Zurück
OTS-MeldungFoie Gras/Stopfleber/Analyse/EU/Tierschutz/Lebensmittel/Vermischtes/Politik

40 EU-Abgeordnete fordern Ende der Stopfleber-Produktion

Neue Analyse deckt Dominanz der Foie gras-Lobby bei EU-Kommission auf

1. April 2026 um 17:00
Teilen:

Trotz wissenschaftlicher Kritik und Bürgerwillen blockiert die EU-Kommission ein Verbot der tierquälerischen Zwangsmast für Stopfleber.

Eine bemerkenswerte Initiative von 40 Mitgliedern des Europäischen Parlaments aus 15 EU-Ländern fordert ein Ende der umstrittenen Stopfleber-Produktion. In einem gemeinsamen Brief an die EU-Kommissare Olivér Várhelyi (Gesundheit und Tierschutz) und Christophe Hansen (Landwirtschaft und Ernährung) verlangen die Abgeordneten die schrittweise Abschaffung der Zwangsmast von Enten und Gänsen zur Herstellung von Foie gras.

Wissenschaft vs. Industrie-Lobbying

Die Forderung der Parlamentarier kommt nicht von ungefähr: Expert*innen aus Wissenschaft und Tierschutz sind sich längst einig, dass die Zwangsmast tierschutzwidrig ist. Dennoch wird ein konsequentes Verbot auf EU-Ebene seit Jahren nicht umgesetzt. Eine aktuelle Datenanalyse der Tierschutzorganisation Animal Equality liefert nun mögliche Erklärungen für diese Blockadehaltung.

Die Analyse zeigt auf, dass sich beide Kommissare im vergangenen Jahr mit dem Branchenverband Euro Foie Gras getroffen haben. Besonders brisant: Die im selben Zeitraum verabschiedete Überarbeitung der Vermarktungsstandards für Geflügelfleisch enthält keine Änderung der umstrittenen Mindestgewichte für Foie gras.

Breite Unterstützung auch aus Produktionsländern

Unter den Unterzeichnenden des Briefes befinden sich auch sieben deutsche Abgeordnete, darunter Maria Noichl (S&D/SPD), Martin Häusling (Greens/EFA/Bündnis 90/Die Grünen) und Sebastian Everding (The Left/Tierschutzpartei). Besonders bemerkenswert ist, dass Mitglieder aus vier der fünf EU-Länder, in denen die Zwangsmast noch praktiziert wird, den Brief unterschrieben haben: Frankreich, Bulgarien, Spanien und Belgien. Nur aus Ungarn fehlt eine Unterschrift.

"Dies zeigt deutlich: Selbst in Ländern, die wirtschaftlich stark von der Stopfleber-Produktion profitieren, wird diese tierquälerische Praxis nicht länger akzeptiert. Jetzt müssen die EU-Kommissare handeln", kommentiert Vanessa Raith, Direktorin von Animal Equality Deutschland.

Erschreckende Bilanz: Industrie dominiert politischen Dialog

Die von Animal Equality durchgeführte Analyse von hunderten öffentlichen Treffen der EU-Kommissare zwischen Dezember 2024 und März 2026 offenbart ein eklatantes Ungleichgewicht. Von 708 dokumentierten Treffen fanden mindestens 46 mit Vertretern der Agrarindustrie zum Thema Tierschutz statt – mit Tierschutzorganisationen waren es lediglich 7. Das entspricht einem Verhältnis von knapp 7:1 zugunsten der Industrie.

Konkret trafen sich die Kommissare zweimal mit Euro Foie Gras: Am 13. Februar 2025 empfing Kommissar Várhelyi den Branchenverband zum Thema "Tierschutz und Gesundheit", am 18. Juni 2025 folgte ein Treffen zwischen dem Büro von Kommissar Hansen und der Foie gras-Lobby.

Bürgerwille ignoriert

Trotz dieser intensiven Lobby-Aktivitäten verabschiedete die Europäische Kommission im Oktober 2025 eine überarbeitete Verordnung zu Vermarktungsstandards für Geflügelprodukte – und das trotz massiver öffentlicher Kritik. Die umstrittenen Mindestgewichte für Foie gras (mindestens 300 Gramm für Entenlebern, 400 Gramm für Gänselebern) blieben dabei unangetastet.

Diese Gewichte können faktisch nur durch Zwangsmast erreicht werden und machen die grausame Praxis damit de facto zur Vorschrift. Dabei hatten sich bei einer vorangegangenen öffentlichen Konsultation 90 Prozent der Stimmen aus allen Mitgliedstaaten für die Streichung dieser Anforderungen ausgesprochen.

"Das ist kein Zufall – das ist das Ergebnis systematischer Einflussnahme einer Industrie, die ungehinderten Zugang zu den Entscheidungsträger*innen hat. Die Industrie, die von der Nutzung der Tiere profitiert, darf nicht über den Schutz von Millionen Tieren entscheiden", kritisiert Raith scharf.

Veraltete Standards aus den 1990er Jahren

In ihrem Brief weisen die EU-Abgeordneten darauf hin, dass die Vermarktungsstandards für Stopfleber aus den Jahren 1991 und 1995 stammen – also bevor Tiere in den EU-Verträgen als empfindungsfähige Lebewesen anerkannt wurden. Die wissenschaftliche Bewertung der Zwangsfütterung hat sich seither grundlegend gewandelt.

