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Förderstopp für Tischtennis-Verband: Schmidt will Athletinnen schützen

9. März 2026 um 16:20
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Das österreichische Sportministerium hat heute einen drastischen Schritt gesetzt: Der Österreichische Tischtennisverband (ÖTTV) erhält mit sofortiger Wirkung keine staatlichen Förderungen mehr. Gru...

Das österreichische Sportministerium hat heute einen drastischen Schritt gesetzt: Der Österreichische Tischtennisverband (ÖTTV) erhält mit sofortiger Wirkung keine staatlichen Förderungen mehr. Grund sind schwerwiegende Vorwürfe im Umgang mit mutmaßlichen Übergriffsfällen, die das Ministerium zum Handeln zwangen. Sport-Staatssekretärin Michaela Schmidt sprach von "erschreckenden Zuständen", die mit Steuergeld nicht mehr zu verantworten seien.

Schwerwiegende Vorwürfe erschüttern den Tischtennissport

Die Vorwürfe, die zur drastischen Maßnahme des Sportministeriums führten, wiegen schwer. Laut Staatssekretärin Schmidt soll es zu "anzüglichen Nachrichten" und "Nachbesprechungen im Bett" zwischen Trainern und jugendlichen Athletinnen gekommen sein. Diese Vorfälle sollen dem Verband bereits seit längerer Zeit bekannt gewesen sein, ohne dass angemessen reagiert wurde.

Der Begriff "Integritätsmanagement" umfasst dabei ein systematisches Vorgehen zur Prävention und Aufarbeitung von Fehlverhalten im Sport. Dazu gehören klar definierte Meldestrukturen, unabhängige Anlaufstellen für Betroffene, regelmäßige Schulungen für Trainer und Funktionäre sowie transparente Sanktionsmechanismen. Ein funktionierendes Integritätsmanagement bedeutet auch, dass Verdachtsfälle nicht vertuscht, sondern professionell und unabhängig untersucht werden.

Förderverträge als Instrument des Sportministeriums

Das Sportministerium nutzt die Förderverträge als zentrales Steuerungsinstrument. Diese enthalten nicht nur finanzielle Vereinbarungen, sondern auch verbindliche Verpflichtungen zu Präventions- und Integritätsmaßnahmen. Der Österreichische Tischtennisverband erhielt in den vergangenen Jahren erhebliche staatliche Unterstützung für Nachwuchsförderung, Trainerausbildung und Vereinsarbeit. Die genaue Fördersumme wurde vom Ministerium nicht beziffert, bewegt sich aber im sechsstelligen Bereich.

Entwicklung des Sportrechts in Österreich

Die Verschärfung der Integritätsstandards im österreichischen Sport ist eine relativ neue Entwicklung. Erst nach den internationalen Skandalen im Turnen, Schwimmen und anderen Sportarten begannen europäische Länder systematisch, ihre Kontrollmechanismen auszubauen. Österreich hinkte dieser Entwicklung lange hinterher. Während Deutschland bereits 2010 ein nationales Zentrum für Safeguarding im Sport etablierte, entstanden in Österreich erst 2018 erste strukturierte Ansätze.

Die Sportpsychologie definiert "Safeguarding" als umfassenden Schutz von Athletinnen und Athleten vor jeder Form von Missbrauch, Vernachlässigung oder Ausbeutung. Dies umfasst physische, psychische, sexuelle und emotionale Übergriffe. Besonders gefährdet sind minderjährige Sportlerinnen und Sportler aufgrund des Machtgefälles zwischen Trainern und Athleten sowie der oft isolierten Trainingssituationen.

Vergleich mit anderen Bundesländern und Nachbarstaaten

Ein Blick nach Deutschland zeigt, wie systematisches Integritätsmanagement funktionieren kann. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat bereits 2013 verbindliche Ehrenkodizes für alle Mitgliedsverbände eingeführt. Unabhängige Ansprechpersonen, regelmäßige Fortbildungen und klare Sanktionsmechanismen sind dort Standard. Die Schweiz ging noch einen Schritt weiter: Dort können staatliche Förderungen nur beantragt werden, wenn Verbände nachweislich funktionierende Schutzkonzepte implementiert haben.

Innerhalb Österreichs zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Während Wien und die Steiermark bereits eigene Koordinationsstellen für Gewaltprävention im Sport eingerichtet haben, fehlen solche Strukturen in anderen Ländern noch völlig. Diese Fragmentierung erschwert einheitliche Standards und ermöglicht es problematischen Trainern, zwischen Vereinen und Bundesländern zu wechseln.

