Am kommenden Donnerstag, dem 9. April 2026, werden die Grünen Wien vor dem Haus Franz-Josefs-Kai 39 in der Wiener Innenstadt eine Pressekonferenz abhalten, um auf ein brennendes Problem aufmerksam ...
Am kommenden Donnerstag, dem 9. April 2026, werden die Grünen Wien vor dem Haus Franz-Josefs-Kai 39 in der Wiener Innenstadt eine Pressekonferenz abhalten, um auf ein brennendes Problem aufmerksam zu machen: die massive Umwandlung von Wohnraum in Tourismus-Appartements. Diese Entwicklung bezeichnet die Partei als "Wohnungsraub im großen Stil" und will konkrete Gegenmaßnahmen präsentieren. Die symbolische Wahl des Standorts ist dabei kein Zufall – im besagten Gebäude sollen ebenfalls Wohnungen zu touristischen Zwecken umfunktioniert werden.
Die Umwandlung von regulären Wohnungen in Tourismus-Appartements ist ein Phänomen, das Wien seit Jahren beschäftigt und die Wohnungsnot in der Bundeshauptstadt zusätzlich verschärft. Unter Tourismus-Appartements versteht man Wohnungen, die nicht mehr als dauerhafter Wohnsitz genutzt, sondern über Plattformen wie Airbnb, Booking.com oder ähnliche Dienste an Urlauber und Geschäftsreisende vermietet werden. Diese Kurzzeitvermietung ist oft lukrativer als die traditionelle Langzeitmiete an Bewohner, was Eigentümer dazu verleitet, ihre Immobilien dem regulären Wohnungsmarkt zu entziehen.
Die Auswirkungen auf den Wiener Wohnungsmarkt sind gravierend: Jede Wohnung, die zu touristischen Zwecken genutzt wird, fehlt potentiellen Mietern oder Käufern. Dies führt zu einer künstlichen Verknappung des ohnehin bereits angespannten Wohnungsmarktes und treibt die Preise sowohl für Mieten als auch für Kaufimmobilien in die Höhe. Besonders betroffen sind die zentralen Bezirke Wiens, wo touristische Unterkünfte besonders gefragt sind.
Wien galt lange Zeit als Vorbild für sozialen Wohnbau und leistbares Wohnen. Das Wiener Modell des kommunalen Wohnbaus, das seinen Ursprung in der Zwischenkriegszeit hat, schuf mit dem berühmten "Roten Wien" Zehntausende von Gemeindewohnungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses System kontinuierlich ausgebaut. Heute leben etwa 60 Prozent der Wiener Bevölkerung in geförderten Wohnungen – sei es in Gemeindewohnungen oder in Genossenschaftswohnungen.
Doch seit der Jahrtausendwende gerät dieses System unter Druck. Die wachsende Bevölkerung Wiens – die Stadt zählt mittlerweile fast zwei Millionen Einwohner – führt zu einer steigenden Nachfrage nach Wohnraum. Gleichzeitig hat der Boom des Städtetourismus, verstärkt durch die Digitalisierung und Plattformen wie Airbnb, eine neue Form der Wohnraumnutzung geschaffen, die das traditionelle Wiener Wohnmodell herausfordert.
Die Corona-Pandemie brachte zwar vorübergehend eine Entspannung, da viele Tourismus-Appartements wieder als reguläre Wohnungen angeboten wurden. Mit der Erholung des Tourismussektors ab 2022 kehrte jedoch das Problem in vollem Umfang zurück. Experten schätzen, dass in Wien derzeit zwischen 15.000 und 20.000 Wohnungen primär für touristische Zwecke genutzt werden – das entspricht etwa der Einwohnerzahl eines kleineren Bezirks.
Wien steht mit diesem Problem nicht alleine da. Viele europäische Großstädte kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen. Barcelona hat bereits drastische Maßnahmen ergriffen und plant, bis 2028 alle Kurzzeitvermietungslizenzen auslaufen zu lassen. Paris hat die Anzahl der Nächte pro Jahr begrenzt, die eine Wohnung touristisch vermietet werden darf, und setzt auf strenge Kontrollen.
In Deutschland haben Städte wie Berlin und München Zweckentfremdungsverbote eingeführt, die die dauerhafte Nutzung von Wohnraum zu touristischen Zwecken untersagen. München verlangt beispielsweise eine Genehmigung für die Kurzzeitvermietung und limitiert diese auf maximal acht Wochen pro Jahr. Berlin ging zeitweise noch weiter und verbot Kurzzeitvermietungen ganzer Wohnungen komplett, lockerte diese Regelung aber später wieder.
