Von 9. bis 19. April 2026 verwandelt sich Wien erneut in ein Zentrum des internationalen jüdischen Kinos. Das 34. Jüdische Filmfestival Wien (JFW 2026) bringt mehr als 30 nationale und internationa...
Von 9. bis 19. April 2026 verwandelt sich Wien erneut in ein Zentrum des internationalen jüdischen Kinos. Das 34. Jüdische Filmfestival Wien (JFW 2026) bringt mehr als 30 nationale und internationale Produktionen in die österreichische Hauptstadt und verspricht dabei alles andere als seichte Unterhaltung. Im Votiv Kino, Metro Kinokulturhaus und Studio Molière werden Filme gezeigt, die zum Teil bereits für heftige Kontroversen gesorgt haben – genau das macht das Festival zu einem der wichtigsten kulturpolitischen Ereignisse des Jahres.
Das diesjährige Festival macht aus der Not eine Tugend und widmet sich explizit dem Thema "Kontroverses Kino?". Dieser mutige Ansatz ist keine Provokation um ihrer selbst willen, sondern eine notwendige Auseinandersetzung mit der aktuellen Diskurskultur. In einer Zeit, in der Filme zunehmend aus politischen Gründen abgesagt oder boykottiert werden, stellt das JFW 2026 die grundsätzliche Frage nach der Meinungsfreiheit in der Kinokultur.
Ein prominentes Beispiel dafür ist der österreichische Dokumentarfilm "Wir sind noch da" (AT 2025), der die Jüdische Gemeinde in Salzburg porträtiert. Der Film wurde dort aufgrund von "Sicherheitsbedenken" vorübergehend abgesagt – ein Vorgang, der die Diskussion über Zensur und vorauseilenden Gehorsam anheizt. Die Tatsache, dass ein Film über das jüdische Leben in Österreich aus Sicherheitsgründen nicht gezeigt werden kann, wirft fundamental wichtige Fragen über den Zustand unserer Gesellschaft auf.
Den Auftakt des Festivals bildet "The Sea" (IL 2025), ein israelischer Film von Regisseur Shai Carmeli-Pollak. Die Geschichte eines zwölfjährigen Palästinensers aus der Westbank, der sich allein auf den Weg macht, um zum ersten Mal das Meer zu sehen, mag auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Doch auch dieser feinfühliger Film sorgte für politische Kontroversen. Obwohl "The Sea" mehrere prestigeträchtige israelische Ophir Awards gewann, darunter den für den besten Film, führte die Auszeichnung zu heftigem Widerstand seitens der israelischen Regierung.
Diese Kontroverse verdeutlicht die komplexe politische Landschaft, in der sich israelische Filmschaffende bewegen. Der Ophir Award ist das israelische Äquivalent zum Oscar und wird von der Israeli Academy of Film and Television vergeben. Dass selbst ein preisgekrönter Film aus dem eigenen Land politischen Gegenwind erntet, zeigt, wie sehr kulturelle Produktion und Politik miteinander verwoben sind.
Das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 hat tiefe Wunden in die jüdische Welt gerissen, die bis heute nicht verheilt sind. Das Festival widmet diesem traumatischen Ereignis und seinen Nachwirkungen den eigenen Schwerpunkt "Hatufim/Sordim" (Geiseln/Freigelassene). Diese hebräischen Begriffe sind seit jenem Tag zu schmerzhaften Realitäten für hunderte Familien geworden.
Tom Shovals "A Letter to David" (IL 2025) ist ein filmischer Brief an David Cunio, der zusammen mit zahlreichen Familienmitgliedern verschleppt wurde. Der persönliche Ansatz macht die abstrakte Statistik menschlich erfahrbar. Cunio und sein Zwillingsbruder Eitan waren bereits 2013 Protagonisten in Shovals Spielfilmdebüt "Youth", das ebenfalls im Festival gezeigt wird. Diese Verbindung zwischen früherem Werk und aktuellem Trauma zeigt, wie sich das Leben der Beteiligten durch die Ereignisse des 7. Oktober fundamental verändert hat.
Besonders bewegend wird der Film "Holding Liat" (IL 2025), zu dem Gespräche mit Yehuda Beinin geführt werden – dem Vater der Geisel Liat. Diese direkten Begegnungen mit Angehörigen verleihen dem Festival eine emotionale Tiefe, die weit über reine Filmvorführungen hinausgeht. Sie machen das Kino zu einem Ort der kollektiven Trauerbewältigung und des gesellschaftlichen Diskurses.