Konkrete Auswirkungen für Athletinnen und Vereine

Der Förderstopp trifft nicht nur den Österreichischen Tischtennisverband als Organisation, sondern hat weitreichende Folgen für die gesamte Tischtennisszene. Etwa 850 Vereine mit rund 25.000 aktiven Mitgliedern sind direkt oder indirekt betroffen. Besonders hart trifft es die Nachwuchsförderung: Geplante Trainingslager, Wettkampfreisen und Trainerfortbildungen müssen verschoben oder gestrichen werden.

Für junge Tischtennisspielerinnen bedeutet dies konkret: Das Bundeskadertraining kann möglicherweise nicht in gewohntem Umfang stattfinden. Internationale Turniere, für die normalerweise Reisekosten übernommen wurden, werden zu einer finanziellen Belastung für die Familien. Vereinstrainer müssen auf wichtige Fortbildungsmaßnahmen verzichten, die zur Lizenzverlängerung notwendig wären.

Gleichzeitig entsteht aber auch eine Chance: Der Verband wird gezwungen, seine Strukturen grundlegend zu überdenken. Betroffene Athletinnen könnten erstmals das Vertrauen fassen, sich zu äußern, da nun klar ist, dass das Ministerium konsequent handelt.

Zahlen und Fakten zur österreichischen Sportförderung

Das Sportbudget des Bundes beträgt jährlich etwa 120 Millionen Euro. Davon fließen rund 60 Prozent in die Spitzensportförderung, 40 Prozent in Breitensport und Infrastruktur. Tischtennisverbände erhalten typischerweise zwischen 200.000 und 500.000 Euro jährlich, abhängig von Mitgliederzahlen und internationalen Erfolgen. Diese Mittel sind zweckgebunden und müssen detailliert abgerechnet werden.

Statistiken der Sportberatungsstelle "100% SPORT" zeigen ein alarmierendes Bild: In den vergangenen drei Jahren wurden österreichweit 127 Fälle von Grenzverletzungen im Sport gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, da viele Betroffene schweigen oder interne Beschwerdemechanismen nicht funktionieren. Tischtennis rangiert dabei im Mittelfeld der betroffenen Sportarten.

Staatsanwaltschaft ermittelt bereits

Parallel zum Förderstopp läuft bereits ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft. Details zu den konkreten Vorwürfen und betroffenen Personen sind aufgrund des laufenden Verfahrens nicht öffentlich. Staatssekretärin Schmidt betonte jedoch, dass strafrechtliche Verfolgung allein nicht ausreiche. "Das Strafrecht setzt nicht die einzigen Grenzen für korrektes Verhalten im Sport", erklärte sie.

Diese Aussage verdeutlicht einen wichtigen Aspekt: Auch Verhaltensweisen, die strafrechtlich nicht verfolgbar sind, können im Sportkontext völlig inakzeptabel sein. Psychische Einschüchterung, unangemessene Kommentare über Körper oder Leistung, oder das Ausnutzen emotionaler Abhängigkeiten fallen oft in rechtliche Grauzonen, sind aber dennoch schädlich für die Betroffenen.

Präventionskonzepte müssen gelebt werden

Ein zentraler Kritikpunkt der Staatssekretärin richtet sich gegen Alibi-Maßnahmen. Viele Verbände haben in den vergangenen Jahren formell Präventionskonzepte entwickelt und auf ihren Websites veröffentlicht. Diese existieren jedoch oft nur auf dem Papier. Schmidt fordert, dass solche Konzepte "tatsächlich gelebt werden" müssen.

Gelebte Prävention bedeutet konkret: Regelmäßige Schulungen für alle Trainer und Betreuer, klar kommunizierte Verhaltensregeln, unabhängige und vertrauensvolle Meldestellen, sowie eine Kultur, in der Fehlverhalten nicht toleriert wird. Dazu gehört auch die systematische Überprüfung von Trainern durch Führungszeugnisse und regelmäßige Gespräche mit Athletinnen und Eltern.

Neuaufstellung des Integritätsmanagements geplant

Sport-Staatssekretärin Schmidt kündigte eine grundlegende Neuaufstellung des Integritätsmanagements im österreichischen Sport an. Als Vorbilder nannte sie verschiedene europäische Länder, ohne jedoch konkret zu werden. Experten vermuten, dass sich Österreich am niederländischen oder britischen Modell orientieren könnte.

