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Asbestfasern in Streusplitt: NÖ startet Notfall-Reinigung

10. März 2026 um 08:07
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Ein Vorfall, der die Sicherheit auf niederösterreichischen Straßen in Frage stellt, sorgt derzeit für intensive Aufräumarbeiten: Streusplitt aus einem burgenländischen Steinbruch enthält natürliche...

Ein Vorfall, der die Sicherheit auf niederösterreichischen Straßen in Frage stellt, sorgt derzeit für intensive Aufräumarbeiten: Streusplitt aus einem burgenländischen Steinbruch enthält natürliche Asbestfasern. Seit Montag laufen großangelegte Nasskehrarbeiten des NÖ Straßendienstes, um das kontaminierte Material von den Fahrbahnen zu entfernen. Die vorsorglichen Maßnahmen betreffen das gesamte Gebiet der Straßenmeisterei Aspang und zeigen einmal mehr, wie wichtig kontinuierliche Qualitätskontrollen bei Baumaterialien sind.

Gesundheitsgefahr durch natürlichen Asbest im Streumaterial

Die Entdeckung von Asbestfasern in Streusplitt ist kein alltägliches Problem. Asbest bezeichnet eine Gruppe natürlich vorkommender Silikatminerale, die aufgrund ihrer faserigen Struktur bei Einatmung schwerwiegende Gesundheitsschäden verursachen können. Diese Fasern sind so klein, dass sie tief in die Lunge eindringen und dort über Jahrzehnte verbleiben können. Die langfristigen Folgen reichen von Asbestose (einer chronischen Lungenerkrankung) über Lungenkrebs bis hin zum seltenen, aber oft tödlichen Mesotheliom. Besonders tückisch ist dabei, dass die Symptome erst nach 20 bis 40 Jahren auftreten können.

In diesem speziellen Fall handelt es sich um geogenen Asbest – eine natürlich im Gestein vorkommende Form, die sich von industriell hergestelltem Asbest unterscheidet. Geogener Asbest entsteht durch natürliche geologische Prozesse über Millionen von Jahren und kann in verschiedenen Gesteinsarten vorkommen. Serpentinite, metamorphe Gesteine und bestimmte Magmatite können solche natürlichen Asbestfasern enthalten. Die Konzentration variiert stark je nach Abbaugebiet und geologischer Formation.

Sofortmaßnahmen des NÖ Straßendienstes im Detail

"Die Sicherheit der Bevölkerung hat für uns oberste Priorität", betont DI Rainer Irschik, stellvertretender NÖ Straßenbaudirektor. Die eingeleiteten Nasskehrarbeiten sind dabei ein spezielles Verfahren, das gezielt zur Entfernung kontaminierter Materialien eingesetzt wird. Im Gegensatz zur herkömmlichen Straßenreinigung wird bei der Nasskehrung das zu entfernende Material mit Wasser benetzt, um eine Staubentwicklung zu verhindern. Dies ist bei asbesthaltigen Materialien von entscheidender Bedeutung, da trockenes Kehren die gefährlichen Fasern in die Luft wirbeln würde.

Der betroffene Streusplitt stammt aus dem Steinbruch Pilgersdorf im Burgenland. Dieser Betrieb liegt im südlichen Burgenland, etwa 15 Kilometer südlich von Oberwart. Die Region ist geologisch geprägt von kristallinen Gesteinen der Rechnitzer Serie, die Teil des ostalpinen Kristallins sind. Diese Gesteinsformation kann natürlicherweise Serpentinminerale enthalten, aus denen sich unter bestimmten Bedingungen Asbestfasern entwickeln können.

Umfang und Dauer der Reinigungsarbeiten

Die Nasskehrarbeiten konzentrieren sich auf das gesamte Gebiet der Straßenmeisterei Aspang, die für etwa 180 Kilometer Landesstraßen zuständig ist. Dies umfasst sowohl Hauptverkehrsrouten als auch Nebenstraßen in der Region um Aspang-Markt, Bad Schönau und den umliegenden Gemeinden. Experten schätzen, dass die vollständige Entfernung des kontaminierten Materials mehrere Wochen dauern könnte, abhängig von der Menge des verwendeten Splitts und den Witterungsbedingungen.

Die Arbeiten erfolgen mit speziell ausgerüsteten Kehrfahrzeugen, die über Wassersprühsysteme verfügen. Das aufgekehrte Material wird nicht einfach zur Seite geschoben, sondern in geschlossenen Containern gesammelt und als Sondermüll entsorgt. Die Entsorgung erfolgt in dafür zugelassenen Deponien, die über die notwendige Ausrüstung zur sicheren Behandlung asbesthaltiger Abfälle verfügen.

Rechtliche und finanzielle Konsequenzen

Der NÖ Straßendienst steht bereits in intensiven Gesprächen mit den betroffenen Lieferanten, um das Land Niederösterreich in dieser Angelegenheit schadlos zu halten. Dies bedeutet, dass die Kosten für die aufwendigen Reinigungsarbeiten und die Sondermüllentsorgung vom Verursacher getragen werden sollen. Die Gesamtkosten dürften sich auf mehrere hunderttausend Euro belaufen, wenn man die Personalkosten, die Spezialausrüstung, die Entsorgungsgebühren und den Ersatz des Streumaterials berücksichtigt.