Nach aktuellen Angaben wurden am 7. Oktober 2023 etwa 240 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Viele von ihnen sind bis heute nicht befreit worden. Die Familien der Verschleppten haben sich zu einer einflussreichen politischen Kraft entwickelt, die Druck auf die israelische Regierung ausübt, alles für die Befreiung ihrer Angehörigen zu unternehmen. Diese persönlichen Tragödien werden durch das Kino einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht und schaffen Empathie für abstrakte politische Konflikte.
Der Schwerpunkt "Israel in the Middle East" beleuchtet die vielschichtigen Beziehungen zwischen Israel und seinen Nachbarn. "Before the Revolution" (IL 2013) wirft einen historischen Blick auf die jüdisch-israelische Gemeinde in Teheran vor der islamischen Revolution von 1979. Dieser Film erinnert daran, dass die heutigen Feindschaften nicht immer bestanden haben und dass persönliche Beziehungen politische Grenzen überwinden können.
Netalie Brauns Antikriegsdrama "Oxygen" (IL 2025) setzt sich kritisch mit den Auswirkungen militärischer Konflikte auseinander. In einer Zeit, in der Israel in mehrere Kriege gleichzeitig verwickelt ist, gewinnen solche Filme besondere Relevanz. Sie zeigen, dass auch in Israel selbst kontroverse Debatten über die Politik der eigenen Regierung geführt werden.
Besonders interessant ist Assaf Machnes' "Where to?" (IL/GER 2026), eine deutsch-israelische Koproduktion, die den Nahen Osten nach Berlin holt. Das Kammerspiel im Auto zwischen einem palästinensischen Taxifahrer und einem 25-jährigen Israeli zeigt, wie sich politische Konflikte auf persönlicher Ebene entspannen können. Berlin als Schauplatz ist dabei nicht zufällig gewählt: Die deutsche Hauptstadt ist zu einem wichtigen Zentrum für israelische Künstler und Intellektuelle geworden, die hier freier arbeiten können als in ihrer Heimat.
Dass das Festival auch regierungskritische Filme wie "The Bibi Files" (US 2024) und "Israel: Ministers of Chaos" (FR/IL 2024) zeigt, unterstreicht seinen unabhängigen Charakter. "The Bibi Files" beschäftigt sich mit den Korruptionsvorwürfen gegen Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, während "Israel: Ministers of Chaos" die chaotischen Zustände in der israelischen Regierung thematisiert. Diese Filme würden in Israel selbst möglicherweise auf Widerstand stoßen, finden aber auf einem internationalen Festival in Wien ihre Plattform.
Der Schwerpunkt "Shoah, Disability and Contemporary Voices" nimmt sich eines oft übersehenen Aspekts der NS-Verfolgung an: der systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderung. Die sogenannte "Aktion T4" war ein Vorläufer der späteren Judenvernichtung und kostete über 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen das Leben.
Filme wie "Disposable Humanity" (US 2025) und "nicht verstummt" (AT 2013) machen diese oft vergessene Opfergruppe sichtbar. Der österreichische Beitrag "nicht verstummt" ist besonders relevant, da er die Kontinuitäten zwischen NS-Euthanasie und moderner Behindertenpolitik aufzeigt. Österreich hat eine problematische Geschichte im Umgang mit Menschen mit Behinderung, die bis heute nachwirkt.
"All I Had Was Nothingness" (FR 2025) und "Nuremberg" (US 2026) ergänzen das Programm um internationale Perspektiven auf die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Die Nürnberger Prozesse waren ein Meilenstein des internationalen Strafrechts, doch viele Täter entkamen der Bestrafung. Diese historische Ungerechtigkeit beschäftigt Filmemacher bis heute.
"Humor ist, wenn man trotzdem lacht" – dieser Schwerpunkt zeigt, dass jüdischer Humor weit mehr ist als nur Unterhaltung. Er ist eine Überlebensstrategie, die über Jahrhunderte der Verfolgung entwickelt wurde. Der jüdische Humor zeichnet sich durch Selbstironie, Wortwitz und die Fähigkeit aus, auch in aussichtslosen Situationen noch über sich selbst zu lachen.
Eytan Fox' "Cupcakes" (IL 2013) ist ein Kultfilm der israelischen LGBTQ+-Szene und zeigt, wie Humor gesellschaftliche Barrieren überwinden kann. Der Film handelt von einer Dragqueen-Gruppe, die Israel beim Eurovision Song Contest vertreten möchte – eine scheinbar leichte Story, die aber tiefere Fragen über Identität und Akzeptanz aufwirft.
