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Freie Radios als Demokratie-Motor: RTR-Studie zeigt neue Wege

5. März 2026 um 14:39
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Eine bahnbrechende Studie der Universität Salzburg stellt die Bewertung nichtkommerzieller Medien in Österreich auf den Kopf. Während Politik und Fördergeberr bisher hauptsächlich auf Einschaltquoten blickten, zeigt die am 5. März 2026 präsentierte Untersuchung: Freie Radios und Community-TV-Sender leisten weit mehr als klassische Reichweitenmessung erfasst. Sie fungieren als "demokratische Basisinfrastruktur" und schaffen eine völlig neue Form der Bürgerbeteiligung.

Was sind nichtkommerzielle Rundfunkveranstalter?

Nichtkommerzielle Rundfunkveranstalter sind Medienunternehmen, die nicht gewinnorientiert arbeiten und sich vom öffentlich-rechtlichen sowie privaten Rundfunk grundlegend unterscheiden. In Österreich gehören dazu etwa 15 freie Radiosender wie Radio Orange 94.0 in Wien, Radio FRO in Linz oder Radiofabrik in Salzburg, sowie Community-TV-Sender wie Okto in Wien oder FS1 in Salzburg. Diese Sender ermöglichen es Laien, unter professioneller Anleitung eigene journalistische Produktionen zu erstellen. Dabei stehen nicht kommerzielle Interessen im Vordergrund, sondern gesellschaftlicher Nutzen, Bildung und demokratische Teilhabe. Die Finanzierung erfolgt über öffentliche Förderungen, insbesondere den "Nichtkommerziellen Rundfunkfonds" der RTR Medien, sowie durch Unterstützung der Bundesländer und Spenden.

Revolutionärer Ansatz: "Aktivierende Reichweite" statt Einschaltquoten

Die von der Kommunikationswissenschaftlerin MMag.a Manuela Grünangerl geleitete Studie führt ein völlig neues Konzept ein: die "Aktivierende Reichweite". Während herkömmliche Medien primär auf passive Konsumenten abzielen und ihren Erfolg an Einschaltquoten, Auflagenzahlen oder Klicks messen, verfolgen nichtkommerzielle Sender einen partizipativen Ansatz. "Unsere Studie zeigt, dass die Reichweite der Nichtkommerziellen nicht primär an Einschaltquoten oder Klickzahlen gemessen werden kann, sondern an deren Aktivierungspotenzial", erklärt Grünangerl.

Konkret bedeutet das: Ein freier Radiosender mit 5.000 Hörern, der aber 200 Menschen dazu befähigt, eigene Sendungen zu produzieren und journalistische Fähigkeiten zu entwickeln, hat eine höhere gesellschaftliche Wirkung als ein kommerzieller Sender mit 50.000 passiven Konsumenten. Die "Aktivierende Reichweite" misst somit nicht nur, wie viele Menschen erreicht werden, sondern wie viele Menschen zu aktiven Medienproduzenten werden.

Praktische Beispiele der Aktivierung

  • Migrantinnen lernen Interviewtechniken und berichten über Integration
  • Jugendliche produzieren Podcast-Serien zu lokalen Themen
  • Senioren dokumentieren Stadtgeschichte in Radiosendungen
  • Arbeitslose entwickeln durch Medienarbeit neue berufliche Perspektiven

Historische Entwicklung des freien Rundfunks in Österreich

Die Geschichte der nichtkommerziellen Medien in Österreich reicht bis in die 1980er Jahre zurück, als Piratensender das Monopol des ORF durchbrachen. Mit der Liberalisierung des Rundfunkmarktes in den 1990ern entstanden die ersten legalen freien Radios. Radio Orange 94.0 in Wien war 1998 einer der Pioniere, gefolgt von weiteren Stationen in allen Bundesländern. Die rechtliche Grundlage schuf das Privatrundfunkgesetz, das nichtkommerzielle Veranstalter als dritten Sektor neben öffentlich-rechtlichem und kommerziellem Rundfunk etablierte.

