Zurück
OTS-MeldungWKÖ/Gewerbe/Handwerk/Unternehmen/Investitionen/Konjunktur

Gewerbe und Handwerk: Erste Lichtblicke nach sechs Jahren Krise

14. April 2026 um 12:39
Teilen:

Nach sechs Jahren kontinuierlichen Rückgangs zeigen sich im österreichischen Gewerbe und Handwerk erstmals wieder zaghafte Hoffnungszeichen. Während 2025 erneut mit einem realen Minus von 3,3 Proze...

Nach sechs Jahren kontinuierlichen Rückgangs zeigen sich im österreichischen Gewerbe und Handwerk erstmals wieder zaghafte Hoffnungszeichen. Während 2025 erneut mit einem realen Minus von 3,3 Prozent abschloss, verzeichnen baunahe Branchen zu Jahresbeginn 2026 deutliche Steigerungen im Auftragsbestand. Diese Entwicklung könnte den lange ersehnten Wendepunkt in einer der wichtigsten Säulen der heimischen Wirtschaft markieren.

Sechs Jahre Krise hinterlassen tiefe Spuren

Das österreichische Gewerbe und Handwerk durchlebt seit 2020 eine beispiellose Durststrecke. Was mit der Corona-Pandemie begann, setzte sich durch Energiekrise, Inflation und geopolitische Unsicherheiten fort. Die aktuellen Zahlen der KMU Forschung Austria zeichnen ein Bild einer Branche unter Dauerdruck: 2025 verzeichnete einen nominellen Umsatzrückgang von 0,6 Prozent, real sogar minus 3,3 Prozent.

Diese Entwicklung ist umso dramatischer, als das Gewerbe und Handwerk traditionell das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft bildet. Mit über 400.000 Betrieben und rund 1,2 Millionen Beschäftigten stellt dieser Sektor etwa ein Viertel aller Arbeitsplätze in Österreich. Die anhaltende Schwächephase betrifft damit nicht nur einzelne Unternehmen, sondern ganze Regionen und Gemeinden, deren wirtschaftliche Struktur von handwerklichen Betrieben geprägt ist.

Baubranche als Hoffnungsträger

Die positive Überraschung kommt aus dem Bausektor und seinen nachgelagerten Gewerken. Erstmals seit Jahren verzeichnen diese Branchen wieder deutliche Zuwächse im Auftragsbestand. Die Zahlen für das erste Quartal 2026 lesen sich wie ein Wunschzettel für Branchenvertreter: Hafner, Platten- und Fliesenleger können ein Plus von 14 Prozent vorweisen, das Baugewerbe sogar 15,5 Prozent. Besonders beeindruckend sind die 20 Prozent Steigerung bei den chemischen Gewerben sowie Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereinigern.

Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund der österreichischen Bauwirtschaft zu verstehen. Nach Jahren des Booms, der durch niedrige Zinsen und staatliche Förderungen angeheizt wurde, folgte ein drastischer Einbruch. Die Kombination aus gestiegenen Zinsen, explodierten Baukosten und verschärften Kreditrichtlinien führte zu einem Stillstand am Baumarkt. Viele Projekte wurden verschoben oder ganz gestrichen.

Manfred Denk, Obmann der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich, interpretiert die aktuellen Zahlen vorsichtig optimistisch: "Diese Auftragssteigerungen könnten ein Vorbote einer Trendwende am Bau sein, die nach und nach in den nachgelagerten Branchen ankommen sollte." Allerdings warnt er vor zu großem Optimismus, da diese Steigerungen von einem sehr niedrigen Niveau ausgehen.

Regionale Unterschiede prägen das Bild

Die Erholung verläuft nicht gleichmäßig über alle Bundesländer. Traditionell starke Bauregionen wie Tirol und Vorarlberg zeigen bereits deutlichere Erholungstendenzen als strukturschwächere Gebiete. In Wien und Niederösterreich, wo der Wohnbau eine größere Rolle spielt, bleibt die Entwicklung noch verhalten. Dies liegt auch an der unterschiedlichen Struktur des Baumarktes: Während in westlichen Bundesländern der private Hausbau dominiert, sind in östlichen Regionen Großprojekte und sozialer Wohnbau prägender.

Konsumnahe Branchen kämpfen weiter

Während sich die Bauwirtschaft zu erholen scheint, leiden konsumnahe Gewerbe weiterhin unter der schwachen Nachfrage. Nur 13 Prozent der Betriebe in diesem Segment berichten von Umsatzsteigerungen, während 33 Prozent Rückgänge vermelden müssen. Besonders betroffen sind die Fahrzeugtechnik mit einem negativen Saldo von 34 Prozentpunkten, die Berufsfotografie (-33 Prozentpunkte) und die Mechatronik (-28 Prozentpunkte).

Diese Zahlen spiegeln die veränderten Konsumgewohnheiten der Österreicher wider. Die hohe Inflation der vergangenen Jahre hat bei vielen Haushalten zu Kaufzurückhaltung geführt. Besonders bei nicht lebensnotwendigen Dienstleistungen wird gespart. Gleichzeitig führt die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung dazu, dass größere Anschaffungen aufgeschoben werden.

