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Fachhochschulen fordern mehr Geld: Grazer Memorandum setzt Politik unter Druck

16. April 2026 um 10:32
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Beim 19. Forschungsforum der österreichischen Fachhochschulen in Graz wurde am 16. April 2024 ein deutliches Signal an die Politik gesendet: Die angewandte Forschung braucht mehr Geld und bessere R...

Beim 19. Forschungsforum der österreichischen Fachhochschulen in Graz wurde am 16. April 2024 ein deutliches Signal an die Politik gesendet: Die angewandte Forschung braucht mehr Geld und bessere Rahmenbedingungen. Rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutierten zwei Tage lang über die Zukunft der Fachhochschulen und überreichten Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner das "Grazer Memorandum" – ein Forderungskatalog, der strukturelle Verbesserungen für den gesamten Sektor einmahnt.

136 Forschungsprojekte zeigen Potenzial der Fachhochschulen

An der FH CAMPUS 02 in Graz präsentierten Vertreterinnen und Vertreter von 17 österreichischen Fachhochschulen beeindruckende 136 praxisnahe Forschungsprojekte. Die Bandbreite reichte von hochmoderner Automatisierungstechnik über innovatives Datenmanagement bis hin zu sozialen Projekten im Gesundheitswesen. Diese Vielfalt unterstreicht die besondere Rolle der Fachhochschulen im österreichischen Bildungssystem: Sie fungieren als Brückenbauer zwischen theoretischer Wissenschaft und praktischer Anwendung.

Ein Automatisierungsprojekt aus Oberösterreich beispielsweise entwickelte Lösungen für kleine Produktionsbetriebe, die sich teure Industrieroboter nicht leisten können. Solche Projekte zeigen, wie Fachhochschul-Forschung direkt bei den Unternehmen ankommt und konkrete Probleme löst. Anders als an klassischen Universitäten, wo Grundlagenforschung im Vordergrund steht, konzentrieren sich Fachhochschulen auf angewandte Forschung – also Projekte, die unmittelbaren Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft haben.

Was sind Fachhochschulen und wie unterscheiden sie sich von Universitäten?

Fachhochschulen, international auch als "Universities of Applied Sciences" bekannt, sind ein relativ junger Teil des österreichischen Hochschulsystems. Erst 1993 wurde das Fachhochschul-Studiengesetz beschlossen, das diese neue Hochschulform etablierte. Im Gegensatz zu traditionellen Universitäten fokussieren sich Fachhochschulen auf praxisorientierte Ausbildung und angewandte Forschung. Während Universitäten oft jahrhundertealte Traditionen pflegen und schwerpunktmäßig Grundlagenforschung betreiben, sind Fachhochschulen flexibler, reaktionsschneller und enger mit der Wirtschaft vernetzt.

Die Studierenden an Fachhochschulen erhalten eine sehr praxisnahe Ausbildung mit verpflichtenden Praktika, oft in Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen. Professoren an Fachhochschulen müssen mindestens fünf Jahre Berufserfahrung außerhalb des Hochschulbereichs nachweisen – ein Unterschied zu Universitäten, wo oft eine rein akademische Laufbahn möglich ist. Diese Struktur macht Fachhochschul-Absolventen besonders attraktiv für Arbeitgeber, da sie bereits während des Studiums praktische Erfahrungen sammeln.

Finanzierungskrise bedroht Innovationskraft

FHK-Präsidentin Ulrike Prommer nutzte das Forum für deutliche Worte zur aktuellen Finanzierungssituation: "Es braucht ausreichende Forschungsmittel, um von der aktuellen Projektlogik wegzukommen und auch die Phasen vor, zwischen und nach drittmittelfinanzierten Projekten abzusichern." Diese Aussage trifft den Kern eines strukturellen Problems im österreichischen Forschungssystem.

Derzeit sind Fachhochschulen stark von Drittmitteln abhängig – das sind Forschungsgelder, die nicht aus dem regulären Hochschulbudget stammen, sondern von externen Geldgebern wie der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) oder EU-Programmen. Das Problem dabei: Zwischen den einzelnen Projekten entstehen oft Finanzierungslücken, in denen Forscher nicht weiterbeschäftigt werden können oder Teams auseinanderbrechen.

