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EU-Vizepräsident Séjourné besucht Österreich: Industriestrategie im Fokus

20. März 2026 um 11:18
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Am 23. März 2026 empfängt Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer hohen Besuch aus Brüssel: Der Exekutiv-Vizepräsident der Europäischen Kommission Stéphane Séjourné kommt zu einem Arbeitsbesuc...

Am 23. März 2026 empfängt Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer hohen Besuch aus Brüssel: Der Exekutiv-Vizepräsident der Europäischen Kommission Stéphane Séjourné kommt zu einem Arbeitsbesuch nach Österreich. Der Termin markiert einen wichtigen Meilenstein in den Verhandlungen über die neue EU-Industriestrategie und könnte weitreichende Auswirkungen auf Österreichs Wirtschaftsstandort haben. Das Programm umfasst sowohl einen Betriebsbesuch im Holcim Zementwerk in Mannersdorf am Leithagebirge als auch eine Pressekonferenz im Wirtschaftsministerium in Wien.

Stéphane Séjourné: Architekt der neuen EU-Industriepolitik

Stéphane Séjourné gilt als einer der einflussreichsten Politiker der aktuellen EU-Kommission. Der 39-jährige Franzose übernahm im Dezember 2024 das neu geschaffene Ressort für "Wohlstand und Industriestrategie" von Ursula von der Leyen. Diese Position macht ihn zu einem Schlüsselfigur bei der Umsetzung des European Green Deal und der digitalen Transformation europäischer Industrien. Séjourné, der zuvor als Vorsitzender der liberalen Renew Europe-Fraktion im Europaparlament fungierte, bringt umfangreiche Erfahrungen in der europäischen Wirtschaftspolitik mit.

Das Ressort "Wohlstand und Industriestrategie" wurde als direkte Antwort auf die wirtschaftlichen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie, den Ukraine-Krieg und die globale Konkurrenzfähigkeit europäischer Unternehmen geschaffen. Séjourné ist verantwortlich für die Koordination von mehr als 750 Milliarden Euro aus dem NextGenerationEU-Programm und dem mehrjährigen Finanzrahmen der EU. Seine Aufgabe ist es, die europäische Industrie fit für die Zukunft zu machen und gleichzeitig die Klimaziele bis 2030 zu erreichen.

Warum das Holcim Zementwerk als Besuchsort gewählt wurde

Die Wahl des Holcim Zementwerks in Mannersdorf am Leithagebirge als Besuchsort ist kein Zufall. Das Werk steht symbolisch für die Herausforderungen der europäischen Grundstoffindustrie im Wandel zur Klimaneutralität. Die Zementindustrie verursacht weltweit etwa acht Prozent aller CO2-Emissionen – mehr als der gesamte Flugverkehr. Gleichzeitig ist Zement als Baustoff unverzichtbar für die Infrastruktur und den Wohnbau.

Holcim, der Schweizer Konzern mit Hauptsitz in Zug, ist einer der weltgrößten Baustoffhersteller und beschäftigt global rund 63.000 Mitarbeiter. In Österreich betreibt das Unternehmen drei Zementwerke – neben Mannersdorf auch in Retznei in der Steiermark und in Kirchdorf in Oberösterreich. Das Werk Mannersdorf produziert jährlich etwa 900.000 Tonnen Zement und beliefert hauptsächlich die Region Wien und das östliche Österreich.

Besondere Bedeutung erhält der Besuch durch Holcims Vorreiterrolle bei der Dekarbonisierung der Zementproduktion. Das Unternehmen hat sich verpflichtet, bis 2030 die CO2-Emissionen um 50 Prozent zu reduzieren und bis 2050 klimaneutral zu werden. In Mannersdorf werden innovative Technologien wie Carbon Capture and Storage (CCS) getestet, bei denen CO2 direkt am Produktionsort abgeschieden und gespeichert wird. Außerdem setzt das Werk verstärkt auf alternative Brennstoffe aus Abfällen statt auf fossile Energieträger.

Modernste Technologie im Dienst des Klimaschutzes

Das Zementwerk Mannersdorf ist mit einer hochmodernen Produktionsanlage ausgestattet, die als Referenz für nachhaltige Zementherstellung in Europa gilt. Die 2019 in Betrieb genommene neue Ofenlinie verfügt über eine Wärmerückgewinnungsanlage, die den Energieverbrauch um 15 Prozent senkt. Zusätzlich wurde eine der größten Photovoltaikanlagen der österreichischen Industrie installiert, die jährlich 2,3 Gigawattstunden grünen Strom produziert.

Ein weiteres Highlight ist die Pilotanlage für "grünen Zement", bei der Wasserstoff als Brennstoff zum Einsatz kommt. Diese Technologie könnte die Zementproduktion revolutionieren und langfristig vollständig CO2-neutral gestalten. Holcim investiert in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen Euro in die Dekarbonisierung seiner österreichischen Werke.