Ein entscheidender Meilenstein war 2001 die Gründung des Nichtkommerziellen Rundfunkfonds durch die RTR Medien. Mit jährlich rund 2 Millionen Euro Fördervolumen unterstützt dieser Fonds Programmproduktion, technische Infrastruktur und Ausbildungsmaßnahmen. Zusätzlich investieren Bundesländer wie Wien, Salzburg oder Oberösterreich weitere Mittel in ihre lokalen freien Medien.

International orientierte sich Österreich an Vorbildern wie den community radios in Großbritannien oder den radios associatives in Frankreich. Heute gilt das österreichische Modell als europaweit vorbildlich für die Integration von Bürgermedien in die Medienlandschaft.

Vergleich mit anderen Ländern: Österreich als Vorreiter

Im internationalen Vergleich nimmt Österreich eine Spitzenposition bei der Förderung nichtkommerzieller Medien ein. Deutschland hinkt mit seiner komplexen föderalen Struktur deutlich hinterher - dort existieren zwar Bürgerfunk-Formate, aber keine vergleichbare systematische Förderung. Die Schweiz verfügt über ähnliche Strukturen, allerdings mit geringerer finanzieller Ausstattung pro Einwohner.

Besonders fortschrittlich ist Österreichs Ansatz der professionellen Begleitung: Während in vielen Ländern Laienjournalisten weitgehend auf sich gestellt sind, bieten österreichische freie Medien systematische Ausbildungsprogramme, Mentoring und technische Unterstützung.

Konkrete Auswirkungen auf Bürger und Gesellschaft

Die gesellschaftlichen Auswirkungen nichtkommerzieller Medien sind vielfältig und messbar. RTR Medien-Geschäftsführer Wolfgang Struber betont: "Der Nichtkommerzielle Rundfunk erfüllt eine breitere gesellschaftliche Rolle – als demokratische Infrastruktur, die den Menschen Beteiligung, Medienkompetenz und mediale Öffentlichkeit unter Vermittlung journalistischer Grundwerte ermöglicht."

Ein konkretes Beispiel aus Wien: Radio Orange 94.0 bildet jährlich etwa 150 neue Sendungsmacher aus verschiedensten gesellschaftlichen Schichten aus. Viele nutzen diese Fähigkeiten später beruflich - als Pressereferenten in NGOs, als Kommunikationsverantwortliche in Unternehmen oder als freie Journalisten. Eine interne Evaluierung zeigte, dass 40 Prozent der Teilnehmer die erworbenen Medienkompetenzen in ihrem Berufsleben einsetzen.

Spezifische Zielgruppen und ihre Erfolgsgeschichten

  • Migranten: Mehrsprachige Sendungen fördern Integration und geben marginalisierten Stimmen Raum
  • Jugendliche: Entwickeln digitale Kompetenzen und kritisches Medienverständnis
  • Senioren: Bleiben gesellschaftlich aktiv und geben Wissen weiter
  • Menschen mit Behinderungen: Finden barrierefreie Partizipationsmöglichkeiten

Fachliche Einordnung durch Experten

Univ.-Prof. Dr. Josef Trappel, Leiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg, ordnet die Bedeutung des nichtkommerziellen Rundfunks in den größeren demokratietheoretischen Kontext ein: "Der Nichtkommerzielle Rundfunk ist eine demokratische Basisinfrastruktur, die Teilhabe, Selbstermächtigung und zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit strukturell ermöglicht. Die Leistungen gehen über die Herstellung von Inhalten weit hinaus."

Diese Einschätzung basiert auf der qualitativen Studie, für die Interviews mit 15 leitenden Vertretern von sieben nichtkommerziellen Radio- und TV-Sendern sowie der Archiv-Plattform Cultural Broadcasting Archive (CBA) geführt wurden. Die Untersuchung zeigt, dass Teilnehmer nachhaltig Fähigkeiten entwickeln, die in berufliche, pädagogische oder zivilgesellschaftliche Kontexte weiterwirken.

