Ein politischer Schlagabtausch um die Energiewende in Kärnten sorgt für Aufregung: Der neue Kärntner Landeshauptmann Daniel Fellner (SPÖ) hat in der Sendung \"Ö1 Im Journal zu Gast\" angekündigt, W
Ein politischer Schlagabtausch um die Energiewende in Kärnten sorgt für Aufregung: Der neue Kärntner Landeshauptmann Daniel Fellner (SPÖ) hat in der Sendung "Ö1 Im Journal zu Gast" angekündigt, Widerstand gegen den Ausbau der Windkraft in seinem Bundesland zu leisten. Diese Ankündigung löste umgehend scharfe Kritik von den Grünen aus, die Fellner vorwerfen, sich von persönlichen Emotionen statt von politischer Verantwortung leiten zu lassen. Die Auseinandersetzung wirft grundsätzliche Fragen zur österreichischen Energiestrategie und zur Rolle der Bundesländer bei der Umsetzung der Energiewende auf.
Lukas Hammer, Energiesprecher der Grünen im Parlament, reagierte mit deutlicher Kritik auf Fellners Ankündigung. "Mitten in einer Energiekrise kündigt der neue Kärntner Landeshauptmann und SPÖ-Chef Daniel Fellner seinen 'Widerstand' gegen die Windkraft in Kärnten an", so Hammer in einer Aussendung. Er bezeichnete Fellners Haltung als "energiepolitische Geisterfahrt zur Unzeit" und warf dem Landeshauptmann vor, sich von "seinem Hass auf Windräder" leiten zu lassen.
Besonders brisant ist der Vorwurf, dass Fellner sich sogar gegen Vorgaben der Bundesregierung wehren wolle, obwohl diese nach Einschätzung der Grünen bereits "komplett unzureichend" seien. Hammer betonte, dass es eigentlich darum gehen müsse, "wie wir aus dieser teuren und zerstörerischen Abhängigkeit von Öl und Gas rauskommen". Stattdessen stelle Fellner seine persönlichen Vorbehalte über die notwendige Energiewende.
Die Windkraft spielt in Österreichs Energiestrategie eine zentrale Rolle. Laut der IG Windkraft waren Ende 2023 österreichweit 1.378 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 3.757 Megawatt in Betrieb. Diese produzierten rund 8,2 Terawattstunden Strom und deckten damit etwa 11,6 Prozent des österreichischen Stromverbrauchs ab. Im Vergleich zu anderen Bundesländern hinkt Kärnten beim Windkraftausbau deutlich hinterher.
Während Niederösterreich mit 734 Anlagen und einer installierten Leistung von 1.777 Megawatt absoluter Spitzenreiter ist, gefolgt vom Burgenland mit 421 Anlagen und 1.101 Megawatt, weist Kärnten nur 16 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 32 Megawatt auf. Diese geringe Anzahl macht deutlich, welches Potenzial in dem südlichen Bundesland noch ungenutzt bleibt. Die topografischen Gegebenheiten Kärntens bieten durchaus geeignete Standorte für Windkraftanlagen, insbesondere in höheren Lagen und exponierten Bereichen.
Im internationalen Vergleich liegt Österreich beim Windkraftausbau noch deutlich hinter anderen europäischen Ländern. Deutschland verfügt über eine installierte Windkraftleistung von etwa 69.000 Megawatt (Stand 2023), die Schweiz plant trotz ihrer bergigen Topografie einen massiven Ausbau auf 4.300 Megawatt bis 2050. Selbst unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Größe und Bevölkerungszahl zeigt sich, dass Österreich sein Windkraftpotenzial noch längst nicht ausgeschöpft hat.
Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) sieht vor, dass Österreich bis 2030 seinen Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen beziehen soll. Dafür ist ein Zubau von 10 TWh aus erneuerbaren Energien notwendig, wovon 2,8 TWh aus Windkraft kommen sollen. Diese Ziele können nur erreicht werden, wenn alle Bundesländer ihren Beitrag leisten - auch Kärnten.
Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EABG) bildet das rechtliche Fundament für Österreichs Energiewende. Es wurde im Juli 2021 vom Nationalrat beschlossen und schreibt verbindliche Ausbauziele für verschiedene erneuerbare Energieträger fest. Das Gesetz sieht unter anderem Fördermechanismen für Windkraft, Photovoltaik, Wasserkraft und Biomasse vor und definiert Rahmenbedingungen für die Standortplanung.
Für die Windkraft bedeutet das EABG eine erhebliche Beschleunigung des Genehmigungsverfahrens und die Vereinfachung von Planungsprozessen. Gleichzeitig werden Mindestabstände zu Wohngebieten und Naturschutzauflagen definiert. Die Umsetzung des Gesetzes liegt jedoch in der Kompetenz der Bundesländer, die entsprechende Zonierungen und Genehmigungsverfahren etablieren müssen.
Besonders pikant an Fellners Ankündigung ist die Tatsache, dass er sich gegen eine Regierungsvorlage stellt, die auch seine eigene Partei mittragen soll. Hammer wies darauf hin, dass es "wirklich bizarr" sei, wenn ein SPÖ-Landeshauptmann Widerstand gegen eine Vorlage ankündige, "die u.a. seine eigene Partei vorlegt". Diese interne Uneinigkeit könnte zu erheblichen politischen Spannungen führen.
