Ein ehemaliger Verschiebebahnhof wird zum Naturschutz-Juwel: In Wien-Breitenlee beginnt am 19. März 2026 die Umgestaltung eines einzigartigen Areals, das als sechstes Natura2000-Gebiet der Hauptsta...
Ein ehemaliger Verschiebebahnhof wird zum Naturschutz-Juwel: In Wien-Breitenlee beginnt am 19. März 2026 die Umgestaltung eines einzigartigen Areals, das als sechstes Natura2000-Gebiet der Hauptstadt bereits europaweit Aufmerksamkeit erregt. Das ambitionierte VienNATURA-Projekt, das mit EU-LIFE-Förderungen finanziert wird, soll zeigen, wie urbane Renaturierung funktioniert und gleichzeitig ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel werden.
Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky wird gemeinsam mit renommierten Partnern wie dem Naturhistorischen Museum Wien und BirdLife Österreich die ersten konkreten Schritte der Umgestaltung präsentieren. Das Mediengespräch findet an der Ecke Rautenweg/Schukowitzgasse im 22. Bezirk statt – genau dort, wo einst Güterwaggons rangiert wurden und künftig seltene Pflanzen und Tiere eine neue Heimat finden sollen.
Was macht dieses Projekt so besonders? Das Natura2000-Netzwerk ist das weltweit größte koordinierte Netzwerk von Schutzgebieten und erstreckt sich über alle 27 EU-Mitgliedsstaaten. Es dient dem Erhalt der biologischen Vielfalt in Europa und umfasst sowohl Gebiete zum Schutz von Vögeln als auch Flora-Fauna-Habitat-Gebiete. Dass Wien nun bereits sechs solcher Gebiete vorweisen kann, unterstreicht die Vorreiterrolle der Hauptstadt im europäischen Naturschutz.
Das EU-LIFE-Programm ist das einzige EU-Finanzierungsinstrument, das ausschließlich Umwelt-, Naturschutz- und Klimaschutzprojekte fördert. Seit 1992 hat es über 5.000 Projekte in ganz Europa unterstützt und dabei mehr als 10 Milliarden Euro investiert. Die Tatsache, dass Breitenlee als offizielles LIFE-Projekt anerkannt wurde, bedeutet nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch internationale Anerkennung für Wiens innovative Herangehensweise an urbanen Naturschutz.
VienNATURA erhält in der ersten Tranche bereits beträchtliche Förderungen, die es ermöglichen, die ehrgeizigen Renaturierungspläne in die Tat umzusetzen. Diese Mittel fließen direkt in die Umgestaltung des ehemaligen Industrieareals, wobei moderne ökologische Erkenntnisse mit praktischen Naturschutzmaßnahmen kombiniert werden.
Der ehemalige Verschiebebahnhof in Breitenlee war jahrzehntelang ein wichtiger Knotenpunkt im österreichischen Güterverkehr. Hier wurden Waggons zusammengestellt, getrennt und auf verschiedene Zielbahnhöfe verteilt. Mit dem Strukturwandel im Transportwesen und der zunehmenden Verlagerung auf Straße und direkte Bahnverbindungen verlor das Areal jedoch an Bedeutung und lag schließlich brach.
Diese scheinbar negative Entwicklung erwies sich jedoch als Glücksfall für die Natur: Ohne menschliche Eingriffe konnten sich auf den ehemaligen Bahnflächen spontane Biotope entwickeln. Pionierpflanzen besiedelten die Schotterflächen, seltene Vogelarten fanden Nistplätze in den verfallenden Gebäuden, und nach und nach entstand eine einzigartige Sekundärnatur, die heute als so wertvoll eingestuft wird, dass sie europäischen Schutzstatus erhält.
Im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten nimmt Wien eine Spitzenposition ein. Während Berlin elf Natura2000-Gebiete aufweist, aber auf eine deutlich größere Fläche verteilt, und Paris nur drei solcher Gebiete besitzt, zeigt Wien mit nun sechs Natura2000-Gebieten auf relativ kompaktem Stadtgebiet eine bemerkenswerte Dichte an geschützten Naturräumen. Innerhalb Österreichs ist Wien ebenfalls führend: Keine andere Stadt kann eine vergleichbare Konzentration von EU-weit anerkannten Schutzgebieten vorweisen.
Die Schweiz, obwohl nicht EU-Mitglied, verfolgt ähnliche Ansätze mit ihrem Smaragd-Netzwerk, das dem Natura2000-System entspricht. Städte wie Zürich haben erst in jüngster Zeit begonnen, urbane Renaturierungsprojekte von vergleichbarer Größenordnung zu entwickeln. Deutschland wiederum setzt bei städtischen Natura2000-Gebieten oft auf kleinere, dezentrale Lösungen, während Wien mit VienNATURA einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt.
Was bedeutet das neue Naturschutzgebiet für die Menschen in Wien? Zunächst einmal entsteht ein einzigartiger Naherholungsraum, der kostenlos zugänglich ist und Naturerlebnisse direkt vor der Haustür ermöglicht. Familien können ihre Kinder an die Natur heranführen, Hobbyfotografen seltene Tier- und Pflanzenarten ablichten, und Spaziergänger finden Ruhe abseits des städtischen Trubels.