Valorisierung der Fördersätze – was bedeutet das konkret?

Wenn Prommer eine "Valorisierung der Fördersätze" fordert, meint sie damit die Anpassung der Fördergelder an die gestiegenen Kosten. Valorisierung ist ein Fachbegriff aus der Finanzwelt und bedeutet die regelmäßige Anpassung von Geldbeträgen an die Inflation. Viele Fördersätze für Forschungsprojekte wurden seit Jahren nicht erhöht, obwohl Personalkosten, Energiepreise und Materialkosten deutlich gestiegen sind. Ein Forschungsprojekt, das 2018 mit 100.000 Euro auskam, benötigt heute aufgrund der Inflation mindestens 115.000 Euro für dieselbe Leistung.

Diese Unterfinanzierung hat konkrete Auswirkungen: Fachhochschulen können weniger Forscher beschäftigen, müssen Projekte kürzen oder können innovative Ideen gar nicht erst umsetzen. Das betrifft nicht nur die Hochschulen selbst, sondern auch die regionalen Unternehmen, die auf deren Forschungsleistungen angewiesen sind.

Grazer Memorandum setzt politische Akzente

Das "Grazer Memorandum", das einstimmig vom Vorstand der Fachhochschul-Konferenz beschlossen wurde, ist mehr als nur ein Wunschkatalog – es ist ein strategisches Dokument, das die Position der Fachhochschulen im österreichischen Innovationssystem neu definiert. Das Memorandum wurde direkt an Bundesministerin Eva-Maria Holzleitner übergeben und soll als Grundlage für künftige Verhandlungen über die Hochschulfinanzierung dienen.

Besonders brisant ist die Forderung nach akkreditierten Doktoratsstudiengängen an Fachhochschulen. Bisher war das Promotionsrecht in Österreich ausschließlich Universitäten vorbehalten. Holzleitner signalisierte jedoch Gesprächsbereitschaft und kündigte die Einrichtung einer Arbeitsgruppe an, wie es auch im aktuellen Regierungsprogramm vorgesehen ist. Diese Entwicklung könnte das österreichische Hochschulsystem nachhaltig verändern.

Doktorat an Fachhochschulen – internationale Vorbilder zeigen den Weg

In vielen anderen Ländern ist es bereits Realität: Fachhochschulen können eigenständig Doktortitel verleihen. In Deutschland beispielsweise haben Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) seit 2016 in bestimmten Bereichen das Promotionsrecht erhalten. Die Niederlande gingen noch weiter und gewähren ihren "Universities of Applied Sciences" bereits seit Jahren umfassende Promotionsrechte.

Diese internationalen Entwicklungen zeigen, dass die österreichische Diskussion Teil eines größeren Trends ist. Angewandte Forschung wird immer wichtiger, und die strikte Trennung zwischen universitärer Grundlagenforschung und fachhochschulischer Anwendungsforschung löst sich zunehmend auf. Für österreichische Fachhochschulen würde ein Promotionsrecht bedeuten, dass sie ihre besten Absolventen nicht mehr an Universitäten "verlieren", sondern selbst hochqualifizierte Forscher ausbilden können.

Wirtschaftskammer sieht Standortrisiko für Österreich

Deutliche Unterstützung erhielten die Fachhochschulen von Josef Herk, dem Präsidenten der Wirtschaftskammer Steiermark. Herks Warnung vor einem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ist nicht von der Hand zu weisen: "Ohne eine ausreichende Finanzierung riskiere man, dass Österreich im internationalen Wettbewerb an Boden verliere."

Diese Einschätzung basiert auf handfesten wirtschaftlichen Überlegungen. Fachhochschulen arbeiten besonders eng mit kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zusammen, die das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft bilden. Über 99 Prozent aller österreichischen Unternehmen sind KMU, sie beschäftigen etwa zwei Drittel aller Arbeitnehmer und erwirtschaften rund 60 Prozent der gesamten Wertschöpfung.