In den Niederlanden beispielsweise gibt es seit 2017 das "Centrum Veilige Sport Nederland", eine unabhängige Organisation, die Meldungen entgegennimmt, Fälle untersucht und Verbände bei der Entwicklung von Schutzkonzepten unterstützt. Großbritannien etablierte bereits 2001 die "Child Protection in Sport Unit", die mittlerweile als internationales Vorbild gilt.

Eine solche zentrale Stelle könnte auch in Österreich die Zersplitterung der Zuständigkeiten beenden und professionelle Standards etablieren. Derzeit sind Sportverbände weitgehend auf sich allein gestellt, wenn es um Integritätsmanagement geht. Dies führt zu unterschiedlichen Qualitätsstandards und rechtlichen Unsicherheiten.

Finanzierung und Umsetzung der Reformen

Die angekündigte Neuaufstellung wird erhebliche finanzielle Ressourcen benötigen. Schätzungen gehen von mindestens fünf Millionen Euro jährlich aus, um eine professionelle Integritätsstelle mit ausreichend Personal zu etablieren. Diese Mittel müssten zusätzlich zum bestehenden Sportbudget bereitgestellt werden, da eine Umschichtung die Sportförderung insgesamt schwächen würde.

Neben der Finanzierung stellt sich auch die Frage der rechtlichen Kompetenzen. Eine österreichweite Integritätsstelle bräuchte klare Befugnisse gegenüber Landesverbänden und Vereinen. Dies könnte verfassungsrechtliche Fragen aufwerfen, da Sport primär Ländersache ist.

Reaktionen aus der Sportwelt

Die Reaktionen auf den Förderstopp fallen gemischt aus. Während Athletenvertretungen und Frauensportorganisationen die harte Linie des Ministeriums begrüßen, kritisieren manche Funktionäre eine "Verurteilung vor der Aufklärung". Andere Verbände zeigen sich beunruhigt über die Signalwirkung: Könnte ihnen bei ähnlichen Problemen das gleiche Schicksal drohen?

Diese Unsicherheit ist durchaus beabsichtigt. Das Ministerium will ein klares Signal senden, dass Wegschauen und Vertuschung nicht mehr toleriert werden. Verbände sollen präventiv ihre Strukturen überprüfen und Schutzkonzepte implementieren, bevor Probleme auftreten.

Auswirkungen auf internationale Beziehungen

Der Förderstopp könnte auch internationale Konsequenzen haben. Österreichische Tischtennisspielerinnen könnten bei internationalen Turnieren benachteiligt sein, wenn die Vorbereitung und Betreuung leidet. Gleichzeitig sendet die harte Linie aber auch ein positives Signal an internationale Sportorganisationen, die zunehmend Wert auf Integritätsstandards legen.

Zukunftsperspektiven für den österreichischen Sport

Der Fall des Österreichischen Tischtennisverbandes könnte einen Wendepunkt im österreichischen Sport markieren. Erstmals greift das Ministerium so drastisch durch und macht deutlich, dass Integritätsstandards nicht verhandelbar sind. Dies dürfte auch andere Verbände dazu veranlassen, ihre Strukturen kritisch zu überprüfen.

Mittelfristig ist mit einer Professionalisierung des Integritätsmanagements zu rechnen. Verbände werden gezwungen sein, in Schulungen, unabhängige Beratung und systematische Präventionsarbeit zu investieren. Dies kostet zunächst Geld, kann aber langfristig das Vertrauen in den Sport stärken und mehr Mädchen und Frauen zur Teilnahme ermutigen.

Langfristig könnte Österreich zum Vorreiter in Sachen Sportsicherheit werden, wenn die angekündigten Reformen konsequent umgesetzt werden. Ein funktionierendes Integritätsmanagement würde nicht nur Übergriffe verhindern, sondern auch das allgemeine Sportklima verbessern und zu besseren Leistungen beitragen.

Der Österreichische Tischtennisverband hat nun die Chance, als positives Beispiel für gelungene Reformen zu dienen. Gelingt die Aufarbeitung und Neustrukturierung, könnte dies anderen Verbänden als Vorbild dienen. Scheitert der Verband jedoch an den Auflagen, droht nicht nur das Ende der staatlichen Förderung, sondern möglicherweise auch der Verlust der Mitgliedschaft in internationalen Organisationen.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob der harte Kurs des Sportministeriums die gewünschte Wirkung erzielt. Eines ist jedoch bereits jetzt klar: Die Zeit des Wegsehens und Vertuschens im österreichischen Sport ist definitiv vorbei. Athletinnen und Athleten können darauf vertrauen, dass ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden oberste Priorität haben - notfalls auch gegen den Widerstand etablierter Strukturen.

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