Wirtschaftsminister Hattmannsdorfer und sächsischer Ministerpräsident Kretschmer diskutieren Chipproduktion und digitale Souveränität
Österreich und Sachsen als Top-Halbleiterstandorte wollen europäische Chipproduktion stärken und industrielle Souveränität sichern.
In einem strategischen Gespräch in Wien haben Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer die zentrale Rolle der Halbleiterindustrie für Europas Zukunftsfähigkeit diskutiert. Das Treffen unterstreicht die wachsende Bedeutung der Mikroelektronik für die europäische Wettbewerbsfähigkeit im globalen Technologierennen.
"Halbleiter sind ein zentrales Stärkefeld unserer Industriestrategie und Kernbestandteil von Made in Europe", betonte Hattmannsdorfer während des Gesprächs. Die Bedeutung von Chips, elektronischen Komponenten und Systemen reiche weit über die Technologiebranche hinaus: "Sie sind das Rückgrat einer modernen Industrie und einer digitalisierten Gesellschaft – sie sichern Innovation, Wertschöpfung und digitale Souveränität."
Diese Einschätzung ist nicht übertrieben: Halbleiter steuern heute rund 50 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts und sind in praktisch allen modernen Technologien unverzichtbar – von Produktionsmaschinen über Energieanlagen bis hin zu Fahrzeugen und Medizintechnik.
Sachsen hat sich mit dem Cluster "Silicon Saxony" als führender europäischer Halbleiterstandort etabliert. Die beeindruckenden Zahlen sprechen für sich: Rund ein Drittel aller in Europa produzierten Chips stammen aus dem Freistaat. Dresden gilt dabei als zentraler Pfeiler der europäischen Mikroelektronik.
Der Erfolg basiert auf mehreren Säulen:
Auch Österreich nimmt in der europäischen Halbleiterlandschaft eine Spitzenposition ein. Mit rund 75.000 Beschäftigten und einer beeindruckenden Wertschöpfung von 27 Milliarden Euro gehört das Land zu den vier stärksten Halbleiterstandorten der EU.
Besonders bemerkenswert: Gemessen an der Bevölkerungsgröße liegt Österreich sogar auf Rang 1 in Europa bei:
Diese Zahlen unterstreichen die außergewöhnliche Konzentration von Halbleiter-Know-how und -Produktion in Österreich. Unternehmen wie ams-OSRAM, Infineon Austria oder AT&S haben das Land zu einem wichtigen Akteur in der globalen Mikroelektronik-Wertschöpfungskette gemacht.
Die Verbindung zwischen Sachsen und Österreich ist für die europäische Resilienz im Bereich Mikroelektronik von entscheidender Bedeutung. Beide Standorte ergänzen sich optimal:
Hattmannsdorfer betonte die industriepolitische Dimension der Halbleiterproduktion: "Wer Halbleiter produziert, entscheidet über industrielle Souveränität." Diese Erkenntnis gewinnt angesichts der geopolitischen Spannungen und Lieferkettenstörungen der vergangenen Jahre an Brisanz.
Die COVID-19-Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben deutlich gemacht, wie verwundbar globale Lieferketten sind. Besonders bei Halbleitern, die oft in wenigen asiatischen Ländern produziert werden, führten Produktionsausfälle zu monatelangen Engpässen in der Automobilindustrie und anderen Branchen.
Die Europäische Union hat mit dem EU Chips Act ein ambitioniertes Programm aufgelegt, um die europäische Halbleiterproduktion zu stärken. Das Gesetz sieht Investitionen von über 40 Milliarden Euro vor und zielt darauf ab, Europas Anteil an der globalen Chipproduktion bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln.
"Europäische Förderinstrumente müssen so ausgestaltet sein, dass sie unsere Schlüsseltechnologien stärken und europäische Unternehmen im Wettbewerb mit den USA und China absichern", forderte Hattmannsdorfer. Diese Aussage reflektiert die Realität eines intensivierten globalen Technologiewettbewerbs.
Europa steht vor der Herausforderung, mit milliardenschweren Investitionsprogrammen anderer Weltregionen Schritt zu halten:
Die Vereinigten Staaten investieren 52 Milliarden Dollar in die heimische Halbleiterproduktion und Forschung. Große Unternehmen wie Intel, TSMC und Samsung haben bereits Milliarden-Investitionen in neue US-Fabriken angekündigt.
China verfolgt das Ziel, bis 2025 70 Prozent seines Halbleiterbedarfs selbst zu produzieren. Hunderte Milliarden Yuan fließen in den Aufbau einer nationalen Halbleiterindustrie.
Angesichts dieser globalen Entwicklungen stellte Hattmannsdorfer klar: "Made in Europe ist kein Schlagwort, sondern eine strategische Notwendigkeit. Europa darf nicht nur regulieren – Europa muss innovieren und produzieren."
Diese Aussage trifft den Kern einer wichtigen Debatte: Europa war in den vergangenen Jahrzehnten vor allem als Regulierer von Technologien aufgetreten – etwa mit der DSGVO oder dem Digital Services Act. Nun geht es darum, auch als Produzent und Innovator zu überzeugen.
"Unsere Förderpolitik muss Investitionen mobilisieren, Innovation beschleunigen und industrielle Substanz im Binnenmarkt halten", so Hattmannsdorfers Forderung. Dies bedeutet konkret:
Der Aufbau einer starken europäischen Halbleiterindustrie steht vor mehreren Herausforderungen:
Die Halbleiterindustrie benötigt hochqualifizierte Ingenieure und Techniker. Sowohl Österreich als auch Sachsen investieren daher verstärkt in die Ausbildung entsprechender Fachkräfte.
Moderne Halbleiterfabriken kosten mehrere Milliarden Euro. Nur durch koordinierte europäische Anstrengungen können solche Investitionen realisiert werden.
Europa ist bei kritischen Halbleiter-Technologien noch immer stark von asiatischen Anbietern abhängig. Der Aufbau eigener Kapazitäten wird Jahre dauern.
Das Treffen zwischen Hattmannsdorfer und Kretschmer zeigt, dass führende europäische Halbleiterstandorte verstärkt zusammenarbeiten wollen. Die Kombination aus Österreichs Spezialisierung und Sachsens Produktionskapazitäten könnte ein Fundament für eine stärkere europäische Position in der globalen Halbleiterindustrie bilden.
Für die österreichische Wirtschaft bedeutet dies Chancen auf:
Die strategische Partnerschaft zwischen Österreich und Sachsen könnte zu einem Modell für weitere europäische Kooperationen in Schlüsseltechnologien werden. In einer Welt, in der technologische Souveränität zunehmend über wirtschaftlichen und politischen Einfluss entscheidet, ist die Stärkung der europäischen Halbleiterindustrie mehr als nur Industriepolitik – sie ist ein Baustein für Europas Zukunftsfähigkeit in einer multipolaren Welt.