Sozialexperten verlangen Anpassung von Karenz und Kinderbetreuungsgeld an tatsächlichen Geburtstermin – Frühe Hilfen sollen ausgebaut werden
Rund 5.200 Frühgeborene kommen jährlich in Österreich zur Welt. Die Diakonie kritisiert bestehende Benachteiligungen bei Sozialleistungen und fordert umfassende Reformen.
Jedes Jahr erblicken in Österreich mehr als 5.000 Kinder zu früh das Licht der Welt. Was für betroffene Familien ohnehin eine enorme emotionale Belastung darstellt, wird durch bestehende gesetzliche Regelungen zusätzlich erschwert. Die Diakonie Österreich macht nun auf gravierende Lücken im sozialen Sicherungsnetz aufmerksam und fordert von der Regierung konkrete Verbesserungen für Frühchen-Eltern.
Die aktuellen Daten der Statistik Austria zeichnen ein deutliches Bild: 5.231 Frühgeborene kamen zuletzt in Österreich zur Welt. Das entspricht einer Frühgeborenenrate von rund sieben Prozent aller Geburten. Im weltweiten Vergleich ist sogar jedes zehnte Kind eine Frühgeburt. Als Frühchen gelten dabei alle Kinder, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren werden. Die meisten dieser Neugeborenen wiegen bei ihrer Geburt weniger als 2.500 Gramm.
"Wenn ein Baby als Frühchen auf die Welt kommt, stehen Eltern plötzlich vor ganz neuen Fragen – und nach dem Krankenhausstart fühlt sich zu Hause nicht automatisch leicht an", beschreibt Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk die Situation betroffener Familien. Der Psychologe weist eindringlich auf die fehlenden sozialen Rahmenbedingungen hin, die den erhöhten Begleitungs- und Betreuungsbedarf dieser Familien berücksichtigen würden.
Ein zentraler Kritikpunkt der Diakonie betrifft die bestehenden Regelungen zu Kinderbetreuungsgeld und Karenz. Das Problem liegt in der Berechnung: Während Eltern reifgeborener Kinder ihre Babys in der Regel 14 Monate zu Hause betreuen können, verbringen Frühchen-Eltern oder Eltern kranker Neugeborener oft bis zu vier und mehr Monate nach der Geburt zunächst in der Klinik.
Diese Klinikzeit wird jedoch bei der Berechnung der Karenzzeit nicht berücksichtigt. Die Monate im Krankenhaus fehlen am Ende der Karenz, obwohl gerade Frühgeborene aufgrund von Entwicklungsverzögerungen eine längere häusliche Betreuung benötigen würden. Die rein rechnerische Betrachtung ignoriert dabei einen wesentlichen Aspekt: Frühgeborene müssen Entwicklungszeit nachholen, und das erste Lebensjahr ist nicht selten von zahlreichen Nachsorgeuntersuchungen und Therapien geprägt.
Die Diakonie fordert daher eine grundlegende Anpassung: Karenzzeiten und Kinderbetreuungsgeld sollten ab dem errechneten Geburtstermin berechnet werden und den individuellen Entwicklungsstand des Kindes berücksichtigen. Nur so könne die bestehende Benachteiligung behoben werden.
Ein weiteres Problem betrifft die Bewilligung medizinischer Hilfsmittel. Derzeit werden Geräte wie Milchpumpen oder Babywaagen grundsätzlich für sechs Monate bewilligt – unabhängig davon, ob es sich um ein früh- oder reifgeborenes Kind handelt. Selbst bei medizinischer Indikation erfolgt keine längere Bewilligung.
Diese starre Regelung ignoriert den tatsächlichen Bedarf von Frühchen-Familien. Gerade bei Frühgeborenen stellt die Nahrungsaufnahme oft eine große Herausforderung dar. Viele Frühchen müssen am Anfang ihres Lebens im Krankenhaus intubiert oder mit Sonden versorgt werden. Die Folge: Sie sind oft besonders im Mundraum sehr empfindlich, was das Trinken und Essen über Monate hinweg erschweren kann.
Um den erhöhten Pflegeaufwand von Frühchen anzuerkennen, schlägt die Diakonie verschiedene Maßnahmen vor. Eine Möglichkeit wäre die Anerkennung von Pflegegeld nach deutschem Vorbild. Alternativ könnte der Anspruch auf erhöhte Familienbeihilfe für Extrem-Frühchen oder kranke Neugeborene eingeführt werden.