Rechtlich bewegt sich der Fall im Bereich des Abfallwirtschaftsrechts und des Umweltschutzes. Die Bezirksverwaltungsbehörde als örtlich zuständige Verwaltungseinheit überwacht die ordnungsgemäße Durchführung der Sanierungsmaßnahmen. In Österreich sind die Bezirksverwaltungsbehörden für die Vollziehung zahlreicher Bundesgesetze zuständig, darunter das Abfallwirtschaftsgesetz und umweltrelevante Bestimmungen.

Lieferstopps und Qualitätssicherung

Als immediate Konsequenz wird von den betroffenen Steinbrüchen vorerst kein Streusplitt mehr bezogen. Diese Maßnahme trifft nicht nur den Steinbruch Pilgersdorf, sondern möglicherweise weitere Betriebe in der Region, falls sich herausstellen sollte, dass die Kontamination geologisch bedingt ist und mehrere Abbaugebiete betrifft.

Die Qualitätssicherung bei Streumaterial wird in Österreich normalerweise nach den Richtlinien der RVS (Richtlinien und Vorschriften für das Straßenwesen) durchgeführt. Diese umfassen physikalische und chemische Tests, jedoch sind Tests auf natürlichen Asbest nicht standardmäßig vorgesehen. Der aktuelle Fall könnte zu einer Überarbeitung der Prüfvorschriften führen, insbesondere bei Materialien aus geologisch sensiblen Gebieten.

Vergleich mit ähnlichen Fällen in anderen Bundesländern

Niederösterreich ist nicht das erste Bundesland, das mit kontaminiertem Streumaterial konfrontiert wird. In der Steiermark gab es bereits 2019 einen ähnlichen Fall, als in Bauschutt-Recyclingmaterial Asbestfasern entdeckt wurden. Damals mussten mehrere Straßenabschnitte aufwendig saniert werden. Auch in Kärnten führten 2021 Funde von asbesthaltigem Material in Recycling-Baustoffen zu umfangreichen Reinigungsmaßnahmen.

Im Vergleich zu Deutschland, wo solche Fälle häufiger dokumentiert werden, reagieren die österreichischen Behörden typischerweise sehr rasch und umfassend. In Bayern beispielsweise dauerte 2020 die Sanierung einer ähnlich kontaminierten Straße über sechs Monate, da zunächst langwierige Untersuchungen zur Ausbreitung der Kontamination durchgeführt werden mussten.

Die Schweiz hat bereits seit 2018 verschärfte Prüfvorschriften für Gesteinsmaterial aus bestimmten geologischen Formationen eingeführt. Schweizer Steinbrüche müssen bei Verdacht auf natürlichen Asbest regelmäßige Kontrolluntersuchungen durchführen lassen. Diese proaktive Herangehensweise könnte als Vorbild für österreichische Regelungen dienen.

Auswirkungen auf die Bevölkerung und den Verkehr

Für die Bevölkerung in der Region Aspang bedeuten die Reinigungsarbeiten zunächst einmal Verkehrsbehinderungen. Die Nasskehrung kann nur bei bestimmten Witterungsbedingungen durchgeführt werden – starker Regen oder Frost würden die Arbeiten erschweren oder unmöglich machen. Autofahrer müssen mit Einschränkungen rechnen, da die Reinigungsfahrzeuge langsam arbeiten und Überholmanöver oft nicht möglich sind.

Gesundheitlich besteht für die Bevölkerung nach Einschätzung von Experten keine akute Gefahr, solange die Fasern nicht aufgewirbelt werden. Das Risiko war hauptsächlich bei der ursprünglichen Ausbringung des Splitts gegeben, als das Material zerkleinert und verteilt wurde. Die jetzigen Nasskehrarbeiten minimieren das Risiko einer Faserfreisetzung erheblich.

Anwohner entlang der betroffenen Straßen sollten dennoch während der Reinigungsarbeiten Fenster geschlossen halten und Gartenarbeiten in unmittelbarer Straßennähe vermeiden. Kinder sollten nicht in der Nähe der Fahrbahn spielen, bis die Arbeiten abgeschlossen sind.

Langfristige Präventionsmaßnahmen

Der aktuelle Fall wird wahrscheinlich zu einer Überprüfung der Beschaffungsrichtlinien für Streumaterial führen. Künftig könnten systematische Tests auf natürlichen Asbest bei Materialien aus bestimmten geologischen Regionen vorgeschrieben werden. Dies würde die Kosten für Streumaterial erhöhen, aber ähnliche Vorfälle in Zukunft verhindern.

Eine zentrale Datenbank für Steinbrüche mit bekannten oder vermuteten Asbestvorkommen könnte ebenfalls entwickelt werden. Solche Systeme existieren bereits in anderen Ländern und haben sich als effektives Präventionsinstrument erwiesen.

