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Bewegung kann Leben retten: MedUni Wien fordert Sport-Therapie

5. März 2026 um 08:19
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<p>Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sterben durchschnittlich 10 bis 20 Jahre früher als der Rest der Bevölkerung. Diese schockierende Statistik sollte jeden aufhorchen lassen – denn die ...

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sterben durchschnittlich 10 bis 20 Jahre früher als der Rest der Bevölkerung. Diese schockierende Statistik sollte jeden aufhorchen lassen – denn die Hauptursachen sind vermeidbar. Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, oft ausgelöst durch chronischen Bewegungsmangel, rauben Millionen von Betroffenen wertvolle Lebensjahre. Jetzt schlägt ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Medizinischen Universität Wien Alarm und fordert eine Revolution in der psychiatrischen Behandlung: Körperliche Aktivität muss endlich als fester Therapiebaustein etabliert werden.

Dramatische Zahlen aus der österreichischen Forschung

Die am 15. Januar 2025 im renommierten Fachmagazin JAMA Psychiatry veröffentlichte Übersichtsarbeit basiert auf der Analyse mehrerer hundert Studien mit teilweise über 10.000 Teilnehmern. Geleitet wurde die bahnbrechende Untersuchung von Brendon Stubbs vom Comprehensive Centre for Clinical Neurosciences and Mental Health der MedUni Wien. Die Ergebnisse sind eindeutig: Strukturierte Bewegung verbessert nachweislich Depressionen, psychotische Symptome, kognitive Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und die kardio-metabolische Gesundheit.

Besonders alarmierend sind die Bewegungsgewohnheiten der Betroffenen. Menschen mit Schizophrenie – einer schweren psychischen Erkrankung, die etwa ein Prozent der Weltbevölkerung betrifft – verbringen durchschnittlich fast zehn Stunden täglich im Sitzen. Das ist mehr als die meisten anderen Bevölkerungsgruppen, einschließlich Büroangestellter. Weniger als 20 Prozent dieser Patienten erfüllen die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation von mindestens 150 Minuten moderater oder 75 Minuten intensiver körperlicher Aktivität pro Woche.

Bewegungsmangel bei Depression und bipolarer Störung

Menschen mit Depression – der häufigsten psychischen Erkrankung, die in Österreich etwa 400.000 Menschen betrifft – sind bis zu 50 Prozent seltener ausreichend aktiv als ihre Altersgenossen. Ähnlich verhält es sich bei Patienten mit bipolarer Störung, einer Erkrankung mit extremen Stimmungsschwankungen zwischen manischen und depressiven Phasen. Diese Inaktivität ist nicht nur ein Begleitsymptom der Erkrankung, sondern verstärkt die Problematik in einem gefährlichen Teufelskreis.

Der Bewegungsmangel beschleunigt die Entstehung kardiometabolischer Störungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus Typ 2. Zusätzlich verschlimmert er entzündliche Reaktionen im Gehirn, die sogenannte Neuroinflammation. Diese Entzündungsprozesse stören die Kommunikation zwischen Nervenzellen und können zu erheblichen kognitiven Beeinträchtigungen führen – ein Phänomen, das Experten als "brain fog" oder Gehirnnebel bezeichnen.

Die biologischen Mechanismen: Wie Bewegungsmangel das Gehirn schädigt

Die Wiener Forschungsgruppe erklärt detailliert die biologischen Mechanismen, die hinter dieser dramatischen Verschlechterung stehen. Bewegungsmangel stört zunächst das Stresshormonsystem, medizinisch als HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse) bezeichnet. Dieses komplexe System reguliert normalerweise die Stressreaktion des Körpers und die Ausschüttung von Cortisol, dem wichtigsten Stresshormon.

