Jüdisches Museum zeigt dokumentarische Intervention über Emmerich Grünwalds geheimen Rückzugsort
Eine bewegende Ausstellung im Jüdischen Museum Wien dokumentiert den versteckten Raum eines Holocaust-Überlebenden.
Das Jüdische Museum Wien präsentiert ab 25. Februar 2026 eine außergewöhnliche dokumentarische Intervention, die ein bislang verborgenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte Wiens beleuchtet. In Kooperation mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) wird die Geschichte der "Fluchtstube" erzählt – einem geheimen Versteck, das der Holocaust-Überlebende Emmerich Grünwald nach 1945 in Wien einrichtete.
Als Anfang 2026 aus bautechnischen Gründen ein Gebäude in der Wiener Schlickgasse 4 abgetragen werden musste, kam ein außergewöhnlicher Fund ans Licht: ein vollständig erhaltener versteckter Raum, den der Radio-Ingenieur Emmerich Grünwald (1896–1958) nach seiner Rückkehr aus der NS-Verfolgung errichtet hatte. Dieser Raum, den er selbst als "Fluchtstube" bezeichnete, war über eine verborgene Treppe unter einem Kleiderschrank erreichbar.
Die kleine Kammer war mit einer Küche und einer modernen Musikanlage ausgestattet und diente Grünwald als Rückzugsort. Obwohl für längere Aufenthalte ungeeignet, vermittelt die "Fluchtstube" ein beklemmendes Bild der psychischen Nachwirkungen, unter denen viele Holocaust-Überlebende auch Jahre nach ihrer Befreiung litten.
Emmerich Grünwald war ein erfolgreicher Radio-Ingenieur in Wien, bevor die Nationalsozialisten sein Leben zerstörten. 1942 wurde er ins Ghetto Theresienstadt deportiert, das er trotz einer körperlichen Beeinträchtigung überlebte. Nach seiner Rückkehr nach Wien im Jahr 1945 erhielt er sein zuvor "arisiertes" Radiogeschäft restituiert.
Zwischen seinem Geschäft und seiner Wohnung in der Schlickgasse 4 richtete Grünwald den versteckten Raum ein – ein stummes Zeugnis dafür, wie tief die Traumata von Verfolgung, Deportation und Konzentrationslager auch nach der Befreiung nachwirkten. Die "Fluchtstube" symbolisiert die anhaltende Angst und das Bedürfnis nach einem sicheren Versteck, das viele Überlebende auch in der vermeintlichen Sicherheit der Nachkriegszeit empfanden.
Als klar wurde, dass der Raum abgetragen werden musste, entschlossen sich das Jüdische Museum Wien und das DÖW, dieses einzigartige Zeugnis der Nachwelt zu erhalten. Marcus Patka vom Jüdischen Museum erklärt: "Die 'Fluchtstube' des Emmerich Grünwald erlebt im Jüdischen Museum ihre symbolische Wiedergeburt. In unserer filmischen Dokumentation erzählen wir ihre Geschichte: Bei Ihrem Besuch erleben Sie die Enge des Raums und der steilen, versteckten Treppe dorthin sowie die schwere Traumatisierung ihres Bewohners."
Wolfgang Schellenbacher vom DÖW betont die gesellschaftliche Dimension der Entdeckung: "Die 'Fluchtstube' mit ihrer volkstümlichen Holztäfelung und der Musikanlage erzählt vom Alltag traumatisierter Holocaustüberlebender wie Emmerich Grünwald: Sie kehrten zwar in ihre Heimat zurück, suchten aber auch Rückzug von der Nachkriegsgesellschaft der österreichischen Täter und Bystander, einem Wir, in dem sie nicht mehr lebten."
Die Ausstellung im Project Space des Jüdischen Museums Wien verbindet filmische Aufnahmen, Interviews und historische Recherchen zu einem eindringlichen Gesamtbild. Die Installation macht die Enge des ursprünglichen Raums spürbar und vermittelt den Besuchern eine Vorstellung von der psychischen Verfassung ihres Bewohners.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Musikanlage, die das Herzstück der "Fluchtstube" bildete. Als einziger Teil der ursprünglichen Einrichtung konnte sie gerettet werden und ist nun zentraler Bestandteil der Präsentation. Die Musik diente Grünwald offenbar als emotionaler Ausgleich und Verbindung zur Außenwelt.
Die Entdeckung und Dokumentation der "Fluchtstube" wirft ein neues Licht auf die Situation von Holocaust-Überlebenden in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft. Viele Überlebende kehrten in ein Land zurück, das sich nur zögerlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzte und in dem ehemalige Täter und Mitläufer oft unbehelligt weiterleben konnten.
Die "Fluchtstube" steht symbolisch für die anhaltende Unsicherheit und das Trauma, das diese Menschen auch Jahre nach der Befreiung begleitete. Sie verdeutlicht, wie schwierig es für viele Überlebende war, in die österreichische Gesellschaft zurückzufinden und Vertrauen zu fassen.
Trotz intensiver Forschungsarbeit bleiben viele Fragen zur "Fluchtstube" offen. Wolfgang Schellenbacher vom DÖW merkt an: "Die gemeinsame Arbeit zur 'Fluchtstube' hat wieder gezeigt, dass manchmal auch trotz intensiver Forschung Geheimnisse verborgener Räume offenbleiben können."
Diese Geheimnisse machen die Ausstellung besonders eindrucksvoll, da sie den Besuchern vor Augen führt, wie viele Geschichten von Holocaust-Überlebenden unerzählt blieben oder nur fragmentarisch überliefert sind. Jeder entdeckte Raum, jedes gefundene Dokument trägt dazu bei, das Bild der Nachkriegszeit zu vervollständigen.
Die Zusammenarbeit zwischen dem Jüdischen Museum Wien und dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zeigt, wie wichtig institutionelle Kooperationen für die Aufarbeitung der Geschichte sind. Beide Einrichtungen bringen ihre spezifische Expertise ein: das Jüdische Museum seine Erfahrung in der musealen Präsentation jüdischer Geschichte, das DÖW seine umfassenden Kenntnisse zur NS-Verfolgung und zum Widerstand.
Unterstützt wird das Projekt von visualhistory.tv beim Videoschnitt und dem Studio "solo ohne" bei der Gestaltung. Diese Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen ermöglicht eine vielschichtige und professionelle Aufbereitung des Materials.
Die Intervention "Die Fluchtstube – Geheimnisse eines verborgenen Raumes" ist vom 25. Februar bis 8. Juni 2026 im Project Space des Jüdischen Museums Wien in der Dorotheergasse 11 zu sehen. Die Kuratoren Marcus G. Patka und Wolfgang Schellenbacher haben eine Präsentation entwickelt, die sowohl wissenschaftlich fundiert als auch emotional berührend ist.
Die Ausstellung richtet sich an alle, die sich für die Geschichte des Holocaust und seine Nachwirkungen interessieren. Besonders wertvoll ist sie für Besucher, die verstehen möchten, wie die Traumata der NS-Zeit auch Jahrzehnte nach der Befreiung das Leben der Überlebenden prägten.
In einer Zeit, in der die letzten Holocaust-Überlebenden sterben und ihre Geschichten mit ihnen zu verschwinden drohen, gewinnen Entdeckungen wie die "Fluchtstube" besondere Bedeutung. Sie erinnern daran, dass die Aufarbeitung der NS-Zeit noch lange nicht abgeschlossen ist und dass es wichtig ist, auch die weniger sichtbaren Aspekte der Verfolgung und ihrer Folgen zu dokumentieren.
Die "Fluchtstube" von Emmerich Grünwald wird so zu einem wichtigen Baustein im kollektiven Gedächtnis Österreichs – einem Zeugnis für das Leid der Vergangenheit und einem Mahnmal für die Zukunft.