Naturhistorisches Museum Wien macht historische Born-Sammlung online verfügbar
Das Naturhistorische Museum Wien digitalisiert den barocken Typenkatalog von Ignaz von Born aus dem 18. Jahrhundert und macht ihn weltweit zugänglich.
Ein wissenschaftlicher Schatz aus der Zeit Maria Theresias wird digital: Das Naturhistorische Museum Wien hat den fast 250 Jahre alten Typenkatalog von Ignaz von Born vollständig digitalisiert und online zugänglich gemacht. Die historische Weichtiersammlung, die einst im Auftrag der Kaiserin systematisch erfasst wurde, steht nun Forschenden weltweit zur Verfügung.
Ignaz von Born (1742–1791) war ein Universalgelehrter seiner Zeit – Mineraloge, Metallurg und Weichtierkundler in einer Person. Als Maria Theresia ihn 1776 nach Wien berief, erhielt er eine außergewöhnliche Aufgabe: Die gewaltige naturwissenschaftliche Sammlung ihres verstorbenen Ehemanns Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen sollte systematisch erfasst und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Born entschied sich dafür, mit der umfangreichen Weichtiersammlung zu beginnen – eine Entscheidung, die sich als wegweisend erweisen sollte. Mit der Akribie eines modernen Wissenschaftlers durchforstete er die neueste Fachliteratur, korrespondierte mit Kollegen in ganz Europa und beschrieb neue Arten nach dem damals revolutionären taxonomischen System von Carl von Linné.
Die Ergebnisse seiner umfangreichen Forschungstätigkeiten veröffentlichte Born in zwei unterschiedlichen Ausgaben. 1778 erschien zunächst eine handliche und günstige Taschenbuch-Version mit nur einer Bildtafel – gedacht für Kollegen und Interessierte mit kleinerem Budget. Zwei Jahre später folgte 1780 die prächtige Luxusausgabe mit 18 farbigen Tafeln, die die wichtigsten Objekte der kaiserlichen Sammlung in all ihrer barocken Pracht darstellte.
Diese Publikationsstrategie war für die damalige Zeit innovativ: Born erkannte bereits, dass wissenschaftliche Erkenntnisse verschiedene Zielgruppen erreichen müssen – von Fachkollegen bis hin zu interessierten Laien.
Mit seinem wissenschaftlichen Ansatz und der konsequenten Anwendung des linnéschen Systems legte Born den Grundstein für den wertvollsten Teil der heutigen Molluskensammlung des Naturhistorischen Museums Wien. Seine Arbeit war jedoch nicht nur taxonomisch bedeutsam – sie etablierte auch Standards für die systematische Erfassung von Museumssammlungen.
"Born war seiner Zeit voraus", erklärt Mag. Anita Eschner, Kuratorin der Molluskensammlung am Naturhistorischen Museum Wien. "Seine methodische Herangehensweise und die Qualität seiner Dokumentation sind auch nach fast 250 Jahren beispielhaft."
Die Geschichte der Born-Sammlung ist auch eine Geschichte von Verlusten und Wiederentdeckungen. Nicht alle Nachfolger Borns erkannten die Bedeutung der Originalstücke. Einige Objekte wurden für Ausstellungen verwendet, andere getauscht oder durch vermeintlich schönere Exemplare ersetzt – ein aus heutiger Sicht wissenschaftlicher Frevel.
Erst Friedrich Brauer (1832–1904), der erste Kustos der Molluskensammlung, erkannte den unschätzbaren wissenschaftlichen Wert der Born-Originale vollständig. 1878 veröffentlichte er eine umfassende Analyse von Borns Arbeit und sorgte dafür, dass die Born-Sammlung fortan getrennt von anderen Objekten in den originalen Schubladen aufbewahrt wurde.