Mittlerweile wurde die Praxis sowohl von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als auch vom Wissenschaftlichen Ausschuss für Tiergesundheit und Tierschutz der EU verurteilt. "22 von 27 EU-Ländern haben die Stopfleber-Produktion verboten. Selbst Abgeordnete aus Produktionsländern wie Frankreich und Spanien fordern jetzt ein Ende der Zwangsmast", betont Raith.

Rechtlicher Widerspruch in der EU

Die aktuelle Rechtslage in der EU weist einen bemerkenswerten Widerspruch auf: Grundsätzlich ist die Zwangsmast von Enten und Gänsen seit 1999 verboten. Dennoch wird schätzungsweise rund 80 Prozent der Stopfleber weltweit in der EU hergestellt. Grund dafür ist eine Ausnahmeregelung für Länder, in denen die Zwangsmast zum Zeitpunkt der Verbotseinführung bereits Tradition hatte.

Aktuell praktizieren noch fünf EU-Länder die Zwangsmast: Frankreich, Ungarn, Bulgarien, Spanien und Belgien. In Belgien ist sie nur noch in der Region Wallonien erlaubt, mit einem geplanten Auslaufen bis spätestens 2027. Die anderen 22 EU-Länder, einschließlich Deutschland, haben die Zwangsmast bereits untersagt.

Paradoxerweise bleibt der Import der umstrittenen Delikatesse weiterhin legal, wodurch Stopfleber trotz nationaler Produktionsverbote in Restaurants, Supermärkten und Onlineshops erhältlich ist.

40 Millionen Tiere jährlich betroffen

Die Dimension des Problems ist erschreckend: Schätzungen zufolge werden in der EU jährlich rund 40 Millionen Enten und Gänse für die Stopfleber-Produktion genutzt und getötet. Durch verschiedene Recherchen hat Animal Equality dokumentiert, wie die Tiere unter der qualvollen Prozedur leiden.

Bei der Zwangsmast wird den Tieren durch ein 20 bis 50 Zentimeter langes Metallrohr über einen Zeitraum von 12 bis 21 Tagen zwei- bis dreimal täglich gewaltvoll bis zu einem Kilogramm Maisbrei eingeflößt. Die Folge ist eine krankhafte Verfettung der Leber (Hepatische Lipidose).

Extreme körperliche Belastung

Zum Zeitpunkt der Tötung wiegen die Lebern der Tiere zwischen 550 und 700 Gramm – das entspricht dem Sieben- bis Zehnfachen des natürlichen Gewichts. Die Sterblichkeitsrate während der Zwangsmast ist bis zu 25-mal höher als bei nicht zwangsgemästeten Tieren.

Diese extremen körperlichen Belastungen führen zu erheblichem Leid bei den betroffenen Tieren, was die wissenschaftliche Kritik an der Praxis untermauert.

Internationale Entwicklungen

Weltweit wächst der Widerstand gegen die Stopfleber-Produktion. In Ländern wie Indien, Israel, Argentinien und Teilen der USA ist die Zwangsmast bereits illegal. Diese internationale Entwicklung verstärkt den Druck auf die EU, eine einheitliche und konsequente Haltung zu entwickeln.

Animal Equality fordert seit Jahren ein endgültiges Verbot der Zwangsmast in der EU sowie ein Importverbot für Stopfleber-Produkte in allen Mitgliedstaaten. Mehr als 100.000 Menschen haben bereits eine entsprechende Petition an die deutsche Bundesregierung unterzeichnet.

Ausblick auf kommende Reformen

Die Initiative der 40 EU-Abgeordneten erfolgt vor dem Hintergrund einer geplanten Überarbeitung der EU-Tierschutzgesetzgebung. Die Parlamentarier fordern, dass ein explizites Verbot der Zwangsmast in diese Reformen aufgenommen wird.

"Die EU steht vor einer wichtigen Entscheidung: Wird sie weiterhin den Interessen einer kleinen, aber einflussreichen Industrie folgen, oder wird sie endlich auf Wissenschaft, Bürgerwillen und die Stimme des Parlaments hören?", fasst Raith die aktuelle Situation zusammen.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die EU-Kommission bereit ist, ihre bisherige Haltung zu überdenken und dem wachsenden Druck aus Politik und Gesellschaft nachzugeben. Die Zeit für eine moderne, wissenschaftsbasierte Tierschutzpolitik scheint jedenfalls reif zu sein.

Schlagworte

#Tierschutz#EU-Politik#Foie Gras#Stopfleber#Zwangsmast

Weitere Meldungen

Wirtschaft

Warum strukturierte SEO-Ausbildung zum Wettbewerbsfaktor wird: SEO zwischen Handwerk und strategischer Disziplin

7. Apr. 2026
Lesen
OTS
Grüne

Lobauautobahn: Baubeginn trotz rechtlicher Unsicherheit entfacht heftige Kritik

1. Apr. 2026
Lesen
OTS
Grüne

Grüne kritisieren Baubeginn der Lobauautobahn scharf

1. Apr. 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen