Die österreichische Elektro- und Elektronikindustrie steht vor einem der schwierigsten Kollektivvertragsverhandlungen der vergangenen Jahre. Heute überreichten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmervert...
Die österreichische Elektro- und Elektronikindustrie steht vor einem der schwierigsten Kollektivvertragsverhandlungen der vergangenen Jahre. Heute überreichten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter ihre jeweiligen Forderungen – doch konkrete Zahlen blieben vorerst unter Verschluss. Was jedoch bereits feststeht: Die Branche kämpft mit massiven strukturellen Problemen, die bereits zum Abbau von über 2.700 Arbeitsplätzen geführt haben.
Die Zahlen, die der Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie (FEEI) präsentiert, zeichnen ein düsteres Bild der zweitgrößten Industriebranche Österreichs. Zwischen Juli 2023 und Oktober 2025 mussten aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage bereits mehr als 2.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze verlassen. Dies entspricht einem Abbau von rund 3,7 Prozent der gesamten Belegschaft, die aktuell etwa 72.500 Beschäftigte umfasst.
Diese Entwicklung ist besonders alarmierend, wenn man bedenkt, dass die Elektro- und Elektronikindustrie traditionell als Wachstumsbranche gilt. Mit einem Produktionswert von 23,43 Milliarden Euro im Jahr 2024 und rund 300 Unternehmen zählt der Sektor zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Landes. Der massive Stellenabbau deutet auf tieferliegende strukturelle Probleme hin, die weit über konjunkturelle Schwankungen hinausgehen.
Kollektivverträge (KV) sind in Österreich zentrale Instrumente der Sozialpartnerschaft und regeln die Arbeitsbedingungen für ganze Branchen. Sie legen nicht nur Mindestlöhne fest, sondern auch Arbeitszeiten, Urlaubsansprüche, Kündigungsfristen und viele weitere Aspekte des Arbeitslebens. Im Gegensatz zu individuellen Arbeitsverträgen gelten Kollektivverträge für alle Beschäftigten einer Branche, unabhängig davon, ob sie Gewerkschaftsmitglieder sind oder nicht.
Die jährlichen KV-Verhandlungen sind dabei ein komplexer Prozess, bei dem Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen über Lohnerhöhungen, neue Arbeitszeitmodelle oder verbesserte Sozialleistungen verhandeln. Für die etwa 72.500 Beschäftigten der Elektro- und Elektronikindustrie haben diese Verhandlungen direkte Auswirkungen auf ihr Einkommen und ihre Arbeitsbedingungen im kommenden Jahr.
Die Elektro- und Elektronikindustrie steht vor beispiellosen Herausforderungen. Geopolitische Spannungen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg und den Handelskonflikten zwischen den USA und China, haben die internationalen Lieferketten massiv gestört. Viele österreichische Unternehmen der Branche sind stark exportorientiert und dadurch besonders von globalen Unsicherheiten betroffen.
Zusätzlich kämpft die Branche mit dem strukturellen Wandel hin zur Digitalisierung und Elektromobilität. Während diese Trends langfristig Wachstumschancen bieten, erfordern sie kurzfristig massive Investitionen in neue Technologien und Produktionsverfahren. Unternehmen müssen gleichzeitig ihre traditionellen Geschäftsmodelle transformieren und neue Kompetenzen aufbauen.
Die Energiekrise und steigende Rohstoffpreise haben die Situation zusätzlich verschärft. Viele Unternehmen der Elektro- und Elektronikindustrie sind energieintensiv und leiden unter den drastisch gestiegenen Energiekosten. Dies führt zu einem Druck auf die Gewinnmargen und zwingt Unternehmen zu Kosteneinsparungen, die häufig zu Lasten der Beschäftigung gehen.
Die Probleme der österreichischen Elektro- und Elektronikindustrie spiegeln sich auch in anderen Regionen wider. In Bayern, dem deutschen Pendant zu Österreich in Sachen Hochtechnologie, kämpfen Unternehmen wie Siemens oder Infineon mit ähnlichen Herausforderungen. Auch dort wurden in den vergangenen Monaten Tausende Arbeitsplätze abgebaut.
Die Schweizer Elektro- und Elektronikindustrie, die traditionell als besonders wettbewerbsfähig gilt, verzeichnet ebenfalls Rückgänge. Unternehmen wie ABB haben ihre Produktionskapazitäten in Europa reduziert und verlagern zunehmend Fertigung in kostengünstigere Standorte in Asien. Dies zeigt, dass die Herausforderungen der Branche nicht spezifisch österreichisch, sondern europaweit zu beobachten sind.
Der Arbeitsplatzabbau in der Elektro- und Elektronikindustrie hat weitreichende soziale Folgen. Viele der betroffenen Arbeitsplätze sind gut bezahlte Facharbeiterstellen mit überdurchschnittlichen Löhnen. Der Verlust solcher Jobs bedeutet für die betroffenen Familien oft einen erheblichen Einkommensverlust und soziale Abstiegserfahrungen.
Besonders betroffen sind Regionen mit hoher Konzentration von Elektro- und Elektronikunternehmen. In Oberösterreich, der Steiermark und Wien, wo viele der 300 Branchenunternehmen angesiedelt sind, steigt die Arbeitslosigkeit in technischen Berufen merklich an. Gleichzeitig fehlen oft alternative Beschäftigungsmöglichkeiten mit vergleichbaren Qualifikationsanforderungen und Entlohnungen.
Für jüngere Arbeitnehmer bedeutet die Krise auch eine Verschlechterung der Ausbildungs- und Karrierechancen. Viele Unternehmen haben ihre Lehrlingsausbildung reduziert oder ganz eingestellt. Dies kann langfristig zu einem Fachkräftemangel führen, wenn sich die wirtschaftliche Situation wieder verbessert.
Österreich steht im internationalen Standortwettbewerb unter enormem Druck. Während die Lohnkosten hierzulande zu den höchsten in Europa gehören, können Unternehmen in Osteuropa oder Asien deutlich kostengünstiger produzieren. Gleichzeitig bieten Länder wie Deutschland oder die Niederlande bessere Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung.
Die österreichische Elektro- und Elektronikindustrie muss daher ihre Wettbewerbsfähigkeit über Innovation und Spezialisierung sichern. Dies erfordert jedoch massive Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie in die Qualifikation der Mitarbeiter. Paradoxerweise sind genau diese Investitionen in der aktuellen wirtschaftlichen Lage besonders schwer zu finanzieren.
Die Sozialpartnerschaft, das österreichische Modell der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, steht vor einer Bewährungsprobe. In Zeiten wirtschaftlicher Prosperität war es relativ einfach, Kompromisse zu finden, die beiden Seiten zugutekommen. In der aktuellen Krise müssen jedoch schmerzhafte Entscheidungen getroffen werden.
Der FEEI fordert von den Gewerkschaften Verständnis für die schwierige Lage der Unternehmen und moderate Lohnforderungen. Gleichzeitig müssen die Arbeitnehmervertreter die Interessen ihrer Mitglieder verteidigen, die unter der Inflation und den steigenden Lebenshaltungskosten leiden. Dieser Spagat wird die Verhandlungen besonders schwierig machen.
Die Erfahrungen aus früheren Krisen zeigen jedoch, dass die österreichische Sozialpartnerschaft durchaus in der Lage ist, auch schwierige Situationen zu bewältigen. Während der Finanzkrise 2008/2009 konnten durch flexible Arbeitszeitmodelle und Kurzarbeitsprogramme viele Arbeitsplätze gerettet werden.
Trotz aller aktuellen Probleme bietet der technologische Wandel der Elektro- und Elektronikindustrie auch erhebliche Zukunftschancen. Die Digitalisierung, die Energiewende und die Elektromobilität schaffen neue Märkte und Geschäftsfelder. Österreichische Unternehmen haben in vielen dieser Bereiche durchaus competitive Advantages aufgebaut.
So sind heimische Firmen bei Industrieautomatisierung, erneuerbaren Energien oder elektronischen Bauteilen für die Automobilindustrie international gut positioniert. Die Herausforderung besteht darin, diese Stärken auszubauen und gleichzeitig die notwendigen Strukturveränderungen zu bewältigen, ohne dabei die soziale Dimension aus den Augen zu verlieren.
Die nächste Verhandlungsrunde am 9. April wird zeigen, wie weit Arbeitgeber und Gewerkschaften bereit sind, aufeinander zuzugehen. Experten erwarten schwierige und langwierige Verhandlungen, da beide Seiten unter erheblichem Druck stehen. Die Arbeitgeber müssen die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen erhalten, während die Gewerkschaften die Kaufkraft ihrer Mitglieder schützen müssen.
Möglich sind flexible Lösungen wie gestaffelte Lohnerhöhungen, die an die wirtschaftliche Entwicklung gekoppelt sind, oder Investitionen in Weiterbildung und Qualifikation als Alternative zu reinen Lohnsteigerungen. Auch könnte die Vereinbarung von Beschäftigungsgarantien eine Rolle spielen, um weitere Arbeitsplatzverluste zu verhindern.
Die Ergebnisse der KV-Verhandlungen werden nicht nur für die 72.500 Beschäftigten der Branche entscheidend sein, sondern auch Signalwirkung für andere Branchen haben. In einer Zeit, in der viele Industriezweige mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen, könnten innovative Lösungen aus der Elektro- und Elektronikindustrie als Vorbild dienen.
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden sich bis zur nächsten Verhandlungsrunde kaum grundlegend verbessern. Umso wichtiger wird es sein, dass beide Seiten Verantwortung übernehmen und gemeinsam nach Lösungen suchen, die sowohl die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen als auch die sozialen Bedürfnisse der Beschäftigten berücksichtigen. Die österreichische Elektro- und Elektronikindustrie steht vor der Aufgabe, sich neu zu erfinden – die KV-Verhandlungen werden zeigen, ob dies gelingen kann.