Darüber hinaus trägt das Projekt zur Verbesserung des Stadtklimas bei. Grünflächen wirken als natürliche Klimaanlagen: Sie kühlen die Umgebung durch Verdunstung, filtern Schadstoffe aus der Luft und produzieren Sauerstoff. Studien zeigen, dass bereits ein Hektar Grünfläche die Temperatur in einem Umkreis von mehreren hundert Metern um bis zu zwei Grad senken kann. Für die Bewohner von Breitenlee und der angrenzenden Bezirksteile bedeutet dies konkret spürbare Verbesserungen der Lebensqualität, insbesondere während der heißen Sommermonate.
Auch der Immobilienmarkt profitiert: Wohnungen und Häuser in der Nähe von Naturschutzgebieten erzielen erfahrungsgemäß höhere Preise und sind begehrter. Eine Studie der Technischen Universität Wien aus dem Jahr 2023 zeigte, dass die Nähe zu Grünflächen den Immobilienwert um durchschnittlich 8-15 Prozent steigert.
Die Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum Wien bringt einen wichtigen Bildungsaspekt mit sich. Geplant sind Führungen, Workshops und Forschungsprojekte, die Bürgern aller Altersgruppen die Möglichkeit bieten, mehr über Ökologie, Artenschutz und nachhaltige Entwicklung zu erfahren. Schulklassen können das Gebiet als lebendiges Klassenzimmer nutzen, und Erwachsene haben die Chance, an Citizen-Science-Projekten teilzunehmen, bei denen sie aktiv zur Erforschung der lokalen Flora und Fauna beitragen.
BirdLife Österreich, als zweiter wichtiger Partner, bringt spezielles Wissen über Vogelschutz und Monitoring mit ein. Die Organisation plant regelmäßige Vogelbeobachtungstouren und wird ein Langzeitmonitoring der Arten im Gebiet durchführen. Diese Daten sind nicht nur für die Wissenschaft wertvoll, sondern helfen auch dabei, den Erfolg der Renaturierungsmaßnahmen zu dokumentieren und gegebenenfalls nachzujustieren.
Die Umwandlung eines ehemaligen Industrieareals in ein Naturschutzgebiet bringt spezifische Herausforderungen mit sich. Altlasten im Boden müssen untersucht und gegebenenfalls saniert werden, bestehende Infrastruktur muss rückgebaut oder naturverträglich integriert werden, und invasive Arten, die sich möglicherweise angesiedelt haben, müssen kontrolliert werden.
Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Balance zwischen Schutz und Zugänglichkeit. Einerseits soll das Gebiet für Besucher erlebbar sein, andererseits dürfen empfindliche Ökosysteme nicht gestört werden. Hier setzen die Planer auf ein Wegesystem, das sensible Bereiche ausspart und gleichzeitig attraktive Einblicke in die Natur ermöglicht. Informationstafeln werden über die Besonderheiten des Gebiets aufklären und für respektvolles Verhalten sensibilisieren.
EU-LIFE-Projekte sind typischerweise auf mehrere Jahre angelegt und erhalten eine Kofinanzierung von bis zu 60 Prozent der Projektkosten durch die EU. Die restlichen Mittel müssen von nationalen, regionalen oder lokalen Trägern aufgebracht werden. Im Fall von VienNATURA übernimmt die Stadt Wien als Hauptträger diese Kofinanzierung, was das starke politische Bekenntnis zu diesem Projekt unterstreicht.
Die erste Tranche der EU-Förderung ermöglicht es, sofort mit den wichtigsten Maßnahmen zu beginnen. Dazu gehören Bestandsaufnahmen der vorhandenen Flora und Fauna, die Erstellung detaillierter Managementpläne und die ersten praktischen Renaturierungsarbeiten. Weitere Tranchen werden nach erfolgreicher Umsetzung der ersten Schritte und entsprechender Dokumentation der Fortschritte freigegeben.
VienNATURA hat das Potenzial, zum Vorzeigeprojekt für urbane Renaturierung in ganz Europa zu werden. Die Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Projekt werden dokumentiert und anderen Städten zur Verfügung gestellt. Bereits jetzt zeigen Delegationen aus verschiedenen europäischen Metropolen Interesse an dem Wiener Modell.
In den nächsten fünf bis zehn Jahren soll das Breitenlee-Areal zu einem funktionierenden Ökosystem entwickelt werden, das als Trittsteinbiotop für wandernde Arten dient und zur Vernetzung der Wiener Grünräume beiträgt. Langfristig könnte es als Blaupause für die Umnutzung weiterer Brachflächen in Wien und anderen Städten dienen.
Die Klimakrise macht solche Projekte immer wichtiger. Städte müssen sich an steigende Temperaturen, häufigere Extremwetterereignisse und veränderte Niederschlagsmuster anpassen. Grüne Infrastruktur wie das Naturschutzgebiet in Breitenlee ist dabei ein wichtiger Baustein der Klimaanpassung. Sie hilft bei der Wasserspeicherung, reduziert Überhitzung und bietet gleichzeitig Lebensräume für Arten, die unter dem Klimawandel leiden.
Das Mediengespräch am 19. März markiert somit nicht nur den Projektstart, sondern auch einen wichtigen Meilenstein in Wiens Entwicklung zu einer klimaresilienten Stadt. Die Anreise ist unkompliziert mit den Buslinien 28A, 85A oder 97A bis zur Haltestelle Ginsterweg oder Breitenlee Schule möglich. Für alle, die sich für Naturschutz, Stadtentwicklung oder Klimaanpassung interessieren, bietet sich hier die Gelegenheit, Geschichte mitzuerleben – die Geschichte einer Stadt, die zeigt, wie urbaner Naturschutz im 21. Jahrhundert funktionieren kann.