Am 23. März 2026 findet ein hochrangiger Arbeitsbesuch statt, der die österreichische Industriepolitik und die europäische Wirtschaftsstrategie in den Mittelpunkt rückt. Stéphane Séjourné, Exekutiv...
Am 23. März 2026 findet ein hochrangiger Arbeitsbesuch statt, der die österreichische Industriepolitik und die europäische Wirtschaftsstrategie in den Mittelpunkt rückt. Stéphane Séjourné, Exekutiv-Vizepräsident der Europäischen Kommission für Wohlstand und Industriestrategie, besucht Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer in Wien. Der Termin umfasst sowohl einen Betriebsbesuch im Holcim Zementwerk Mannersdorf als auch eine Pressekonferenz im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus.
Stéphane Séjourné bekleidet seit der Neuformation der Europäischen Kommission unter Ursula von der Leyen eine Schlüsselposition in der EU-Wirtschaftspolitik. Als Exekutiv-Vizepräsident für Wohlstand und Industriestrategie ist er maßgeblich für die Umsetzung des European Green Deal und der industriellen Transformation Europas verantwortlich. Seine Zuständigkeitsbereiche umfassen die Koordination zwischen verschiedenen Generaldirektionen der Kommission, insbesondere in den Bereichen Industrie, Binnenmarkt, Forschung und Innovation sowie Klimapolitik.
Der Begriff "Exekutiv-Vizepräsident" bezeichnet in der EU-Kommission eine Position oberhalb der regulären Kommissare, die für die Koordination mehrerer Politikbereiche zuständig ist. Diese Rolle wurde geschaffen, um die Effizienz der Kommissionsarbeit zu steigern und eine bessere Abstimmung zwischen verwandten Politikfeldern zu gewährleisten. Séjourné ist somit nicht nur für einzelne Ressorts zuständig, sondern koordiniert die gesamte EU-Industriestrategie und deren Umsetzung in den 27 Mitgliedstaaten.
Österreich spielt eine wichtige Rolle in der europäischen Industrielandschaft, insbesondere im Bereich der nachhaltigen Produktion und der grünen Transformation. Das Land verfügt über eine starke mittelständische Industrie und ist führend in Bereichen wie erneuerbarer Energie, Umwelttechnologie und nachhaltiger Materialwirtschaft. Mit einem Anteil von rund 23 Prozent am Bruttoinlandsprodukt trägt die Industrie erheblich zur österreichischen Wirtschaftsleistung bei.
Im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedstaaten zeichnet sich Österreich durch eine besonders hohe Innovationskraft aus. Das Land rangiert im European Innovation Scoreboard regelmäßig unter den Top-Performern und liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt. Diese Position macht Österreich zu einem wichtigen Partner für die Umsetzung der EU-Industriestrategie, die auf Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz setzt.
Die österreichische Industriestrategie "Industrie 4.0" wurde bereits 2015 ins Leben gerufen und fokussiert auf die Digitalisierung der Produktion, die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Diese Strategie steht im Einklang mit den EU-weiten Zielen und macht Österreich zu einem Vorreiter bei der industriellen Transformation.
Der Besuch im Holcim Zementwerk Mannersdorf am Leithagebirge ist von besonderer symbolischer und praktischer Bedeutung. Das Werk steht exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen der industriellen Transformation in der Zementindustrie. Holcim ist ein globaler Marktführer in der Baustoffindustrie und hat sich zu ehrgeizigen Klimazielen verpflichtet, die bis 2030 eine Reduktion der CO2-Emissionen um 50 Prozent vorsehen.
Die Zementproduktion ist einer der energieintensivsten Industriezweige und verursacht etwa acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. In Österreich beschäftigt die Zementindustrie rund 2.500 Menschen direkt und weitere 15.000 indirekt in nachgelagerten Bereichen. Das Werk in Mannersdorf produziert jährlich etwa 1,2 Millionen Tonnen Zement und versorgt primär den Osten Österreichs sowie Teile Ungarns und der Slowakei.
Holcim investiert massiv in nachhaltige Produktionstechnologien, einschließlich der Entwicklung von CO2-armen Zementsorten und der Implementierung von Carbon Capture and Storage (CCS) Technologien. Diese Bemühungen machen das Unternehmen zu einem Pionier bei der Dekarbonisierung der Zementindustrie und einem idealen Beispiel für die Umsetzung der europäischen Klimaziele in der Praxis.
Die EU-Industriestrategie, für die Séjourné verantwortlich ist, wurde 2020 lanciert und 2021 aktualisiert. Sie zielt darauf ab, Europas industrielle Führungsposition zu stärken und gleichzeitig den grünen und digitalen Wandel voranzutreiben. Die Strategie umfasst 14 industrielle Ökosysteme, von der Automobilindustrie über erneuerbare Energien bis hin zu Gesundheitstechnologien.
Ein zentraler Baustein ist das Konzept der "strategischen Autonomie", das darauf abzielt, Europas Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen und Technologien zu reduzieren. Dies beinhaltet den Aufbau eigener Produktionskapazitäten in Schlüsselbereichen wie Batterien, Halbleitern und seltenen Erden. Österreich spielt hier eine wichtige Rolle, insbesondere bei der Entwicklung von Recyclingtechnologien und der Kreislaufwirtschaft.
Die Strategie sieht Investitionen von über 300 Milliarden Euro bis 2030 vor, die durch eine Kombination aus EU-Mitteln, nationalen Programmen und privaten Investitionen finanziert werden sollen. Das NextGenerationEU-Programm stellt dabei eine wichtige Finanzierungsquelle dar, wobei mindestens 37 Prozent der Mittel in den grünen Wandel fließen müssen.
Ein weiterer Schwerpunkt der EU-Industriestrategie liegt auf der Digitalisierung der Produktion. Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und fortgeschrittene Automatisierung sollen europäischen Unternehmen helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Österreich ist in diesem Bereich bereits gut positioniert, mit starken Kompetenzen in der Automatisierungstechnik und der Entwicklung intelligenter Produktionssysteme.
Die österreichische Regierung hat hierfür eigene Förderprogramme aufgelegt, wie die "Digital Innovation Hubs" und die "AI Mission Austria 2030". Diese Initiativen zielen darauf ab, kleine und mittlere Unternehmen bei der digitalen Transformation zu unterstützen und Österreich als Standort für innovative Technologien zu stärken.
Der Besuch Sétournés und die damit verbundenen Gespräche über die EU-Industriestrategie haben konkrete Auswirkungen auf österreichische Unternehmen. Für die heimische Industrie eröffnen sich durch die EU-Programme neue Fördermöglichkeiten und Marktchancen. Gleichzeitig müssen sich Unternehmen auf verschärfte Umwelt- und Klimaauflagen einstellen.
Besonders für energieintensive Industrien wie die Stahl-, Aluminium- und Zementproduktion bringen die EU-Klimaziele sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich. Das EU-Emissionshandelssystem wird schrittweise ausgeweitet und verschärft, was zu höheren Kosten für CO2-Emissionen führt. Gleichzeitig stehen aber auch erhebliche Fördermittel für Investitionen in saubere Technologien zur Verfügung.
Für österreichische KMU ergeben sich durch die EU-Industriestrategie neue Möglichkeiten der Vernetzung und Kooperation. Die geplanten "Important Projects of Common European Interest" (IPCEI) bieten Chancen für grenzüberschreitende Projekte und den Zugang zu EU-Förderungen, die normalerweise nur großen Unternehmen vorbehalten sind.
Ein österreichisches Unternehmen, das bereits von der EU-Industriestrategie profitiert, ist die voestalpine AG. Der Stahlkonzern erhält EU-Förderungen für die Entwicklung wasserstoffbasierter Stahlproduktion und plant Investitionen von über zwei Milliarden Euro in die Dekarbonisierung seiner Produktion. Ähnliche Projekte gibt es bei anderen Großunternehmen wie der OMV oder Lenzing.
Auch im Mittelstand zeigen sich positive Effekte. Österreichische Technologieunternehmen wie die Andritz AG oder die AVL List profitieren von der steigenden Nachfrage nach umweltfreundlichen Produktionstechnologien. Die EU-Programme für Forschung und Innovation, allen voran Horizon Europe, bieten zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten für innovative Projekte.
