Während Österreichs Budgetdefizit weiter ansteigt und Sparmaßnahmen diskutiert werden, erhebt das Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse (INST...
Während Österreichs Budgetdefizit weiter ansteigt und Sparmaßnahmen diskutiert werden, erhebt das Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse (INST) schwere Vorwürfe gegen die österreichische Förderpolitik. Zur bevorstehenden INST Weltkonferenz 2026 kritisiert die Organisation, dass Milliarden von Steuergeldern in die falschen Kanäle fließen – während echte Innovation und Wissenschaft unterfinanziert bleiben.
Die zentrale These des INST ist provokant: Das österreichische Budgetdefizit sei maßgeblich darauf zurückzuführen, dass Milliarden in aufgeblähte Verwaltungsstrukturen und vor allem in indirekte Förderungen der sogenannten "Tech Bros" – großer Technologiekonzerne – fließen. Diese Kritik trifft einen Nerv der Zeit, in der digitale Transformation oft als Allheilmittel gepriesen wird, während traditionelle Wissenschaftsbereiche um Finanzierung kämpfen.
Was sind "Tech Bros"? Dieser Begriff bezeichnet einflussreiche Personen und Unternehmen aus dem Technologiesektor, die durch aggressive Marktstrategien und politische Lobbyarbeit dominante Positionen erreicht haben. Ursprünglich aus dem Silicon Valley stammend, beschreibt er eine Kultur, die technische Lösungen über alle anderen Ansätze stellt und dabei oft soziale, kulturelle oder ethische Aspekte vernachlässigt. In Österreich zeigt sich dies durch massive öffentliche Investitionen in Digitalisierungsprojekte, während Grundlagenforschung und Geisteswissenschaften chronisch unterfinanziert bleiben.
Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht das Problem: Während Deutschland etwa 3,1 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung ausgibt, liegt Österreich bei rund 3,2 Prozent – allerdings fließt ein überproportionaler Anteil in technologieorientierte Bereiche. Die Schweiz investiert mit 3,4 Prozent noch mehr, verteilt diese Mittel aber ausgewogener zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. In Österreich hingegen erhalten Projekte mit Technologie-Bezug oft automatisch den Vorzug vor geisteswissenschaftlichen Forschungsvorhaben.
Diese Schieflage wird durch die EU-Politik verstärkt: Programme wie "Digital Europe" pumpen Milliarden in die Digitalisierung, während kulturelle und sprachliche Vielfalt – traditionelle Stärken Österreichs – als weniger förderungswürdig eingestuft werden. Das INST sieht darin eine fundamentale Fehlentscheidung, die langfristig die Innovationsfähigkeit des Landes schwächt.
Als Gegenentwurf zur technikzentrierten Förderpolitik positioniert sich die INST Weltkonferenz 2026, an der sich laut Ankündigung Zehntausende Teilnehmer aus allen Kontinenten beteiligen werden. Diese Konferenz stellt bewusst Sprachen, Literaturen, Künste, Kulturen, Wissenschaft und Forschung in den Mittelpunkt – Bereiche, die in der aktuellen Förderlandschaft oft marginalisiert werden.
Das INST betont dabei explizit seine Distanz zu bestimmten Strömungen in den Geisteswissenschaften: Weder "Deutschismus" – eine übertriebene Fokussierung auf deutsche Kultur und Sprache – noch "Geisterwissenschaften" – ein abwertender Begriff für theorielastige Forschung ohne praktischen Bezug – noch "Theorien der Nicht-Erkenntnis" werden gefördert. Stattdessen geht es um die praktische Erforschung von Sprachen in ihrer "Realität jenseits der Numerik".
Um zu demonstrieren, wie echte wissenschaftliche Innovation aussieht, verweist das INST auf mehrere Großprojekte, die bereits internationale Beachtung gefunden haben. Das Projekt "Das eherne Zeitalter" beispielsweise wird in über 50 Sprachen durchgeführt und erforscht kulturelle Entwicklungen in verschiedenen Weltregionen. Ein solches multilinguales Forschungsvorhaben wäre ohne moderne Technologie unmöglich – zeigt aber gleichzeitig, wie Digitalisierung als Werkzeug für geisteswissenschaftliche Erkenntnis genutzt werden kann, anstatt sie zu ersetzen.
