Am 1. Dezember 2025 wurde bekannt, dass in Forchtenstein, Burgenland, Kinder und Jugendliche abrupt aus der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft Phönixhof entfernt wurden. Diese Maßnahme erfolgte ohne die sonst übliche Vorbereitung und obwohl keine unmittelbare Gefahr für das Kindeswohl bestand, w
Am 1. Dezember 2025 wurde bekannt, dass in Forchtenstein, Burgenland, Kinder und Jugendliche abrupt aus der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft Phönixhof entfernt wurden. Diese Maßnahme erfolgte ohne die sonst übliche Vorbereitung und obwohl keine unmittelbare Gefahr für das Kindeswohl bestand, wie die zuständige Behörde selbst bestätigte. Diese Vorgehensweise hat nicht nur bei den betroffenen Familien und Betreuern, sondern auch auf breiterer Ebene für Unverständnis und Empörung gesorgt.
Die Entfernung von Kindern aus ihrem gewohnten Umfeld ist eine Maßnahme, die in der Regel nur bei akuter Gefahr für das Kindeswohl angewandt wird. In diesem Fall jedoch, wie Andreas Lopez vom Verein Phönixhof berichtet, wurden die Jugendlichen ohne ausreichende Vorbereitungszeit aus ihrer Wohngemeinschaft geholt. Viele konnten sich nicht einmal von ihren Betreuern oder Freunden verabschieden, was zu zusätzlichem emotionalem Stress führte.
Der Begriff Kindeswohl bezieht sich auf das physische, psychische und emotionale Wohlergehen eines Kindes. Es ist ein zentraler Aspekt im Familienrecht und dient als Leitlinie für Entscheidungen, die das Leben von Kindern betreffen. Das Kindeswohl ist gefährdet, wenn ein Kind in einem Umfeld lebt, das seine Gesundheit oder Entwicklung beeinträchtigt.
Eine sozialtherapeutische Wohngemeinschaft ist eine Einrichtung, die Kindern und Jugendlichen mit besonderen sozialen oder emotionalen Bedürfnissen ein betreutes Wohnumfeld bietet. Hier erhalten sie Unterstützung durch Fachkräfte, die ihnen helfen, ihre persönlichen Herausforderungen zu bewältigen.
Die Kinder- und Jugendhilfe in Österreich hat eine lange Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Ursprünglich war die Betreuung von Kindern in Notlagen vor allem karitativen Organisationen vorbehalten. Mit der Zeit entwickelte sich jedoch ein staatlich organisiertes System, das sich zunehmend an den Bedürfnissen der Kinder orientierte. In den letzten Jahrzehnten lag der Fokus verstärkt auf der Prävention und der Unterstützung von Familien, um Krisensituationen zu vermeiden.
Seit den 1990er Jahren hat sich das Konzept der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaften etabliert. Diese Einrichtungen bieten nicht nur Schutz, sondern auch gezielte therapeutische Unterstützung für Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihren Herkunftsfamilien leben können. Die jüngsten Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe zielen darauf ab, die Rechte und das Wohl der Kinder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.
In Deutschland und der Schweiz sind die Standards für die Entfernung von Kindern aus ihrem Zuhause ähnlich streng wie in Österreich. Auch dort darf eine solche Maßnahme nur bei akuter Gefahr für das Kindeswohl erfolgen. In der Praxis gibt es jedoch Unterschiede in der Umsetzung. Während in Deutschland der Fokus stärker auf der Zusammenarbeit mit den Eltern liegt, setzt die Schweiz vermehrt auf präventive Maßnahmen, um Krisensituationen zu vermeiden.
Im Vergleich dazu ist die Situation in Österreich durch eine starke föderale Struktur geprägt, was zu unterschiedlichen Ansätzen in den Bundesländern führen kann. Diese Vielfalt kann sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringen, je nachdem, wie die jeweiligen Behörden die gesetzlichen Vorgaben interpretieren und umsetzen.
Die abrupte Verlegung der Kinder aus dem Phönixhof hat weitreichende Auswirkungen auf die betroffenen Jugendlichen. Der Verlust ihres vertrauten Umfelds und der plötzliche Wechsel in eine neue Einrichtung bedeuten für viele eine erneute traumatische Erfahrung. Kinder, die bereits mehrfach ihr Zuhause gewechselt haben, sind besonders anfällig für emotionale Belastungen, die mit solch abrupten Veränderungen einhergehen.
Ein Beispiel ist der 15-jährige Lukas, der seit zwei Jahren im Phönixhof lebte. Für ihn war die Wohngemeinschaft ein sicherer Hafen, in dem er Vertrauen und Stabilität gefunden hatte. Die plötzliche Trennung von seinen Betreuern und Freunden hat ihn tief erschüttert. Lukas berichtet, dass er sich nun wieder unsicher und verloren fühlt, da er nicht weiß, wie lange er in der neuen Einrichtung bleiben wird.
In Österreich gibt es rund 14.000 Kinder, die in Pflegefamilien oder betreuten Wohngemeinschaften leben. Jährlich werden etwa 4.000 Kinder aus ihrem familiären Umfeld genommen, wobei der Großteil dieser Maßnahmen auf freiwilliger Basis und in Absprache mit den Eltern erfolgt. Nur in etwa 10% der Fälle handelt es sich um akute Gefährdungssituationen, die ein sofortiges Eingreifen der Behörden erfordern.
Der Fall Phönixhof ist insofern bemerkenswert, als dass er nicht in diese Kategorie fällt. Dies wirft Fragen zur Entscheidungsfindung der zuständigen Behörden auf und hat eine Diskussion über die Kriterien für solche Maßnahmen ausgelöst.
Der Dachverband Österreichischer Jugendhilfeeinrichtungen (DÖJ) hat bereits gefordert, das Kindeswohl wieder ins Zentrum der behördlichen Entscheidungen zu rücken. Dies erfordert eine kritische Überprüfung der aktuellen Standards und Verfahren. Experten sind sich einig, dass eine stärkere Einbindung der betroffenen Kinder und Jugendlichen in Entscheidungsprozesse notwendig ist, um deren Bedürfnisse besser zu berücksichtigen.
Langfristig könnte eine Reform der Kinder- und Jugendhilfe dazu beitragen, ähnliche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden. Dazu gehört auch eine bessere Schulung der Fachkräfte und eine engere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren im Bereich der Jugendhilfe.
Der Vorfall im Phönixhof hat die Aufmerksamkeit auf die Herausforderungen und Schwächen im System der Kinder- und Jugendhilfe in Österreich gelenkt. Die Debatte darüber, wie das Kindeswohl am besten geschützt werden kann, ist aktueller denn je. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen die notwendigen Schritte unternehmen, um sicherzustellen, dass solche Ereignisse in Zukunft vermieden werden.
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