Zurück
OTS-MeldungTermin/Wissenschaft/Forschung/Gesellschaft/Universität/Kultur

Dänische Historikerin entlarvt Holocaust-Mythen in Wien

18. März 2026 um 12:41
Teilen:

Am 25. März 2025 wird das Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies Schauplatz einer bemerkenswerten wissenschaftlichen Aufarbeitung: Die dänische Historikerin Sofie Lene Bak wird in ihrer ...

Am 25. März 2025 wird das Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies Schauplatz einer bemerkenswerten wissenschaftlichen Aufarbeitung: Die dänische Historikerin Sofie Lene Bak wird in ihrer Simon Wiesenthal Lecture zeigen, wie nationale Heldenerzählungen die Wahrheit über den Holocaust verzerren können. Ihre Forschung zu "Blindness and Light – Antisemitism and the Memory of Rescue in Denmark" verspricht, etablierte Geschichtsbilder fundamental zu hinterfragen und dabei aufzudecken, wie mythisierende Erinnerungskultur den Kampf gegen modernen Antisemitismus schwächt.

Das dänische Wunder: Realität oder Mythos?

Dänemark gilt in der internationalen Geschichtsschreibung als leuchtendes Beispiel für erfolgreiche Judenfrettung während des Holocaust. Die beeindruckende Statistik von 98 Prozent überlebender dänischer Jüdinnen und Juden – die meisten davon im schwedischen Exil – hat das Land zu einem Symbol des Widerstands gemacht. Doch Sofie Lene Bak, außerordentliche Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Kopenhagen, stellt diese glorifizierende Darstellung in Frage. Ihre jahrelange Forschungsarbeit, die sie am 25. März im Vienna Wiesenthal Institute präsentieren wird, deckt systematische Verzerrungen in der dänischen Erinnerungskultur auf.

Das Problem liegt nicht in der Tatsache der Rettung selbst, sondern in der Art, wie diese Ereignisse in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Die dänische Gesellschaft hat eine Erinnerungskultur entwickelt, die sich primär auf die Retter konzentriert, während die Perspektive der Opfer – der verfolgten Jüdinnen und Juden – in den Hintergrund gedrängt wurde. Diese Fokusverschiebung hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis des Holocaust als gesamteuropäisches und spezifisch jüdisches Trauma.

Die Gefahr der nationalen Selbstüberhöhung

Baks Forschung zeigt auf, wie die Integration der Rettungsgeschichte in eine glorifizierende nationale Widerstandserzählung den Holocaust als gemeinsame europäische Katastrophe marginalisiert hat. Wenn die Rettung dänischer Juden primär als Beweis für dänischen Mut und Moral dargestellt wird, gerät aus dem Blick, dass es sich um einen Teil der systematischen Vernichtung europäischer Juden handelte. Diese Perspektivverengung hat problematische Auswirkungen auf die Fähigkeit der dänischen Gesellschaft, zeitgenössischen Antisemitismus zu erkennen und effektiv zu bekämpfen.

Die Historikerin argumentiert, dass etablierte Erinnerungsmuster wie Scheuklappen wirken können. Wenn eine Gesellschaft sich selbst primär als Retterin sieht, wird sie möglicherweise blind für antisemitische Tendenzen in der eigenen Gegenwart. Diese "Blindheit" im Titel ihrer Lecture bezieht sich auf die Unfähigkeit, eigene Schwächen und Versäumnisse im Kampf gegen Judenhass wahrzunehmen, während das "Licht" ironisch die glorifizierende Selbstdarstellung meint, die diese Blindheit verursacht.

Methodische Aufarbeitung historischer Verzerrungen

Baks wissenschaftlicher Ansatz trennt systematisch zwischen dokumentierter historischer Realität und mythologischen Überlagerungen. Diese Methodik ist besonders relevant für Österreich, wo ähnliche Mechanismen der Geschichtsverklärung und -verdrängung nach 1945 lange Zeit die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit behinderten. Die österreichische "Opferthese" und die späte Anerkennung der Mitverantwortung am Holocaust zeigen parallele Muster zur dänischen Heldenerzählung.

Ihre Forschung basiert auf umfangreichen Archivstudien, Zeitzeugenbefragungen und der kritischen Analyse von Gedenkpraktiken. Als ehemalige Kuratorin am Dänischen Jüdischen Museum bringt Bak sowohl wissenschaftliche Kompetenz als auch praktische Erfahrung in der Vermittlung jüdischer Geschichte mit. Diese Kombination ermöglicht es ihr, komplexe historische Zusammenhänge für ein breites Publikum verständlich zu machen.

