Am 3. April 1993 ereignete sich in England ein Verbrechen, das bis heute die Diskussion um Gewalt zwischen Jägern und Tierschützern anheizt. In Cambridgeshire, einer Grafschaft östlich von London, ...
Am 3. April 1993 ereignete sich in England ein Verbrechen, das bis heute die Diskussion um Gewalt zwischen Jägern und Tierschützern anheizt. In Cambridgeshire, einer Grafschaft östlich von London, überfuhr ein wütender Jagdleiter mit seinem Transportfahrzeug einen 15-jährigen Tierschützer und beging anschließend Fahrerflucht. Der Österreicher Martin Balluch, heute Obmann des Vereins gegen Tierfabriken (VGT), war damals Augenzeuge dieser tödlichen Attacke und beschreibt den Vorfall noch 33 Jahre später mit erschütternder Klarheit.
Die Ereignisse nahmen ihren Lauf an einem sonnigen Frühlingstag in East Anglia. Die Jagdgesellschaft "Cambridgeshire Foxhounds" hatte sich zu ihrer letzten Fuchsjagd der Saison versammelt – einer traditionellen Hetzjagd, bei der Reiter mit Hunderudeln Füchse über weite Strecken verfolgen und schließlich töten lassen. Diese Form der Jagd war damals in Großbritannien noch legal, stand aber bereits unter massiver Kritik von Tierschützern.
Etwa 30 Tierschutzaktivisten, darunter der damals als Post-Doktorand an der Universität Cambridge tätige Martin Balluch, hatten sich eingefunden, um die Jagd zu stören. Balluch arbeitete damals am renommierten Department for Applied Mathematics and Theoretical Physics, wo auch der weltberühmte Physiker Stephen Hawking forschte. Die Protesttaktik der Aktivisten war einfach aber wirkungsvoll: Sie liefen in die Felder und verhinderten so, dass die Hunde die Fuchsspur aufnehmen konnten.
Die anwesenden Polizeibeamten sahen sich außerstande, die Tierschutzaktion zu beenden. In Großbritannien genossen Proteste gegen die Fuchsjagd bereits damals einen gewissen rechtlichen Schutz, solange sie friedlich verliefen. Die Jagdgesellschaft musste ihre Aktivität abbrechen – ein Erfolg für die Tierschützer, der jedoch dramatische Konsequenzen haben sollte.
Der Jagdleiter reagierte auf die Störung seiner Veranstaltung mit unkontrollierter Wut. Er belud seinen Transporter mit drei Pferden und 40 Jagdhunden und fuhr dann gezielt in die Gruppe der Tierschützer hinein, die sich bereits auf dem Heimweg befanden. Diese Art von Transportfahrzeugen, sogenannte Horse Boxes, sind besonders schwer und massiv konstruiert, um die wertvollen Tiere sicher zu transportieren.
Tom Worby, ein 15-jähriger Schüler aus Milton Keynes, einer Planstadt etwa 80 Kilometer nordwestlich von London, konnte nicht rechtzeitig zur Seite springen. Das massive Transportfahrzeug erfasste den Jugendlichen und schleiften ihn zunächst seitlich mit. Augenzeugen berichteten später, wie der junge Mann um Hilfe rief, bevor er unter das linke Hinterrad des Fahrzeugs geriet.
"Ich stand auf der Straße etwa 100 Meter vor dem Transportfahrzeug, als es zu dem Mord kam", erinnert sich Martin Balluch an die traumatischen Momente. "Ich konnte ganz deutlich sehen, wie der Tierschützer zuerst seitlich mitgeschliffen wurde und um Hilfe rief. Dann rutschte er unter das linke Hinterrad." Das schwere Fahrzeug fuhr dem Teenager über den Kopf und verursachte schwere innere Verletzungen.
Nach dem Aufprall beging der Jagdleiter Fahrerflucht und ließ sein Opfer am Straßenrand zurück. Tom Worby, aus dessen Nase, Mund und Augen Blut rann, starb noch vor Ort in den Armen seiner Partnerin. Die herbeigerufenen Rettungskräfte konnten nichts mehr für den Jugendlichen tun.
Der Fall Tom Worby wurde zu einem Wendepunkt in der britischen Diskussion über die Fuchsjagd. Die brutale Ermordung eines Teenagers durch einen Jagdleiter schockierte die britische Öffentlichkeit und verstärkte den Druck auf die Politik, die umstrittene Jagdpraxis zu verbieten. Tatsächlich wurde die Fuchsjagd in England und Wales 2004 durch den Hunting Act offiziell verboten, auch wenn das Gesetz verschiedene Schlupflöcher enthält.
Die juristische Aufarbeitung des Mordes gestaltete sich kompliziert. Der Jagdleiter wurde zwar verhaftet und angeklagt, doch die genauen Details des Verfahrens und des Urteils sind in den Archiven der britischen Justiz dokumentiert. Solche Fälle zeigen die Schwierigkeit auf, vorsätzliche Tötungen mit Kraftfahrzeugen zu beweisen, da Täter oft behaupten, es handle sich um einen Unfall.
Das Beispiel aus England ist kein Einzelfall. Auch in Österreich kam es wiederholt zu gewalttätigen Übergriffen von Jägern auf Tierschutzaktivisten. Martin Balluch dokumentiert mehrere schwerwiegende Vorfälle, die zeigen, dass die Problematik auch im deutschsprachigen Raum existiert.
Bereits 1991 ereignete sich in Vitis im niederösterreichischen Waldviertel ein besonders schwerwiegender Fall. Ein Jäger schoss einer Tierschützerin mit dem Schrotgewehr in den Bauch, weil sie ihn bei der Jagd auf ausgesetzte Zuchtfasane behinderte. Solche Jagden auf gezüchtete und ausgesetzte Tiere sind besonders umstritten, da sie wenig mit der natürlichen Jagd gemein haben und oft als "Abschießen" kritisiert werden.
Schrotgewehre, die hauptsächlich für die Vogeljagd verwendet werden, verschießen kleine Metallkugeln, die bei kurzer Distanz schwere Verletzungen verursachen können. Der Schuss in den Bauch der Tierschützerin hätte leicht tödlich enden können und zeigt die Skrupellosigkeit mancher Jäger im Umgang mit Kritikern ihrer Praktiken.
Die Liste der Übergriffe in Österreich ist länger. Balluch berichtet von mehreren Fällen, bei denen Jäger Tierschützer physisch attackierten oder sogar durch deren Regenschirme schossen. Diese Attacken zeigen ein Muster der Einschüchterung und Gewalt, mit dem kritische Beobachter der Jagd mundtot gemacht werden sollen.
Ein besonders prominenter Fall ereignete sich am 20. November 2017, als Maximilian Mayr-Melnhof, der heutige Landesjägermeister von Salzburg, zwei Tierschützer attackierte. Mayr-Melnhof, Spross einer der reichsten Familien Österreichs und Erbe eines Industrie-Imperiums, verletzte die Aktivisten und nahm ihnen gewaltsam Videokameras und ein Funkgerät weg. Vor Gericht leugnete er zunächst die Vorwürfe, doch das Landesverwaltungsgericht stellte die Gewaltakte zweifelsfrei fest.
Der Fall ist besonders brisant, weil Mayr-Melnhof als Jagdschutzorgan gehandelt hatte und damit in einer quasi-polizeilichen Funktion tätig war. Jagdschutzorgane haben in Österreich besondere Befugnisse zum Schutz des Jagdreviers, dürfen diese aber nicht für Gewaltakte missbrauchen. Das Landesverwaltungsgericht bestätigte, dass Mayr-Melnhofs Verhalten rechtswidrig war.
Martin Balluch kritisiert scharf die Doppelmoral mancher Jagdfunktionäre. Mayr-Melnhof beispielsweise positioniert sich öffentlich als Beschützer von "Leib und Eigentum" vor dem Wolf und predigt regelmäßig bei der traditionellen Hubertusmesse im Salzburger Dom. Die Hubertusmesse ist ein jahrhundertealter Brauch der Jägerschaft, bei dem der heilige Hubertus als Schutzpatron der Jäger verehrt wird.
"Gewalt gegen Tiere geht eben Hand in Hand mit Gewalt gegen Menschen", analysiert Balluch die psychologischen Zusammenhänge. Diese These wird von verschiedenen kriminologischen Studien gestützt, die einen Zusammenhang zwischen Tierquälerei und Gewalt gegen Menschen aufzeigen. Wer sich daran gewöhnt, Tieren Leid zuzufügen, entwickelt oft eine allgemeine Abstumpfung gegenüber Gewalt.
Die Ironie, dass ausgerechnet Mayr-Melnhof vor der Gefahr durch Wölfe warnt, während er selbst Menschen angreift, ist für Balluch besonders bitter. "Er selbst schädigt aber ohne zu zögern andere Menschen an Leib und Eigentum", so der VGT-Obmann. Diese Heuchelei zeige sich auch in der zur Schau gestellten Religiosität mancher Jagdfunktionäre.
Die katholische Kirche hat ein ambivalentes Verhältnis zur Jagd. Während der heilige Hubertus als Schutzpatron der Jäger verehrt wird, stehen viele Jagdpraktiken im Widerspruch zu christlichen Werten wie Nächstenliebe und Wahrhaftigkeit. Mayr-Melnhof stelle sich als "überzeugten Christen" dar und predige vom Salzburger Dom, so Balluch, aber "weit her mit der Liebe zu seinem Nächsten und mit dem Gebot, nicht zu lügen, ist es bei ihm aber offenbar nicht."
Der Salzburger Dom ist eine der bedeutendsten barocken Kirchenbauten im deutschsprachigen Raum und Sitz des Erzbischofs von Salzburg. Dass dort Jagdfunktionäre predigen dürfen, die sich gleichzeitig gewalttätig verhalten, wirft Fragen über die moralische Autorität der Institution auf.
Die Gewalt zwischen Jägern und Tierschützern spiegelt eine tiefere gesellschaftliche Spaltung wider. Während Tierschützer die Jagd zunehmend als überholte und grausame Praxis betrachten, sehen sich Jäger als Bewahrer von Traditionen und als wichtige Akteure im Naturschutz. Diese unversöhnlichen Positionen führen immer wieder zu Konfrontationen.
In Österreich sind etwa 120.000 Personen im Besitz einer Jagdkarte, was rund 1,3 Prozent der Bevölkerung entspricht. Diese relativ kleine Gruppe hat jedoch erheblichen politischen Einfluss, da viele Jäger in einflussreichen Positionen in Politik und Wirtschaft tätig sind. Jagdlobbyismus ist in Österreich traditionell stark, was erklärt, warum Reformen der Jagdgesetze oft schwer durchsetzbar sind.
Die Tierschutzbewegung hingegen kann auf wachsende Unterstützung in der Bevölkerung zählen. Umfragen zeigen regelmäßig, dass eine Mehrheit der Österreicher kritisch zur Jagd steht, insbesondere zu umstrittenen Praktiken wie der Trophäenjagd oder der Jagd auf bedrohte Arten. Diese gesellschaftliche Entwicklung führt zu zunehmendem Druck auf die Jägerschaft.
International ist ein klarer Trend zur Verschärfung der Jagdgesetze erkennbar. Nach dem Verbot der Fuchsjagd in Großbritannien folgten ähnliche Maßnahmen in anderen europäischen Ländern. Deutschland diskutiert intensiv über schärfere Regelungen, und selbst in traditionell jagdfreundlichen Ländern wie Frankreich wächst der Widerstand gegen bestimmte Jagdformen.
Die Europäische Union hat in den letzten Jahren mehrere Richtlinien zum Tierschutz verschärft, die indirekt auch die Jagd betreffen. Der European Green Deal der EU-Kommission zielt auf eine naturverträglichere Landwirtschaft und könnte langfristig auch Auswirkungen auf die Jagdpraxis haben.
Um weitere Gewalteskalationen zu verhindern, fordern Tierschutzorganisationen bessere Ausbildung für Jäger im Umgang mit Konfliktsituationen. Die Jägerprüfung in Österreich umfasst zwar rechtliche Aspekte, aber psychologische Schulungen im Umgang mit Kritikern sind nicht vorgesehen. Eine Erweiterung der Ausbildung um Deeskalationstechniken könnte helfen, Gewaltakte zu verhindern.
Auch die Überwachung von Jagdrevieren durch unabhängige Beobachter wird diskutiert. Moderne Videotechnik ermöglicht es, Jagdpraktiken zu dokumentieren und sowohl Tierschutzverstöße als auch Gewalt gegen Aktivisten aufzudecken. Der Widerstand der Jägerschaft gegen solche Maßnahmen ist jedoch erheblich.
Langfristig könnte die Digitalisierung zu einer Lösung beitragen. Apps und Online-Plattformen ermöglichen es Tierschützern, Verstöße zu melden, ohne sich in Gefahr zu begeben. Gleichzeitig können seriöse Jäger ihr Verhalten transparent dokumentieren und sich von schwarzen Schafen in ihren Reihen distanzieren.
Der Fall Tom Worby zeigt auch die wichtige Rolle der Medien bei der Aufklärung über Gewalt im Jagdbereich. Ohne die Berichterstattung über den Mord in England wäre dieser möglicherweise schnell vergessen worden. Die kontinuierliche Dokumentation solcher Vorfälle durch Organisationen wie den VGT trägt dazu bei, das Bewusstsein für die Problematik zu schärfen.
Soziale Medien haben die Möglichkeiten der Tierschützer, auf Missstände aufmerksam zu machen, erheblich erweitert. Videos von problematischen Jagdpraktiken oder Gewaltakten verbreiten sich heute binnen Stunden weltweit und erzeugen öffentlichen Druck. Diese Entwicklung hat die Machtverhältnisse zwischen Jägerschaft und Tierschutzorganisationen merklich verschoben.
33 Jahre nach dem Mord an Tom Worby bleibt die Erinnerung an den jungen Tierschützer ein mahnendes Beispiel für die Gefahren, denen sich Aktivisten aussetzen. Sein Tod war nicht umsonst, wenn er dazu beiträgt, weitere Gewaltakte zu verhindern und das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines respektvollen Umgangs zwischen allen Beteiligten zu schärfen. Die Jagddebatte wird weitergehen, aber sie muss ohne Gewalt geführt werden – das sind wir Tom Worby und allen anderen Opfern solcher sinnlosen Attacken schuldig.