Vierzig Jahre nach der Atomkatastrophe von Chornobyl steht die Ukraine vor einer neuen nuklearen Bedrohung. Ein russischer Drohnenangriff im Jahr 2025 hat die äußere Schutzhülle des havarierten Rea...
Vierzig Jahre nach der Atomkatastrophe von Chornobyl steht die Ukraine vor einer neuen nuklearen Bedrohung. Ein russischer Drohnenangriff im Jahr 2025 hat die äußere Schutzhülle des havarierten Reaktors schwer beschädigt und die Einsturzgefahr dramatisch erhöht. Ohne dringende Reparaturen könnte der darunter liegende Sarkophag mit Tonnen hochradioaktiver Materialien kollabieren – mit unabsehbaren Folgen für ganz Europa.
Ein neuer Greenpeace-Report von Ingenieur Eric Schmieman, der jahrelang am Bau der Schutzhülle mitgewirkt hat, offenbart das Ausmaß der Zerstörung. Der russische Drohnenangriff durchschlug die äußere Hülle des New Safe Confinement (NSC) und zerstörte etwa 50 Prozent der lebenswichtigen Isolierschicht. Diese Isolierung reguliert die Luftfeuchtigkeit innerhalb der Schutzhülle – ohne sie bildet sich Kondenswasser, das den darunterliegenden Sarkophag destabilisiert.
Das New Safe Confinement ist eine gigantische Stahlkonstruktion, die 2016 über den ursprünglichen Sarkophag geschoben wurde. Mit einer Länge von 162 Metern, einer Breite von 257 Metern und einer Höhe von 108 Metern ist sie eine der größten beweglichen Strukturen der Welt. Die Konstruktion kostete 1,5 Milliarden Euro und sollte ursprünglich 100 Jahre lang Schutz vor der Radioaktivität bieten.
Im Inneren des Sarkophags lagern nach wie vor etwa 200 Tonnen hochradioaktiver Kernbrennstoff, vermischt mit Beton, Stahl und anderen Materialien. Diese sogenannte "Elephantenfuß"-Formation entstand durch die Kernschmelze 1986, als geschmolzener Reaktorkern mit Beton reagierte und zu einer extrem radioaktiven Masse erstarrte. Die Strahlung ist auch heute noch so hoch, dass ein Mensch ohne Schutz bereits nach wenigen Minuten eine tödliche Dosis abbekommen würde.
"Es ist fast unmöglich, das Ausmaß der lebensbedrohlichen Bedingungen im Inneren des Sarkophags zu begreifen", erklärt Ingenieur Eric Schmieman. "Dort liegen Tonnen von hochradioaktivem Kernbrennstoff, Staub und Trümmern. Meine Kollegen und ich haben Jahre damit verbracht, die Ruinen des Reaktors 4 in Chornobyl zu untersuchen. Wir haben die neue Sicherheitshülle entworfen und gebaut, um die Umwelt und die Menschen in der Ukraine und in Europa zu schützen. Jetzt muss sie dringend repariert werden, damit sie nicht vollkommen einstürzt."
Die Atomkatastrophe von Chornobyl ereignete sich am 26. April 1986 während eines missglückten Sicherheitstests. Eine Explosion zerstörte Reaktor 4 des Kernkraftwerks und schleuderte radioaktive Partikel in die Atmosphäre, die sich über weite Teile Europas verteilten. Österreich war besonders betroffen – noch heute sind manche Wildpilze und Wildschweine in alpinen Regionen radioaktiv belastet.
Nach der Katastrophe wurde hastig ein erster Sarkophag um den zerstörten Reaktor errichtet. Diese Notlösung aus Stahl und Beton war jedoch nur als Übergangslösung gedacht und begann bereits in den 1990er Jahren zu bröckeln. Risse entstanden, durch die Regenwasser eindrang und radioaktive Partikel austreten konnten.
Die internationale Gemeinschaft investierte daher Milliarden in eine langfristige Lösung. Das New Safe Confinement wurde von einem internationalen Konsortium entwickelt und sollte nicht nur den alten Sarkophag schützen, sondern auch die schrittweise Demontage der radioaktiven Überreste ermöglichen. Österreich beteiligte sich mit mehreren Millionen Euro an der Finanzierung dieses Jahrhundertprojekts.
Im Vergleich zu anderen nuklearen Katastrophen wie Fukushima 2011 war Chornobyl besonders verheerend, weil der Reaktor keinen Sicherheitsbehälter besaß. Während in Fukushima die Radioaktivität größtenteils eingedämmt werden konnte, verbreitete sich in Chornobyl radioaktives Material unkontrolliert über Tausende von Kilometern. Die Schweiz und Deutschland haben aus beiden Katastrophen Lehren gezogen und ihre Ausstiegspläne aus der Atomenergie beschleunigt.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat eine völlig neue Dimension der nuklearen Bedrohung geschaffen. Russische Drohnenangriffe auf zentrale Kraftwerke, Stromleitungen und Umspannwerke unterbrechen regelmäßig die Energieversorgung für Chornobyl. Diese Stromausfälle gefährden die Sicherheitssysteme, die eine weitere Kontamination verhindern sollen.
