Die österreichischen Almen stehen vor einer beispiellosen Herausforderung: Der Klimawandel verändert das Wachstum der Vegetation so drastisch, dass jahrhundertealte Bewirtschaftungsformen nicht meh...
Die österreichischen Almen stehen vor einer beispiellosen Herausforderung: Der Klimawandel verändert das Wachstum der Vegetation so drastisch, dass jahrhundertealte Bewirtschaftungsformen nicht mehr ausreichen. Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, schlägt nun Alarm und fordert eine grundlegende Neuausrichtung der Almwirtschaft. Bei der Hauptversammlung der Almwirtschaft Österreich in Wien warnte er vor den Folgen für die gesamte Gesellschaft, sollten die Almen nicht an die neuen klimatischen Bedingungen angepasst werden.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 260.000 Großvieheinheiten verbringen derzeit die Sommermonate auf österreichischen Almen. Das entspricht 300.000 Rindern, darunter 50.000 Milchkühe, 103.000 Schafen, 13.500 Ziegen und 10.500 Pferden. Diese Tiere bewirtschaften eine Fläche von 322.000 Hektar Almfutterfläche – ein Gebiet größer als ganz Vorarlberg.
Doch diese beeindruckenden Dimensionen können nicht über die fundamentalen Probleme hinwegtäuschen. Der Klimawandel führt zu einem verstärkten Pflanzenwachstum und einer Verlängerung der Vegetationsperiode. Was zunächst positiv klingt, entpuppt sich als zweischneidiges Schwert: Die üppigere Vegetation erfordert eine deutlich intensivere Beweidung, um eine Verbuschung der wertvollen Almflächen zu verhindern.
Die Almwirtschaft in Österreich ist ein komplexes System, das weit über die reine Tierhaltung hinausgeht. Almen sind Wirtschaftsräume, die hochqualitative Lebensmittel wie Milch, Käse, Fleisch und Speck produzieren. Gleichzeitig fungieren sie als unverzichtbare Erholungsräume für den Tourismus und als Hotspots der Biodiversität. Diese Mehrfachfunktion macht sie zu einem kritischen Faktor für die österreichische Volkswirtschaft.
Die Herausforderung liegt in der veränderten Vegetationsdynamik: Klimawandelbedingt wachsen die Almpflanzen üppiger und länger. Ohne ausreichende Beweidung dominieren besonders schmackhafte Gräser, während andere Bereiche vernachlässigt werden. Dies führt zu einer ungleichmäßigen Landschaftspflege und letztendlich zur Verbuschung ganzer Almflächen. Die Folge wäre der Verlust wertvoller Kulturlandschaft und Biodiversität.
Moosbrugger sieht die Lösung in einem professionelleren Weidemanagement. Die Koppelwirtschaft, bei der Flächen systematisch nacheinander abgeweidet werden, soll die gleichmäßige Nutzung aller Almflächen gewährleisten. Diese Methode erfordert jedoch mehr Tiere und vor allem qualifizierte Hirtinnen und Hirten, die das komplexe System überwachen und steuern können.
Die Bedeutung der Behirtung kann nicht überschätzt werden. Hirten sind nicht nur für das Tierwohl verantwortlich, sondern auch für die gezielte Lenkung der Beweidung. Sie entscheiden, welche Flächen wann und wie intensiv genutzt werden, um die optimale Balance zwischen Futterproduktion, Landschaftspflege und Biodiversität zu erreichen. Ohne professionelle Behirtung würde das neue Weidemanagement zum Scheitern verurteilt sein.
Neben dem verstärkten Pflanzenwachstum bringt der Klimawandel ein weiteres Problem mit sich: Wassermangel. Während in niederschlagsreichen Perioden die Vegetation üppig wächst, leiden viele Almen zunehmend unter Trockenheit. Diese Extreme erschweren die Bewirtschaftung zusätzlich und erfordern flexible Anpassungsstrategien.
Die Wasserversorgung auf den Almen wird zu einem kritischen Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Almwirtschaft. Investitionen in Wasserspeicher, effiziente Verteilungssysteme und alternative Wasserquellen werden unumgänglich, um die Almwirtschaft langfristig zu sichern.
Moosbrugger richtet seine Forderungen klar an die politischen Entscheidungsträger auf nationaler und europäischer Ebene. Die EU-Kommission und die österreichische Regierung sollen den Almauftrieb und die Behirtung stärker fördern. Besonders kritisch sieht er die aktuellen Finanzpläne der EU-Kommission, die er als "mehr als verbesserungswürdig" bezeichnet.
Die Stabilisierung der Auftriebszahlen in den letzten Jahren war nur durch gezielte Fördermaßnahmen möglich. Das Impulsprogramm für die Landwirtschaft mit erhöhten Ausgleichszahlungen und eine stärkere Gewichtung tierbezogener Zahlungen zeigten positive Wirkung. Doch diese Erfolge sind fragil und benötigen kontinuierliche Unterstützung.
Ein entscheidender Durchbruch wurde bei der Vereinfachung der Verwaltungsverfahren erzielt. Die komplizierten Einzeltier-Meldeverfahren bei Schafen und Ziegen konnten vereinfacht werden. Auch bei der Almfutterflächenermittlung wurde nach jahrelangen Diskussionen mehr Stabilität und Rechtssicherheit erreicht. Diese Verbesserungen sind essentiell, um Almbäuerinnen und -bauern zu entlasten und die Attraktivität der Almwirtschaft zu steigern.
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig und Almwirtschaftsobmann Sepp Obweger werden für ihre konstruktive Zusammenarbeit gelobt. Ohne politischen Rückhalt wären die erreichten Verbesserungen nicht möglich gewesen.
Die ökologische Bedeutung der Almen wird oft unterschätzt. Sie sind Hotspots der Biodiversität und beherbergen seltene und bedrohte Pflanzen- und Tierarten, die es ohne die traditionelle Almwirtschaft nicht mehr geben würde. Die extensive Beweidung schafft Lebensräume, die in der modernen Landwirtschaft selten geworden sind.
Diese Biodiversitätsleistungen müssen nach Moosbruggers Ansicht den bäuerlichen Betrieben anerkannt und vergütet werden. Im Rahmen der künftigen Gemeinsamen Agrarpolitik der EU sollten diese Umweltleistungen stärker honoriert werden. Es handelt sich um Zukunftsinvestitionen, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen.
Die Vielfalt der Almvegetation entsteht durch die spezielle Bewirtschaftungsform: Unterschiedliche Beweidungsintensitäten, zeitliche Staffelung und die natürliche Selektion der Tiere schaffen ein Mosaik verschiedener Lebensräume. Ohne diese traditionelle Nutzung würden viele Almen verbuschen und ihre ökologische Funktion verlieren.
Die österreichischen Almen sind nicht nur landwirtschaftliche Produktionsstandorte, sondern auch wichtige Säulen des Sommertourismus. Millionen von Besuchern schätzen die gepflegte Kulturlandschaft, die authentische Atmosphäre und die regionalen Spezialitäten. Ohne bewirtschaftete Almen würde ein wesentlicher Teil der touristischen Attraktivität verloren gehen.
Diese symbiotische Beziehung zwischen Landwirtschaft und Tourismus erfordert jedoch ein ausgewogenes Management. Moosbrugger betont die Fortschritte bei der Bewusstseinsbildung für ein gutes Miteinander auf den Almen. Verhaltensregeln und Warntafeln tragen zur Sicherheit bei und schaffen Verständnis für die Bedürfnisse der Almwirtschaft.
Besonders problematisch sieht Moosbrugger das Mitführen von Hunden auf den Almen. Hunde können Weidevieh stressen und gefährliche Situationen auslösen. Die Aufklärungsarbeit in diesem Bereich muss intensiviert werden, um Konflikte zu vermeiden und die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten.
Tourismusorganisationen, alpine Vereine und andere Nutzergruppen sind aufgerufen, sich aktiver an Information, Bewusstseinsbildung und Prävention zu beteiligen. Nur durch gemeinsame Anstrengungen kann das harmonische Miteinander auf den Almen gewährleistet werden.
Ein wichtiger Meilenstein war die Änderung der Tierhalterhaftung. Diese rechtliche Anpassung verbesserte die Situation für Almbäuerinnen und -bauern erheblich und trägt dazu bei, dass sie weiterhin bereit sind, die Almen zu bewirtschaften. Ohne diese Planungssicherheit wäre die Almwirtschaft noch stärker unter Druck geraten.
Die Hinweistafeln auf den Almen erfüllen eine doppelte Funktion: Sie informieren Besucher über angemessenes Verhalten und schaffen rechtliche Klarheit für die Betreiber. Diese präventiven Maßnahmen haben sich als effektiv erwiesen und werden kontinuierlich ausgebaut.
Die Almwirtschaft steht an einem Wendepunkt. Die traditionellen Bewirtschaftungsformen müssen an die neuen klimatischen Bedingungen angepasst werden, ohne dabei die kulturellen und ökologischen Werte zu verlieren. Dies erfordert Investitionen in Ausbildung, Technik und Infrastruktur.
Die Ausbildung qualifizierter Hirten wird zu einem Schlüsselfaktor. Junge Menschen müssen für diese anspruchsvolle Tätigkeit gewonnen und ausgebildet werden. Moderne Technologien wie GPS-Tracking und Fernüberwachung können die traditionelle Hirtenarbeit unterstützen, ohne sie zu ersetzen.
Langfristig wird die Almwirtschaft nur dann überleben, wenn sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird. Die Leistungen für Umwelt, Landschaft, Biodiversität und Tourismus müssen fair vergütet werden. Nur so kann die jahrhundertealte Tradition in die Zukunft geführt werden.
Österreich kann bei der Anpassung der Almwirtschaft an den Klimawandel eine Vorreiterrolle übernehmen. Die Erfahrungen und Lösungsansätze sind auch für andere Alpenländer relevant. Internationale Kooperationen und Erfahrungsaustausch können dabei helfen, die besten Strategien zu entwickeln und umzusetzen.
Die österreichische Almwirtschaft hat das Potenzial, als Modell für nachhaltige Berglandwirtschaft zu dienen. Dies erfordert jedoch kontinuierliche Innovation und Anpassung an die sich verändernden Rahmenbedingungen. Der Klimawandel ist dabei nur eine von vielen Herausforderungen, die gemeistert werden müssen.