Wirtschaftskammern setzen auf digitale Lernplattform, um Ausbildung im oft übersehenen Schlüsselsektor zu modernisieren
Der Großhandel sucht händeringend Lehrlinge. Mit der Plattform wîse up sollen junge Menschen für einen Beruf begeistert werden, ohne den die Versorgungskette zusammenbricht.
Wenn im Supermarkt plötzlich Regale leer bleiben, wenn Produktionslinien stillstehen, weil Bauteile fehlen, oder wenn Restaurants ihre Speisekarten einschränken müssen – dann denken die meisten Menschen an Lieferkettenprobleme, an Container-Staus oder an internationale Krisen. Was dabei oft übersehen wird: Die Wurzel solcher Versorgungsengpässe könnte bereits Jahre zuvor gelegt worden sein. Nämlich dann, wenn nicht genügend junge Menschen den Beruf des Großhandelskaufmanns oder der Großhandelskauffrau erlernen.
Der Großhandel gehört zu jenen Branchen, die im Verborgenen arbeiten und dennoch systemrelevant sind. Er ist das Bindeglied zwischen Produzenten und Einzelhandel, zwischen Industrie und Endverbrauchern. Ohne Großhändler würden Waren nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden – weder die frischen Lebensmittel im Restaurant noch die Ersatzteile in der Autowerkstatt oder die Medikamente in der Apotheke.
Doch genau diese Branche steht vor einer massiven Herausforderung: Es fehlt an Nachwuchs. Ein Blick auf die Lehrstellenbörsen des Landes zeigt, dass zahlreiche Unternehmen im Großhandel aktiv um Auszubildende werben. Die offenen Stellen bleiben vielerorts unbesetzt, während gleichzeitig die Anforderungen an den Beruf steigen.
Das Berufsbild des Großhandelskaufmanns hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Wer heute in diesem Bereich arbeitet, muss weit mehr können als Waren zu bestellen und Lieferscheine zu kontrollieren. Digitale Kompetenzen sind ebenso gefragt wie das Verständnis für komplexe Beschaffungsprozesse und internationale Lieferbedingungen.
Rechtliche Grundlagen im grenzüberschreitenden Handel, professionelle Kundenkommunikation und zunehmend auch Nachhaltigkeitsaspekte gehören heute zum Alltag. Großhandelskaufleute müssen Märkte analysieren, Preise kalkulieren, Lagerbestände optimieren und dabei stets den Überblick über globale Lieferketten behalten. Es ist ein Beruf, der analytisches Denken mit praktischem Handeln verbindet.
Trotz dieser vielfältigen Anforderungen und der enormen wirtschaftlichen Bedeutung ist das Berufsbild in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsent. Während Handwerksberufe oder der Einzelhandel für junge Menschen greifbar sind, bleibt der Großhandel abstrakt. Viele Jugendliche wissen schlicht nicht, was Großhandelskaufleute eigentlich tun – und welche Karrierechancen der Beruf bietet.
"Wir brauchen junge Menschen, die nicht nur ein Waren Know-How haben, sondern auch verstehen, wie Warenflüsse funktionieren", erklärt Christof Kastner, Geschäftsführender Gesellschafter der KASTNER Gruppe, einem der traditionsreichsten Ausbildungsbetriebe Österreichs im Lebensmittelgroßhandel. "Ohne gut ausgebildete Großhandelskaufleute steht bei uns alles still. Die Lehre ist unser Fundament."
Die Aussage von Kastner verdeutlicht, was auf dem Spiel steht. Im Lebensmittelgroßhandel geht es nicht nur um den Transport von Produkten, sondern um die Versorgungssicherheit der Bevölkerung. Supermärkte, Gastronomie, Kantinen und Krankenhäuser – sie alle sind darauf angewiesen, dass der Großhandel reibungslos funktioniert.
"Im Lebensmittelgroßhandel geht es nicht nur um Produkte, sondern um Versorgungssicherheit und Verlässlichkeit für unsere Kunden", betont Kastner. "Gut ausgebildete Lehrlinge sind der Grundstein dafür, dass wir langfristig Qualitätsstandards halten und flexibel auf Herausforderungen reagieren können."
Diese Flexibilität hat sich während der Corona-Pandemie als überlebenswichtig erwiesen. Als internationale Lieferketten zusammenbrachen und die Nachfrage nach bestimmten Produkten explosionsartig stieg, waren es die Fachkräfte im Großhandel, die Alternativen fanden, neue Lieferanten auftaten und dafür sorgten, dass die Versorgung nicht zusammenbrach.
Die Wirtschaftskammern Österreichs haben die Problematik erkannt und setzen auf gezielte Unterstützung für Ausbildungsbetriebe. Ein zentrales Element dieser Strategie ist die digitale Aus- und Weiterbildungsplattform wîse up, die praxisnahe Lerninhalte für zahlreiche Lehrberufe bietet.
Mit dem neu entwickelten Berufskanal für Großhandelskaufleute reagiert die Plattform direkt auf die Herausforderungen der Branche. Die Lerninhalte sind speziell auf die Anforderungen des modernen Großhandels zugeschnitten und werden kontinuierlich aktualisiert.
Das digitale Angebot deckt das gesamte Spektrum des Berufsbildes ab. Von den Grundlagen der Beschaffung über die Berechnung von Lagerkennzahlen bis hin zur Führung professioneller Verkaufsgespräche – die Inhalte sind praxisnah und verständlich aufbereitet. Auch Themen wie Marketing, Kundenkommunikation und Rechnungswesen werden behandelt.
Der Vorteil der digitalen Aufbereitung liegt auf der Hand: Lehrlinge können die Inhalte flexibel nutzen, im eigenen Tempo lernen und bei Bedarf wiederholen. Gleichzeitig bleiben die Materialien immer aktuell – ein wichtiger Faktor in einer Branche, die sich durch Digitalisierung und Globalisierung ständig verändert.
Besonders attraktiv für Ausbildungsbetriebe: Lehrlinge in Mitgliedsbetrieben der Wirtschaftskammern Österreichs erhalten kostenlosen Zugang zur Plattform. Die Anmeldung erfolgt unkompliziert über die Ausbilder oder direkt über die Berufsschule. Damit sinkt die Hürde für Betriebe, moderne digitale Lernwerkzeuge in ihre Ausbildung zu integrieren.
Für Ausbilderinnen und Ausbilder selbst gibt es ebenfalls ein Kontingent an kostenlosen Lizenzen, wenn auch in begrenzter Anzahl. So können auch die Lehrenden ihr Wissen auffrischen und sich über aktuelle Entwicklungen in der Branche informieren.
Die Plattform wîse up beschränkt sich nicht auf den Großhandel. Insgesamt werden Lerninhalte zu über zwanzig Lehrberufen angeboten, dazu kommen überfachliche Themen wie Kommunikation, Digitalisierung und Finanzbildung. Diese breite Aufstellung macht die Plattform zu einem wichtigen Baustein in der österreichischen Berufsausbildung.
Die Botschaft der Branche ist eindeutig: Wer heute nicht ausbildet, wird morgen nicht liefern können. Der Fachkräftenachwuchs im Großhandel ist keine reine Branchensache, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft. Denn wenn der Großhandel nicht mehr funktioniert, merken das letztlich alle – vom Gastronomen über den Handwerker bis zum Konsumenten im Supermarkt.
Die Versorgungskette, so die zentrale Erkenntnis, beginnt nicht beim Containerschiff oder beim Lastwagen. Sie beginnt mit dem Lehrvertrag. Jeder junge Mensch, der sich für eine Ausbildung im Großhandel entscheidet, trägt dazu bei, dass Österreichs Wirtschaft auch in Zukunft funktioniert.
Dabei bietet der Beruf durchaus attraktive Perspektiven. Nach der Lehre stehen zahlreiche Wege offen: Spezialisierung in bestimmten Warengruppen, Aufstieg in Führungspositionen, Wechsel in den Einkauf großer Unternehmen oder der Schritt in die Selbstständigkeit. Die im Großhandel erworbenen Kenntnisse – Verhandlungsgeschick, Marktverständnis, logistisches Denken – sind in vielen Bereichen der Wirtschaft gefragt.
Für Betriebe wiederum ist die Ausbildung eigener Fachkräfte oft der beste Weg, um langfristig qualifiziertes Personal zu sichern. Wer selbst ausbildet, kann die Lehrlinge von Anfang an mit den spezifischen Anforderungen des eigenen Unternehmens vertraut machen und so optimal auf ihre künftigen Aufgaben vorbereiten.
Interessierte Jugendliche, Eltern und Ausbildungsbetriebe finden weiterführende Informationen zum neuen Berufskanal und zur Plattform wîse up auf der Website der Wirtschaftskammer. Dort können auch Lehrlinge und Ausbilder den kostenlosen Zugang beantragen.
Die Initiative zeigt: Österreich nimmt die Fachkräftesicherung ernst. Ob die Maßnahmen ausreichen werden, um den Nachwuchsmangel im Großhandel zu beheben, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Klar ist aber: Ohne Investitionen in die Ausbildung junger Menschen wird die Branche ihre zentrale Rolle in der österreichischen Wirtschaft nicht aufrechterhalten können.