Wenn am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, wieder die erschreckenden Zahlen zu Femiziden in Österreich veröffentlicht werden, rückt ein besonders verletzlicher Personenkr...
Wenn am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, wieder die erschreckenden Zahlen zu Femiziden in Österreich veröffentlicht werden, rückt ein besonders verletzlicher Personenkreis oft in den Hintergrund: die Kinder der getöteten Mütter. Während die Öffentlichkeit über Täterprofile und Präventionsmaßnahmen diskutiert, kämpfen hunderte Kinder und Jugendliche in Österreich mit den traumatischen Folgen dieser extremen Gewalttaten. Der Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren schlägt nun Alarm und fordert verstärkte Aufmerksamkeit für diese jungen Opfer.
Femizide erschüttern Österreich in regelmäßigen Abständen. Die Statistik Austria verzeichnete 2023 insgesamt 28 Femizide, das entspricht einem Anstieg von 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hinter jeder dieser Zahlen stehen nicht nur getötete Frauen, sondern oft auch Kinder, die von einem Moment auf den anderen ihr gesamtes Lebensumfeld verlieren. Petra Birchbauer, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Österreichischer Kinderschutzzentren, erklärt die besondere Tragik: "Nach einem Femizid brauchen Kinder sofort Stabilität, Orientierung und verlässliche Bezugspersonen. Eine frühzeitige Krisenintervention kann wesentlich dazu beitragen, die Verarbeitung des Erlebten zu unterstützen und langfristige psychische Folgen abzumildern."
Die Situation für diese Kinder ist besonders komplex, da häufig der Vater zugleich der Täter ist. Dies bedeutet nicht nur den Verlust der Mutter, sondern auch den kompletten Zusammenbruch der Familienstruktur. Studien aus Deutschland zeigen, dass etwa 60 Prozent aller Femizide im häuslichen Umfeld stattfinden, wo Kinder oft direkte Zeugen der Gewalttat werden oder sich zum Zeitpunkt der Tat im Haushalt befinden.
Die psychischen Folgen für Kinder, die einen Femizid miterleben oder dessen Opfer ihre Mutter wird, sind schwerwiegend und vielschichtig. Trauma-Experten sprechen von einer "komplexen Traumatisierung", die verschiedene Lebensbereiche betrifft. Betroffene Kinder leiden häufig unter Schuldgefühlen, da sie sich fragen, ob sie die Tat hätten verhindern können. Gleichzeitig entwickeln viele eine tiefe Angst vor erneuter Gewalt und Verlassenwerden.
Dr. Elisabeth Schaffelhofer-Garcia Marquez, Leitende Psychologin am Wiener Kinderschutzzentrum, erklärt die Symptome: "Wir beobachten bei betroffenen Kindern oft Schlafstörungen, Alpträume, Konzentrationsprobleme in der Schule und sozialen Rückzug. Manche entwickeln auch körperliche Symptome wie Bauchschmerzen oder Kopfweh, ohne dass eine organische Ursache festgestellt werden kann." Diese Symptome können sich über Monate oder sogar Jahre manifestieren und ohne professionelle Hilfe zu langfristigen psychischen Erkrankungen führen.
In Österreich existiert ein dichtes Netz von Kinderschutzzentren, die speziell auf die Betreuung traumatisierter Kinder spezialisiert sind. Derzeit gibt es in allen neun Bundesländern insgesamt 28 Kinderschutzzentren, die vom Bundesverband koordiniert werden. Diese Einrichtungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu unverzichtbaren Anlaufstellen für Kinder in Krisensituationen entwickelt.
Die Geschichte der österreichischen Kinderschutzzentren reicht zurück bis in die 1980er Jahre. Das erste Kinderschutzzentrum wurde 1988 in Wien eröffnet, als Reaktion auf die wachsende Erkenntnis, dass Kinder bei Gewalt in der Familie besondere Unterstützung benötigen. Seitdem hat sich die Landschaft kontinuierlich erweitert. Heute bieten die Zentren nicht nur Krisenintervention, sondern auch langfristige therapeutische Begleitung, Präventionsprogramme und Fortbildungen für Fachkräfte.
Die Krisenintervention nach einem Femizid folgt einem bewährten Ablauf, der auf die besonderen Bedürfnisse der betroffenen Kinder abgestimmt ist. In den ersten 24 bis 48 Stunden nach der Tat steht die Stabilisierung im Vordergrund. Fachkräfte der Kinderschutzzentren arbeiten eng mit der Kinder- und Jugendhilfe, der Polizei und anderen Behörden zusammen, um eine sichere Unterbringung der Kinder zu gewährleisten.
