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Gendergap in der Medizin: Warum Frauen schlechter behandelt werden

5. März 2026 um 13:16
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<p>Frauen leben statistisch länger als Männer, verbringen aber paradoxerweise mehr Jahre ihres Lebens in schlechter Gesundheit. Diese alarmierende Erkenntnis der Medizinischen Universität Wien beleuch...

Frauen leben statistisch länger als Männer, verbringen aber paradoxerweise mehr Jahre ihres Lebens in schlechter Gesundheit. Diese alarmierende Erkenntnis der Medizinischen Universität Wien beleuchtet ein systematisches Problem im österreichischen Gesundheitswesen: den sogenannten "Gender Data Gap". Am 7. März 2026 widmet sich die ORF-Sendung "Bewusst gesund" diesem brisanten Thema und macht deutlich, dass die Medizin auch im Jahr 2026 noch stark männlich geprägt ist – mit teils lebensgefährlichen Folgen für Patientinnen.

Systematische Benachteiligung von Frauen im Gesundheitswesen

Das Phänomen der geschlechtsspezifischen Ungleichbehandlung in der Medizin zieht sich durch alle Bereiche des Gesundheitssystems. Frauen berichten häufiger davon, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen oder als psychosomatisch abgetan werden. Während männliche Patienten bei ähnlichen Symptomen schnell konkrete Medikamente erhalten, müssen Frauen oft einen langen Leidensweg durchlaufen, bis sie die richtige Diagnose und Behandlung erhalten.

Der Begriff "Gender Data Gap" beschreibt die systematische Unterrepräsentation von Frauen in medizinischen Studien und Forschungsarbeiten. Jahrzehntelang wurden Medikamente primär an männlichen Probanden getestet, Krankheitsverläufe anhand männlicher Patienten erforscht und Behandlungsrichtlinien nach männlichen Standards entwickelt. Diese Praxis hat zur Folge, dass viele Therapien bei Frauen weniger wirksam sind oder unerwartete Nebenwirkungen auftreten.

Konkrete Beispiele der Ungleichbehandlung

Besonders deutlich wird diese Problematik bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der klassische Herzinfarkt wird oft anhand männlicher Symptome diagnostiziert – plötzlicher, stechender Brustschmerz, der in den linken Arm ausstrahlt. Frauen hingegen zeigen häufig andere Symptome wie Übelkeit, Rückenschmerzen oder allgemeines Unwohlsein. Diese werden oft fehlinterpretiert oder übersehen, was zu verzögerter Behandlung und schlechteren Überlebenschancen führt.

Bei Diabetes mellitus zeigt sich ein ähnliches Muster: Während Männer oft schnell eine klare Diagnose erhalten, warten Frauen durchschnittlich länger auf die richtige Einordnung ihrer Symptome. Dies liegt auch daran, dass hormonelle Schwankungen bei Frauen die Blutzuckerwerte beeinflussen können, was in den Standard-Diagnoserichtlinien oft nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Die Rolle der Gender Medicine in Österreich

Die Gender Medicine Unit der Medizinischen Universität Wien, geleitet von Alexandra Kautzky-Willer, ist eine Pionierin auf diesem Gebiet. Diese Spezialabteilung erforscht seit Jahren die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Patienten und entwickelt geschlechtsspezifische Behandlungsansätze. Kautzky-Willer, eine renommierte Internistin, gilt als führende Expertin für geschlechtsspezifische Medizin im deutschsprachigen Raum.

Die Gender Medicine, auch als geschlechtsspezifische Medizin bezeichnet, ist ein relativ junges medizinisches Fachgebiet, das biologische und psychosoziale Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Bezug auf Gesundheit und Krankheit erforscht. Dabei geht es nicht nur um offensichtliche anatomische Unterschiede, sondern auch um hormonelle Einflüsse, unterschiedliche Stoffwechselprozesse und verschiedene Reaktionen auf Medikamente.

Hormonelle Einflüsse auf Krankheitsverläufe

Ein zentraler Aspekt der geschlechtsspezifischen Medizin sind die hormonellen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Östrogen und Progesteron beeinflussen nicht nur das Reproduktionssystem, sondern haben Auswirkungen auf das gesamte Herz-Kreislauf-System, das Immunsystem und sogar die Schmerzwahrnehmung. Diese hormonellen Schwankungen während des Menstruationszyklus, in der Schwangerschaft und in den Wechseljahren können Krankheitssymptome verstärken oder abschwächen.