Internationale Bedeutung der Forschungsergebnisse

Die Relevanz von Baks Arbeit reicht weit über Dänemark hinaus. In ganz Europa kämpfen Gesellschaften mit der Aufarbeitung ihrer Holocaust-Geschichte, wobei oft nationale Narrative die kritische Auseinandersetzung überlagern. Deutschland hat einen anderen Weg der Vergangenheitsbewältigung eingeschlagen, mit einer intensiven Fokussierung auf Schuld und Verantwortung. Frankreich wiederum hat lange Zeit die Kollaboration mit den Nationalsozialisten verdrängt und stattdessen die Widerstandsgeschichte betont.

In Österreich ist diese Debatte besonders relevant, da das Land erst in den 1990er Jahren begann, seine Rolle als Tätergesellschaft umfassend anzuerkennen. Die lange Dominanz der "Opferthese" – Österreich als erstes Opfer Hitlers – zeigt ähnliche Mechanismen der Geschichtsverklärung wie die dänische Heldenerzählung. Beide Länder mussten lernen, dass nationale Selbstbilder der kritischen Geschichtsaufarbeitung im Weg stehen können.

Auswirkungen auf den modernen Antisemitismus

Baks zentrale These besagt, dass verzerrte Holocaust-Erinnerung die Fähigkeit einer Gesellschaft schwächt, gegenwärtigen Antisemitismus zu erkennen und zu bekämpfen. Wenn sich eine Nation primär als Retterin jüdischen Lebens sieht, entwickelt sie möglicherweise eine gefährliche Selbstzufriedenheit. Diese kann dazu führen, dass antisemitische Vorfälle als Einzelfälle abgetan oder ihre systematische Natur übersehen wird.

In Dänemark wie in anderen europäischen Ländern nehmen antisemitische Vorfälle zu. Angriffe auf jüdische Einrichtungen, antisemitische Äußerungen in sozialen Medien und die Verbreitung von Verschwörungstheorien erfordern eine wachsame und gut informierte Gesellschaft. Baks Forschung zeigt, dass mythisierende Erinnerungskulturen diese Wachsamkeit untergraben können, indem sie ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln.

Das Vienna Wiesenthal Institute als Forschungszentrum

Die Wahl des Vienna Wiesenthal Institute for Holocaust Studies als Veranstaltungsort ist symbolträchtig. Das Institut, benannt nach dem berühmten NS-Verfolger Simon Wiesenthal, ist eines der führenden Forschungszentren für Holocaust-Studien in Europa. Mit seinem Sitz in Wien, einer Stadt mit komplexer jüdischer Geschichte, bietet es den idealen Rahmen für kritische Auseinandersetzungen mit Erinnerungskultur und Antisemitismusforschung.

Das Institut versteht sich als Brücke zwischen historischer Forschung und gesellschaftlicher Bildungsarbeit. Die Simon Wiesenthal Lectures sind ein zentraler Baustein dieser Mission und bringen regelmäßig internationale Spitzenforscher nach Wien. Diese Veranstaltungsreihe trägt dazu bei, Wien als wichtigen Standort der Holocaust-Forschung zu etablieren und ermöglicht es der österreichischen Öffentlichkeit, direkten Zugang zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu erhalten.

Wissenschaftskommunikation und öffentliche Bildung

Sofie Lene Bak ist nicht nur eine anerkannte Wissenschaftlerin, sondern auch eine engagierte Wissenschaftskommunikatorin. Ihre Arbeit an Fernsehdokumentationen und Bildungsmaterialien zeigt, wie wichtig es ist, historische Forschung für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In einer Zeit, in der Fake News und Verschwörungstheorien zunehmen, ist fundierte Geschichtsvermittlung wichtiger denn je.

Ihre Ernennung zur Direktorin des künftigen National Forum for Antisemitism Studies an der Universität Kopenhagen unterstreicht die internationale Anerkennung ihrer Expertise. Das neue Forschungszentrum, das 2026 eröffnet wird, soll als Kompetenzzentrum für Antisemitismusforschung in Nordeuropa fungieren und dabei helfen, Strategien gegen modernen Judenhass zu entwickeln.

Praktische Relevanz für Österreich

Für österreichische Zuhörer bietet Baks Vortrag wichtige Impulse für die eigene Erinnerungskultur. Österreich hat in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte in der Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit gemacht. Die Anerkennung der Mitverantwortung, die Entschädigung von Holocaust-Überlebenden und die Integration der Shoah-Erinnerung in Bildung und Gedenken sind wichtige Schritte gewesen.