Ein zentraler Bestandteil der Arbeit ist die altersgerechte Aufklärung über das Geschehene. "Kinder haben ein Recht darauf zu erfahren, was passiert ist", betont Birchbauer. "Aber diese Information muss behutsam und dem Entwicklungsstand entsprechend vermittelt werden." Für Kleinkinder werden beispielsweise einfache Begriffe und Bilder verwendet, während Jugendliche bereits komplexere Zusammenhänge verstehen können.
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Österreich bei der Betreuung von Femizid-Waisen durchaus gut aufgestellt ist. In Deutschland existiert ein ähnliches System von Kinderschutzzentren, allerdings ist die Finanzierung häufig prekärer. Viele deutsche Einrichtungen kämpfen mit Personalengpässen und können nicht alle Hilfesuchenden aufnehmen.
Die Schweiz hat hingegen ein zentralisierteres System entwickelt. Dort werden Femizid-Waisen häufig direkt über die Kantone betreut, was eine schnellere Koordination ermöglicht, aber weniger spezialisierte Hilfe bietet. Österreich nimmt mit seinem dezentralen, aber spezialisierten Ansatz eine Mittelposition ein, die sich in der Praxis als effektiv erwiesen hat.
Die Finanzierung der Kinderschutzzentren erfolgt über eine Mischung aus Bundes-, Landes- und Gemeindemitteln sowie Spenden. Für das Jahr 2024 stehen insgesamt etwa 15 Millionen Euro für die Arbeit der Kinderschutzzentren zur Verfügung. Dies entspricht einem Anstieg von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, reicht aber nach Ansicht der Betreiber noch nicht aus, um alle Bedarfe zu decken.
Besonders die Nachbetreuung von Femizid-Waisen erfordert langfristige Ressourcen. Während die akute Krisenintervention meist binnen weniger Wochen abgeschlossen ist, können therapeutische Prozesse sich über Jahre hinziehen. "Wir brauchen eine verlässliche Langfinanzierung", fordert Birchbauer. "Trauma-Verarbeitung lässt sich nicht in ein starres Zeitraster pressen."
Neben der direkten Hilfe für betroffene Kinder setzen die Kinderschutzzentren auch stark auf Prävention. In Schulen und Kindergärten werden Programme durchgeführt, die Kinder über ihre Rechte aufklären und ihnen zeigen, wo sie Hilfe finden können. Diese Programme erreichen jährlich etwa 50.000 Kinder und Jugendliche in ganz Österreich.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Sensibilisierung für häusliche Gewalt. Kinder lernen, dass Gewalt niemals normal ist und dass sie sich Hilfe holen können, auch wenn sie Angst haben. Diese frühe Intervention kann dazu beitragen, Gewaltsituationen zu erkennen und zu durchbrechen, bevor sie eskalieren.
Mit dem "Digitalen Kinderschutzzentrum" hat der Bundesverband 2021 eine innovative Online-Plattform geschaffen, die rund um die Uhr erreichbar ist. Über Chat, E-Mail und Video-Beratung können Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene anonyme Hilfe erhalten. Besonders für Jugendliche, die oft zögern, persönlich Hilfe zu suchen, stellt dieses Angebot eine niedrigschwellige Alternative dar.
Die Plattform verzeichnet monatlich etwa 1.200 Anfragen, davon etwa 15 Prozent mit direktem Bezug zu häuslicher Gewalt. "Die digitale Beratung hat sich als wichtige Ergänzung zu unserer Arbeit vor Ort etabliert", erklärt Birchbauer. "Viele Kinder trauen sich zuerst online, ihre Probleme anzusprechen, bevor sie den Schritt in eine Beratungsstelle wagen."
Trotz der guten Grundausstattung stehen die österreichischen Kinderschutzzentren vor erheblichen Herausforderungen. Der Fachkräftemangel macht sich auch in diesem Bereich bemerkbar. Besonders traumaspezialisierte Therapeutinnen und Therapeuten sind schwer zu finden. Gleichzeitig steigt die Nachfrage kontinuierlich an – nicht nur durch Femizide, sondern durch alle Formen von Gewalt gegen Kinder.
