Nach knapp vier Jahrzehnten im Dienst des Landes Niederösterreich verabschiedet sich eine Schlüsselfigur der heimischen Infrastruktur in den Ruhestand. Josef Decker, Straßenbaudirektor des Landes,
Nach knapp vier Jahrzehnten im Dienst des Landes Niederösterreich verabschiedet sich eine Schlüsselfigur der heimischen Infrastruktur in den Ruhestand. Josef Decker, Straßenbaudirektor des Landes, hat am 15. Jänner 2025 seine letzte Amtshandlung vollzogen. Sein Name ist untrennbar mit den wichtigsten Straßenbauprojekten der vergangenen Jahrzehnte verbunden – von der Donaubrücke in Krems bis zum Ringschluss Wiener Neustadt. Verkehrslandesrat und LH-Stellvertreter Udo Landbauer würdigte den scheidenden Beamten als prägenden Gestalter der niederösterreichischen Verkehrsinfrastruktur.
1991 trat Josef Decker seinen Dienst in der niederösterreichischen Landesverwaltung an – zu einer Zeit, als Österreich noch nicht der Europäischen Union angehörte und das Straßennetz andere Herausforderungen zu bewältigen hatte. Der gelernte Straßenbautechniker durchlief systematisch alle wesentlichen Bereiche des Straßendienstes. Von der grundlegenden Straßenplanung über den operativen Straßenbetrieb bis hin zur Leitung der Straßenbauabteilung Wiener Neustadt sammelte er jene Erfahrungen, die ihn 2014 an die Spitze der niederösterreichischen Straßenverwaltung führen sollten.
Die Straßenbaudirektion ist die zentrale Stelle für alle Angelegenheiten des Straßenbaus und -betriebs im flächenmäßig größten Bundesland Österreichs. Mit über 37.000 Kilometern Landes- und Gemeindestraßen sowie einem jährlichen Budget von mehreren hundert Millionen Euro für Erhaltung und Neubau trägt diese Behörde eine enorme Verantwortung für die Mobilität von über 1,7 Millionen Niederösterreichern und unzählige Pendler aus den Nachbarländern.
In Deckers Dienstzeit fallen einige der bedeutendsten Infrastrukturvorhaben der niederösterreichischen Geschichte. Die Umfahrung Mistelbach, ein seit Jahrzehnten diskutiertes Projekt zur Entlastung der Weinviertler Bezirkshauptstadt, konnte unter seiner Federführung endlich realisiert werden. Täglich passieren heute über 15.000 Fahrzeuge diese Strecke, die den Ort vom Durchgangsverkehr befreit und neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet hat.
Ähnlich bedeutsam war die Umfahrung Zwettl im Waldviertel, die nicht nur den historischen Stadtkern entlastet, sondern auch als wichtige Verbindung zur tschechischen Grenze fungiert. Mit der Umfahrung Wieselburg schuf Decker eine weitere verkehrliche Lösung für eine der meist befahrenen Durchzugsstraßen im Mostviertel. Der Ringschluss Wiener Neustadt schließlich gilt als verkehrstechnischer Meilenstein für die zweitgrößte Stadt des Landes und wichtige Industriestandort südlich von Wien.
Besonders komplex gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der ASFINAG beim Ausbau hochrangiger Straßenverbindungen. Die Autobahn A4 Ost Autobahn, die Wien mit dem Flughafen Schwechat und der ungarischen Grenze verbindet, erforderte millionenschwere Koordinationsleistungen zwischen Bund und Land. Noch anspruchsvoller war der Neubau der A5 Nord Autobahn nach Tschechien, bei dem zahlreiche Landes- und Gemeindestraßen neu geplant und angepasst werden mussten.
Zu Deckers herausragendsten Leistungen zählen zweifellos die großen Brückenprojekte entlang der Donau. Die neue Donaubrücke in Krems, eröffnet 2019, ersetzte nach jahrzehntelangen Planungen die alte, nicht mehr zeitgemäße Konstruktion. Mit 340 Metern Länge und einer Investition von 67 Millionen Euro steht sie symbolisch für die Modernisierung der niederösterreichischen Infrastruktur.
