In der niederösterreichischen Stadthalle Ybbs trafen sich am vergangenen Samstag rund 400 Erste-Hilfe-Trainer und Lehrsanitäter des Samariterbundes zu einer außergewöhnlichen Fortbildung. Was auf d...
In der niederösterreichischen Stadthalle Ybbs trafen sich am vergangenen Samstag rund 400 Erste-Hilfe-Trainer und Lehrsanitäter des Samariterbundes zu einer außergewöhnlichen Fortbildung. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Schulung aussah, könnte künftig tausende Leben in Österreich retten. Denn die Teilnehmer lernten die neuesten Reanimationsleitlinien des European Resuscitation Council kennen – Wissen, das sie nun an zehntausende Ersthelfer im ganzen Land weitergeben werden.
Das zentrale Motto der neuen Reanimationsleitlinien 2025 lautet "Treat first what kills first" – behandle zuerst das, was am schnellsten tötet. Dieser Grundsatz markiert einen bedeutsamen Wandel in der Ersten Hilfe. Während früher oft starr nach Schema F vorgegangen wurde, steht nun die individuelle Bedrohungslage im Vordergrund. "Ausbildung ist das Fundament unserer Arbeit. Was hier vermittelt wird, kann im Ernstfall Leben retten", betonte Hannes Sauer, Präsident des Samariterbundes Niederösterreich, bei der Begrüßung der Teilnehmer.
Die European Resuscitation Council Guidelines werden alle fünf Jahre überarbeitet und bilden die wissenschaftliche Grundlage für Wiederbelebungsmaßnahmen in ganz Europa. Diese Leitlinien basieren auf umfangreichen Studien und klinischen Erfahrungen von Tausenden Ärzten und Rettungsexperten. Sie definieren nicht nur, wie eine Herzdruckmassage durchgeführt wird, sondern auch, welche Maßnahmen in welcher Reihenfolge am wirksamsten sind.
Das neue (c)ABCDE-Prinzip strukturiert die Erste Hilfe systematisch nach Lebensgefahr. Das "c" steht dabei für "critical bleeding" – kritische Blutungen. Diese werden nun als erstes behandelt, da ein Mensch binnen weniger Minuten verbluten kann. Anschließend folgt das klassische ABCDE-Schema: A steht für Airway (Atemweg) – hier wird überprüft, ob die Atemwege frei sind. B bedeutet Breathing (Atmung) – die Atemfunktion wird beurteilt und bei Bedarf unterstützt. C steht für Circulation (Kreislauf) – Herzfunktion und Durchblutung werden kontrolliert. D bedeutet Disability – neurologische Beeinträchtigungen wie Bewusstlosigkeit oder Lähmungen werden erkannt. E steht schließlich für Exposure (Umgebung) – Umweltfaktoren wie Kälte, Hitze oder weitere Gefahren werden berücksichtigt.
Diese strukturierte Herangehensweise hilft auch Laien dabei, in Stresssituationen systematisch vorzugehen. "Unser Gehirn funktioniert unter Stress anders", erklärt ein Notfallmediziner. "Ein klares Schema hilft dabei, nichts Wichtiges zu übersehen und die richtigen Prioritäten zu setzen."
Die stärkere Betonung lebensbedrohlicher Blutungen in den neuen Leitlinien ist kein Zufall. Statistiken zeigen, dass unkontrollierte Blutungen bei Unfällen die häufigste vermeidbare Todesursache darstellen. Ein erwachsener Mensch besitzt etwa fünf bis sechs Liter Blut. Verliert er mehr als 40 Prozent davon – also etwa zwei Liter – wird es lebensgefährlich. Bei einer durchtrennte Oberschenkelarterie kann dieser kritische Blutverlust bereits nach drei bis fünf Minuten erreicht sein.