Beispielsweise zeigen Studien, dass Frauen vor der Menopause seltener an Herzinfarkten leiden als gleichaltrige Männer, da Östrogen eine schützende Wirkung auf die Blutgefäße hat. Nach der Menopause steigt das Risiko jedoch dramatisch an. Diese Erkenntnis hat zu spezifischen Präventionsstrategien für Frauen in verschiedenen Lebensphasen geführt.

Internationaler Vergleich: Österreich im europäischen Kontext

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nimmt Österreich eine Vorreiterrolle in der geschlechtsspezifischen Medizin ein. Während in Deutschland erst langsam entsprechende Zentren entstehen, verfügt Österreich bereits seit Jahren über etablierte Gender Medicine Units. Die Schweiz hat ebenfalls begonnen, geschlechtsspezifische Aspekte stärker in die medizinische Ausbildung zu integrieren, hinkt aber noch hinter den österreichischen Entwicklungen hinterher.

Skandinavische Länder wie Schweden und Norwegen haben bereits in den 1990er Jahren begonnen, geschlechtsspezifische Daten systematisch zu erfassen und auszuwerten. Diese Länder gelten heute als Vorbilder für eine gleichberechtigte medizinische Versorgung. Ihre Gesundheitssysteme zeigen deutlich bessere Outcomes für Frauen in verschiedenen Krankheitsbereichen.

Auswirkungen auf das österreichische Gesundheitssystem

Die Erkenntnisse der Gender Medicine haben bereits konkrete Auswirkungen auf das österreichische Gesundheitswesen. Medizinische Leitlinien werden zunehmend geschlechtsspezifisch überarbeitet, und in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten werden geschlechtsspezifische Aspekte stärker berücksichtigt. Die österreichische Ärztekammer hat entsprechende Fortbildungsmodule entwickelt, um praktizierenden Medizinern das nötige Wissen zu vermitteln.

Dennoch zeigen aktuelle Erhebungen, dass in vielen Praxen und Krankenhäusern noch Aufholbedarf besteht. Eine 2025 durchgeführte Studie der Gesundheit Österreich GmbH ergab, dass nur etwa 40 Prozent der befragten Ärzte sich ausreichend über geschlechtsspezifische Unterschiede informiert fühlen.

Medikamentenforschung: Ein männlich geprägtes System

Besonders problematisch ist die Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien zur Medikamentenentwicklung. Bis in die 1990er Jahre wurden Frauen im gebärfähigen Alter systematisch von klinischen Studien ausgeschlossen, um potentielle Schäden für ungeborene Kinder zu vermeiden. Diese gut gemeinte Schutzmaßnahme führte jedoch dazu, dass Medikamente hauptsächlich an männlichen Probanden getestet wurden.

Die Folgen zeigen sich heute deutlich: Frauen erleiden doppelt so häufig unerwünschte Arzneimittelwirkungen wie Männer. Dies liegt nicht nur an unterschiedlichen Körpergewichten, sondern auch an verschiedenen Stoffwechselprozessen, hormonellen Einflüssen und unterschiedlichen Verteilungsmustern von Medikamenten im weiblichen und männlichen Körper.

Beispiele aus der Praxis

Ein bekanntes Beispiel ist das Schlafmittel Zolpidem: Frauen bauen dieses Medikament langsamer ab als Männer, weshalb sie am nächsten Morgen noch beeinträchtigt sein können. Erst nachdem vermehrt Verkehrsunfälle bei Frauen auftraten, wurde die Dosierungsempfehlung für Frauen halbiert.

Ähnliche Probleme zeigen sich bei Herz-Kreislauf-Medikamenten: ACE-Hemmer, die standardmäßig zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt werden, können bei Frauen häufiger zu trockenem Husten führen. Beta-Blocker wirken bei Frauen oft weniger effektiv als bei Männern, was in den ursprünglichen Studien nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

Psychologisierung von Frauenbeschwerden

Ein besonders bedenklicher Aspekt der geschlechtsspezifischen Ungleichbehandlung ist die Tendenz zur Psychologisierung weiblicher Beschwerden. Studien zeigen, dass Ärzte bei Frauen häufiger psychosomatische Ursachen vermuten und entsprechende Therapien vorschlagen, während bei Männern mit identischen Symptomen eher nach organischen Ursachen gesucht wird.