Die Donaubrücke Grein, ein technisches Meisterwerk in der Wachau-Region, musste besonders sensibel in die UNESCO-Welterbe-Landschaft eingefügt werden. Monatelange Abstimmungen mit Denkmalschutz, Umweltbehörden und lokalen Interessensgruppen prägten dieses Projekt. Die Brücke Mauthausen wiederum steht im Schatten des ehemaligen Konzentrationslagers und erforderte besondere historische Sensibilität bei Planung und Umsetzung.
Die Donaubrücke Stein-Mautern schließlich verbindet zwei historische Städte und ermöglicht eine zeitgemäße Überquerung des Stroms an einer Stelle, die bereits seit römischer Zeit als Verkehrsknoten dient. Jedes dieser Projekte kostete mehrere Dutzend Millionen Euro und erforderte jahre-, teilweise jahrzehntelange Vorbereitungszeit.
Während Brücken und Umfahrungen sichtbare Zeugnisse von Deckers Arbeit darstellen, lag ein besonderer Schwerpunkt seiner Tätigkeit im weniger spektakulären, aber umso wichtigeren Straßenbetrieb. Der Winterdienst in Niederösterreich gilt österreichweit als vorbildlich organisiert – eine Leistung, die maßgeblich auf Deckers Modernisierungsarbeit zurückzuführen ist.
Das Land verfügt über rund 300 Winterdienstfahrzeuge und beschäftigt während der Wintermonate bis zu 800 Räumfahrer. Die Koordination dieser Mannschaft erfolgt von mehreren regionalen Stützpunkten aus, die unter Deckers Leitung technisch aufgerüstet und organisatorisch optimiert wurden. Moderne GPS-Systeme ermöglichen heute eine zentimetergenaue Verfolgung aller Fahrzeuge und gewährleisten eine lückenlose Betreuung des gesamten Straßennetzes.
Ein besonderes Augenmerk legte der scheidende Straßenbaudirektor auf die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Das Schulungszentrum in Krems, ursprünglich eine kleine regionale Einrichtung, entwickelte er zu einem österreichweit anerkannten Kompetenzzentrum. Jährlich durchlaufen dort mehrere tausend Mitarbeiter Schulungen zu Themen wie Verkehrssicherheit, Umweltschutz, Maschinenbedienung und Krisenmanagement.
Besonders in außergewöhnlichen Situationen zeigte sich Deckers Führungsqualität. Das Hochwasser 2024, das weite Teile Niederösterreichs heimsuchte, stellte den Straßendienst vor beispiellose Herausforderungen. Hunderte Straßensperren mussten koordiniert, alternative Routen eingerichtet und zerstörte Infrastruktur rasch wiederhergestellt werden. Die professionelle Abwicklung dieser Krisensituation trug wesentlich dazu bei, dass trotz der verheerenden Wassermassen die Grundversorgung der Bevölkerung aufrechterhalten werden konnte.
Ähnlich bewährte sich die unter Deckers Leitung aufgebaute Krisenorganisation bei verschiedenen Hangsanierungen, etwa nach Murenabgängen oder Felsstürzen. In den vergangenen Jahren häuften sich wetterbedingte Schadensereignisse, die schnelle und koordinierte Reaktionen erfordern. Die Entwicklung standardisierter Abläufe und die Vorhaltung entsprechender Gerätschaften ermöglichen heute binnen Stunden die Sperrung gefährdeter Strecken und den Beginn von Reparaturarbeiten.
Deckers Expertise beschränkte sich nicht auf Niederösterreich. Als Sprecher der österreichischen Straßenbauleiter vertrat er die Interessen aller Bundesländer gegenüber dem Bund und der Europäischen Union. Diese Funktion gewann besonders bei der Umsetzung EU-weiter Verkehrsvorschriften und Umweltstandards an Bedeutung. Die Harmonisierung technischer Standards, die Koordination grenzüberschreitender Projekte und der Erfahrungsaustausch zwischen den Ländern prägten diese Tätigkeit.