Expertenbewertung und wissenschaftlicher Hintergrund

Geologen erklären, dass das Vorkommen von natürlichem Asbest in bestimmten Gesteinsformationen nicht ungewöhnlich ist. Die Ostalpen, zu denen auch das betroffene Gebiet im Burgenland gehört, entstanden durch komplexe tektonische Prozesse, bei denen verschiedene Gesteinseinheiten übereinander geschoben wurden. Dabei können sich unter bestimmten Druck- und Temperaturbedingungen Asbestminerale bilden.

Die Rechnitzer Serie, zu der der Steinbruch Pilgersdorf geologisch gehört, besteht hauptsächlich aus metamorphen Gesteinen des Paläozoikums. Diese wurden während der alpidischen Gebirgsbildung stark verformt und umgewandelt. In solchen metamorphen Prozessen können sich aus magnesiumreichen Gesteinen Serpentinminerale entwickeln, die wiederum Asbestfasern enthalten können.

Internationale Standards für Asbestmessungen

Die Bestimmung von Asbestfasern in Gestein erfolgt nach international standardisierten Verfahren. Die häufigste Methode ist die Rasterelektronenmikroskopie (REM) in Kombination mit energiedispersiver Röntgenspektroskopie (EDX). Diese Technik kann einzelne Fasern identifizieren und deren chemische Zusammensetzung bestimmen.

Der Grenzwert für Asbest in Baumaterialien liegt in Österreich bei 0,1 Gewichtsprozent. Bereits geringere Konzentrationen können jedoch bei großflächiger Verwendung und mechanischer Beanspruchung, wie sie beim Einsatz als Streusplitt auftritt, problematisch werden.

Wirtschaftliche Dimension des Problems

Die österreichische Steinbruch-Industrie setzt jährlich etwa 30 Millionen Tonnen Gestein um, davon entfallen rund 2 Millionen Tonnen auf Streumaterial. Der aktuelle Fall könnte die gesamte Branche dazu veranlassen, ihre Qualitätskontrollverfahren zu überdenken und zu erweitern.

Für kleinere Steinbrüche könnten die zusätzlichen Prüfkosten existenzbedrohend werden. Eine einzelne Asbestanalyse kostet zwischen 500 und 1.500 Euro, abhängig vom Umfang der Untersuchung. Bei regelmäßigen Kontrollen würden sich diese Kosten schnell summieren.

Andererseits entstehen durch Kontaminationsfälle wie den aktuellen erhebliche Folgekosten. Die Sanierungskosten für die betroffenen Straßenabschnitte dürften ein Vielfaches der Präventionskosten betragen. Dies spricht für eine systematische Vorab-Prüfung kritischer Materialien.

Zukunftsausblick und mögliche Reformen

Der Fall in Niederösterreich könnte zu grundlegenden Änderungen in der österreichischen Baustoffverordnung führen. Experten diskutieren bereits über die Einführung einer "geologischen Risikokarte", die Steinbrüche nach ihrem Potenzial für natürliche Schadstoffvorkommen klassifiziert. Betriebe in Hochrisikogebieten müssten dann regelmäßige Kontrollen durchführen lassen.

Auch die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern könnte intensiviert werden. Ein gemeinsames Informationssystem über problematische Materiallieferanten würde verhindern, dass kontaminierte Materialien in einem Bundesland entdeckt und in einem anderen weiter verwendet werden.

Die Digitalisierung könnte ebenfalls eine Rolle spielen: Blockchain-basierte Lieferketten-Dokumentation würde eine lückenlose Nachverfolgung von Baumaterialien ermöglichen. Jede Charge könnte von der Gewinnung bis zur Verwendung digital dokumentiert werden, inklusive aller Prüfergebnisse.

Rechtliche Entwicklungen auf EU-Ebene

Auf europäischer Ebene arbeitet die EU-Kommission an einer Verschärfung der Baustoffverordnung. Die neue "Construction Products Regulation" soll ab 2026 strengere Anforderungen an die Dokumentation und Prüfung von Baumaterialien stellen. Österreich könnte durch proaktive Maßnahmen eine Vorreiterrolle einnehmen und bereits jetzt Standards einführen, die später EU-weit gelten werden.

Die aktuellen Ereignisse in Niederösterreich zeigen exemplarisch, wie wichtig eine präventive Herangehensweise bei der Materialprüfung ist. Während die Sofortmaßnahmen des NÖ Straßendienstes professionell und umfassend sind, liegt die größere Herausforderung in der Entwicklung nachhaltiger Präventionssysteme. Die Sicherheit der Bevölkerung erfordert nicht nur schnelle Reaktionen auf erkannte Probleme, sondern auch vorausschauende Maßnahmen zur Vermeidung solcher Situationen.

Die kommenden Wochen werden zeigen, wie effektiv die eingeleiteten Reinigungsmaßnahmen sind und ob weitere Straßenabschnitte betroffen sind. Für die betroffenen Gemeinden bedeutet dies eine Zeit der Unsicherheit, aber auch die Gewissheit, dass ihre Sicherheit oberste Priorität hat. Der transparente Umgang der Behörden mit dem Problem und die schnelle Reaktion sind positive Signale für die Bewältigung ähnlicher Herausforderungen in der Zukunft.

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