KMU als Innovationstreiber – warum Fachhochschulen so wichtig sind

Kleine und mittlere Unternehmen haben oft nicht die Ressourcen für eigene Forschungsabteilungen. Hier springen die Fachhochschulen ein: Sie entwickeln maßgeschneiderte Lösungen für spezifische Probleme, bilden Fachkräfte aus, die direkt in den Betrieben einsetzbar sind, und fungieren als Technologie- und Wissenstransfer-Zentren. Ein Maschinenbaubetrieb mit 50 Mitarbeitern kann sich keine eigene Entwicklungsabteilung leisten, aber über die Zusammenarbeit mit einer regionalen Fachhochschule trotzdem innovative Produkte entwickeln.

Diese enge Vernetzung macht Fachhochschulen zu dem, was Prommer als "Schnellboote" bezeichnet: Sie sind wendig, flexibel und können schnell auf Marktveränderungen reagieren. Während große Universitäten oft Jahre für strukturelle Änderungen benötigen, können Fachhochschulen neue Studiengänge oder Forschungsschwerpunkte binnen weniger Monate etablieren.

Regionale Bedeutung und soziale Durchlässigkeit

Ein oft übersehener Aspekt der Fachhochschulen ist ihre Bedeutung für die regionale Entwicklung und soziale Durchlässigkeit. Viele Fachhochschulen befinden sich nicht in den traditionellen Universitätsstädten Wien, Graz, Innsbruck oder Salzburg, sondern in kleineren Zentren wie Wels, Dornbirn oder Krems. Sie ermöglichen es jungen Menschen, auch ohne Umzug in eine Großstadt einen Hochschulabschluss zu erwerben.

Besonders wichtig ist auch die soziale Durchlässigkeit: Fachhochschulen haben oft flexiblere Aufnahmekriterien als Universitäten und bieten berufsbegleitende Studiengänge an. Menschen, die nicht den klassischen Bildungsweg über AHS und Matura gegangen sind, finden hier oft bessere Chancen. Studien zeigen, dass der Anteil von Studierenden aus bildungsfernen Schichten an Fachhochschulen höher ist als an Universitäten.

Vergleich mit Deutschland und der Schweiz

Ein Blick über die Grenzen zeigt, wie unterschiedlich die Fachhochschul-Landschaft in den deutschsprachigen Ländern entwickelt ist. Deutschland hat sein Fachhochschulsystem bereits in den 1960er Jahren aufgebaut und verfügt heute über mehr als 200 Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Diese sind deutlich besser finanziert als ihre österreichischen Pendants und haben teilweise bereits Promotionsrechte erhalten.

Die Schweiz ging einen anderen Weg: Dort wurden die Fachhochschulen erst in den 1990er Jahren gegründet, erhielten aber von Anfang an eine solide Finanzierungsbasis. Schweizer Fachhochschulen können bereits seit 2005 in Kooperation mit Universitäten Doktorate anbieten, seit 2017 sogar eigenständig. Diese Entwicklung zeigt, wohin die Reise auch in Österreich gehen könnte.

Konkrete Auswirkungen auf Bürgerinnen und Bürger

Die Diskussion um die Finanzierung der Fachhochschulen mag abstrakt wirken, hat aber sehr konkrete Auswirkungen auf das Leben der Österreicherinnen und Österreicher. Fachhochschul-Absolventen finden oft schneller einen Job als Universitäts-Absolventen, da sie praxisnäher ausgebildet sind. Gleichzeitig profitieren Unternehmen von gut ausgebildeten Fachkräften und innovativen Forschungsprojekten.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein österreichisches Unternehmen, das medizinische Geräte herstellt, arbeitet mit einer Fachhochschule an der Entwicklung eines neuen Diagnosegeräts. Die Studierenden schreiben ihre Abschlussarbeiten zu diesem Thema, das Unternehmen erhält kostengünstig innovative Ideen, und am Ende entsteht ein Produkt, das weltweit vermarktet werden kann. Solche Win-Win-Situationen sind typisch für die Fachhochschul-Landschaft.

Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: bessere und günstigere medizinische Geräte. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer: sichere Arbeitsplätze in innovativen Unternehmen. Für den Staat: höhere Steuereinnahmen und weniger Arbeitslosigkeit. Diese Kettenreaktion zeigt, warum Investitionen in Fachhochschulen gesellschaftlich so wertvoll sind.

