Die Zeiten, in denen Studierende sich vollkommen auf ihr Studium konzentrieren konnten, sind längst vorbei. Fast sieben von zehn österreichischen Studierenden müssen nebenbei arbeiten, um sich ihr
Die Zeiten, in denen Studierende sich vollkommen auf ihr Studium konzentrieren konnten, sind längst vorbei. Fast sieben von zehn österreichischen Studierenden müssen nebenbei arbeiten, um sich ihr Studium und den Lebensunterhalt finanzieren zu können. Viele davon sogar mehr als 20 Stunden pro Woche – ein Pensum, das einem Halbtagsjob entspricht. Diese alarmierende Entwicklung nimmt die Österreichische Hochschüler_innenschaft (ÖH) zum Anlass für eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion am 18. März 2026 in Wien.
Die Statistik ist eindeutig: 69 Prozent aller Studierenden in Österreich sind erwerbstätig. Diese Zahl stammt aus der jüngsten Studierenden-Sozialerhebung und zeigt das Ausmaß einer Entwicklung, die das traditionelle Verständnis vom Studium als Vollzeitbeschäftigung fundamental verändert hat. Was bedeutet das konkret für die Betroffenen? Ein Studierender, der 20 Stunden pro Woche arbeitet, hat faktisch zwei Halbtagsjobs: das Studium und die Erwerbstätigkeit.
Diese Doppelbelastung führt zu zahlreichen Problemen. Die Studienzeit verlängert sich erheblich, die Qualität der Ausbildung leidet, und nicht selten führt die Überforderung zu gesundheitlichen Problemen oder zum Studienabbruch. Besonders betroffen sind Studierende aus einkommensschwachen Familien, die keine finanzielle Unterstützung ihrer Eltern erhalten können.
Doch nicht nur die schiere Anzahl der arbeitenden Studierenden ist besorgniserregend – auch die Qualität ihrer Beschäftigungsverhältnisse lässt oft zu wünschen übrig. Viele Studierende arbeiten in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, als freie Dienstnehmer oder in anderen atypischen Beschäftigungsformen. Diese bieten wenig Sicherheit, geringe Entlohnung und oft keine sozialen Absicherungen.
Pflichtpraktika, die integraler Bestandteil vieler Studiengänge sind, werden häufig unbezahlt absolviert oder nur symbolisch entlohnt. Gleichzeitig herrscht oft Unklarheit über die Rechte von Studierenden in diesen Beschäftigungsverhältnissen. Viele wissen nicht, dass sie auch als Praktikantinnen und Praktikanten bestimmte arbeitsrechtliche Ansprüche haben.
Um diese prekäre Situation zu thematisieren und konkrete Lösungsansätze zu diskutieren, veranstaltet die ÖH gemeinsam mit der FAKTory eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Prekär arbeiten, prekär studieren?". Die Veranstaltung findet am Mittwoch, 18. März 2026, um 18:00 Uhr in der Universitätsstraße 9 in Wien statt.
Die Zusammensetzung des Podiums zeigt die Bedeutung des Themas: Mit Eva-Maria Holzleitner ist die zuständige Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung vertreten. Renate Anderl, Präsidentin der Arbeiterkammer, bringt die Perspektive der Arbeitnehmervertretung ein. Selina Wienerroither als Vorsitzende der ÖH repräsentiert die Studierendenschaft, während Martin Unger vom Institut für Höhere Studien (IHS) die wissenschaftliche Expertise beisteuert. Jens Schneider, Rektor der TU Wien, vertritt die Hochschulseite.
Ein zentraler Diskussionspunkt wird die Studienbeihilfe sein. Das österreichische System der Studienförderung wurde in den 1960er Jahren entwickelt, als die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger waren und ein Studium noch weitgehend ohne Studiengebühren absolviert werden konnte. Die maximale Studienbeihilfe beträgt derzeit 923 Euro monatlich – ein Betrag, der in Wien oder anderen Universitätsstädten kaum ausreicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken.
Die durchschnittlichen Mietkosten für ein Studentenzimmer in Wien liegen bei etwa 400-500 Euro, in anderen Universitätsstädten wie Innsbruck oder Salzburg sogar noch höher. Dazu kommen Kosten für Lebensmittel, Lehrmaterialien, öffentliche Verkehrsmittel und andere Lebenshaltungskosten. Eine realistische Berechnung zeigt, dass Studierende in Wien mindestens 1.200-1.400 Euro pro Monat benötigen, um ohne finanzielle Not studieren zu können.
Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass andere Länder durchaus erfolgreichere Modelle entwickelt haben. In Deutschland beispielsweise liegt der BAföG-Höchstsatz bei 934 Euro monatlich, dazu kommen aber oft günstigere Wohnheimplätze und ein dichteres Netz an Unterstützungsmaßnahmen. In den skandinavischen Ländern erhalten Studierende teilweise deutlich höhere staatliche Unterstützung, was ihnen ein Studium ohne Erwerbstätigkeit ermöglicht.