Die Suche nach versteckten oder verschollen geglaubten Originalen aus der Born-Sammlung gleicht oft einer detektivischen Arbeit. Über die Jahrhunderte gingen Objekte verloren, wurden falsch zugeordnet oder landeten in anderen Sammlungsteilen. Die systematische Digitalisierung und das genaue Studium der historischen Dokumentation sind dabei essentiell für die Rekonstruktion der ursprünglichen Sammlung.
Nach fast 250 Jahren geduldiger Forschungsarbeit sind nun die meisten Born-Stücke zusammengeführt und vollständig digitalisiert. Hochauflösende Fotografien dokumentieren jeden Aspekt der historischen Objekte und machen sie für die internationale Forschungsgemeinschaft zugänglich.
Besonders aufwendig war die Aufbereitung der Originalbeschreibungen: Die in lateinischer Sprache und deutscher Frakturschrift verfassten Texte wurden transkribiert und ins Englische übersetzt. Diese Arbeit erforderte nicht nur paläographische Kenntnisse, sondern auch ein tiefes Verständnis der historischen wissenschaftlichen Terminologie.
Der nun veröffentlichte erste Teil des digitalisierten Typenkatalogs umfasst 39 Typen von Muscheln (Bivalven), Kahnfüßern (Scaphopoda) und Armfüßern (Brachiopoda). Jede Art ist ausführlich beschrieben und mit hochauflösenden Bildern dokumentiert. Der Vergleich zwischen Borns detailreichen Originalzeichnungen und den fotografierten Objekten zeigt die beeindruckende Qualität der historischen Illustrationen.
Der zweite Teil, der sich mit den Schnecken (Gastropoda) beschäftigen wird, befindet sich bereits in Vorbereitung. Diese Gruppe umfasst die größte Anzahl der von Born beschriebenen Arten und wird den Katalog wesentlich erweitern.
Die Online-Publikation setzt Borns ursprüngliche Vision auf modernste Weise fort. Schon im 18. Jahrhundert war es ihm ein Anliegen, entfernt lebenden Kollegen Einblick in die kaiserliche Sammlung zu gewähren – damals durch seine handliche Taschenbuchausgabe, heute durch frei zugängliche Online-Ressourcen.
"Dank der Digitalisierung können Forschende weltweit auf diese einzigartigen Daten zugreifen", betont Eschner. "Das entspricht dem Grundauftrag naturwissenschaftlicher Museen: Wissen zu bewahren und zu teilen."
Die Born-Sammlung ist nicht nur von historischem Interesse. Viele der von Born beschriebenen Arten sind nach wie vor gültig und dienen als Referenz für die moderne Taxonomie. Die digitale Verfügbarkeit der Typusexemplare – jener Originalstücke, anhand derer eine Art erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde – ist für die internationale Forschung von unschätzbarem Wert.
Besonders in Zeiten des Klimawandels und des Artensterbens gewinnt die Dokumentation der biologischen Vielfalt neue Bedeutung. Die Born-Sammlung dokumentiert den Zustand mariner Ökosysteme vor der industriellen Revolution und liefert damit wichtige Grundlagendaten für die Biodiversitätsforschung.
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie traditionelle Museumsarbeit und moderne Digitaltechnik zusammenwirken können. Die Kombination aus physischer Sammlung, historischer Dokumentation und digitaler Zugänglichkeit schafft neue Möglichkeiten für Forschung und Bildung.
Besucher des Naturhistorischen Museums Wien werden ab April 2026 die Möglichkeit haben, Borns Originalprachtband in der Jubiläumsausstellung "Gutes Sammeln – Böses Sammeln. 150 Jahre Naturhistorisches Museum Wien" zu bewundern – ein seltener Einblick in die Anfänge systematischer Museumsarbeit in Österreich.
Die digitale Verfügbarkeit der Born-Sammlung markiert einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des Museums zur globalen Wissensplattform. Sie zeigt, wie historische Sammlungen durch moderne Technologie zu neuem Leben erweckt werden können und ihren Beitrag zur internationalen Forschung leisten.