Aktuelle Herausforderungen und politische Diskussion

Trotz ihrer gesellschaftlichen Bedeutung stehen nichtkommerzielle Medien unter konstantem Rechtfertigungsdruck. Wolfgang Struber erklärt die Motivation für die Studie: "Oft werden diese Förderungen auch unter Hinweis auf geringe Nutzungszahlen der Programme diskutiert, in einem Fall vor einigen Monaten sogar eingestellt." Tatsächlich stellte das Bundesland Kärnten 2025 die Förderung für Radio Agora ein - eine Entscheidung, die in der Medienszene heftig kritisiert wurde.

Die neuen Erkenntnisse der Salzburger Studie könnten solche Diskussionen grundlegend verändern. Wenn politische Entscheidungsträger verstehen, dass der Wert dieser Medien nicht in klassischen Reichweiten liegt, sondern in ihrer Funktion als "demokratische Infrastruktur", werden Förderentscheidungen möglicherweise anders getroffen.

Medienkompetenz gegen Algorithmus und Fake News

Besondere Relevanz gewinnt die Studie vor dem Hintergrund aktueller Medienkrise und des wachsenden Misstrauens in traditionelle Medien. Die Autoren argumentieren, dass nichtkommerzielle Medien eine wichtige Rolle bei der Förderung von Medienkompetenz spielen. Wer selbst journalistisch arbeitet, entwickelt automatisch ein besseres Verständnis für die Entstehung von Medieninhalten und kann "algorithmisch gesteuerte Medienangebote" kritischer beurteilen.

In Zeiten von Social Media-Blasen und Fake News bieten freie Medien einen Raum für authentische, lokale Berichterstattung. Ihre Produzenten sind in ihren Communities verwurzelt und berichten über Themen, die in anderen Medien keinen Platz finden - von Bezirkspolitik bis zu Vereinsaktivitäten.

Die RTR Medien als Förderer und Regulator

Die Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR Medien) fungiert als zentrale Förder- und Regulierungsinstanz für österreichische Medien. Als "Österreichs größte Förderstelle für Medienunternehmen" unterstützt sie nicht nur nichtkommerzielle Medien, sondern auch Radio, Fernsehen, Print und Audio-Podcasts. Der Nichtkommerzielle Rundfunkfonds ist dabei nur ein Baustein im umfassenden Förderportfolio.

Die RTR Medien versteht sich auch als "Kompetenzzentrum" der Medienmärkte und teilt ihr Wissen durch Studien, Berichte und Veranstaltungen. Die aktuelle Untersuchung ist Teil dieser Transparenzstrategie und soll evidenzbasierte Medienpolitik unterstützen.

Zukunftsperspektiven: Digitalisierung und neue Formate

Die Studie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem nichtkommerzielle Medien vor neuen Herausforderungen stehen. Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten - von Podcasts bis zu Online-Video-Formaten - erfordert aber auch neue Kompetenzen und Ressourcen. Viele freie Medien experimentieren bereits mit innovativen Formaten: interaktive Podcasts, partizipative Videoproduktionen oder community-basierte Online-Plattformen.

Die "Aktivierende Reichweite" könnte auch im digitalen Raum neue Maßstäbe setzen. Statt YouTube-Views oder Spotify-Streams zu zählen, würde die Anzahl der Menschen gemessen, die durch partizipative Medienformate zu aktiven Produzenten werden.

Für die nächsten Jahre prognostizieren Experten eine verstärkte Integration von KI-Tools in die Medienproduktion nichtkommerzieller Sender. Diese könnten die technischen Hürden für Laien weiter senken und noch mehr Menschen den Zugang zu professioneller Medienproduktion ermöglichen.

Die Salzburger Studie liefert wichtige Argumente für eine Neubewertung nichtkommerzieller Medien in Österreich. Sie zeigt, dass demokratische Teilhabe nicht nur durch das Konsumieren von Medien, sondern vor allem durch aktive Partizipation an ihrer Herstellung gefördert wird. Ob diese Erkenntnisse zu einer Stärkung der Förderungen führen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die Studie ist jedenfalls ein wichtiger Baustein für eine evidenzbasierte Medienpolitik, die über reine Reichweitenkennzahlen hinausblickt.

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