Der Besuch Sétournés findet vor dem Hintergrund wichtiger politischer Entwicklungen statt. Die EU arbeitet an der Umsetzung des European Green Deal und bereitet sich auf die Überprüfung der Klimaziele für 2030 vor. Österreich unterstützt grundsätzlich die ambitionierten EU-Klimaziele, fordert aber gleichzeitig eine faire Lastenteilung und ausreichende Übergangszeiten für die Industrie.
Die österreichische Regierung setzt sich auf EU-Ebene für eine technologieoffene Klimapolitik ein, die verschiedene Lösungswege zur CO2-Reduktion zulässt. Dies umfasst sowohl erneuerbare Energien als auch Technologien wie Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe und Carbon Capture. Diese Position entspricht den Interessen der österreichischen Industrie, die über starke Kompetenzen in verschiedenen Bereichen der Umwelttechnik verfügt.
Im Vergleich zu Deutschland setzt Österreich stärker auf eine marktorientierte Herangehensweise bei der industriellen Transformation. Während Deutschland mit großen staatlichen Förderprogrammen und dirigistischen Eingriffen arbeitet, bevorzugt Österreich steuerliche Anreize und die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für private Investitionen.
Die kommenden Jahre werden für die österreichische Industrie entscheidend sein. Der Übergang zu einer klimaneutralen Produktion erfordert massive Investitionen in neue Technologien und Produktionsprozesse. Gleichzeitig muss die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben, was eine große Herausforderung darstellt.
Ein wichtiger Faktor wird die Verfügbarkeit günstiger und sauberer Energie sein. Österreich verfügt über gute Voraussetzungen durch seinen hohen Anteil erneuerbarer Energien, muss aber noch erhebliche Kapazitäten zubauen, um den steigenden Strombedarf der Industrie zu decken. Die geplante Wasserstoffstrategie soll hier einen wichtigen Beitrag leisten.
Die Fachkräftesituation stellt eine weitere Herausforderung dar. Die Transformation der Industrie erfordert neue Qualifikationen und Kompetenzen, für die entsprechende Aus- und Weiterbildungsprogramme entwickelt werden müssen. Hier arbeitet die österreichische Regierung eng mit den Sozialpartnern und Bildungseinrichtungen zusammen.
Ein zentrales Thema der Gespräche zwischen Hattmannsdorfer und Séjourné wird die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie sein. Die EU steht im globalen Wettbewerb mit Ländern wie China und den USA, die ebenfalls massiv in ihre Industrien investieren. Der "Inflation Reduction Act" der USA und Chinas "Made in China 2025"-Strategie setzen Europa unter Druck, ebenfalls große industriepolitische Programme aufzulegen.
Die EU hat mit dem "Green Deal Industrial Plan" und dem "Critical Raw Materials Act" bereits Antworten auf diese Herausforderungen entwickelt. Diese Programme sollen europäischen Unternehmen helfen, bei Zukunftstechnologien die Führung zu übernehmen und gleichzeitig die Abhängigkeit von autoritären Regimen zu reduzieren.
Von dem Arbeitsbesuch werden konkrete Fortschritte bei der Umsetzung der EU-Industriestrategie in Österreich erwartet. Mögliche Themen der Gespräche sind die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für Industrieprojekte, die Vereinfachung von EU-Förderprogrammen und die Stärkung der strategischen Autonomie Europas in kritischen Bereichen.
Der Besuch im Holcim Zementwerk könnte als Modell für andere energieintensive Industrien dienen und zeigen, wie die Dekarbonisierung in der Praxis umgesetzt werden kann. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse könnten in die Weiterentwicklung der EU-Industriestrategie einfließen und anderen Unternehmen als Vorbild dienen.
Für die österreichische Wirtschaft eröffnet der hochrangige Besuch die Möglichkeit, ihre Anliegen direkt auf EU-Ebene zu platzieren und gleichzeitig ihre Rolle als Innovationsführer bei nachhaltigen Technologien zu unterstreichen. Die Ergebnisse der Gespräche werden wichtige Impulse für die weitere Entwicklung der österreichischen Industriepolitik geben und helfen, den Wirtschaftsstandort Österreich für die Zukunft zu stärken.