Die Schweiz, insbesondere Städte wie Zürich und Genf, setzen auf Quoten-Systeme und hohe bürokratische Hürden. Zürich erlaubt die touristische Vermietung nur in bestimmten Zonen und mit strikten Auflagen bezüglich Lärm und Hausordnung. Diese unterschiedlichen Ansätze zeigen, dass es verschiedene Wege gibt, das Problem anzugehen, aber auch, dass politischer Wille und konsequente Durchsetzung entscheidend sind.
Die Umwandlung von Wohnungen in Tourismus-Appartements hat direkte und spürbare Auswirkungen auf das Leben der Wiener Bevölkerung. Für wohnungssuchende Familien bedeutet dies längere Wartezeiten und höhere Kosten. Eine durchschnittliche Zwei-Zimmer-Wohnung in zentraler Lage kostet heute etwa 30 bis 40 Prozent mehr als vor zehn Jahren, wobei die Umwandlung in Tourismus-Appartements als einer der Preistreiber gilt.
Besonders stark betroffen sind junge Menschen, die erstmals eine eigene Wohnung suchen. Während eine Studentengeneration vor 15 Jahren noch problemlos leistbare Wohnungen in der Innenstadt finden konnte, sind diese heute praktisch unbezahlbar geworden. Viele junge Wienerinnen und Wiener müssen daher in die Außenbezirke ausweichen oder sich mit deutlich kleineren Wohnflächen begnügen.
Auch die bestehende Nachbarschaft leidet unter der Umwandlung. Tourismus-Appartements führen oft zu einer Entsolidarisierung in Wohnhäusern. Während sich langfristige Mieter um Hausgemeinschaft und Nachbarschaftsleben kümmern, sind Kurzzeitgäste nur temporär anwesend und haben wenig Interesse an einem harmonischen Zusammenleben. Dies kann zu Konflikten bezüglich Lärm, Sauberkeit und Hausordnung führen.
Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Familie Müller wohnt seit 20 Jahren in einem Altbau im 1. Bezirk. In ihrem Haus wurden in den letzten fünf Jahren sieben der zwölf Wohnungen zu Airbnb-Unterkünften umfunctioniert. "Früher kannten wir alle Nachbarn, heute wechseln die Gesichter täglich. Es ist wie in einem Hotel geworden", berichtet Frau Müller. Hinzu kommt der ständige Lärm von Rollkoffern im Stiegenhaus und die Problematik mit der Müllentsorgung, da Touristen oft nicht über die Wiener Mülltrennung informiert sind.
Die Grünen Wien, vertreten durch Parteivorsitzende Judith Pühringer und Klubobmann Georg Prack, sehen in der unkontrollierten Ausbreitung von Tourismus-Appartements eine ernste Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt der Stadt. Ihre Wortwahl "Wohnungsraub im großen Stil" verdeutlicht die Dringlichkeit, mit der sie das Problem angehen wollen.
Georg Prack, der als Wohnsprecher der Grünen Wien fungiert, hat sich in der Vergangenheit bereits für strengere Regulierungen ausgesprochen. Seine Expertise in Wohnungsfragen basiert auf jahrelanger Beschäftigung mit dem Wiener Wohnungsmarkt und den Herausforderungen des leistbaren Wohnens. Die Grünen kritisieren besonders, dass der bisherige Regulierungsrahmen zu schwach sei und zu viele Schlupflöcher biete.
Obwohl die konkreten Vorschläge erst bei der Pressekonferenz präsentiert werden, lassen sich aus früheren Aussagen der Partei bereits Richtungen ableiten. Dazu gehören vermutlich verschärfte Melde- und Genehmigungspflichten, Begrenzungen der Anzahl der Vermietungstage pro Jahr und möglicherweise auch zonale Beschränkungen in besonders betroffenen Gebieten.
Die rechtliche Situation bezüglich Kurzzeitvermietung in Wien ist komplex und vielschichtig. Grundsätzlich unterliegt die touristische Vermietung von Wohnungen der Gewerbeordnung und benötigt eine entsprechende Anmeldung. Jedoch werden diese Bestimmungen oft umgangen oder nicht konsequent kontrolliert.
Das Wiener Baurecht sieht vor, dass Wohnungen grundsätzlich dem Wohnen zu dienen haben. Eine dauerhafte Zweckentfremdung zu gewerblichen Zwecken ist eigentlich untersagt. In der Praxis erweist sich jedoch die Abgrenzung zwischen gelegentlicher und gewerbsmäßiger Vermietung als schwierig. Viele Vermieter argumentieren, dass sie ihre Wohnung nur gelegentlich vermieten, auch wenn dies faktisch das ganze Jahr über geschieht.
Die Stadt Wien hat in den letzten Jahren verschiedene Maßnahmen ergriffen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Dazu gehören verstärkte Kontrollen, höhere Strafen bei Verstößen und Informationskampagnen. Dennoch kritisieren Experten, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen, um den Trend zu stoppen. Die personellen Ressourcen für Kontrollen sind begrenzt, und die Strafen werden oft als Geschäftsrisiko einkalkuliert.
Die ökonomischen Aspekte der Tourismus-Appartement-Problematik sind vielschichtig. Einerseits generieren diese Unterkünfte durchaus Steuereinnahmen und tragen zum Tourismus-BIP der Stadt bei. Andererseits entstehen der öffentlichen Hand erhebliche Kosten durch die sozialen Folgen der Wohnraumverknappung.
Eine Studie des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche zeigt, dass ein Apartment in zentraler Lage als Airbnb-Unterkunft etwa zwei- bis dreimal so viel Ertrag bringt wie bei konventioneller Langzeitvermietung. Bei einer durchschnittlichen Zwei-Zimmer-Wohnung im 1. Bezirk entspricht dies einer Mehreinnahme von 1.000 bis 1.500 Euro pro Monat. Diese Gewinnmarge erklärt die starke Motivation von Eigentümern, ihre Immobilien der touristischen Nutzung zuzuführen.
Gleichzeitig entstehen der Stadt Wien durch die Wohnraumknappheit erhebliche Folgekosten. Längere Wartelisten für Gemeindewohnungen, höhere Ausgaben für Wohnbeihilfen und soziale Unterstützung für Menschen, die keine leistbare Wohnung finden, belasten den städtischen Haushalt. Experten schätzen diese indirekten Kosten auf mehrere Millionen Euro jährlich.
Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, ob Wien das Problem der Tourismus-Appartements in den Griff bekommt. Verschiedene Szenarien sind denkbar, je nachdem, welche politischen Entscheidungen getroffen werden.
Ein restriktives Szenario würde strenge Limits für Kurzzeitvermietungen vorsehen, ähnlich den Maßnahmen in Barcelona oder Amsterdam. Dies würde den Wohnungsmarkt entlasten, könnte aber auch negative Auswirkungen auf den Tourismus haben. Wien als Tourismusstadt lebt auch von der Vielfalt der Unterkunftsangebote, und ein komplettes Verbot könnte Gäste in andere Städte treiben.
Ein moderater Ansatz würde auf intelligente Regulierung setzen: Kontingentierung nach Bezirken, zeitliche Limits pro Jahr, strengere Kontrollen und höhere Standards für die Anmeldung. Dieser Weg könnte einen Kompromiss zwischen Wohnraumschutz und touristischen Interessen darstellen.
Ohne regulatorische Eingriffe ist davon auszugehen, dass sich das Problem weiter verschärfen wird. Der internationale Trend zeigt, dass Tourismus-Appartements ohne politische Gegensteuern exponentiell wachsen. Experten prognostizieren für Wien ohne Maßnahmen eine Verdopplung der betroffenen Wohnungen bis 2030.
Technologische Lösungen könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Digitale Überwachungssysteme, automatisierte Meldeverfahren und KI-basierte Kontrollen von Vermietungsplattformen könnten die Durchsetzung von Regulierungen erleichtern. Die Stadt Wien arbeitet bereits an digitalen Tools zur besseren Erfassung und Kontrolle von Kurzzeitvermietungen.
Die für den 9. April 2026 angekündigte Pressekonferenz der Grünen Wien vor dem Franz-Josefs-Kai 39 wird zeigen, wie konkret und durchsetzbar die Vorschläge der Partei sind. Die symbolische Wahl des Standorts – direkt vor einem Gebäude, in dem Wohnungen zu Tourismus-Appartements umgewandelt werden sollen – unterstreicht die Unmittelbarkeit des Problems.
Judith Pühringer und Georg Prack werden vermutlich detaillierte Maßnahmen präsentieren, die über bloße Absichtserklärungen hinausgehen. Die Wiener Öffentlichkeit und andere Parteien werden diese Vorschläge genau prüfen und bewerten müssen. Entscheidend wird sein, ob die Grünen realistische und umsetzbare Lösungen bieten können, die sowohl dem Wohnungsmarkt helfen als auch Wien als Tourismusstadt nicht schaden.
Die Pressekonferenz könnte auch den Startschuss für eine breitere gesellschaftliche Debatte über die Zukunft des Wiener Wohnens geben. Andere Parteien werden Position beziehen müssen, und möglicherweise entsteht parteiübergreifender Druck für legislative Maßnahmen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob aus den Ankündigungen der Grünen Wien konkrete politische Schritte folgen und ob diese geeignet sind, den "Wohnungsraub im großen Stil" tatsächlich zu stoppen.