"Mit einer erhöhten Familienbeihilfe für Extrem-Frühchen oder kranke Neugeborene sollte die Zeit des erhöhten Pflegeaufwandes anerkannt werden", erklärt Schenk. Dieser erhöhte Aufwand entstehe beispielsweise bei Atemproblemen, Trinkschwäche oder Entwicklungsverzögerungen – Herausforderungen, mit denen viele Frühchen-Familien über längere Zeit konfrontiert sind.
Neben den finanziellen Aspekten fordert die Diakonie auch einen Ausbau der bestehenden Unterstützungsstrukturen. Die bereits etablierten "Frühen Hilfen", die derzeit Familien mit Kindern von null bis drei Jahren unterstützen, sollten zu allgemeinen "Kinder-Hilfen" weiterentwickelt werden.
"Man setzt bei den Entwicklungsherausforderungen des Kindes an und baut die Unterstützungsmaßnahmen begleitend auf", erklärt Schenk das Konzept. Als ersten konkreten Schritt schlägt er vor, die bestehenden Frühen Hilfen auf die Altersgruppe von drei bis sechs Jahren auszuweiten.
Das Konzept basiert auf sogenannten "Präventionsketten" – miteinander verbundenen Unterstützungsangeboten, bei denen die einzelnen Glieder verlässlich ineinandergreifen, damit die Kette nicht reißen kann. Im Kern gehe es darum, Unterstützungsnetze zu mobilisieren, die sozialstaatlich, institutionell, in der Gemeinde und in der Community zu finden sind, erläutert der Diakonie-Experte.
"Die sozialen Dienstleistungen sind hier besonders bedeutsam", betont Schenk. Das Modell beginnt immer rund um die Geburt im ersten Jahr mit den Frühen Hilfen und setzt sich dann bis ins Jugendalter fort. Als positives Beispiel nennt Schenk Dänemark, wo dieser Ansatz bereits viele Kinder gestärkt habe. Der Schlüssel zum Erfolg liege darin, dass dieser Ansatz Menschen in der Community verbinde, eingefahrene Berufsbilder auflöse und Ressourcen sowie Geld mobilisiere.
Für das Verständnis der Problematik ist es wichtig zu wissen, dass nicht alle Frühchen gleich sind. Die Intensität der Behandlung und der spätere Unterstützungsbedarf orientieren sich am sogenannten Gestationsalter – also der Schwangerschaftswoche bei der Geburt – sowie am Geburtsgewicht.
Die meisten Frühgeborenen sind sogenannte "späte Frühchen", die zwischen der 34. und 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Sie haben in der Regel die besten Aussichten auf eine komplikationsfreie Entwicklung. Anders sieht es bei Extrem-Frühchen aus, die vor der 28. Schwangerschaftswoche geboren werden und oft intensive medizinische Betreuung über Monate hinweg benötigen.
Um betroffene Familien besser zu informieren und zu unterstützen, hat die Diakonie einen neuen Online-Ratgeber zum Thema "Kinder stärken" veröffentlicht. Unter www.diakonie.at/kinder-eltern-ratgeber finden Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie alle, die viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, fundierte Informationen und ehrliche Einblicke.
Der Ratgeber widmet sich verschiedenen Herausforderungen, mit denen Familien konfrontiert sein können: chronische Erkrankungen bei Kindern, Leben in Armut, Autismus und Neurodivergenz, psychische Belastungen sowie Themen rund um Schule und Behinderung. Die Diakonie will damit einen Beitrag leisten, Familien in schwierigen Situationen nicht allein zu lassen.
Die Forderungen der Diakonie zeigen deutlich: Im österreichischen Sozialsystem gibt es Lücken, die besonders vulnerable Gruppen wie Frühchen-Familien betreffen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen – von der Anpassung der Karenzzeiten über die Flexibilisierung bei Hilfsmitteln bis hin zum Ausbau der Frühen Hilfen – würden konkrete Verbesserungen für tausende betroffene Familien bringen.
Ob die neue Regierung diese Anregungen aufgreift, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch: Die rund 5.200 Frühchen, die jährlich in Österreich zur Welt kommen, und ihre Familien verdienen eine soziale Absicherung, die ihrer besonderen Situation gerecht wird. Die Zeit im Krankenhaus, die vielen Arzttermine, die Therapien und der erhöhte Pflegeaufwand zu Hause sollten nicht auch noch durch bürokratische Hürden und unflexible Regelungen erschwert werden.
Die Diakonie hat mit ihren Forderungen einen wichtigen Diskussionsbeitrag geliefert. Nun liegt es an der Politik, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Frühchen-Eltern die Unterstützung bekommen, die sie und ihre Kinder brauchen.