Gleichzeitig erhöht Inaktivität verschiedene Entzündungsmarker im Blut, insbesondere das C-reaktive Protein und Interleukin-6. Diese Substanzen sind normalerweise Teil der körpereigenen Immunabwehr, können aber in chronisch erhöhten Konzentrationen zu systemischen Entzündungen führen, die sowohl das Herz-Kreislauf-System als auch das Gehirn schädigen.

Dopamin und Motivation: Der Teufelskreis der Inaktivität

Besonders problematisch ist die Beeinträchtigung der Dopamin-Belohnungsschaltkreise. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der für Motivation, Antrieb und Belohnung zuständig ist. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist dieses System oft bereits gestört – Bewegungsmangel verschlimmert diese Störung zusätzlich. Das Resultat: Betroffene haben noch weniger Motivation zur körperlichen Aktivität, wodurch sich der Zustand weiter verschlechtert.

Ein weiterer kritischer Faktor ist die Reduktion des BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor). Dieses Schlüsselprotein fungiert als eine Art "Dünger" für das Gehirn und ist essentiell für die Gehirngesundheit, die Bildung neuer Nervenzellen und die Regulierung der Stimmung. Bewegungsmangel führt zu einem drastischen Abfall der BDNF-Spiegel, was die psychiatrischen Symptome verstärkt und die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Bewegung als Medizin: Die heilende Kraft körperlicher Aktivität

Die gute Nachricht: Körperliche Aktivität kann viele dieser schädlichen Prozesse umkehren. "Die Evidenz ist mittlerweile eindeutig: Körperliche Aktivität ist eine sichere und wirksame Therapie für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen", betont Studienleiter Brendon Stubbs. "Eine psychiatrische Behandlung, in der keine Medikamente oder Psychotherapie angeboten werden, würden wir nicht akzeptieren. Es ist Zeit, denselben Standard auf Bewegung anzuwenden."

Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt wie ein natürliches Antidepressivum. Sie steigert die Produktion von Endorphinen – körpereigenen "Glückshormonen" – und verbessert die Durchblutung des Gehirns. Bewegung fördert außerdem die Produktion von BDNF und anderen neurotrophen Faktoren, die das Wachstum und die Vernetzung von Nervenzellen unterstützen.

Konkrete Auswirkungen auf verschiedene Erkrankungen

Bei Depression zeigt körperliche Aktivität Wirkungen, die mit denen von Antidepressiva vergleichbar sind. Studien belegen, dass bereits 30 Minuten moderates Training drei- bis viermal pro Woche die Symptome einer leichten bis mittelschweren Depression um 20 bis 30 Prozent reduzieren können. Bei Menschen mit Schizophrenie verbessert regelmäßige Bewegung nicht nur die körperliche Fitness, sondern auch die kognitiven Funktionen und reduziert die sogenannten Negativsymptome wie Antriebslosigkeit und sozialen Rückzug.

Patienten mit bipolarer Störung profitieren besonders von der stimmungsstabilisierenden Wirkung körperlicher Aktivität. Moderate Bewegung kann helfen, die extremen Stimmungsschwankungen zu dämpfen und das Risiko für manische oder depressive Episoden zu reduzieren.

Das 5A-Modell: Praktische Integration in die Behandlung

Die Wiener Forschungsgruppe hat einen konkreten Leitfaden entwickelt, wie Bewegung systematisch in die psychiatrische Versorgung integriert werden kann. Das sogenannte 5A-Modell besteht aus fünf aufeinander aufbauenden Schritten: Ask (Erfragen), Assess (Einschätzen), Advise (Empfehlen), Assist (Unterstützen) und Arrange (Nachbetreuen).

Ask – Erfragen der aktuellen Aktivität

Im ersten Schritt erfragen Ärzte und Therapeuten systematisch die aktuellen Bewegungsgewohnheiten ihrer Patienten. Dies sollte bei jeder Konsultation standardmäßig erfolgen, ähnlich wie die Frage nach Medikamenteneinnahme oder Alkoholkonsum. Typische Fragen sind: "Wie viele Minuten bewegen Sie sich pro Woche?" oder "Welche körperlichen Aktivitäten bereiten Ihnen Freude?"

Assess – Einschätzen der Bereitschaft zur Veränderung

Nicht jeder Patient ist sofort bereit, sein Bewegungsverhalten zu ändern. Therapeuten müssen die Motivationsstufe einschätzen und entsprechend reagieren. Bei Patienten in der "Vorintentionsphase" geht es zunächst um Aufklärung über die Vorteile von Bewegung. Patienten in der "Vorbereitungsphase" benötigen konkrete Pläne und Unterstützung.

Advise – Personalisierte Empfehlungen geben

Die Bewegungsempfehlungen müssen individuell auf den Patienten zugeschnitten sein. Faktoren wie körperliche Fitness, Vorerkrankungen, persönliche Vorlieben und soziale Umstände müssen berücksichtigt werden. Ein 60-jähriger Patient mit Herzproblemen benötigt andere Empfehlungen als eine 25-jährige Studentin mit Depression.

Assist – Unterstützung bei der Umsetzung

Die praktische Unterstützung ist entscheidend für den Erfolg. Dies kann die Vermittlung zu Sportvereinen, die Erstellung konkreter Trainingspläne oder die Identifikation von Trainingspartnern umfassen. Auch die Überwindung praktischer Hindernisse wie Transportprobleme oder Kostenfragen gehört dazu.

Arrange – Nachbetreuung und Verlaufskontrolle

Regelmäßige Follow-up-Termine sind essentiell, um den Fortschritt zu überwachen und bei Problemen zu helfen. Die Nachbetreuung sollte sowohl die körperlichen als auch die psychischen Auswirkungen der erhöhten Aktivität erfassen.

Internationale Perspektive: Österreich im Vergleich

Im internationalen Vergleich steht Österreich bei der Integration von Bewegung in die psychiatrische Behandlung noch am Anfang. Länder wie Australien und Großbritannien haben bereits strukturierte Programme entwickelt. In Australien gibt es seit 2019 das "Exercise Right for Mental Health" Programm, das speziell ausgebildete Sporttherapeuten in psychiatrischen Kliniken einsetzt.

In Deutschland entwickeln Kliniken wie die Charité Berlin innovative Ansätze zur Integration von Bewegungstherapie. Die Schweiz investiert verstärkt in die Ausbildung von Fachkräften, die sowohl psychologische als auch sportwissenschaftliche Expertise mitbringen.

Österreich hat mit seinen 28 psychiatrischen Abteilungen in öffentlichen Krankenhäusern und zahlreichen privaten Einrichtungen die Infrastruktur, um ähnliche Programme zu implementieren. Die Herausforderung liegt in der Finanzierung und der Ausbildung entsprechender Fachkräfte.

Barrieren und Lösungsansätze im österreichischen Gesundheitssystem

Trotz der eindeutigen wissenschaftlichen Evidenz gibt es noch erhebliche Hindernisse bei der Umsetzung. Ein Hauptproblem ist die Finanzierung. Während Medikamente und Psychotherapie von den Krankenkassen übernommen werden, ist die Kostenerstattung für Bewegungstherapie noch nicht standardisiert.

Ein weiteres Hindernis ist der Personalmangel. Österreich benötigt mehr ausgebildete Sporttherapeuten und Fachkräfte, die sowohl psychologische als auch bewegungstherapeutische Kompetenzen haben. Die Ausbildung solcher Fachkräfte dauert mehrere Jahre und erfordert erhebliche Investitionen.

Innovative Lösungsansätze

Digitale Gesundheitstechnologien können eine wichtige Rolle spielen. Fitness-Apps speziell für Menschen mit psychischen Erkrankungen, virtuelle Trainingseinheiten und Online-Coaching können die persönliche Betreuung ergänzen. Solche Technologien sind kosteneffektiv und können auch in ländlichen Gebieten eingesetzt werden.

Kooperationen zwischen psychiatrischen Einrichtungen und Sportvereinen bieten weitere Möglichkeiten. Viele österreichische Sportvereine sind bereit, spezielle Programme für Menschen mit psychischen Erkrankungen anzubieten, benötigen aber entsprechende Schulungen ihrer Trainer.

Auswirkungen auf Patienten: Konkrete Beispiele aus der Praxis

Die Auswirkungen einer systematischen Integration von Bewegung in die psychiatrische Behandlung wären für österreichische Patienten erheblich. Maria K., eine 45-jährige Bürokauffrau aus Wien mit schwerer Depression, könnte durch ein strukturiertes Bewegungsprogramm nicht nur ihre psychischen Symptome verbessern, sondern auch ihr erhöhtes Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduzieren.

Thomas M., ein 35-jähriger Informatiker aus Graz mit bipolarer Störung, könnte durch regelmäßiges Training die Anzahl und Schwere seiner Episoden reduzieren. Dies würde nicht nur seine Lebensqualität verbessern, sondern auch die Kosten für das Gesundheitssystem senken, da weniger stationäre Aufenthalte und Notfallbehandlungen notwendig wären.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile

Die volkswirtschaftlichen Vorteile einer besseren Integration von Bewegung in die psychiatrische Behandlung sind beträchtlich. Psychische Erkrankungen verursachen in Österreich jährlich Kosten von über 3,3 Milliarden Euro – sowohl durch direkte Behandlungskosten als auch durch Produktivitätsverluste aufgrund von Arbeitsausfällen.

Studien zeigen, dass jeder in Bewegungsprogramme investierte Euro langfristig drei bis vier Euro an Gesundheitskosten einspart. Dies liegt an der Prävention teurer Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes.

Zukunftsperspektiven: Revolution in der psychiatrischen Behandlung

Die Wiener Forschungsgruppe sieht in ihren Erkenntnissen den Beginn einer fundamentalen Veränderung in der psychiatrischen Behandlung. "Die drastisch verkürzte Lebenserwartung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ist eine der schlimmsten Ungleichheiten in der modernen Medizin", betont Studienleiter Stubbs. "Bewegung ist kein Allheilmittel, aber ein bewährtes, allgemein zugängliches und kosteneffektives Instrument, das wirklich helfen kann, diese Ungleichheit zu verringern."

In den nächsten fünf Jahren erwarten Experten eine schrittweise Integration von Bewegungstherapie in die Standardbehandlung psychiatrischer Erkrankungen. Österreichische Medizinuniversitäten arbeiten bereits an neuen Curricula, die angehende Psychiater und Psychologen in bewegungstherapeutischen Ansätzen schulen.

Technologische Innovationen

Die Digitalisierung wird eine Schlüsselrolle spielen. Wearable Technologien wie Smartwatches können objektive Daten über Aktivitätsniveau und Schlafqualität liefern. Künstliche Intelligenz kann personalisierte Trainingspläne erstellen und das Rückfallrisiko vorhersagen.

Virtual Reality-Anwendungen ermöglichen es Patienten mit schweren Ängsten oder Agoraphobie, in sicherer Umgebung erste Bewegungserfahrungen zu sammeln. Solche Technologien werden bereits in Pilotprojekten an der MedUni Wien getestet.

Die bahnbrechende Forschung aus Wien könnte den Anstoß für eine längst überfällige Revolution in der psychiatrischen Behandlung geben. Wenn Österreich diese Chance nutzt und Bewegung als gleichberechtigte Säule neben Medikation und Psychotherapie etabliert, könnten Tausende von Menschenleben gerettet und die Lebensqualität von Hunderttausenden Betroffenen erheblich verbessert werden. Die Zeit zum Handeln ist jetzt – denn jeder Tag der Untätigkeit kostet wertvolle Lebensjahre.

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