Österreichs Position in der EU-Industriestrategie

Österreich nimmt in der neuen EU-Industriestrategie eine wichtige Position ein. Mit einem Industrieanteil von 22,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt liegt das Land deutlich über dem EU-Durchschnitt von 16,3 Prozent. Besonders stark sind österreichische Unternehmen in den Bereichen Maschinenbau, Metallverarbeitung und Umwelttechnologie – genau jene Sektoren, die von der europäischen Transformation profitieren sollen.

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer hat in den vergangenen Monaten mehrfach betont, dass Österreich eine Führungsrolle bei der grünen Industrietransformation einnehmen will. Das Land verfügt über ideale Voraussetzungen: einen hohen Anteil erneuerbarer Energien (78 Prozent des Stromverbrauchs), innovative Technologieunternehmen und eine starke Forschungslandschaft. Gleichzeitig ist Österreich aber auch auf EU-Fördermittel angewiesen, um die gewaltigen Investitionen in neue Technologien zu stemmen.

Der Besuch von Séjourné könnte entscheidend dafür sein, wie viele Mittel aus dem 750-Milliarden-Euro-Topf der EU nach Österreich fließen. Experten schätzen, dass das Land Anspruch auf bis zu 4,5 Milliarden Euro aus dem NextGenerationEU-Programm hat. Diese Gelder sind jedoch an strikte Auflagen zur Digitalisierung und Dekarbonisierung geknüpft.

Vergleich mit anderen EU-Ländern

Im europäischen Vergleich steht Österreich bei der Industrietransformation gut da, aber nicht an der Spitze. Deutschland investiert mit dem 130-Milliarden-Euro-Konjunkturpaket deutlich mehr in die grüne Wende, während Frankreich mit dem Plan "France 2030" 30 Milliarden Euro für Zukunftstechnologien bereitstellt. Die Niederlande haben bereits 2023 eine umfassende Wasserstoffstrategie verabschiedet und bauen ihre Position als europäisches Wasserstoff-Hub aus.

Österreich punktet hingegen mit seiner Rolle als Brücke zwischen West- und Osteuropa. Viele österreichische Unternehmen sind bereits in den EU-Beitrittsländern des Westbalkans aktiv und können als Multiplikatoren für europäische Industriestandards fungieren. Zudem profitiert das Land von seiner Neutralität, die Handelsbeziehungen auch in politisch schwierigen Zeiten ermöglicht.

Konkrete Auswirkungen für österreichische Bürger und Unternehmen

Die Ergebnisse des Arbeitsbesuchs werden direkte Auswirkungen auf das Leben der österreichischen Bevölkerung haben. Wenn die EU-Industriestrategie erfolgreich umgesetzt wird, entstehen bis 2030 schätzungsweise 25.000 neue Arbeitsplätze in zukunftsträchtigen Branchen. Besonders gefragt werden Fachkräfte in den Bereichen erneuerbare Energien, Digitalisierung und nachhaltiger Mobilität sein.

Für Verbraucher bedeutet die Transformation zunächst höhere Kosten. Der Umstieg auf klimaneutrale Produktionsverfahren wird sich in den Preisen niederschlagen – Zement könnte beispielsweise 10 bis 15 Prozent teurer werden. Langfristig sollen jedoch die Einsparungen bei Energiekosten und die vermiedenen Klimaschäden diese Mehrkosten kompensieren.

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen vor besonderen Herausforderungen. Während Konzerne wie Holcim die nötigen Investitionen selbst stemmen können, sind KMU auf staatliche Unterstützung angewiesen. Die EU plant deshalb ein eigenes Förderprogramm für kleinere Betriebe mit einem Volumen von 10 Milliarden Euro. Österreichische Unternehmen könnten davon bis zu 300 Millionen Euro erhalten.

Beispiel aus der Praxis: Der Metallverarbeiter aus Linz

Ein konkretes Beispiel zeigt die Auswirkungen: Die Firma Schmid Metallbau aus Linz beschäftigt 45 Mitarbeiter und produziert Stahlkonstruktionen für den Hochbau. Um die verschärften EU-Umweltauflagen zu erfüllen, muss das Unternehmen seine Produktionsanlage bis 2028 umrüsten. Die Kosten belaufen sich auf 800.000 Euro – für den Familienbetrieb eine existenzielle Herausforderung. Mit EU-Förderungen könnte die Hälfte der Kosten abgedeckt werden, was den Umbau erst möglich macht.

Historische Entwicklung der EU-Industriepolitik

Die europäische Industriepolitik hat eine wechselvolle Geschichte. In den 1980er Jahren galt staatliche Industrieförderung als "Teufelszeug" der freien Marktwirtschaft. Die Europäische Gemeinschaft setzte damals voll auf Deregulierung und Privatisierung. Dieser Ansatz geriet jedoch spätestens mit der Finanzkrise 2008 ins Wanken, als deutlich wurde, dass Europa in wichtigen Zukunftstechnologien gegenüber den USA und China zurückfiel.