Die Coen Brothers' "A Serious Man" (US 2009) ist eine tragikomische Meditation über das Leben eines jüdischen Physikprofessors im Mittleren Westen der 1960er Jahre. Der Film zeigt die typisch jüdische Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen und dem scheinbar willkürlichen Schicksal. Die Coen Brothers, selbst jüdischer Herkunft, haben mit diesem Film ein Meisterwerk über die jüdische Erfahrung in Amerika geschaffen.
Das Jüdische Filmfestival Wien ist mehr als nur eine Ansammlung von Filmvorführungen. Es ist ein gesellschaftlicher Diskursraum, in dem kontroverse Themen verhandelt werden können. Die drei geplanten Paneldiskussionen zum Thema Nahost werden sich mit friedlicher Koexistenz, Entpolarisierung und dem Sicherheitsgefühl in der Diaspora befassen – Themen, die aktueller nicht sein könnten.
Das Sicherheitsgefühl jüdischer Gemeinden in Europa hat sich seit dem 7. Oktober drastisch verschlechtert. Antisemitische Vorfälle haben in ganz Europa zugenommen, auch in Österreich. Das Festival bietet eine Plattform, um über diese Ängste zu sprechen und Lösungsansätze zu diskutieren.
Mit Vorfilmen und einem eigenen Kurzfilmprogramm wird dem Filmnachwuchs eine wichtige Bühne geboten. Diese jungen Filmemacher werden die Zukunft des jüdischen Kinos prägen und neue Perspektiven einbringen. Viele von ihnen gehören bereits zur dritten oder vierten Generation nach der Shoah und haben ein anderes Verhältnis zur jüdischen Geschichte und Identität als ihre Vorgänger.
Wien ist nicht zufällig Austragungsort dieses wichtigen Festivals. Die österreichische Hauptstadt hat eine komplexe jüdische Geschichte: Einst Zentrum einer blühenden jüdischen Kultur, wurde diese durch den Nationalsozialismus nahezu vollständig zerstört. Nach 1945 entstand langsam wieder jüdisches Leben in Wien, auch wenn es nie die Größe und Bedeutung von vor 1938 erreichte.
Heute leben etwa 8.000 Juden in Wien, die größte jüdische Gemeinde Österreichs. Das Festival trägt dazu bei, jüdische Kultur sichtbar zu machen und Verständnis für die Vielfalt jüdischen Lebens zu schaffen. Es zeigt, dass jüdische Identität weit mehr umfasst als nur Religion oder die Erinnerung an die Shoah.
Die Spielstätten – Votiv Kino, Metro Kinokulturhaus und Studio Molière – sind selbst kulturelle Institutionen mit Geschichte. Das Votiv Kino etwa ist eines der ältesten Programmkinos Wiens und hat eine lange Tradition in der Präsentation anspruchsvoller Filme. Diese etablierten Kulturorte verleihen dem Festival zusätzliche Glaubwürdigkeit und Reichweite.
Das 34. Jüdische Filmfestival Wien 2026 findet in einer Zeit statt, in der die Welt von Krisen erschüttert wird. Der Krieg in Gaza, der wachsende Antisemitismus in Europa, die Polarisierung gesellschaftlicher Debatten – all das spiegelt sich im Festivalprogramm wider. Das Festival hat sich bewusst entschieden, nicht nur schöne Filme zu zeigen, sondern sich den schwierigen Fragen der Gegenwart zu stellen.
Diese Entscheidung ist mutig, aber auch riskant. Kontroverse Filme können zu Protesten oder Absagen führen, wie der Fall des Salzburger Films zeigt. Doch genau diese Kontroversen sind notwendig für eine lebendige Demokratie. Das Festival wird zeigen, ob Wien bereit ist, diese Debatten zu führen, oder ob auch hier die Angst vor Kontroversen größer ist als der Mut zur Diskussion.
Das Jüdische Filmfestival Wien 2026 verspricht damit weit mehr als nur Kinoabende zu werden. Es wird ein Test für die Diskursbereitschaft der österreichischen Gesellschaft und ein wichtiger Beitrag zur kulturellen und politischen Bildung. In einer Zeit, in der einfache Antworten auf komplexe Fragen gesucht werden, bietet das Festival die Möglichkeit, die Vielschichtigkeit der Realität zu erkunden und neue Perspektiven zu entdecken.