Die Schweiz hat ein anderes Modell gewählt: Hier sind die Studiengebühren zwar höher, gleichzeitig sind aber auch die Verdienstmöglichkeiten für Studierende besser. Studentische Hilfskräfte werden dort fair entlohnt und haben oft bessere Arbeitsbedingungen als ihre österreichischen Kolleginnen und Kollegen.
Die hohe Erwerbsquote unter Studierenden bleibt nicht ohne Folgen für die Qualität der Hochschulbildung. Studierende, die 20 oder mehr Stunden pro Woche arbeiten müssen, können nicht an allen Lehrveranstaltungen teilnehmen, haben weniger Zeit für das Selbststudium und können sich weniger intensiv mit ihrem Fachgebiet auseinandersetzen.
Dies führt zu einer Verlängerung der Studienzeiten. Während ein Bachelor-Studium regulär sechs Semester dauert, benötigen berufstätige Studierende oft acht bis zehn Semester oder mehr. Das bedeutet nicht nur eine längere finanzielle Belastung, sondern auch einen späteren Eintritt in das Berufsleben als Vollzeitkraft.
Besonders problematisch ist die Situation in Studiengängen mit hohem Praxisanteil oder vielen Pflichtveranstaltungen. Medizin-, Pharmazie- oder Lehramtsstudien lassen wenig Spielraum für eine umfangreiche Erwerbstätigkeit. Studierende aus finanziell schwächeren Familien sind hier oft benachteiligt oder müssen diese Studiengänge ganz aufgeben.
Die ÖH hat konkrete Vorstellungen davon, wie die Situation verbessert werden könnte. Zentral ist die Forderung nach einer deutlichen Erhöhung der Studienbeihilfe. Diese sollte sich an den realen Lebenshaltungskosten orientieren und regelmäßig angepasst werden. Zusätzlich sollen die Zugangsvoraussetzungen zur Studienbeihilfe gelockert werden, damit mehr Studierende davon profitieren können.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Studierende. Praktika sollten grundsätzlich entlohnt werden, und es sollte klare Regelungen für die Rechte von Praktikantinnen und Praktikanten geben. Auch die Vereinbarkeit von Studium und Beruf muss verbessert werden, etwa durch flexiblere Studienzeiten oder bessere Betreuungsangebote.
Auch die Hochschulen selbst sind gefordert. Sie könnten mehr qualifizierte Studentenjobs anbieten, die gleichzeitig einen Lerneffekt haben. Tutorenstellen, Forschungsassistenzen oder Jobs in der Universitätsverwaltung können Studierenden nicht nur finanziell helfen, sondern auch wertvolle Berufserfahrungen vermitteln.
Darüber hinaus könnten Universitäten flexible Studienmodelle entwickeln, die berufstätigen Studierenden entgegenkommen. Abend- oder Wochenendstudiengänge, Online-Angebote oder modulare Studienpläne können helfen, Studium und Beruf besser zu vereinbaren.
Die prekäre Situation vieler Studierender hat auch volkswirtschaftliche Auswirkungen. Wenn hochqualifizierte Menschen ihre Studienzeit verlängern müssen oder gar nicht erst studieren können, führt das zu einem Mangel an Fachkräften. Gleichzeitig werden gesellschaftliche Ressourcen verschwendet, wenn Talente nicht optimal gefördert werden.
Eine Investition in bessere Studienbedingungen würde sich langfristig auszahlen. Studierende, die sich vollkommen auf ihr Studium konzentrieren können, schließen schneller ab und stehen dem Arbeitsmarkt früher als qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung. Sie haben auch bessere Chancen auf höhere Einkommen, was wiederum zu höheren Steuereinnahmen führt.
Die aktuelle Situation wirft auch Fragen der Generationengerechtigkeit auf. Während frühere Generationen oft kostenlos studieren konnten und dabei staatliche Unterstützung erhielten, die für ein Leben ohne Erwerbstätigkeit ausreichte, müssen heutige Studierende erhebliche finanzielle Lasten stemmen. Diese Verschiebung der Kosten von der Gesellschaft auf die Individuen ist problematisch, da sie zu einer Verschärfung sozialer Ungleichheit führt.
Die Podiumsdiskussion am 18. März wird zeigen, ob es einen politischen Willen gibt, die Situation der Studierenden zu verbessern. Die Zusammensetzung des Podiums lässt eine kontroverse, aber konstruktive Diskussion erwarten. Während die Studierendenvertretung und die Arbeiterkammer vermutlich deutliche Verbesserungen fordern werden, wird die Politik möglicherweise auf budgetäre Zwänge verweisen.
Entscheidend wird sein, ob konkrete Maßnahmen vereinbart werden können oder ob es bei Absichtserklärungen bleibt. Die 69 Prozent der berufstätigen Studierenden verdienen mehr als warme Worte – sie brauchen reale Verbesserungen ihrer Lebens- und Studiensituation. Die Zeit für halbherzige Lösungen ist vorbei, denn die Prekarisierung des Studiums gefährdet nicht nur die individuelle Bildungsbiografie, sondern auch die Zukunftsfähigkeit des Hochschulsystems insgesamt.