Das Lebensmittelgewerbe, traditionell krisenresistent, zeigt mit einem negativen Saldo von 21 Prozentpunkten ebenfalls Schwächen. Dies ist bemerkenswert, da Lebensmittel zur Grundversorgung gehören. Hier macht sich der Trend zu Diskontern und der Online-Handel bemerkbar, der traditionelle Fleischer, Bäcker und andere Lebensmittelhändler unter Druck setzt.

Investitionsstau erreicht historisches Tief

Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei den Investitionen. Nur 36 Prozent der Betriebe tätigten 2025 Investitionen, die zudem mit durchschnittlich 3.100 Euro je Beschäftigten um zehn Prozent niedriger ausfielen als im Vorjahr. Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria ordnet diese Zahlen ein: "Das ist der niedrigste Wert seit 2010, seit wir diesen Indikator erfassen. Sogar im Corona-Jahr 2020 lagen die Investitionen mit 3.800 Euro je beschäftigter Person deutlich höher."

Dieser Investitionsstau hat weitreichende Folgen für die Zukunftsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft. Ohne ausreichende Investitionen in moderne Maschinen, Digitalisierung und Energieeffizienz droht ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Besonders problematisch ist dies vor dem Hintergrund der green transition, die massive Investitionen in klimafreundliche Technologien erfordert.

Die geringe Investitionsbereitschaft zeigt sich auch in den Plänen für 2026: Nur 34 Prozent der Betriebe wollen investieren. Diese Zurückhaltung ist verständlich angesichts der hohen Unsicherheit, aber sie verstärkt die strukturellen Probleme der Branche. Ohne Modernisierung werden viele Betriebe langfristig nicht konkurrenzfähig bleiben können.

Digitalisierung als Herausforderung

Ein besonderes Problem stellt die Digitalisierung dar. Viele kleine Handwerksbetriebe haben den digitalen Wandel noch nicht vollzogen oder nur oberflächlich umgesetzt. Dies betrifft nicht nur die interne Organisation, sondern auch die Kundengewinnung und -bindung. Online-Präsenz, digitale Terminbuchung und elektronische Rechnungsstellung sind längst Standard geworden, aber viele Betriebe hinken hier hinterher.

Kostendruck belastet Betriebe massiv

Die größten Herausforderungen für die Betriebe sind klar kostengetrieben. An der Spitze stehen Steuern und Abgaben, die von 54 Prozent der Betriebe als Problem genannt werden. Dies ist vor dem Hintergrund der österreichischen Steuerstruktur zu sehen, wo Unternehmen im internationalen Vergleich hoch belastet sind. Die Lohnnebenkosten in Österreich gehören zu den höchsten in der EU, was besonders arbeitsintensive Handwerksbetriebe trifft.

Preissteigerungen bei Rohstoffen und Materialien belasten die Hälfte aller Betriebe. Diese Entwicklung begann bereits vor der Ukraine-Krise, verstärkte sich aber dramatisch durch die geopolitischen Verwerfungen. Holz, Metalle, Kunststoffe – alle wichtigen Materialien für das Handwerk verteuerten sich teilweise um mehr als 50 Prozent. Viele Betriebe können diese Kostensteigerungen nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben, was die Margen schmälert.

Die Bürokratiebelastung, von 46 Prozent der Betriebe genannt, ist ein österreichspezifisches Problem. Während in anderen EU-Ländern Vereinfachungen umgesetzt wurden, ist in Österreich eher das Gegenteil der Fall. Die ökosoziale Steuerreform, EU-Taxonomie und verschiedene Dokumentationspflichten haben den administrativen Aufwand für kleine Betriebe erheblich erhöht. Ein Handwerksbetrieb mit fünf Mitarbeitern benötigt heute fast einen halben Tag pro Woche nur für administrative Tätigkeiten.

Energiekrise verschärft Situation

Besonders dramatisch wirkt sich die aktuelle Energiekrise aus. Der eskalierende Iran-Konflikt hat die Energiepreise erneut in die Höhe getrieben, obwohl die Befragung noch vor dieser Entwicklung stattfand. 43 Prozent der Betriebe nennen bereits jetzt Preissteigerungen bei Energie als Problem – diese Zahl dürfte in den kommenden Erhebungen deutlich steigen.

Manfred Denk warnt vor einer neuen Inflationsspirale: "Die Betriebe brauchen jetzt dringend Planungssicherheit und Entlastung von den hohen Energiekosten. Die Lehre aus den vorangegangenen Krisen ist: Wer rasch die Kosten dämpft, verhindert eine Inflationsspirale, die dem Standort abermals massiv schaden würde."

Lehrlingsausbildung unter Druck

Trotz aller Schwierigkeiten bleibt das Gewerbe und Handwerk der wichtigste Lehrlingsausbilder Österreichs. Mit knapp 44.000 Lehrlingen Ende 2025 stellt die Branche mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung als alle anderen Wirtschaftszweige zusammen. Diese Leistung wird jedoch immer schwerer finanzierbar.