Diese Praxis hat historische Wurzeln: Bereits im 19. Jahrhundert wurden weibliche Beschwerden oft als "Hysterie" abgetan – ein Begriff, der sich vom griechischen Wort für Gebärmutter ableitet. Obwohl diese extreme Form der Diskriminierung heute nicht mehr existiert, zeigen sich subtilere Formen der Psychologisierung weiterhin im medizinischen Alltag.

Auswirkungen auf Schmerzbehandlung

Besonders deutlich wird dies bei der Schmerzbehandlung: Frauen erhalten statistisch gesehen seltener starke Schmerzmittel und müssen länger auf eine adäquate Schmerztherapie warten. Studien aus österreichischen Notaufnahmen zeigen, dass Männer bei vergleichbaren Schmerzzuständen schneller und mit stärkeren Analgetika behandelt werden.

Diese Unterschiede lassen sich nicht durch objektive medizinische Faktoren erklären, sondern spiegeln unbewusste Vorurteile wider. Viele Mediziner nehmen weibliche Schmerzäußerungen als weniger glaubwürdig wahr oder führen sie auf emotionale Faktoren zurück.

Neue Ansätze: Somatisches Yoga und ganzheitliche Therapien

Als Reaktion auf die männlich geprägte Medizin entwickeln sich zunehmend alternative und ergänzende Therapieansätze, die speziell auf weibliche Bedürfnisse eingehen. Ein Beispiel ist das Somatische Yoga, das in der ORF-Sendung ebenfalls vorgestellt wird. Dieser Yoga-Stil berücksichtigt bewusst, dass traditionelles Yoga ursprünglich von Männern für Männer entwickelt wurde und daher nicht immer optimal für den weiblichen Körper geeignet ist.

Das Somatische Yoga, entwickelt von der amerikanischen Bewegungstherapeutin Martha Peterson, fokussiert sich stärker auf die Innenschau und Körperwahrnehmung anstatt auf perfekte Positionen. Diese Herangehensweise entspricht eher der weiblichen Art, Bewegung und Körperlichkeit zu erleben. Studien zeigen, dass Frauen oft einen intuitiveren Zugang zu ihrem Körper haben und mehr von sanften, bewussten Bewegungen profitieren als von kraftbetonten Übungen.

Integration in das Gesundheitssystem

Solche geschlechtsspezifischen Therapieansätze finden langsam auch Eingang in das österreichische Gesundheitssystem. Physiotherapiepraxen bieten zunehmend spezielle Programme für Frauen an, und auch in der Rehabilitation werden geschlechtsspezifische Unterschiede stärker berücksichtigt. Die Österreichische Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation hat entsprechende Leitlinien entwickelt.

Zukunftsperspektiven: Personalisierte Medizin als Chance

Die Entwicklung hin zu einer personalisierten Medizin bietet große Chancen für die Überwindung des Gender Data Gap. Durch moderne Analysemethoden wie Genomsequenzierung und Biomarker-Tests können individuelle Unterschiede – einschließlich geschlechtsspezifischer Aspekte – besser erfasst und in Behandlungsentscheidungen einbezogen werden.

Künstliche Intelligenz und Big Data Analytics ermöglichen es, große Datenmengen geschlechtsspezifisch auszuwerten und Muster zu erkennen, die bisher übersehen wurden. Österreichische Forschungseinrichtungen arbeiten bereits an entsprechenden Projekten, die in den nächsten Jahren zu konkreten Verbesserungen in der Patientenversorgung führen sollen.

Bildung und Bewusstseinsschaffung

Ein zentraler Baustein für die Überwindung der geschlechtsspezifischen Ungleichbehandlung ist die Bildung. Bereits in der medizinischen Grundausbildung müssen angehende Ärztinnen und Ärzte für geschlechtsspezifische Unterschiede sensibilisiert werden. Die Medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck haben entsprechende Curricula entwickelt und implementiert.

Auch die Weiterbildung praktizierender Mediziner ist essentiell. Die Österreichische Ärztekammer bietet seit 2023 verpflichtende Fortbildungsmodule zur Gender Medicine an, die bis 2027 von allen niedergelassenen Ärzten absolviert werden müssen.

Die ORF-Sendung "Bewusst gesund" leistet durch ihre Berichterstattung einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsschaffung in der Bevölkerung. Wenn Patientinnen besser über ihre Rechte und über geschlechtsspezifische Unterschiede informiert sind, können sie aktiver ihre Behandlung mitgestalten und bei Bedarf eine zweite Meinung einholen. Diese Aufklärungsarbeit ist entscheidend, um langfristig eine gleichberechtigte medizinische Versorgung für alle zu erreichen.

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