Marc Dengler, Klima- und Energieexperte bei Greenpeace Österreich, warnt: "Vierzig Jahre nach der Katastrophe zeigt sich: Atomkraft ist und bleibt ein unkalkulierbares Risiko. Der russische Drohnenangriff auf das AKW Chornobyl hat das Risiko einer erneuten Verstrahlung massiv erhöht. Die Schutzhülle muss dringend repariert werden, damit die hochradioaktive Reaktorruine sowie die Tonnen giftigen Nuklearabfalls weiterhin sicher verwahrt bleiben."
Um die Abhängigkeit vom ukrainischen Stromnetz zu reduzieren, planen die staatlichen Betreiber ein revolutionäres Projekt: Ein Solarkraftwerk soll direkt auf dem ehemaligen Werksgelände von Chornobyl errichtet werden. Diese dezentrale Energieversorgung könnte die Sicherheitssysteme auch bei weiteren russischen Angriffen aufrechterhalten.
"Unabhängig, kostengünstig und sicher - auch für den langfristigen Schutz der Atomruine von Chornobyl sind erneuerbare Energien die beste Lösung", betont Dengler. Die Ironie ist bemerkenswert: Ausgerechnet am Ort der schlimmsten Atomkatastrophe der Geschichte soll saubere Sonnenenergie für Sicherheit sorgen.
Greenpeace fordert eine Ausweitung der EU-Sanktionen gegen Russland, insbesondere gegen den russischen Atomkonzern Rosatom. Dieser ist nicht nur in Russland aktiv, sondern betreibt weltweit Atomanlagen und könnte als Druckmittel gegen weitere Angriffe auf nukleare Einrichtungen dienen.
Die EU muss die Ukraine außerdem bei den dringend notwendigen Reparaturen unterstützen. Experten schätzen die Kosten für die Wiederherstellung der Schutzhülle auf mehrere hundert Millionen Euro. Ohne internationale Hilfe ist diese Summe für die kriegsgebeutelte Ukraine nicht aufzubringen.
Sollte der Sarkophag tatsächlich einstürzen, wären die Folgen auch in Österreich spürbar. Westliche Winde könnten radioaktive Partikel erneut nach Mitteleuropa tragen, wie bereits 1986 geschehen. Besonders betroffen wären wieder die östlichen Bundesländer Niederösterreich, Burgenland und die Steiermark.
Österreichische Atomkraft-Gegner sehen in der aktuellen Situation eine Bestätigung ihrer jahrzehntelangen Warnungen. "Atomkraft und Krieg sind eine tödliche Kombination", so ein Sprecher der Anti-Atom-Bewegung. "Was in Chornobyl passiert, zeigt, dass nukleare Anlagen niemals hundertprozentig sicher sind."
Die Reparatur der Schutzhülle gestaltet sich extrem schwierig. Arbeiter müssen in einem hochradioaktiven Umfeld agieren, während gleichzeitig die Gefahr weiterer russischer Angriffe besteht. Spezielle ferngesteuerte Roboter und Drohnen könnten zum Einsatz kommen, um menschliche Arbeiter zu schützen.
Die Isolierschicht muss vollständig erneuert werden, was Monate dauern könnte. Gleichzeitig müssen die Ingenieure innovative Lösungen entwickeln, um die Feuchtigkeitsregulierung zu verbessern und zukünftige Schäden zu verhindern. Jeder Tag ohne Reparatur erhöht das Risiko eines katastrophalen Einsturzes.
Die nächsten Monate werden entscheidend für die Zukunft von Chornobyl sein. Falls die Reparaturen gelingen, könnte die Schutzhülle ihre ursprünglich geplante Lebensdauer von 100 Jahren erreichen. In dieser Zeit soll die Radioaktivität so weit abklingen, dass eine sichere Demontage möglich wird.
Experten arbeiten bereits an Plänen für die Zeit nach 2116. Roboter sollen dann die hochradioaktiven Überreste bergen und in spezielle Endlager transportieren. Erst dann wäre das Kapitel Chornobyl endgültig geschlossen.
Bis dahin bleibt die Anlage ein Mahnmal für die Risiken der Atomkraft und ein Symbol für menschlichen Erfindungsreicht im Angesicht einer beispiellosen Herausforderung. Der Kampf um Chornobyl ist noch lange nicht vorbei – er hat gerade erst eine neue, gefährliche Phase erreicht.
Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, nicht nur finanzielle Unterstützung zu leisten, sondern auch diplomatischen Druck auszuüben, um weitere Angriffe auf nukleare Einrichtungen zu verhindern. Denn eines zeigt die aktuelle Situation deutlich: Die Gefahren von Chornobyl sind nach 40 Jahren keineswegs überwunden, sondern durch den Krieg sogar noch gewachsen.