Die Lehrlingseinkommen haben sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt – eine Entwicklung, die grundsätzlich zu begrüßen ist, aber die Ausbildungsbetriebe vor große Herausforderungen stellt. Denk beziffert die jährlichen Investitionen der Betriebe in die Lehrlingsausbildung auf drei Milliarden Euro. "Sie sorgen dafür, dass die Lehre attraktiv bleibt. Es ist der Staat, der sich aus der Verantwortung stiehlt."

Besonders frustrierend für die Betriebe ist die Unterdeckung bei der Betrieblichen Lehrstellenförderung. Diese deckt maximal 15 Prozent der Lehrlingseinkommen ab, den Rest müssen die Betriebe allein finanzieren. Die Auszahlung dieser ohnehin geringen Förderung wird weiterhin von Sozial- und Finanzministerium blockiert, was viele Betriebe in finanzielle Schwierigkeiten bringt.

Bildungssystem versagt bei Grundkompetenzen

Ein zunehmendes Problem ist der Bildungsstand vieler Lehrlingsbewerber. Viele Betriebe klagen darüber, dass sie in drei Lehrjahren kompensieren sollen, was das staatliche Schulsystem in neun Jahren nicht geschafft hat. Grundlegende Kompetenzen in Mathematik, Deutsch und sozialen Fähigkeiten müssen oft erst erlernt werden, bevor die eigentliche Berufsausbildung beginnen kann.

Diese Entwicklung ist besonders in städtischen Gebieten zu beobachten, wo das Bildungsniveau in manchen Schulen stark gesunken ist. Betriebe berichten von Bewerbern, die nicht richtig lesen und schreiben können oder grundlegende Rechenfähigkeiten nicht beherrschen. Dies führt zu einer Doppelbelastung der Ausbildungsbetriebe, die zusätzlich zu ihrer eigentlichen Aufgabe auch Grundbildung vermitteln müssen.

Forderungen nach politischen Reformen

Die Wirtschaftskammer formuliert klare Forderungen an die Politik. Energieintensive Branchen im Gewerbe und Handwerk sollen bei Kompensationszahlungen nach dem Stromkosten-Ausgleichsgesetz berücksichtigt werden. Bisher profitieren hauptsächlich Großunternehmen von diesen Regelungen, während kleine und mittlere Betriebe leer ausgehen.

Eine effektive Wettbewerbskontrolle soll national und auf EU-Ebene verhindern, dass Großlieferanten die Krise als Vorwand für Angebotsverknappungen oder ungerechtfertigte Preissteigerungen nutzen. Viele Betriebe berichten von verdächtigen Preispraktiken ihrer Lieferanten, die möglicherweise die Notsituation ausnutzen.

Die strategische Gasreserve in Österreich soll ausgebaut werden, um Preisspitzen zu vermeiden. Österreich ist besonders abhängig von Gasimporten, was die Volatilität der Energiepreise verstärkt. Eine größere Reserve könnte als Puffer in Krisenzeiten dienen.

Lehrlingsförderung muss gestärkt werden

Bei der Lehrlingsausbildung fordert Denk eine nachhaltige und dauerhafte Finanzierung. Eine Kürzung der ohnehin unzureichenden Lehrlingsförderung sei "völlig inakzeptabel". Er appelliert an alle politischen Kräfte: "Wollen wir, dass unsere Jugend in den Betrieben weiterhin eine klare berufliche Zukunft vor Augen hat? Oder wollen wir, dass sie fürs AMS ausgebildet werden?"

Ausblick: Vorsichtiger Optimismus trotz Herausforderungen

Die ersten positiven Signale aus der Bauwirtschaft nähren die Hoffnung auf eine Trendwende. Allerdings bleiben die Herausforderungen gewaltig. Die Kombination aus hohen Kosten, Bürokratiebelastung und Unsicherheit über die weitere Entwicklung lässt viele Betriebe zögern.

Entscheidend wird sein, ob die politischen Entscheidungsträger die richtigen Weichenstellungen vornehmen. Das Gewerbe und Handwerk ist nicht nur ein wichtiger Wirtschaftszweig, sondern auch ein Garant für regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Ohne gezielte Unterstützung droht ein weiterer Strukturwandel, der ländliche Regionen besonders hart treffen würde.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich die positiven Tendenzen in der Bauwirtschaft auf andere Bereiche ausweiten. Sollte dies gelingen und gleichzeitig die politischen Rahmenbedingungen verbessert werden, könnte 2026 tatsächlich das Jahr der Wende für das österreichische Gewerbe und Handwerk werden. Die Branche hat in der Vergangenheit bereits mehrfach ihre Widerstandsfähigkeit bewiesen – nun braucht sie aber auch die entsprechende Unterstützung.

Weitere Meldungen

OTS
WKÖ

Seilbahnbranche feiert 100-Jahr-Jubiläum in Schönbrunn

14. Apr. 2026
Lesen
OTS
WKÖ

Kraftstoffpreise: Warum Österreich dem deutschen Steuermodell folgen sollte

14. Apr. 2026
Lesen
OTS
WKÖ

WKÖ lädt zu Pressekonferenz über Industriekonjunktur

13. Apr. 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen