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EU-Parlament beschließt Maßnahmen gegen Lohn-Gap: Österreich muss nachziehen

11. März 2026 um 19:55
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Während in Österreich Frauen statistisch gesehen ab dem 25. Oktober bis Jahresende "gratis" arbeiten, hat das Europäische Parlament heute wegweisende Empfehlungen zur Schließung der Lohn- und Pensi...

Während in Österreich Frauen statistisch gesehen ab dem 25. Oktober bis Jahresende "gratis" arbeiten, hat das Europäische Parlament heute wegweisende Empfehlungen zur Schließung der Lohn- und Pensionslücke zwischen den Geschlechtern verabschiedet. Die österreichische SPÖ-Europaabgeordnete Evelyn Regner, die den Bericht für den Beschäftigungsausschuss verhandelt hat, warnt vor den dramatischen Folgen der anhaltenden Ungleichheit: "Fast 17 Prozent der Pensionistinnen sind davon bedroht, in Armut abzurutschen."

Gender Pay Gap kostet EU hunderte Milliarden Euro jährlich

Der Begriff "Gender Pay Gap" bezeichnet die prozentuale Differenz zwischen dem durchschnittlichen Bruttolohn von Männern und Frauen. Während dieser Unterschied in der gesamten Europäischen Union derzeit bei 12 Prozent liegt, variiert er zwischen den Mitgliedsstaaten erheblich. In Österreich beträgt die unbereinigte Lohnlücke laut Statistik Austria sogar 18,8 Prozent, womit das Land deutlich über dem EU-Durchschnitt liegt. Dies bedeutet konkret: Für jeden Euro, den ein Mann verdient, erhält eine Frau in vergleichbarer Position nur etwa 81 Cent.

Die ökonomischen Auswirkungen dieser Ungerechtigkeit sind verheerend. Laut einer Studie der Europäischen Kommission kostet die Lohn- und Pensionslücke die EU-Wirtschaft jährlich hunderte Milliarden Euro. Diese Summe ergibt sich aus verlorener Kaufkraft, reduzierten Steuereinnahmen und höheren Sozialausgaben, da Frauen häufiger auf staatliche Unterstützung im Alter angewiesen sind.

Österreich im europäischen Vergleich: Nachholbedarf bei Gleichstellung

Ein Blick auf die Nachbarländer zeigt die Versäumnisse der österreichischen Politik deutlich auf. Deutschland liegt mit einer Lohnlücke von 16 Prozent ebenfalls über dem EU-Durchschnitt, während die Schweiz trotz ihres Nicht-EU-Status mit 15 Prozent ähnliche Herausforderungen bewältigt. Vorbildlich hingegen sind Länder wie Luxemburg (0,7 Prozent), Rumänien (2,4 Prozent) und Italien (4,2 Prozent), die durch gezielte politische Maßnahmen deutlich bessere Werte erreicht haben.

Besonders alarmierend ist die Situation bei den Pensionen: Während deutsche Rentnerinnen im Schnitt 46 Prozent weniger Pension erhalten als ihre männlichen Altersgenossen, liegt dieser Wert in Österreich bei erschreckenden 38 Prozent. Dies führt dazu, dass ältere Frauen überproportional häufig von Altersarmut betroffen sind – ein Problem, das sich in den kommenden Jahren durch die demografische Entwicklung noch verschärfen wird.

Pflegeberufe: Unterbezahlt und unterbewertet

Ein zentraler Aspekt der Lohnungerechtigkeit liegt in der systematischen Unterbewertung frauendominierter Berufe. Pflegekräfte, Elementarpädagoginnen und Sozialarbeiterinnen – Berufe, die gesellschaftlich unverzichtbar sind – werden finanziell weit schlechter entlohnt als technische oder kaufmännische Tätigkeiten, in denen traditionell mehr Männer arbeiten. In Österreich verdient eine diplomierte Pflegekraft im Durchschnitt 2.400 Euro brutto monatlich, während ein Maschinenbautechniker mit vergleichbarer Ausbildungsdauer etwa 3.200 Euro erhält.

Diese Diskrepanz ist nicht nur ungerecht, sondern auch volkswirtschaftlich schädlich. Der akute Pflegenotstand in Österreich – derzeit fehlen rund 76.000 Pflegekräfte – hängt direkt mit der schlechten Entlohnung und den belastenden Arbeitsbedingungen zusammen. "Daher braucht es dringend eine Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen in frauendominierten Branchen", betont Regner in ihrer Stellungnahme.

Kinderbetreuung als Karrierebremse

Die unbezahlte Care-Arbeit – also Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen und Haushaltsführung – wird in Österreich zu 66 Prozent von Frauen geleistet. Dies entspricht einem volkswirtschaftlichen Wert von etwa 109 Milliarden Euro jährlich, der jedoch statistisch nicht erfasst wird. Die Folgen für die betroffenen Frauen sind gravierend: Karriereunterbrechungen, Teilzeitarbeit und damit verbundene geringere Aufstiegschancen führen zu einem Teufelskreis der finanziellen Abhängigkeit.

Besonders deutlich wird dies bei der Kinderbetreuung. Während in Schweden 90 Prozent der Väter Elternkarenz nehmen, sind es in Österreich gerade einmal 8 Prozent. Diese ungleiche Verteilung der Betreuungspflichten hat langfristige Auswirkungen auf die Karriereentwicklung und das Lebenseinkommen von Frauen.

Lohntransparenzrichtlinie: Hoffnungsträger mit Hindernissen

Die von der EU beschlossene Lohntransparenzrichtlinie soll bis 2026 in allen Mitgliedsstaaten umgesetzt werden und gilt als Meilenstein im Kampf gegen die Lohnlücke. Konkret bedeutet dies: Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten müssen künftig transparent über Bezahlung für gleiche und gleichwertige Arbeit informieren. Überschreitet das geschlechtsspezifische Lohngefälle 5 Prozent, sind sie verpflichtet, Gegenmaßnahmen zu ergreifen – andernfalls drohen empfindliche Strafen.

In der Praxis bedeutet dies eine Revolution für den österreichischen Arbeitsmarkt. Bisher konnten Unternehmen Lohnunterschiede oft durch fehlende Transparenz verschleiern. Beschäftigte hatten kaum Möglichkeiten herauszufinden, ob sie für gleichwertige Arbeit weniger verdienen als ihre Kolleginnen und Kollegen. Diese Informationsasymmetrie wird durch die neue Richtlinie beseitigt.

Umsetzung in Österreich: Politischer Wille gefragt

Die Bundesregierung steht nun vor der Herausforderung, die EU-Vorgaben in nationales Recht umzusetzen. Experten warnen jedoch vor einer verwässerten Umsetzung. "Insbesondere die Lohntransparenzrichtlinie ist ein zentrales Werkzeug zur Schließung der Lohnschere", betont Regner und mahnt zu einer ambitionierten nationalen Gesetzgebung.

Neben der Lohntransparenz müssen auch die Richtlinie zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie jene für mehr Frauen in Aufsichtsräten konsequent umgesetzt werden. Letztere sieht vor, dass börsennotierte Unternehmen bis 2026 mindestens 40 Prozent Frauen in ihren Aufsichtsräten haben müssen – ein Ziel, von dem Österreich noch weit entfernt ist.

Vaterschaftsurlaub: Paradigmenwechsel bei Care-Arbeit

Ein Schlüsselelement der EU-Empfehlungen ist die Förderung eines nicht übertragbaren und bezahlten Vaterschaftsurlaubs. Internationale Studien zeigen: Je selbstverständlicher Väter Elternzeit nehmen, desto gleichmäßiger verteilt sich die Care-Arbeit langfristig zwischen den Geschlechtern. In Island, wo Väter gesetzlich verpflichtet sind, mindestens drei Monate Elternkarenz zu nehmen, ist die Lohnlücke auf nur 4 Prozent gesunken.

Österreich hat mit der Möglichkeit des Papamonats zwar einen ersten Schritt gemacht, liegt aber noch weit hinter fortschrittlichen Ländern zurück. Ein bezahlter, nicht übertragbarer Vaterschaftsurlaub von mindestens zwei Monaten könnte hier Abhilfe schaffen und würde gleichzeitig Arbeitgeber davon abhalten, junge Frauen aufgrund möglicher Schwangerschaften zu benachteiligen.

Konkrete Auswirkungen auf österreichische Bürgerinnen

Für die etwa 2,1 Millionen erwerbstätigen Frauen in Österreich hätte eine erfolgreiche Schließung der Lohnlücke dramatische positive Auswirkungen. Eine durchschnittliche Vollzeitbeschäftigte würde bei gleicher Entlohnung wie ihre männlichen Kollegen jährlich etwa 8.000 Euro mehr verdienen. Über ein 40-jähriges Berufsleben summiert sich dies auf über 320.000 Euro – ein Betrag, der ausreichen würde, um die Altersarmut von Frauen signifikant zu reduzieren.

