Erstmals Arbeitsniederlegungen in der österreichischen IT-Industrie geplant
90.000 IT-Angestellte bereiten sich auf Warnstreiks vor, nachdem Kollektivvertragsverhandlungen nach sechs Runden gescheitert sind.
Österreichs IT-Branche steht vor einem historischen Wendepunkt: Nach sechs erfolglosen Verhandlungsrunden für einen neuen Kollektivvertrag haben die Betriebsratsvorsitzenden der Branche erstmals Warnstreiks beschlossen. Zwischen dem 3. und 4. März werden rund 90.000 IT-Angestellte in ganz Österreich ihre Arbeit niederlegen – ein Novum für die traditionell streikferne Technologiebranche.
Die Situation spitzte sich zu, nachdem auch die sechste Verhandlungsrunde ohne konkrete Ergebnisse endete. Sandra Steiner, Verhandlungsleiterin der Gewerkschaft GPA, zeigt sich frustriert über den Verlauf der Gespräche: "Wir haben immer wieder versucht eine Lösung am Verhandlungstisch zu ermöglichen, doch das funktioniert nur, wenn auch tatsächlich beide Seiten daran interessiert sind."
Besonders kritisiert die Gewerkschaftsvertreterin die Haltung der Arbeitgeberseite. Fünf Runden lang seien die Verhandlungen mangels konkreter Angebote verzögert worden. Erst in der jüngsten Runde legten die Arbeitgeber ein Angebot vor, das die Gewerkschaft jedoch als "Minimalangebot" bezeichnet. "Die Arbeitgeber müssen ihre Vorstellungen von einem möglichen Kompromiss deutlich nachbessern, damit eine vertretbare Lösung möglich wird", fordert Steiner.
Der Beschluss zu den Warnstreiks fiel während einer Betriebsratsvorsitzenden-Konferenz, bei der die Stimmung eindeutig war. "Die Rückmeldungen aus den Betrieben waren überwältigend. Die Kolleginnen und Kollegen stehen hinter ihrem Verhandlungsteam und setzen den nächsten Schritt, um für eine faire Anerkennung ihrer Arbeit zu kämpfen", berichtet Steiner über die Reaktionen der Beschäftigten.
Diese breite Unterstützung ist bemerkenswert, da die IT-Branche traditionell als wenig konfliktbereit gilt. IT-Fachkräfte sind oft gut bezahlt und genießen aufgrund des Fachkräftemangels eine starke Verhandlungsposition. Dass nun erstmals zu Streikmaßnahmen gegriffen wird, zeigt die Frustration über die stockenden Verhandlungen.
Dass kollektiver Druck durchaus Früchte tragen kann, zeigte bereits eine kürzlich von der GPA organisierte Demonstration vor der Wirtschaftskammer. "Dank dem Einsatz aller Kolleginnen und Kollegen liegt nun erstmals ein Angebot zur Erhöhung der IST-Gehälter vor", erklärt Steiner. Auch wenn dieses Angebot als unzureichend bewertet wird, sei es doch ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Die IT-Branche hat in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung für die österreichische Wirtschaft gewonnen. Mit etwa 90.000 Beschäftigten ist sie ein wichtiger Wirtschaftszweig, der sowohl traditionelle Unternehmen bei ihrer Digitalisierung unterstützt als auch innovative Technologielösungen entwickelt. Ein Streik in diesem Sektor könnte daher weitreichende Auswirkungen haben.
Besonders in Zeiten, in denen Digitalisierung und IT-Sicherheit für Unternehmen aller Branchen von kritischer Bedeutung sind, könnten Arbeitsniederlegungen in der IT schnell spürbare Folgen haben. Viele Unternehmen sind heute vollständig auf ihre IT-Systeme angewiesen – vom Online-Handel über Produktionssteuerung bis hin zur Kommunikation mit Kunden und Lieferanten.
Die aktuellen Verhandlungen finden vor dem Hintergrund einer angespannten wirtschaftlichen Lage statt. Während die Inflation die Kaufkraft der Arbeitnehmer schmälert, verweisen Arbeitgeber auf unsichere Geschäftsaussichten und Kostendruck. In der IT-Branche kommt hinzu, dass internationale Konkurrenz und der Wettbewerb um Fachkräfte die Lage komplizieren.
Gleichzeitig ist die IT-Branche aber auch eine der wenigen Branchen, die auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten oft noch Wachstum verzeichnen kann. Die Digitalisierung schreitet unabhängig von Konjunkturzyklen voran, was der Gewerkschaft zusätzliche Argumente für ihre Forderungen liefert.
Der geplante Warnstreik in der IT-Branche könnte auch Signalwirkung für andere Sektoren haben. Wenn selbst die traditionell zurückhaltenden IT-Beschäftigten zu Streikmaßnahmen greifen, könnte dies andere Berufsgruppen ermutigen, ebenfalls härteren Kurs in Lohnverhandlungen zu fahren.
Für die Gewerkschaft GPA ist der IT-Streik auch ein Test ihrer Organisationskraft in einer Branche, die bisher wenig gewerkschaftlich organisiert war. Ein erfolgreicher Arbeitskampf könnte die Position der Gewerkschaft in diesem wichtigen Wirtschaftssektor nachhaltig stärken.
"Jetzt werden wir gemeinsam dafür kämpfen, dass endlich eine vertretbare Lösung am Verhandlungstisch möglich wird", kündigt Gewerkschaftsvertreterin Steiner für die kommenden Verhandlungen an. Die Warnstreiks am 3. und 4. März sollen den Druck auf die Arbeitgeberseite erhöhen und zeigen, dass die Beschäftigten bereit sind, für ihre Forderungen einzustehen.
Ob die Streikmaßnahmen tatsächlich zu einer Bewegung in den Verhandlungen führen werden, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass die IT-Branche mit diesen ersten Warnstreiks ein neues Kapitel in der österreichischen Arbeitsbeziehungen aufschlägt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob dieser historische Schritt zu einer für beide Seiten akzeptablen Lösung führt oder ob sich der Konflikt weiter verschärft.
Für die betroffenen Unternehmen bedeuten die angekündigten Warnstreiks zunächst Planungsunsicherheit. Viele IT-Abteilungen werden sich auf mögliche Ausfälle vorbereiten müssen, was zusätzlichen organisatorischen Aufwand bedeutet. Langfristig könnte ein erfolgreicher Streik aber auch zu stabileren Arbeitsverhältnissen und weniger Fluktuation in der Branche beitragen, wenn die Arbeitsbedingungen verbessert werden.