Einen Wendepunkt markierte 2019 die Amtsübernahme von Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin. Ihr European Green Deal stellte die Industriepolitik wieder ins Zentrum europäischer Politik. Die Corona-Pandemie verstärkte diese Entwicklung noch: Die Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten bei kritischen Gütern führte zu einem Umdenken hin zu mehr "strategischer Autonomie".

Das NextGenerationEU-Programm, beschlossen im Juli 2020, war der größte Paradigmenwechsel seit Gründung der EU. Erstmals verschuldete sich die Gemeinschaft gemeinsam in dreistelliger Milliardenhöhe, um Investitionen zu finanzieren. Dies war nur möglich, weil sich auch traditionell sparsame Länder wie Österreich von der Notwendigkeit überzeugen ließen.

Séjournés Ernennung zum Vizepräsidenten für "Wohlstand und Industriestrategie" im Dezember 2024 war die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Erstmals seit Jahrzehnten hat Industriepolitik wieder einen eigenen Kommissar auf Vizepräsidentenebene – ein deutliches Signal an die Mitgliedstaaten und die Wirtschaft.

Die Rolle der Medien und Öffentlichkeitsarbeit

Der mediale Rahmen des Besuchs ist sorgfältig geplant. Der Betriebsbesuch am Vormittag bietet optimale Foto- und Videomöglichkeiten vor industrieller Kulisse. Die Pressekonferenz am Nachmittag im Wirtschaftsministerium folgt den klassischen Regeln der politischen Kommunikation. Diese Choreografie ist kein Zufall: Beide Politiker wissen um die Bedeutung der öffentlichen Wahrnehmung für den Erfolg ihrer Politik.

Für Séjourné ist der Österreich-Besuch Teil seiner Europa-Tournee, bei der er die neue Industriestrategie in allen 27 Mitgliedstaaten vorstellen will. Österreich steht dabei relativ früh auf der Liste – ein Zeichen der Wertschätzung für die österreichische Position in der EU. Hattmannsdorfer wiederum kann sich als europäischer Industriepolitiker profilieren und österreichische Interessen in Brüssel stärken.

Die Ortsänderung bei der Pressekonferenz, die in der ursprünglichen Mitteilung erwähnt wird, deutet auf intensive Vorbereitungen hin. Solche Last-Minute-Änderungen sind bei hochrangigen EU-Besuchen normal und meist sicherheitstechnischen Überlegungen geschuldet.

Zukunftsperspektiven und erwartete Ergebnisse

Von dem Arbeitsbesuch werden konkrete Vereinbarungen erwartet. Insider sprechen von möglichen Pilotprojekten im Bereich Wasserstofftechnologie, bei denen österreichische Unternehmen als Testfeld für europäische Innovationen dienen könnten. Auch eine verstärkte Kooperation bei der Kreislaufwirtschaft steht auf der Agenda. Österreich hat in diesem Bereich bereits Vorbildcharakter: 58 Prozent aller Abfälle werden recycelt – EU-Spitze.

Langfristig könnte der Besuch den Grundstein für eine österreichische "Wasserstoff-Allianz" legen. Das Land verfügt über ideale Voraussetzungen für die Wasserstoffproduktion: Viel Wasser, günstige erneuerbare Energie und eine zentrale Lage in Europa. Experten schätzen, dass Österreich bis 2030 zum Netto-Exporteur von grünem Wasserstoff werden könnte – ein Milliardengeschäft.

Die politischen Signale sind vielversprechend: Sowohl die österreichische Regierung als auch die EU-Kommission haben die Industrie als Schlüssel für Europas Zukunft identifiziert. Die Zeiten, in denen Europa hauptsächlich auf Dienstleistungen setzte, sind vorbei. "Ohne starke Industrie kein starkes Europa" – diese Formel steht hinter Séjournés Mission.

Herausforderungen und Risiken

Dennoch gibt es auch Risiken. Die hohen Investitionen in neue Technologien könnten sich als Fehlinvestition erweisen, wenn sich andere Lösungsansätze durchsetzen. Zudem ist unklar, ob die europäischen Bürger bereit sind, die Kosten der Transformation zu tragen. Erste Umfragen zeigen eine nachlassende Unterstützung für den Green Deal, insbesondere in strukturschwachen Regionen.

Auch die internationale Konkurrenz schläft nicht: Die USA locken mit dem Inflation Reduction Act europäische Unternehmen mit Milliarden-Subventionen. China baut seine Position in Schlüsseltechnologien systematisch aus. Europa läuft Gefahr, zwischen den Blöcken aufgerieben zu werden, wenn die Industriestrategie nicht funktioniert.

Der Besuch von Séjourné in Österreich wird zeigen, ob Europa den Spagat zwischen Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Gerechtigkeit schaffen kann. Die Antworten werden nicht nur die Zukunft der österreichischen Industrie, sondern ganz Europas bestimmen. Am 23. März werden im Holcim Werk Mannersdorf und im Wiener Wirtschaftsministerium wichtige Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt.

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