Handelsverband und RegioPlan analysieren Konsumverhalten unter Krisendruck
Eine neue Studie untersucht, wie Inflation, Iran-Krieg und neue Trends das Einkaufsverhalten der Österreicher bis 2026 verändern.
Der österreichische Handel steht vor einem dramatischen Wandel. Inflation, geopolitische Spannungen und neue Konsumtrends verändern das Einkaufsverhalten der Österreicher grundlegend. Eine neue Studie des Handelsverbands und RegioPlan Consulting wirft einen detaillierten Blick auf diese Entwicklungen und deren Auswirkungen auf eine Branche, die als wichtiger Wirtschaftsmotor fungiert.
Mit 92.000 Unternehmen und 615.000 unselbständig Beschäftigten ist der Handel ein entscheidender Wirtschaftsfaktor in Österreich. Die Branche erwirtschaftet einen Jahresumsatz von über 303 Milliarden Euro und trägt durch den privaten Konsum rund die Hälfte zum Bruttoinlandsprodukt bei. Doch diese bedeutende Wirtschaftssparte steht unter enormem Druck.
Die Herausforderungen sind vielfältig: Anhaltende Inflation, die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf die Lieferketten, eine zunehmende Bürokratielawine und der unaufhaltsame Online-Boom verändern die Rahmenbedingungen fundamental. Diese Faktoren zwingen Händler zu einer Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle und Strategien.
Die Studie "Der große Wandel. So shoppt Österreich 2026" untersucht systematisch, welche Trends und Entwicklungen die Konsumausgaben der österreichischen Bevölkerung sowohl im stationären Einzelhandel als auch im Onlinehandel antreiben. Dabei werden nicht nur aktuelle Phänomene betrachtet, sondern auch langfristige Entwicklungen der letzten zehn Jahre analysiert.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Entwicklung der einzelhandelsrelevanten Kaufkraft in verschiedenen Bundesländern und Regionen. Die Studie zeigt auf, welche Gebiete als Gewinner und welche als Verlierer aus den aktuellen Entwicklungen hervorgehen. Diese regionalen Unterschiede haben weitreichende Konsequenzen für die Standortplanung und Investitionsentscheidungen im Handel.
Eine der zentralen Erkenntnisse der Untersuchung betrifft die zunehmende Polarisierung des Konsumverhaltens. Während Premium-Angebote und Discount-Formate florieren, gerät das mittlere Preissegment immer stärker unter Druck. Diese Entwicklung stellt traditionelle Einzelhändler vor erhebliche Herausforderungen bei der Positionierung ihrer Angebote.
Der Onlinehandel spielt dabei eine immer wichtigere Rolle. Die Corona-Pandemie hat bereits zu einer deutlichen Beschleunigung der Digitalisierung im Handel geführt, und dieser Trend setzt sich auch 2026 fort. Die Studie untersucht, wie sich das Verhältnis zwischen stationärem und digitalem Handel weiterentwickelt und welche Auswirkungen dies auf die traditionellen Verkaufsflächen hat.
Besonders interessant sind die identifizierten Zukunftstrends, die das Konsumverhalten nachhaltig beeinflussen werden. Longevity-Produkte, die auf ein gesundes und langes Leben ausgerichtet sind, gewinnen deutlich an Bedeutung. Der Boom von GLP-1-Medikamenten wie Ozempic verändert nicht nur die Pharma-, sondern auch die Lebensmittelbranche.
Der Trend zu fleischlosen Produkten (Meatless) setzt sich fort und etabliert sich vom Nischensegment zu einem Mainstream-Phänomen. Gleichzeitig wächst die Pet Economy kontinuierlich – Österreicher geben immer mehr Geld für ihre Haustiere aus. Biohacking, also die Optimierung der eigenen Gesundheit durch technische Hilfsmittel und spezielle Produkte, entwickelt sich zu einem lukrativen Marktsegment.
Die geopolitischen Spannungen, insbesondere der Iran-Krieg, haben messbare Auswirkungen auf das österreichische Konsumverhalten. Unsicherheiten über die Versorgungslage und steigende Energiekosten beeinflussen die Kaufentscheidungen der Verbraucher. Die Studie analysiert, wie sich diese externen Schocks auf verschiedene Handelssegmente auswirken und welche Anpassungsstrategien erfolgreich sind.
Besonders kritisch betrachtet wird die Stabilität der Lieferketten. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie anfällig globale Versorgungsnetze für Störungen sind. Die Untersuchung bewertet die aktuelle Krisenresilienz des österreichischen Handels und gibt Empfehlungen für eine robustere Aufstellung.
Aus den Studienergebnissen leiten die Experten konkrete politische Handlungsempfehlungen ab. Besonders kritisch sehen sie die geplante Plastiksteuer und die diskutierte E-Commerce-Abgabe. Diese Maßnahmen könnten die bereits unter Druck stehende Handelsbranche zusätzlich belasten und die Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Unternehmen gegenüber internationalen Konkurrenten schwächen.
Die Studie plädiert für eine ausgewogene Regulierung, die sowohl ökologische Ziele als auch wirtschaftliche Realitäten berücksichtigt. Dabei wird betont, dass übermäßige Bürokratie die Innovationsfähigkeit der Branche hemmt und letztendlich den Verbrauchern schadet.
Die Studienpräsentation wird von zwei ausgewiesenen Experten geleitet. Romina Jenei, Geschäftsführerin von RegioPlan Consulting, gilt als Österreichs führende Expertin für Standort- und Marktanalysen im Handel. Ihre langjährige Erfahrung in der Analyse von Konsumtrends und Marktentwicklungen fließt maßgeblich in die Studie ein.
Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands, fungiert als bundesweiter Sprecher einer Branche mit über 303 Milliarden Euro Jahresumsatz. Seine Einschätzungen basieren auf direktem Kontakt zu Tausenden von Händlern und umfassender Kenntnis der Branchenherausforderungen.
Ergänzend zur Marktstudie werden bei der Pressekonferenz auch die Ergebnisse der neuesten Händlerbefragung aus dem zweiten Quartal 2026 präsentiert. Diese direkten Rückmeldungen aus der Praxis bieten wertvolle Einblicke in die aktuellen Herausforderungen und Chancen, mit denen sich österreichische Händler konfrontiert sehen.
Die Kombination aus wissenschaftlicher Analyse und praktischen Erfahrungen verspricht ein umfassendes Bild der aktuellen Situation und der zu erwartenden Entwicklungen im österreichischen Handel.
Die Ergebnisse der Studie haben weitreichende Bedeutung für die österreichische Wirtschaftspolitik und Unternehmensstrategie. Als einer der größten Arbeitgeber und wichtiger Wirtschaftsfaktor beeinflusst die Entwicklung des Handels maßgeblich die gesamtwirtschaftliche Performance Österreichs.
Die Erkenntnisse über regionale Unterschiede in der Kaufkraft und dem Konsumverhalten sind besonders relevant für Kommunen und Bundesländer bei der Entwicklung ihrer Wirtschaftsstrategien. Gleichzeitig bieten die identifizierten Trends Orientierung für Investoren und Unternehmer bei Geschäftsentscheidungen.
Die Pressekonferenz am 16. April im Presseclub Concordia verspricht somit nicht nur aktuelle Daten und Analysen, sondern auch wertvolle Impulse für die Gestaltung der wirtschaftlichen Zukunft Österreichs. Die Teilnahme ist auch online möglich, was der veränderten Medienlandschaft Rechnung trägt und eine breite Teilnahme ermöglicht.