Der Grünen-Politiker stellte konkrete Fragen zur Position der SPÖ: "Werden die Kärntner Abgeordneten der SPÖ - der auch ihr Klubobmann im Nationalrat angehört - am Ende gegen das EABG stimmen? Oder erst im Bundesrat?" Er forderte die SPÖ auf, sich "erst einmal intern zu besprechen und zu schauen, ob sie für oder gegen ihre eigene Vorlage" sei, bevor mögliche Zwei-Drittel-Verhandlungen mit der Opposition beginnen.
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die daraus resultierende Energiekrise haben die Dringlichkeit der Energiewende dramatisch verstärkt. Österreich bezog vor dem Krieg etwa 80 Prozent seines Erdgases aus Russland, was die Verwundbarkeit des Landes deutlich machte. Die Bundesregierung hat daher den Ausstieg aus russischen Energieträgern beschleunigt und setzt verstärkt auf heimische erneuerbare Energien.
Für Kärnten bedeutet dies konkret, dass das Bundesland seinen Beitrag zur nationalen Energiesicherheit leisten muss. Die Abhängigkeit von Energieimporten kostet österreichische Haushalte und Unternehmen Milliarden Euro jährlich. Eine Kilowattstunde aus Windkraft kostet in der Produktion etwa 4-6 Cent, während die Strompreise an den Märkten zeitweise auf über 50 Cent pro Kilowattstunde stiegen.
Der Widerstand gegen Windkraft könnte für Kärnten erhebliche wirtschaftliche Nachteile haben. Windkraftprojekte bringen nicht nur günstige Energie, sondern auch Arbeitsplätze und Steuereinnahmen für die Gemeinden. Eine moderne Windkraftanlage mit 3 Megawatt Leistung kann jährlich etwa 6-8 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren und damit 1.500-2.000 Haushalte versorgen.
Die Gemeinden erhalten durch Windkraftanlagen jährliche Pachtzahlungen von etwa 3.000-5.000 Euro pro Anlage und Megawatt installierter Leistung. Zusätzlich fallen Gewerbesteuereinnahmen an, und lokale Unternehmen können von Wartungs- und Serviceaufträgen profitieren. Ein Verzicht auf diese Potenziale könnte Kärnten im Standortwettbewerb benachteiligen.
Die Kritik an Windkraftanlagen konzentriert sich häufig auf Naturschutzaspekte und die Auswirkungen auf das Landschaftsbild. Moderne Windkraftanlagen erreichen Nabenhöhen von 120-160 Metern und sind damit weithin sichtbar. Gleichzeitig können sie Auswirkungen auf Vögel und Fledermäuse haben, wobei neue Technologien diese Risiken zunehmend minimieren.
Studien zeigen jedoch, dass Windkraftanlagen deutlich weniger Vögel töten als andere menschliche Aktivitäten. Während eine Windkraftanlage statistisch 0,3-0,4 Vögel pro Jahr tötet, sterben durch Straßenverkehr jährlich etwa 30-70 Millionen Vögel in Österreich. Moderne Anlagen sind zudem mit Erkennungssystemen ausgestattet, die bei Annäherung großer Vögel automatisch abschalten.
Erfolgreiche Windkraftprojekte zeichnen sich durch umfassende Bürgerbeteiligung aus. In Deutschland und Dänemark haben sich Modelle etabliert, bei denen Anwohner finanziell an Windkraftanlagen beteiligt werden und direkt von den Erträgen profitieren. Solche Ansätze könnten auch in Kärnten die Akzeptanz erhöhen und die Energiewende sozial gerecht gestalten.
Transparente Planungsprozesse, frühzeitige Information der Bevölkerung und die Berücksichtigung lokaler Bedenken sind entscheidend für den Erfolg von Windkraftprojekten. Studien zeigen, dass die Akzeptanz von Windkraftanlagen nach deren Errichtung meist deutlich höher ist als vorher befürchtet, da sich viele Sorgen als unbegründet erweisen.
Die Auseinandersetzung um die Windkraft in Kärnten ist symptomatisch für die Herausforderungen der Energiewende in Österreich. Während auf Bundesebene ehrgeizige Ziele definiert werden, hängt die Umsetzung stark von der Kooperationsbereitschaft der Länder ab. Ohne eine koordinierte Anstrengung aller Bundesländer werden die Klimaziele und die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern nicht zu erreichen sein.
Experten gehen davon aus, dass Österreich bis 2040 eine installierte Windkraftleistung von 6.000-8.000 Megawatt benötigt, um die Klimaziele zu erreichen. Das würde eine Verdopplung der aktuellen Kapazitäten bedeuten. Kärnten könnte dabei durch seine exponierten Lagen in den Alpen einen wichtigen Beitrag leisten, wenn die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Die Diskussion zeigt auch, dass die Energiewende nicht nur eine technische, sondern vor allem eine gesellschaftliche Herausforderung darstellt. Der Erfolg hängt davon ab, ob es gelingt, alle relevanten Akteure - von der Bundespolitik über die Länder bis hin zu den Gemeinden und Bürgern - in einen konstruktiven Dialog zu bringen. Fellners angekündigter Widerstand könnte diesen Prozess erschweren und die österreichische Energiewende insgesamt gefährden.