In der Forschungsgesellschaft Straße Schiene Verkehr (FSV) engagierte sich Decker für die Weiterentwicklung technischer Standards und die Förderung innovativer Baumethoden. Diese Organisation, die als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis fungiert, entwickelt Richtlinien und Normen, die österreichweit Anwendung finden. Deckers Erfahrungen aus der täglichen Praxis flossen dabei in die Erarbeitung zukunftsweisender Konzepte ein.
Die Zusammenarbeit mit der ASFINAG, der österreichischen Autobahngesellschaft, erforderte besondere Koordinationsfähigkeiten. Während die ASFINAG für Autobahnen und Schnellstraßen zuständig ist, obliegt den Ländern die Betreuung der Anschlussstellen und Zubringerstraßen. Diese Schnittstelle professionell zu verwalten, Doppelgleisigkeiten zu vermeiden und dennoch die Interessen des Landes zu wahren, zählte zu den anspruchsvollsten Aufgaben der vergangenen Jahre.
Die unter Deckers Verantwortung realisierten Projekte haben nicht nur verkehrstechnische, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen. Niederösterreich profitiert als Industrieland besonders von einer leistungsfähigen Verkehrsinfrastruktur. Der Wirtschaftsstandort rund um Wiener Neustadt, geprägt von Unternehmen wie Bombardier oder Triumph, ist auf zuverlässige Verkehrsverbindungen angewiesen.
Die Umfahrungsstraßen haben nicht nur den Durchgangsverkehr aus den Ortskernen verbannt, sondern auch neue Gewerbeflächen erschlossen. Entlang der Umfahrung Mistelbach entstanden beispielsweise mehrere Einkaufszentren und Logistikbetriebe, die zusammen hunderte Arbeitsplätze schufen. Ähnliche Entwicklungen sind rund um alle größeren Infrastrukturprojekte zu beobachten.
Der Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftszweig in Niederösterreich, profitiert ebenfalls von den verbesserten Verkehrsverbindungen. Die Donaubrücken erleichtern nicht nur den Güterverkehr, sondern auch die touristische Erschließung der Wachau und des Waldviertels. Radfahrer, Wanderer und Kulturinteressierte können heute komfortabler als je zuvor die Sehenswürdigkeiten des Landes erreichen.
Im österreichweiten Vergleich nimmt Niederösterreich bei der Straßeninfrastruktur eine Spitzenposition ein. Die Straßendichte – gemessen in Kilometern pro Quadratkilometer – liegt über dem Bundesdurchschnitt, was der dezentralen Siedlungsstruktur des Landes geschuldet ist. Während urbane Bundesländer wie Wien auf öffentliche Verkehrsmittel setzen können, ist in Niederösterreich der Individualverkehr mangels Alternativen oft unverzichtbar.
Oberösterreich, ebenfalls ein Flächenbundesland, verfolgt eine ähnliche Strategie, verfügt jedoch über eine andere topographische Ausgangslage. Die Alpenregionen erfordern andere technische Lösungen als das überwiegend hügelige Niederösterreich. Steiermark wiederum muss aufgrund der Grenznähe zu Slowenien und Ungarn verstärkt auf grenzüberschreitende Abstimmung achten, während Niederösterreich als Umland von Wien besonders vom Pendlerverkehr geprägt ist.
Die Schweiz, oft als Vorbild für Infrastrukturprojekte genannt, investiert pro Kopf deutlich mehr in den Straßenbau als Österreich. Deutsche Bundesländer verfügen teilweise über modernere Autobahnsysteme, haben jedoch oft mit höherem Verkehrsaufkommen und entsprechend größerem Verschleiß zu kämpfen. Niederösterreich gelingt es, mit vergleichsweise moderaten Investitionen ein hohes Qualitätsniveau zu halten.
Für die niederösterreichischen Bürger bedeuten die unter Deckers Führung realisierten Projekte spürbare Verbesserungen im Alltag. Ein Pendler aus Mistelbach nach Wien spart durch die Umfahrung täglich mindestens zehn Minuten Fahrzeit – das summiert sich bei 250 Arbeitstagen im Jahr auf über 40 Stunden. Gleichzeitig sinkt der Spritverbrauch, da Stop-and-Go-Verkehr vermieden wird.
Anwohner der umfahrenen Ortskerne profitieren von deutlich reduzierter Lärmbelastung und besserer Luftqualität. In Zwettl beispielsweise sank die Schadstoffbelastung in der Innenstadt nach Fertigstellung der Umfahrung um über 30 Prozent. Ähnliche Werte wurden in Wieselburg und anderen Orten gemessen. Diese Verbesserungen wirken sich direkt auf die Gesundheit und Lebensqualität der Bewohner aus.
Wirtschaftstreibende in den Ortskernen berichten von positiven Effekten durch den Wegfall des Durchgangsverkehrs. Fußgängerzonen können sicherer gestaltet, Gastgärten erweitert und Veranstaltungen einfacher durchgeführt werden. Der befürchtete Verlust von Kunden durch die Umfahrungen ist größtenteils ausgeblieben, da gezielter Einkaufsverkehr weiterhin in die Zentren fließt.
Der verbesserte Winterdienst bedeutet für berufstätige Niederösterreicher mehr Verlässlichkeit bei der täglichen Mobilität. Die Anzahl wetterbedingter Verkehrsbehinderungen konnte in den vergangenen Jahren trotz teilweise extremer Witterungsbedingungen konstant niedrig gehalten werden. Schulbusse erreichen zuverlässiger ihre Ziele, Rettungsdienste können schneller zu Einsätzen gelangen.
Mit Deckers Pensionierung steht die niederösterreichische Straßenverwaltung vor neuen Herausforderungen. Der Klimawandel erfordert Anpassungen bei Materialien und Bauweisen. Extreme Wetterereignisse wie Starkregen oder Hitzewellen setzen der Infrastruktur verstärkt zu. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Umweltschutz und Nachhaltigkeit.
Die Elektromobilität wird in den kommenden Jahren neue Anforderungen an die Verkehrsinfrastruktur stellen. Ladestationen müssen in die Planung integriert, Stromnetze entsprechend ausgebaut werden. Autonomes Fahren erfordert möglicherweise Anpassungen bei Beschilderung und Straßenmarkierung. Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten für Verkehrssteuerung und -überwachung.
Demografische Veränderungen beeinflussen ebenfalls die zukünftige Verkehrsnachfrage. Während manche ländliche Regionen schrumpfen, wachsen andere durch Zuzug aus Wien. Diese unterschiedlichen Entwicklungen erfordern flexible Planungsansätze und regional differenzierte Lösungen.
Die Finanzierung großer Infrastrukturprojekte wird angesichts steigender Baukosten und gleichzeitig notwendiger Investitionen in andere Bereiche wie Bildung oder Gesundheit schwieriger. Innovative Finanzierungsmodelle und verstärkte Kooperationen zwischen öffentlicher Hand und privaten Partnern könnten notwendig werden.
Verkehrslandesrat Udo Landbauer fasste die Leistungen des scheidenden Straßenbaudirektors in seiner Würdigung treffend zusammen: „Josef Decker hat bleibende Spuren hinterlassen und das im besten Sinne des Wortes." Diese Formulierung bringt die Doppeldeutigkeit der Tätigkeit eines Straßenbauers zum Ausdruck – sowohl die wortwörtlichen Spuren in Form von Asphalt und Beton als auch die metaphorischen Spuren in der Organisation und im Bewusstsein der Menschen.
Die von Decker verantworteten Projekte werden noch Jahrzehnte das Gesicht Niederösterreichs prägen. Brücken haben eine Lebensdauer von 80 bis 100 Jahren, Umfahrungsstraßen beeinflussen die Entwicklung von Städten und Gemeinden für Generationen. Gleichzeitig hat er Strukturen geschaffen und Menschen ausgebildet, die sein Werk fortsetzen werden.
Die Nachfolge Deckers wird zweifellos eine anspruchsvolle Aufgabe. Wer auch immer die Führung der niederösterreichischen Straßenverwaltung übernimmt, kann auf einer soliden Basis aufbauen, die über fast vier Jahrzehnte gewachsen ist. Die Herausforderungen der Zukunft – von Klimawandel über Digitalisierung bis zu veränderten Mobilitätsgewohnheiten – erfordern neue Ansätze, aber die Grundlagen sind gelegt.