Druckverbände, die fest auf eine Wunde gepresst werden, können solche Blutungen oft stoppen. Bei Verletzungen an Armen oder Beinen kommen künftig auch sogenannte Tourniquets – Aderpresse oder Abbindungen – stärker zum Einsatz. Diese Geräte, die ursprünglich aus dem militärischen Bereich stammen, können Arterien vollständig abdrücken und so auch schwerste Blutungen stillen. "Was im Kriegsgebiet Leben rettet, hilft auch bei Verkehrsunfällen oder Arbeitsunfällen", erklärt ein Ausbilder.
Ein weiterer Schwerpunkt der neuen Leitlinien liegt auf dem schnelleren Einsatz von Defibrillatoren, auch AED (Automatisierte Externe Defibrillatoren) genannt. Diese Geräte können durch Stromstöße ein gestopptes Herz wieder zum Schlagen bringen. In Österreich sind bereits über 10.000 solcher Geräte öffentlich zugänglich – in Bahnhöfen, Einkaufszentren, Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden.
Das Problem: Im Notfall wissen Helfer oft nicht, wo sich das nächstgelegene Gerät befindet. Hier setzt der sogenannte "dispatcher-unterstützte AED-Einsatz" an. Geschulte Mitarbeiter in den Notrufzentralen können Anrufer künftig per Telefon zum nächsten Defibrillator lotsen und bei der Anwendung anleiten. Smartphone-Apps zeigen bereits heute die Standorte der nächstgelegenen Geräte an.
Studien belegen die Wirksamkeit dieser Technologie eindrucksvoll: Wird ein AED innerhalb der ersten drei Minuten nach einem Herzstillstand eingesetzt, überleben 70 Prozent der Betroffenen. Nach zehn Minuten sind es nur noch 10 Prozent. "Jede Minute zählt", betont Wolfgang Dihanits, stellvertretender Bundessekretär des Samariterbundes. "Moderne Technologie kann dabei helfen, diese kritischen Minuten zu gewinnen."
Im internationalen Vergleich steht Österreich bei der Erste-Hilfe-Ausbildung gut da. Während in Deutschland nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung in den letzten fünf Jahren einen Erste-Hilfe-Kurs besucht haben, sind es in Österreich rund 25 Prozent. Die Schweiz erreicht ähnliche Werte wie Österreich. Spitzenreiter sind die skandinavischen Länder: In Norwegen haben über 40 Prozent der Bevölkerung aktuelle Erste-Hilfe-Kenntnisse.
Der Grund für Österreichs gute Position liegt im verpflichtenden Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein. Jährlich absolvieren etwa 100.000 Menschen diese Grundausbildung. Hinzu kommen betriebliche Erste-Hilfe-Kurse, Auffrischungen und spezialisierte Ausbildungen. Allein der Samariterbund bildet pro Jahr über 150.000 Menschen in Erste-Hilfe aus – von Kindergartenkindern bis zu Senioren.
Die aktualisierten Leitlinien berücksichtigen auch gesellschaftliche Veränderungen. Hitzeschäden werden aufgrund des Klimawandels häufiger – allein im Hitzesommer 2023 registrierten österreichische Krankenhäuser 30 Prozent mehr hitzebedingte Notfälle als im Vorjahr. Gleichzeitig steigt die Zahl der Diabetiker kontinuierlich: In Österreich leben mittlerweile über 600.000 Menschen mit Diabetes. Unterzuckerungen können lebensbedrohlich werden und erfordern schnelle Hilfe.
Auch Amputationsverletzungen, etwa bei Arbeitsunfällen mit Maschinen, werden in den neuen Empfehlungen detaillierter behandelt. Moderne Medizin kann abgetrennte Körperteile oft wieder annähen – vorausgesetzt, sie werden richtig transportiert und das Opfer rechtzeitig versorgt. "Die Erste Hilfe muss sich an die Realität anpassen", erklärt ein Trainer. "Wir sehen heute andere Verletzungsmuster als vor 20 Jahren."
