger von der Universität Graz, Prof. Karl Stöger von der Universität Wien sowie Helmut Berrer vom Wiener Institut für Wirtschaftsforschung Economica. Auch internationale Perspektiven flossen ein: Axel Sonntag von Accenture Wien und Markus Brückner von der Deutschen Bundesnotarkammer teilten ihre Erkenntnisse.
Die präsentierten Forschungsergebnisse zeichnen ein klares Bild: Notariate können bei nicht-strittigen Verfahren eine zentrale Entlastungsfunktion für die Justiz übernehmen. Besonders bei Verlassenschaften oder einvernehmlichen Scheidungen ermöglichen sie effiziente, rechtssichere und bürgernahe Lösungen.
Der Erfolg beruht auf einem wesentlichen Prinzip: Notarinnen und Notare sind gesetzlich zur Unparteilichkeit verpflichtet. Diese Neutralität erfüllt wichtige rechtsstaatliche Anforderungen und trägt dazu bei, Konflikte frühzeitig zu vermeiden, anstatt sie vor Gericht eskalieren zu lassen.
"Unser Ziel ist nicht, Gerichte zu ersetzen, sondern sie gezielt zu entlasten", erklärte Prof. Karl Stöger von der Universität Wien. "Notariate übernehmen Aufgaben, für die sie aufgrund ihrer Unabhängigkeit und Unparteilichkeit besonders geeignet sind."
Die wirtschaftswissenschaftlichen Analysen, die Helmut Berrer vom Economica-Institut präsentierte, liefern handfeste Zahlen für die Vorteile notarieller Verfahren. In Ländern mit ausgeprägter notarieller Infrastruktur zeigen sich durchweg positive Effekte:
Besonders im ländlichen und strukturschwachen Raum leisten notarielle Dienstleistungen einen wichtigen Beitrag zu einem verbesserten Zugang zum Recht. "Die Daten zeigen klar: Systeme, die notarielle Strukturen gezielt einbinden, können gleiche rechtliche Qualität bei geringeren Kosten und höherer Effizienz erreichen", fasst Berrer die Ergebnisse zusammen.
Eine europaweite Befragung mit über 1.600 Teilnehmern unterstreicht die gesellschaftliche Akzeptanz des Notariats. In den entscheidenden Kategorien Vertrauen, Zuverlässigkeit und zeitgerechte Abwicklung werden Notariate deutlich besser bewertet als andere Rechtsdienstleister.
Die Studie deckt aber auch ungenutztes Potenzial auf: Mehr als 65 Prozent der Befragten unterstützen eine stärkere Rolle von Notariaten bei einvernehmlichen Scheidungen. Zudem spielt Mediation eine zunehmend bedeutende Rolle – wird jedoch bislang nur von etwa einem Fünftel der Notariate aktiv angeboten.
Die rechtlichen Analysen unter der Leitung von Prof. Brigitta Lurger und Prof. Karl Stöger stellen den "people-centred justice"-Ansatz in den Mittelpunkt. Dieses Konzept zielt darauf ab, Justizsysteme stärker an den Bedürfnissen der Bürger auszurichten und den Zugang zum Recht zu erleichtern.
"Konflikte sind ein natürlicher Teil menschlicher Interaktion – entscheidend ist, wie wir damit umgehen", erklärte Prof. Brigitta Lurger. "Notariate tragen dazu bei, dass Parteien Lösungen finden, anstatt zu eskalieren, und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zu einer modernen, bürgerzentrierten Justiz."
Ein weiterer Schwerpunkt der römischen Konferenz lag auf der Digitalisierung des Rechtswesens. Diskutiert wurden insbesondere die sichere Nutzung von Künstlicher Intelligenz, digitale Identitäten sowie die Standardisierung von Verfahren.
Die Ergebnisse zeigen, dass viele Notariate bereits über klare Digitalisierungsstrategien verfügen. Allerdings bestehen weiterhin Unterschiede bei Ressourcen und Umsetzung zwischen den verschiedenen Ländern und Regionen.
Das von der Österreichischen Notariatskammer koordinierte und EU-kofinanzierte Projekt JuWiLi II bringt Experten aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Stephan Matyk-d'Anjony, Leiter der Abteilung für Europäische und Internationale Angelegenheiten der Österreichischen Notariatskammer, betonte die europäische Dimension:
"JuWiLi II ist ein zukunftsweisendes Projekt für Europa. Es zeigt, wie wir voneinander lernen und gemeinsam Lösungen entwickeln können, um Justizsysteme effizienter und zugänglicher zu gestalten."
Bis zum Projektabschluss Ende 2026 werden die Ergebnisse weiter vertieft und auf europäischer sowie nationaler Ebene diskutiert. Konkrete Reformempfehlungen für die teilnehmenden 22 EU-Staaten und die EU-Ebene selbst werden erarbeitet.
Ziel ist eine moderne, effiziente und bürgernahe Justiz, die den Anforderungen einer zunehmend digitalen Gesellschaft gerecht wird. Die bisherigen Erkenntnisse lassen erwarten, dass Notariate dabei eine noch wichtigere Rolle spielen werden.
In Österreich bieten derzeit über 540 Notarinnen und Notare ihre Dienste an. Sie decken verschiedene Rechtsbereiche ab, darunter persönliche Vorsorge, Immobilienrecht und Unternehmensgründungen. Die Leistungspalette reicht von der Testamentserrichtung über Immobilienkäufe bis zur Firmengründung.
Dabei stehen Rechtssicherheit und Transparenz im Mittelpunkt. Die Arbeit zeichnet sich durch höchste Sorgfalt, Vertraulichkeit und Fachkompetenz aus. Digitale Services sorgen zunehmend für eine flexible und effiziente Abwicklung der Verfahren.
Die Ergebnisse des EU-Projekts "Justice without Litigation II" unterstreichen das große Potenzial, das in der verstärkten Nutzung notarieller Strukturen liegt. Für überlastete Justizsysteme in ganz Europa könnte dies ein Weg zu mehr Effizienz und Bürgernähe sein.