EY-Studie zeigt Stagnation beim Frauenanteil in Vorständen – 57 Prozent der börsennotierten Unternehmen ohne weibliche Führungskraft
Der Frauenanteil in Österreichs Börsenvorständen stagniert bei 13,8 Prozent. Besonders alarmierend: Keine einzige Frau steht als CEO an der Spitze.
Die Gleichstellung in Österreichs Chefetagen kommt nicht vom Fleck. Das zeigt das aktuelle Mixed Leadership Barometer der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, das halbjährlich die Führungsstrukturen börsennotierter Unternehmen analysiert. Mit Stichtag 1. Jänner 2026 beträgt der Frauenanteil in den Vorständen der im Wiener Börse Index (WBI) gelisteten Unternehmen exakt 13,8 Prozent – derselbe Wert wie bei der letzten Erhebung im August 2025.
Von insgesamt 188 Vorstandsmitgliedern in den 54 WBI-Unternehmen sind lediglich 26 weiblich. Das ist zwar rechnerisch ein neuer Höchststand, doch die Dynamik der vergangenen Jahre ist nahezu zum Erliegen gekommen. Besonders bezeichnend für den Zustand der Geschlechtergleichstellung in Österreichs Wirtschaft: Keine einzige Frau bekleidet die Position einer Vorstandsvorsitzenden. Österreichs börsennotierte Konzerne werden ausschließlich von Männern geführt.
Diese Entwicklung – oder vielmehr das Ausbleiben einer solchen – wirft ein Schlaglicht auf die strukturellen Barrieren, die Frauen nach wie vor daran hindern, in die obersten Führungsetagen aufzusteigen. Während in Politik und Gesellschaft intensiv über Gleichstellung diskutiert wird, zeigt die Realität in den Vorstandszimmern ein anderes Bild.
Die Detailanalyse offenbart weitere besorgniserregende Muster. Von den 54 im Wiener Börse Index gelisteten Unternehmen verfügen 31 über kein einziges weibliches Vorstandsmitglied. Das entspricht einem Anteil von 57 Prozent – eine deutliche Mehrheit der österreichischen Börsenunternehmen kommt also gänzlich ohne weibliche Führungskräfte in der obersten Managementebene aus.
Nur drei Unternehmen stechen positiv hervor und beschäftigen mehr als eine Frau im Vorstand: die BKS Bank, das Biotechnologie-Unternehmen Marinomed Biotech und die Oberbank. Diese Ausnahmen verdeutlichen jedoch umso mehr, wie weit der Weg zur Geschlechterparität noch ist. Während einzelne Unternehmen vorangehen, verharrt der Großteil der börsennotierten Firmen in traditionellen Strukturen.
Ein genauerer Blick auf die Ressortverteilung zeigt zudem, dass weibliche Vorstandsmitglieder keineswegs gleichmäßig über alle Unternehmensbereiche verteilt sind. Vielmehr konzentrieren sich Frauen stark auf bestimmte Funktionen, was auf eine fortbestehende geschlechtsspezifische Segregation auch innerhalb der Vorstandsetagen hindeutet.
Von den 26 weiblichen Vorstandsmitgliedern verantworten zehn das Finanzressort als Chief Financial Officer (CFO). Die Position des Finanzvorstands hat sich in den vergangenen Jahren als eine Art Einstiegsposition für Frauen in Vorstände etabliert. Neun weitere Frauen sind für operative Bereiche zuständig, darunter zwei in der Funktion als Chief Operating Officer (COO). Zwei Frauen bekleiden die Position einer Chief Risk Officer.
Was hingegen auffällig fehlt, sind Frauen in der Rolle der Vorstandsvorsitzenden oder CEO. Diese Position, die mit der größten Macht und Sichtbarkeit verbunden ist, bleibt in Österreichs Börsenlandschaft eine reine Männerdomäne. Diese Konzentration auf bestimmte Ressorts wird von Expertinnen und Experten oft als Hinweis darauf gewertet, dass Frauen zwar vermehrt in Vorstände berufen werden, aber nicht unbedingt auf dem Weg zur Konzernspitze.
Besonders beunruhigend ist der Umstand, dass der Fortschritt bei der Geschlechtergleichstellung in den Führungsetagen in den vergangenen Jahren deutlich an Schwung verloren hat. Während in früheren Perioden zumindest moderate Zuwächse zu verzeichnen waren, stagniert der Frauenanteil nun auf niedrigem Niveau.
Diese Entwicklung steht im Widerspruch zu den vielfältigen Initiativen und Programmen, die in den vergangenen Jahren zur Förderung von Frauen in Führungspositionen ins Leben gerufen wurden. Sie wirft die Frage auf, ob freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft ausreichen oder ob verbindlichere Maßnahmen erforderlich sind, um tatsächliche Veränderungen herbeizuführen.
Im europäischen Kontext zeigt sich, dass Österreich bei der Gleichstellung in Unternehmensführungen hinter vielen anderen Ländern zurückliegt. Staaten wie Norwegen, Frankreich oder Deutschland haben teils deutlich höhere Frauenanteile in Vorständen und Aufsichtsräten – oft nicht zuletzt aufgrund gesetzlicher Quotenregelungen.
In Österreich gilt seit 2018 eine Geschlechterquote von 30 Prozent für Aufsichtsräte großer Unternehmen. Eine vergleichbare Regelung für Vorstände existiert hingegen nicht. Die aktuellen Zahlen des EY-Barometers könnten die Debatte über eine Ausweitung von Quotenregelungen auf Vorstandsebene neu entfachen.
Die anhaltende Unterrepräsentation von Frauen in Spitzenpositionen hat weitreichende Implikationen. Zahlreiche Studien belegen, dass diverse Führungsteams bessere Entscheidungen treffen und Unternehmen mit höherer Geschlechtervielfalt in der Führung oft wirtschaftlich erfolgreicher sind.
Darüber hinaus fungieren weibliche Führungskräfte als Vorbilder und können dazu beitragen, Karrierewege für nachfolgende Generationen von Frauen zu ebnen. Wenn jedoch keine Frau an der Spitze eines börsennotierten Unternehmens steht, fehlt dieses sichtbare Signal, dass der Aufstieg bis ganz nach oben möglich ist.
Für Unternehmen bedeutet die Stagnation auch ein Reputationsrisiko. In Zeiten, in denen Investoren, Kunden und potenzielle Mitarbeiter verstärkt auf Nachhaltigkeitskriterien achten – zu denen auch die Geschlechtergleichstellung zählt – können rein männliche Führungsteams zum Wettbewerbsnachteil werden.
Die Ergebnisse des Mixed Leadership Barometers verdeutlichen, dass ohne gezielte Maßnahmen keine rasche Verbesserung zu erwarten ist. Experten fordern eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen: gezielte Talentförderung und Mentoring-Programme für Frauen, transparente Nachfolgeplanung in Unternehmen, familienfreundliche Arbeitsbedingungen auch für Führungskräfte sowie eine kritische Überprüfung von Auswahlprozessen bei der Besetzung von Vorstandspositionen.
Die politische Debatte über verbindliche Quoten auch für Vorstände dürfte angesichts der aktuellen Zahlen an Fahrt gewinnen. Befürworter argumentieren, dass nur verbindliche Vorgaben den notwendigen Druck erzeugen, um etablierte Strukturen aufzubrechen. Kritiker hingegen warnen vor Eingriffen in die unternehmerische Freiheit.
Fest steht: Solange mehr als die Hälfte der börsennotierten Unternehmen ohne weiblichen Vorstand auskommt und keine einzige Frau einen Konzern führt, bleibt die Geschlechtergleichstellung in Österreichs Wirtschaftselite ein fernes Ziel. Die Stagnation der Zahlen ist ein deutliches Signal, dass der bisherige Weg nicht ausreicht, um die gläserne Decke zu durchbrechen.