Ähnlich ambitiös ist das "Weltprojekt Jura Soyfer", das den österreichischen Schriftsteller und Kabarettisten international bekannt machen will. Jura Soyfer (1912-1939) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, ist aber außerhalb Österreichs weitgehend unbekannt. Das INST-Projekt übersetzt seine Werke in Dutzende Sprachen und macht sie global zugänglich – ein Beispiel für kulturelle Innovation, die ohne massive Technologie-Investitionen auskommt.
Besonders innovativ ist das "Weltprojekt der Berge", das untersucht, wie verschiedene Kulturen ihr Verhältnis zur Bergwelt entwickelt haben. In Österreich, einem Land, das zu zwei Dritteln von Gebirgen bedeckt ist, hat diese Forschung unmittelbare praktische Relevanz für Tourismus, Umweltschutz und Regionalentwicklung. Das Projekt erforscht, wie kulturelle Traditionen nachhaltiges Verhalten fördern können – ein Ansatz, der viel kostengünstiger ist als technische Lösungen wie Carbon-Capture-Anlagen oder Geoengineering.
Diese Art der Forschung zeigt, wie Geisteswissenschaften konkrete Lösungen für aktuelle Probleme liefern können. Statt Milliarden in unerprobte Technologien zu investieren, könnte Österreich traditionelles Wissen nutzen, um Umweltprobleme anzugehen. Bergbauern in Tirol beispielsweise haben jahrhundertelang nachhaltige Landwirtschaft betrieben – ihr Wissen könnte moderne Agrarwissenschaft bereichern, ohne dass teure Tech-Lösungen entwickelt werden müssen.
Das INST greift auch das EU-Konzept "Open Science" auf, interpretiert es aber anders als die Technologie-orientierten Mainstream-Ansätze. Während Open Science normalerweise die freie Verfügbarkeit wissenschaftlicher Publikationen und Daten bedeutet, erweitert das INST diese Definition um kulturelle und sprachliche Dimensionen.
Open Science im INST-Verständnis bedeutet nicht nur, dass Forschungsergebnisse frei zugänglich sind, sondern dass sie in vielen Sprachen verfügbar gemacht werden. Dies ist eine direkte Kritik an der Dominanz des Englischen in der Wissenschaft – einer Entwicklung, die kleinere Sprachen marginalisiert und lokales Wissen unterdrückt. Für Österreich mit seinen regionalen Sprachen und Dialekten ist dies besonders relevant.
Die schärfste Kritik des INST richtet sich gegen die österreichische Innovationspolitik, die angeblich nicht auf echte Innovation ausgerichtet ist, sondern auf "Wording, Marketing, Machtausgleich, Erhaltung bisheriger Strukturen, Militarismus". Diese Vorwürfe sind schwerwiegend und treffen zentrale Aspekte der österreichischen Forschungsförderung.
"Wording und Marketing" bezieht sich auf die Tendenz, wissenschaftliche Projekte primär nach ihrer medialen Wirkung zu bewerten. Projekte, die sich gut verkaufen lassen und in den Medien Aufmerksamkeit generieren, erhalten eher Förderung als solche mit langfristigem wissenschaftlichem Wert. Dies führt zu einer Oberflächlichkeit in der Forschungslandschaft, die echte Durchbrüche verhindert.
Der Vorwurf des "Machtausgleichs" zielt auf die politische Dimension der Forschungsförderung ab. Oft werden Mittel nicht nach wissenschaftlichen Kriterien vergeben, sondern um verschiedene Interessensgruppen zufriedenzustellen. Wirtschaftsnahe Forschung wird bevorzugt, weil sie politisch opportun ist, während grundlegende geisteswissenschaftliche Forschung als weniger relevant eingestuft wird.
Besonders brisant ist der Vorwurf des "Militarismus" in der österreichischen Forschungsförderung. Obwohl Österreich neutral ist, fließen erhebliche Mittel in Forschungsprojekte mit potentieller militärischer Anwendung. Dies geschieht oft indirekt über EU-Programme oder durch Kooperationen mit internationalen Partnern. Das INST sieht darin eine Verletzung der österreichischen Neutralität und eine Verschwendung von Ressourcen, die besser in friedliche Forschung investiert wären.
Interessant ist, dass das INST nicht grundsätzlich technologiefeindlich ist. Die Organisation anerkennt die Bedeutung neuer Technologien wie Quantum Computing, kritisiert aber deren einseitige Förderung. Quantencomputer könnten durchaus geisteswissenschaftliche Forschung revolutionieren – etwa durch die Analyse riesiger Textkorpora oder die Simulation historischer Entwicklungen.
Das Problem liegt laut INST darin, dass diese Technologien hauptsächlich für kommerzielle oder militärische Zwecke entwickelt werden, während ihr Potenzial für Kultur- und Sprachwissenschaften ignoriert wird. Ein Quantencomputer könnte beispielsweise dabei helfen, die Entwicklung von Sprachen zu modellieren oder kulturelle Einflüsse zu quantifizieren – aber solche Anwendungen werden nicht gefördert.
Die Kritik des INST hat historische Tiefe: Seit 30 Jahren existiert die Organisation und hat in dieser Zeit kontinuierlich auf die Probleme der österreichischen Forschungsförderung hingewiesen. Laut eigenen Angaben fehlen seit Jahrzehnten Förderungen, um wissenschaftliche Erkenntnisse gesellschaftlich umzusetzen. Während andere Bereiche – insbesondere die Technologiebranche – massive Unterstützung erhalten, bleiben geisteswissenschaftliche Projekte chronisch unterfinanziert.
Diese langjährige Erfahrung verleiht der INST-Kritik besonderes Gewicht. Die Organisation kann auf drei Jahrzehnte kontinuierlicher Arbeit verweisen und hat in dieser Zeit internationale Anerkennung erworben. Ihre Projekte werden weltweit beachtet, während vergleichbare österreichische Tech-Projekte oft nach wenigen Jahren eingestellt werden.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der kritisierten Förderpolitik sind laut INST erheblich. Während Tech-Konzerne von öffentlichen Investitionen profitieren, tragen die Republik und ihre Steuerzahler den Schaden. Dieser Schaden ist nicht nur finanziell – durch Budgetdefizite und ineffiziente Mittelverwendung –, sondern auch kulturell und wissenschaftlich.
Österreich verliert seine traditionellen Stärken in Kultur und Geisteswissenschaften, ohne gleichzeitig eine führende Position in der Technologie zu erlangen. Das Land wird zum Absatzmarkt für internationale Tech-Konzerne, anstatt eigene innovative Lösungen zu entwickeln. Dies führt zu einer Abhängigkeit, die langfristig die österreichische Souveränität gefährdet.
Besonders problematisch sind die Auswirkungen auf Österreichs Bildungssystem. Universitäten orientieren sich zunehmend an technologie-orientierten Studiengängen, während geisteswissenschaftliche Fächer marginalisiert werden. Dies führt zu einem Verlust an kulturellem Wissen und sprachlicher Kompetenz – Bereichen, in denen Österreich traditionell stark war.
Für Studierende bedeutet dies eine Verengung der Bildungsmöglichkeiten. Wer sich für Literatur, Sprachen oder Kulturwissenschaften interessiert, findet immer weniger Förderung und Berufsperspektiven. Gleichzeitig werden Tech-Studiengänge überfüllt, ohne dass ausreichend qualifizierte Arbeitsplätze entstehen.
Die INST Weltkonferenz 2026 könnte einen Wendepunkt markieren. Mit Teilnehmern aus allen Kontinenten will die Organisation demonstrieren, dass es Alternativen zur tech-dominierten Forschungslandschaft gibt. Andere Länder – insbesondere in Asien und Afrika – investieren zunehmend in kulturelle und sprachliche Forschung, weil sie erkannt haben, dass diese für nachhaltige Entwicklung essentiell ist.
Österreich könnte von dieser Entwicklung profitieren, wenn es seine Förderpolitik überdenkt. Das Land hat das Potenzial, zum internationalen Zentrum für multilingurale und kulturelle Forschung zu werden. Dazu müsste aber die einseitige Fokussierung auf Technologie überwunden werden.
Die Kritik des INST ist mehr als ein akademischer Disput – sie berührt fundamentale Fragen über Österreichs Zukunft als Wissenschafts- und Kulturstandort. Die bevorstehende Weltkonferenz wird zeigen, ob alternative Ansätze zur Tech-Dominanz internationale Unterstützung finden. Für Österreichs Steuerzahler steht viel auf dem Spiel: Werden ihre Mittel weiterhin in fragwürdige Tech-Projekte fließen, oder gibt es einen Kurswechsel hin zu nachhaltiger, vielfältiger Forschungsförderung? Die Antwort auf diese Frage wird Österreichs wissenschaftliche und kulturelle Zukunft maßgeblich prägen.