Der Samariterbund setzt auf kontinuierliche Weiterbildung seiner Trainer. Alle fünf Jahre müssen sich Erste-Hilfe-Ausbilder und Lehrsanitäter rezertifizieren lassen. Dabei geht es nicht nur um neue medizinische Erkenntnisse, sondern auch um moderne Lehrmetheoden. Erwachsene lernen anders als Kinder, und auch kulturelle Unterschiede müssen berücksichtigt werden.
"Unsere Ausbildnerinnen und Ausbildner sorgen dafür, dass hohe Ausbildungsstandards in ganz Österreich umgesetzt werden und Wissen direkt in die Praxis gelangt", hält Wolfgang Dihanits fest. Die 400 Teilnehmer der Fortbildung in Ybbs sind Multiplikatoren: Sie werden ihr neues Wissen an schätzungsweise 50.000 Kursteilnehmer pro Jahr weitergeben.
Digitale Hilfsmittel verändern die Erste Hilfe grundlegend. Smartphone-Apps können heute bereits Herzrhythmusstörungen erkennen, Smartwatches registrieren Stürze automatisch und rufen Hilfe. GPS-Ortung ermöglicht es Rettungsdiensten, Notfallorte auf wenige Meter genau zu finden. Video-Telefonie erlaubt es erfahrenen Notärzten, Ersthelfer vor Ort anzuleiten.
Auch Virtual Reality wird künftig in der Ausbildung eine größere Rolle spielen. Statt an Puppen können angehende Ersthelfer in virtuellen Welten an realistischen Patienten üben – ohne Zeitdruck und mit der Möglichkeit, Szenarien beliebig oft zu wiederholen. "Die Technologie macht die Ausbildung effektiver und günstiger", prognostiziert ein Experte.
Die Forderung nach kontinuierlichen Erste-Hilfe-Schulungen "idealerweise beginnend ab dem Kindergarten" ist mehr als ein frommer Wunsch. Studien zeigen, dass Kinder ab fünf Jahren bereits einfache Erste-Hilfe-Maßnahmen erlernen können. Sie können einen Notruf absetzen, die stabile Seitenlage anwenden und kleinere Wunden versorgen.
Finnland hat bereits 2010 Erste-Hilfe-Unterricht als Pflichtfach in Grundschulen eingeführt. Das Ergebnis: Die Überlebensrate bei Herzstillständen außerhalb von Krankenhäusern stieg von 8 auf 23 Prozent. "Wenn wir wollen, dass Erste Hilfe selbstverständlich wird, müssen wir früh anfangen", argumentiert ein Bildungsexperte.
In Österreich diskutieren Experten bereits über verpflichtende Auffrischungskurse alle fünf Jahre – nicht nur für Autofahrer, sondern für alle Bürger. "Wer seinen Computer regelmäßig updatet, sollte auch sein Erste-Hilfe-Wissen aktuell halten", meint ein Ausbilder augenzwinkernd.
Die neuen Leitlinien werden sich direkt auf den Alltag der Österreicher auswirken. In Erste-Hilfe-Kursen werden künftig vermehrt Druckverbände geübt, das ABCDE-Schema eingetrainert und der Umgang mit Defibrillatoren intensiviert. Unternehmen müssen ihre betrieblichen Ersthelfer entsprechend schulen lassen.
Für Privatpersonen bedeutet dies: Wer in den nächsten Jahren einen Erste-Hilfe-Kurs besucht, lernt die modernsten und effektivsten Techniken. Das erworbene Wissen kann nicht nur anderen helfen, sondern auch dem eigenen Leben oder dem der Familie zugutekommen. Denn Notfälle passieren meist zu Hause – dort, wo professionelle Hilfe am weitesten entfernt ist.
Mit der Fortbildung in Ybbs hat der Samariterbund einen wichtigen Grundstein gelegt. Das dort vermittelte Wissen wird sich wie Wellen ausbreiten: von 400 Trainern zu zigtausend Kursteilnehmern, die wiederum Millionen von Bürgern helfen können. So funktioniert moderne Lebensrettung im 21. Jahrhundert – systematisch, wissenschaftlich fundiert und technologisch unterstützt.