Budgetverhandlungen als Lackmustest

Die Ankündigung von Ministerin Holzleitner, dass die laufenden Budgetverhandlungen die Bedeutung aller Hochschulsektoren widerspiegeln würden, ist ein wichtiges Signal. Konkret sprach sie von einer Valorisierung und einer neuen Forschungskomponente – beide Punkte sind zentrale Forderungen der Fachhochschulen.

Eine neue Forschungskomponente würde bedeuten, dass Fachhochschulen nicht mehr nur für ihre Lehrtätigkeit, sondern auch für ihre Forschungsleistungen direkt vom Bund finanziert werden. Bisher müssen sie sich ihre Forschungsgelder größtenteils über Drittmittel-Projekte beschaffen – ein aufwendiger und unsicherer Prozess.

Entbürokratisierung der Akkreditierung

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die geforderte Entbürokratisierung der Akkreditierung von Studiengängen. Akkreditierung ist ein Qualitätssicherungsverfahren, bei dem externe Experten prüfen, ob ein neuer Studiengang bestimmte Standards erfüllt. Dieser Prozess dauert in Österreich oft mehrere Jahre und kostet viel Geld – Zeit und Ressourcen, die für die eigentliche Lehre und Forschung fehlen.

Eine Vereinfachung des Akkreditierungsverfahrens würde es Fachhochschulen ermöglichen, schneller auf Marktveränderungen zu reagieren. Wenn beispielsweise plötzlich viele Cybersecurity-Experten gebraucht werden, könnte eine Fachhochschule binnen Monaten einen entsprechenden Studiengang starten, anstatt Jahre auf die Akkreditierung zu warten.

Internationale Wettbewerbsfähigkeit im Fokus

Die Warnung der Wirtschaftskammer vor einem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ist nicht unbegründet. Andere Länder investieren massiv in ihre Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Die Niederlande beispielsweise haben ihr gesamtes Hochschulsystem reorganisiert und den Universities of Applied Sciences eine gleichberechtigte Rolle neben den traditionellen Universitäten eingeräumt.

Auch die skandinavischen Länder setzen stark auf angewandte Forschung und haben ihre entsprechenden Hochschulen deutlich besser ausgestattet als Österreich. Das Ergebnis: Diese Länder führen in vielen Innovationsrankings, während Österreich zurückfällt. Besonders im Bereich der Digitalisierung und nachhaltigen Technologien haben andere Länder die Nase vorn.

Zukunftsperspektiven und Herausforderungen

Das 20. Forschungsforum, das 2025 an der FH Technikum Wien stattfinden wird, dürfte zeigen, ob die politischen Signale aus Graz in konkrete Taten umgesetzt wurden. Die nächsten Monate werden entscheidend sein: Kommen die versprochene Valorisierung und die neue Forschungskomponente? Wird die Arbeitsgruppe zu den Doktoratsstudiengängen tatsächlich eingerichtet?

Mittelfristig stehen die österreichischen Fachhochschulen vor großen Herausforderungen: Der demografische Wandel führt zu weniger Studierenden, gleichzeitig steigt der Bedarf an hochqualifizierten Fachkräften. Die Digitalisierung verändert Berufsbilder fundamental, neue Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Quantencomputing erfordern völlig neue Ausbildungskonzepte.

Fachhochschulen sind aufgrund ihrer Flexibilität und Praxisnähe theoretisch gut gerüstet, um diese Herausforderungen zu meistern. Sie brauchen aber die entsprechenden Ressourcen und Rahmenbedingungen. Das Grazer Memorandum und die politischen Reaktionen darauf zeigen: Der Sektor ist bereit, Verantwortung zu übernehmen – aber nur mit der notwendigen Unterstützung.

Die kommenden Budgetverhandlungen werden zeigen, ob Österreich bereit ist, in seine "Schnellboote" zu investieren oder ob es das Risiko eingeht, im internationalen Innovationswettbewerb zurückzufallen. Die 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Grazer Forums haben jedenfalls ein klares Signal gesendet: Die Zeit für Halbherzigkeiten ist vorbei. Entweder unterstützt die Politik die Fachhochschulen angemessen, oder sie riskiert, dass Österreich als Innovationsstandort an Bedeutung verliert.

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