Dennoch zeigen aktuelle Entwicklungen, dass auch in Österreich die Gefahr einer Mythisierung oder Instrumentalisierung der Geschichte besteht. Politische Akteure verschiedener Couleur versuchen immer wieder, historische Ereignisse für gegenwärtige Zwecke zu nutzen. Baks methodischer Ansatz zur Trennung von Mythos und dokumentierter Realität kann als Vorbild für eine kritische Geschichtskultur dienen.

Antisemitische Vorfälle haben auch in Österreich zugenommen. Von Schmierereien an Synagogen bis hin zu verbalen Angriffen auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger – die Herausforderung ist real und erfordert eine wachsame Gesellschaft. Baks Erkenntnisse über die Verbindung zwischen Erinnerungskultur und der Fähigkeit zur Antisemitismus-Bekämpfung sind daher hochrelevant für die österreichische Debatte.

Zukunftsperspektiven der Holocaust-Forschung

Die Arbeit von Forscherinnen wie Sofie Lene Bak zeigt, wie sich die Holocaust-Forschung weiterentwickelt. War sie lange Zeit auf die Dokumentation der Ereignisse und die Sammlung von Zeitzeugenberichten fokussiert, rücken nun zunehmend die Mechanismen der Erinnerung und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen in den Mittelpunkt. Diese Entwicklung ist umso wichtiger, als die letzten Zeitzeugen altersbedingt verstummen und die Erinnerung an den Holocaust institutionalisiert werden muss.

Die kritische Analyse von Erinnerungskulturen wird dabei zu einem zentralen Forschungsfeld. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen, wie Gesellschaften ihre Geschichte konstruieren, welche Narrative sie bevorzugen und welche Aspekte sie verdrängen. Diese Forschung ist nicht nur für Historiker relevant, sondern auch für Soziologen, Politikwissenschaftler und Bildungsexperten.

Die internationale Vernetzung von Forschungseinrichtungen wie dem Vienna Wiesenthal Institute spielt dabei eine entscheidende Rolle. Durch den Austausch zwischen Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern können gemeinsame Muster in den Erinnerungskulturen identifiziert und bewährte Praktiken im Kampf gegen Antisemitismus geteilt werden.

Bedeutung für die Bildungsarbeit

Baks Forschungsergebnisse haben direkte Implikationen für die Holocaust-Bildung in Schulen und Universitäten. Wenn glorifizierende Narrative die Fähigkeit zur Antisemitismus-Bekämpfung schwächen, muss Bildung differenzierter und kritischer werden. Statt einfacher Gut-Böse-Schemata braucht es komplexe Darstellungen, die auch die Ambivalenzen und Grauzonen der Geschichte berücksichtigen.

In der österreichischen Bildungslandschaft hat sich bereits ein Wandel vollzogen. Moderne Geschichtslehrpläne legen Wert auf kritisches Denken und die Analyse verschiedener Perspektiven. Baks methodischer Ansatz kann diese Entwicklung weiter vorantreiben und helfen, eine Generation heranzuziehen, die gegen antisemitische Propaganda immun ist.

Die Veranstaltung am Vienna Wiesenthal Institute richtet sich an ein Fachpublikum aus Wissenschaft, Bildung und Politik, aber auch an interessierte Bürgerinnen und Bürger. Der freie Eintritt und die zentrale Lage in Wien machen die Lecture für ein breites Publikum zugänglich. Die Vortragssprache ist Englisch, was den internationalen Charakter der Veranstaltung unterstreicht und Teilnehmern aus verschiedenen Ländern die Teilnahme ermöglicht.

Interessierte können sich per E-Mail an [email protected] anmelden und sollten einen gültigen Lichtbildausweis mitbringen. Die Veranstaltung beginnt um 18:30 Uhr im Institut am Rabensteig 3 in der Wiener Innenstadt. Diese Simon Wiesenthal Lecture verspricht, nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln, sondern auch wichtige Impulse für eine reflektiertere Erinnerungskultur und einen effektiveren Kampf gegen Antisemitismus zu geben.

Weitere Meldungen

OTS
Termin

Dänische Holocaust-Mythen im Fokus einer Wiener Lecture

18. März 2026
Lesen
OTS
Termin

Caritas eröffnet neues Ausbildungszentrum für Pflege in Wien

18. März 2026
Lesen
OTS
Termin

Parkinson betrifft Männer häufiger - neue Therapien verbessern Leben

18. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen