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Erasmus-Comeback: Österreichs Studenten können 2027 wieder nach Großbritannien

13. April 2026 um 13:47
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Nach Jahren der Ungewissheit ist es nun offiziell: Das Vereinigte Königreich kehrt zum europäischen Erasmus+-Programm zurück. Der Rat der Europäischen Union erteilte am Mittwoch grünes Licht für di...

Nach Jahren der Ungewissheit ist es nun offiziell: Das Vereinigte Königreich kehrt zum europäischen Erasmus+-Programm zurück. Der Rat der Europäischen Union erteilte am Mittwoch grünes Licht für die Wiederaufnahme Großbritanniens ab dem 1. Januar 2027. Diese Entscheidung beendet eine schmerzhafte Trennung, die seit dem Brexit-Vollzug Ende 2020 Tausende österreichische Studierende von ihrem Traum eines Auslandssemesters in Oxford, Cambridge oder Edinburgh abhielt.

Brexit-Folgen: Warum Erasmus vier Jahre lang Geschichte war

Das Erasmus+-Programm, benannt nach dem niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam, gilt als Europas erfolgreichstes Bildungsaustauschprogramm. Seit 1987 ermöglicht es Millionen von Studierenden, Auszubildenden und Lehrkräften, internationale Erfahrungen zu sammeln. Das Vereinigte Königreich war dabei stets ein Spitzenreiter: Vor dem Brexit zog es jährlich etwa 31.000 europäische Erasmus-Studierende an – mehr als jedes andere Land.

Mit dem endgültigen EU-Austritt am 31. Dezember 2020 endete jedoch diese erfolgreiche Partnerschaft abrupt. Die britische Regierung unter Boris Johnson entschied sich bewusst gegen eine Fortsetzung der Erasmus-Mitgliedschaft und startete stattdessen das eigene "Turing Scheme". Dieses Programm unterstützt zwar britische Studierende bei Auslandsaufenthalten weltweit, bietet jedoch keine Gegenleistung für europäische Studierende, die nach Großbritannien wollen.

Finanzielle Hürden machten Großbritannien für viele unzugänglich

Die Konsequenzen dieser Entscheidung waren dramatisch. Österreichische Studierende, die dennoch ein Semester in Großbritannien absolvieren wollten, sahen sich plötzlich mit enormen finanziellen Hürden konfrontiert. Die Studiengebühren an britischen Universitäten gehören zu den höchsten weltweit: Durchschnittlich zahlen internationale Studierende zwischen 15.000 und 35.000 Pfund pro Jahr – das entspricht etwa 17.500 bis 40.000 Euro.

Ohne die Erasmus-Förderung, die monatliche Zuschüsse von bis zu 600 Euro sowie Reisekosten übernimmt, wurde ein Auslandssemester in London oder Edinburgh für viele österreichische Studierende zu einem unerreichbaren Luxus. Besonders betroffen waren Studierende aus einkommensschwächeren Familien, die zuvor dank Erasmus die Chance auf internationale Erfahrungen hatten.

Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

  • 2019: 2.847 österreichische Erasmus-Studierende in Großbritannien
  • 2021-2026: Faktisch null Austauschstudenten aus Österreich
  • Geschätzte Ersparnis pro Student durch Erasmus: 8.000-12.000 Euro pro Semester
  • Rückgang der Bewerbungen für UK-Universitäten aus Österreich: minus 78 Prozent

Hannes Heide: "Große Chancen für österreichische Jugend"

SPÖ-Europaabgeordneter Hannes Heide, der als Kultursprecher der Sozialdemokraten im EU-Parlament fungiert, bezeichnete die Rückkehr als "großen Schritt". In seiner Stellungnahme betont er die Bedeutung für die österreichische Bildungslandschaft: "Ab 2027 können somit auch österreichische Studierende oder Auszubildende im Rahmen ihrer Ausbildung wieder Erfahrungen in London, Edinburgh oder Glasgow sammeln."

Heide hebt besonders die sprachlichen Vorteile hervor, die ein Aufenthalt in Großbritannien mit sich bringt. In einer globalisierten Arbeitswelt sind exzellente Englischkenntnisse oft entscheidend für Karrierechancen. "Insbesondere eine erstklassige Weiterbildung in der englischen Sprache" können österreichische Studierende nun wieder erwerben, so der Politiker.

Vergleich mit anderen deutschsprachigen Ländern

Österreich steht mit seinem Erasmus-Engagement nicht alleine da. Deutschland verzeichnete vor dem Brexit jährlich etwa 13.000 Erasmus-Ausreisen nach Großbritannien – ein Verlust, der sich auch in deutschen Bildungsstatistiken niedergeschlagen hat. Die Schweiz, obwohl nicht EU-Mitglied, hat eigene bilaterale Abkommen für Bildungsaustausch entwickelt, konnte aber den Wegfall des britischen Erasmus-Zugangs ebenfalls nicht kompensieren.

Besonders bemerkenswert ist der Vergleich der Studiengebühren: Während österreichische Studierende an heimischen Universitäten lediglich etwa 750 Euro pro Semester zahlen, kostet ein Jahr an einer britischen Universität oft das 20- bis 50-fache. Diese Diskrepanz machte Großbritannien ohne Erasmus-Förderung für die meisten österreichischen Studierenden unerschwinglich.

Was bedeutet die Rückkehr konkret für österreichische Studierende?

Die Wiederaufnahme Großbritanniens ins Erasmus+-Programm bringt für österreichische Studierende erhebliche Vorteile mit sich. Zunächst die finanzielle Entlastung: Erasmus-Stipendiaten erhalten nicht nur monatliche Zuschüsse, sondern sind auch von den hohen internationalen Studiengebühren befreit. Sie zahlen lediglich die regulären Gebühren ihrer Heimatuniversität.

Darüber hinaus profitieren sie von der etablierten Erasmus-Infrastruktur: vorbereitende Sprachkurse, Unterstützung bei der Wohnungssuche, Integration in internationale Studierendengemeinschaften und automatische Anerkennung der im Ausland erbrachten Studienleistungen. Diese organisatorischen Erleichterungen reduzieren den bürokratischen Aufwand erheblich.

Branchen profitieren unterschiedlich

  • Sprachwissenschaften: Direkter Zugang zu muttersprachlicher Umgebung
  • Wirtschaftswissenschaften: London als globales Finanzzentrum
  • Ingenieurwissenschaften: Zugang zu führenden Technologie-Universitäten
  • Kulturwissenschaften: Reiche britische Kultur- und Museumslandschaft

Herausforderungen und offene Fragen bis 2027

Obwohl die grundsätzliche Entscheidung gefallen ist, bleiben wichtige Details ungeklärt. Die zunächst einjährige Testphase ab 2027 wird zeigen, ob die Wiederannäherung nachhaltig funktioniert. Ab 2028 muss die Teilnahme im Rahmen des neuen mehrjährigen Finanzrahmens der EU neu verhandelt werden.

Kritische Beobachter weisen darauf hin, dass Großbritannien als Nicht-EU-Mitglied einen Sonderstatus erhält, der auch Sonderkonditionen bedeuten könnte. Die finanziellen Beiträge, die London in das Erasmus+-Budget einzahlen muss, werden vermutlich höher ausfallen als zu EU-Zeiten. Diese Kosten könnten sich auf die Anzahl verfügbarer Plätze auswirken.

Internationale Perspektive: Europa wächst wieder zusammen

Die Erasmus-Rückkehr Großbritanniens ist mehr als nur ein Bildungsprogramm – sie symbolisiert eine vorsichtige Annäherung zwischen der EU und ihrem ehemaligen Mitglied. Seit dem Brexit haben sich die Beziehungen in vielen Bereichen verschlechtert, von Handelsstreitigkeiten bis hin zu diplomatischen Spannungen über Nordirland.

Europaabgeordneter Heide sieht in der Entscheidung einen Dominoeffekt: "Jetzt heißt es diesen Aufwind zu nutzen, um bei Creative Europe und AgoraEU Dampf zu machen." Diese EU-Programme fördern Kunst, Kultur und zivilgesellschaftlichen Dialog – Bereiche, in denen Großbritannien traditionell stark vertreten war.

Ausblick: Was Studierende jetzt wissen müssen

Für österreichische Studierende, die 2027 oder später ein Erasmus-Semester in Großbritannien planen, beginnt die Vorbereitungszeit bereits jetzt. Universitäten müssen neue Partnerschaften knüpfen oder alte wieder aktivieren. Die Nachfrage wird voraussichtlich hoch sein, nachdem jahrelang aufgestaute Wünsche endlich erfüllbar werden.

Experten empfehlen Studierenden, ihre Sprachkenntnisse schon frühzeitig zu vertiefen und sich über spezifische Studiengänge zu informieren. Die renommierten britischen Universitäten wie Oxford, Cambridge, Imperial College London oder die London School of Economics werden wieder direkten Konkurrenten in anderen europäischen Ländern Konkurrenz machen.

Praktische Schritte für interessierte Studierende:

  • Kontakt mit dem International Office der Heimatuniversität aufnehmen
  • Englischkenntnisse durch Zertifikate (IELTS, TOEFL) nachweisen
  • Über spezifische Fachrichtungen und Partnerhochschulen informieren
  • Finanzplanung trotz Erasmus-Förderung (Lebenshaltungskosten bleiben hoch)

Die Entscheidung des EU-Rats markiert somit einen Wendepunkt in den europäisch-britischen Bildungsbeziehungen. Während politische und wirtschaftliche Differenzen weiterhin bestehen, öffnet sich zumindest im Bildungsbereich wieder eine Tür für gemeinsame europäische Werte und Zusammenarbeit. Für Tausende österreichische Studierende bedeutet dies die Rückkehr einer Chance, die sie vier Jahre lang schmerzlich vermissen mussten.

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