Ein weiteres Problem ist die ungleiche Verteilung der Ressourcen zwischen städtischen und ländlichen Gebieten. Während in Wien und anderen Großstädten mehrere Kinderschutzzentren zur Verfügung stehen, müssen Kinder in abgelegenen Regionen oft weite Wege zurücklegen, um Hilfe zu erhalten. Hier soll das digitale Angebot Abhilfe schaffen, kann aber persönliche Betreuung nicht vollständig ersetzen.
Die Kinderschutzzentren setzen zunehmend auf innovative Therapieformen, die speziell für traumatisierte Kinder entwickelt wurden. Dazu gehört beispielsweise die EMDR-Therapie (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), bei der durch bestimmte Augenbewegungen die Verarbeitung traumatischer Erinnerungen gefördert wird. Auch kunsttherapeutische Ansätze haben sich bewährt, da Kinder oft leichter über kreative Medien als über Gespräche Zugang zu ihren Gefühlen finden.
Ein vielsprechender Ansatz ist auch die Einbindung von Therapietieren. Erste Pilotprojekte in Salzburg und Tirol zeigen, dass speziell ausgebildete Hunde dabei helfen können, das Vertrauen traumatisierter Kinder zu gewinnen und ihre Kommunikationsbereitschaft zu fördern.
Die Arbeit der Kinderschutzzentren zeigt konkrete Erfolge im Leben der betreuten Kinder. Eine interne Evaluation aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 78 Prozent der Kinder, die nach einem Femizid betreut wurden, nach einem Jahr wieder eine stabile Lebenssituation erreicht hatten. Die meisten wurden bei Verwandten oder Pflegefamilien untergebracht und konnten ihre Schullaufbahn fortsetzen.
Besonders wichtig ist die Kontinuität in der Betreuung. Viele Kinder entwickeln eine enge Bindung zu "ihrer" Beraterin oder ihrem Therapeuten und können so nach und nach Vertrauen zu Erwachsenen zurückgewinnen. Diese Beziehung wird oft zu einem wichtigen Anker in einer Zeit, in der alles andere unsicher geworden ist.
Ein Beispiel aus der Praxis zeigt die Wirksamkeit der Intervention: Die achtjährige Sarah (Name geändert) verlor ihre Mutter durch einen Femizid ihres Vaters. Zunächst völlig verstummt und von Albträumen geplagt, konnte sie durch die Betreuung im Kinderschutzzentrum Wien nach sechs Monaten wieder sprechen und zur Schule gehen. Heute, zwei Jahre später, lebt sie bei ihrer Tante und hat wieder Freude am Spielen gefunden.
Die Betreuung endet nicht mit dem 18. Geburtstag. Viele ehemalige Klienten nehmen auch als Erwachsene noch Kontakt zu "ihrem" Kinderschutzzentrum auf, wenn sie Unterstützung benötigen. Besonders bei wichtigen Lebensereignissen wie der Geburt eigener Kinder oder dem Eingehen einer Partnerschaft können alte Traumata wieder aufbrechen.
Das Konzept der "lebenslangen Erreichbarkeit" hat sich als wichtiger Baustein der Nachsorge etabliert. Erwachsene Femizid-Waisen berichten häufig, dass allein das Wissen um diese Möglichkeit ihnen Sicherheit gibt und dabei hilft, ein stabiles Leben aufzubauen.
Der Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren richtet einen dringenden Appell an Politik und Gesellschaft, den vergessenen Opfern von Femiziden mehr Aufmerksamkeit zu schenken. "Jeder Femizid ist eine Tragödie, aber wir dürfen nicht vergessen, dass meist auch Kinder zu Opfern werden", betont Birchbauer. "Diese Kinder brauchen unsere volle Unterstützung, um trotz des schrecklichen Erlebten eine Chance auf ein gesundes Leben zu haben."
Konkret fordert der Verband eine Aufstockung der Mittel für Kinderschutzzentren um mindestens 20 Prozent, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Außerdem soll die Ausbildung von Fachkräften für Trauma-Therapie gefördert und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen weiter verbessert werden.
Die Kinderschutzzentren leisten Tag für Tag unverzichtbare Arbeit für die verwundbarsten Mitglieder unserer Gesellschaft. Sie geben Kindern, die das Unvorstellbare erlebt haben, Hoffnung und eine Perspektive für die Zukunft. Diese Arbeit verdient nicht nur Anerkennung, sondern auch die notwendige finanzielle und gesellschaftliche Unterstützung, um weiter wachsen und sich entwickeln zu können. Denn am Ende geht es um nichts Geringeres als um die Zukunft der Kinder – und damit um die Zukunft unserer Gesellschaft.