Konkret bedeutet dies für eine 35-jährige Pflegekraft: Statt der aktuellen Alterspension von etwa 1.100 Euro könnte sie bei gleicher Entlohnung mit einer Pension von rund 1.500 Euro rechnen. Der Unterschied zwischen einem Leben in Würde und der Gefahr der Altersarmut.

Gesellschaftliche Transformation erforderlich

"Wer das Geld hat, hat die Macht und ohne finanzielle Unabhängigkeit gibt es keine echte Gleichberechtigung", bringt Regner die Kernproblematik auf den Punkt. Die Schließung der Lohnlücke ist daher nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein demokratisches Gebot. Finanzielle Abhängigkeit schränkt die Entscheidungsfreiheit ein und perpetuiert patriarchale Strukturen.

Die Herausforderung ist jedoch komplex. Neben gesetzlichen Maßnahmen braucht es einen gesellschaftlichen Wandel in der Bewertung von Arbeit und der Verteilung von Verantwortung. Solange Führungspositionen primär mit Männern besetzt sind und Care-Arbeit als "natürliche" Aufgabe von Frauen betrachtet wird, bleiben strukturelle Ungleichheiten bestehen.

Internationale Vorbilder und Best Practices

Länder wie Island, Norwegen und Schweden zeigen, dass eine nahezu gleichberechtigte Entlohnung möglich ist. Island hat als erstes Land der Welt ein Gesetz verabschiedet, das Unternehmen dazu verpflichtet, Lohngleichheit nachzuweisen. Wer dies nicht kann, muss Strafen zahlen. Das Ergebnis: Die Lohnlücke ist auf unter 3 Prozent gesunken.

Norwegen wiederum hat bereits in den 1990er Jahren eine Quote für Frauen in Aufsichtsräten eingeführt und dabei positive Erfahrungen gemacht. Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil in Führungspositionen erzielen nicht nur bessere finanzielle Ergebnisse, sondern treffen auch ausgewogenere strategische Entscheidungen.

Herausforderungen und Widerstände

Die Umsetzung der EU-Empfehlungen stößt jedoch auf erhebliche Widerstände. Regner warnt: "Die Fronten sind härter geworden und die anti-feministischen Bewegungen weltweit lauter." Tatsächlich organisieren sich in mehreren EU-Ländern Gruppen, die Gleichstellungsmaßnahmen als Bedrohung traditioneller Werte darstellen. Diese Bewegungen verfügen über erhebliche finanzielle Mittel und nutzen professionelle Kommunikationsstrategien, um ihre Botschaften zu verbreiten.

Auch in der Wirtschaft gibt es Vorbehalte. Arbeitgeberverbände argumentieren häufig mit zusätzlichen Kosten und bürokratischen Belastungen. Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts zeigt jedoch, dass die volkswirtschaftlichen Vorteile einer Schließung der Lohnlücke die Kosten bei weitem übersteigen würden.

Zukunftsaussichten: Revolution oder Evolution?

Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob Europa den Sprung zu echter Lohngleichheit schafft oder ob die Fortschritte im politischen Kleinkrieg versanden. Die demografische Entwicklung verstärkt dabei den Handlungsdruck: Mit einer alternden Gesellschaft und einem schrumpfenden Erwerbspotential kann sich Europa eine systematische Benachteiligung der Hälfte seiner Bevölkerung schlicht nicht leisten.

Optimistische Prognosen gehen davon aus, dass die Lohnlücke bei konsequenter Umsetzung der EU-Maßnahmen bis 2035 auf unter 5 Prozent sinken könnte. Dies würde nicht nur Millionen von Frauen zu mehr finanzieller Sicherheit verhelfen, sondern auch die Wirtschaftskraft Europas erheblich stärken. Studien der OECD zeigen, dass eine vollständige Schließung der Lohnlücke das EU-weite Bruttoinlandsprodukt um bis zu 3 Prozent steigern könnte.

Entscheidend wird sein, ob die Mitgliedsstaaten – und insbesondere Österreich – den politischen Mut aufbringen, die notwendigen strukturellen Reformen anzugehen. Dies beinhaltet nicht nur die Umsetzung der EU-Richtlinien, sondern auch massive Investitionen in Kinderbetreuung, Pflege und die Aufwertung frauendominierter Berufe. Die heutigen Beschlüsse des EU-Parlaments könnten der Startschuss für die größte Gleichstellungsoffensive in der europäischen Geschichte werden – vorausgesetzt, sie werden mit der nötigen Entschlossenheit umgesetzt.

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