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Kollektivvertrag Gastro: Streit um Überstunden spaltet Branche

7. April 2026 um 16:03
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Die Verhandlungen zum Kollektivvertrag für Hotellerie und Gastronomie stecken in einer Sackgasse. Nach der zweiten ergebnislosen Verhandlungsrunde am 7. April 2026 prallen die Positionen von Gewerk...

Die Verhandlungen zum Kollektivvertrag für Hotellerie und Gastronomie stecken in einer Sackgasse. Nach der zweiten ergebnislosen Verhandlungsrunde am 7. April 2026 prallen die Positionen von Gewerkschaft vida und Wirtschaftskammer härter denn je aufeinander. Im Zentrum des Konflikts steht nicht nur die Lohnentwicklung, sondern vor allem die Frage der Überstundenbezahlung – ein Dauerbrenner in einer Branche, die für ihre langen Arbeitszeiten bekannt ist.

Inflationsausgleich versus Kostendruck: Die Lohnverhandlungen

Bei einer aktuellen Inflationsrate von 3,6 Prozent bietet die Wirtschaftskammer durchschnittlich 3 Prozent Lohnerhöhung. Für vida-Verhandlungsleiterin Eva Eberhart bedeutet dies faktische Einkommensverluste für die Beschäftigten. "Gerade im Tourismus, wo viele Beschäftigte ohnehin an der Armutsgrenze arbeiten, ist das völlig unverständlich", kritisiert sie das Angebot scharf.

Der Begriff Kollektivvertrag bezeichnet in Österreich eine Vereinbarung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen, die Mindestlöhne, Arbeitszeiten und andere Arbeitsbedingungen für ganze Branchen regelt. Diese Verträge haben Gesetzescharakter und gelten für alle Betriebe der jeweiligen Branche, unabhängig davon, ob sie Mitglied der verhandelnden Organisation sind. Der Kollektivvertrag für Hotellerie und Gastronomie betrifft rund 220.000 Beschäftigte in Österreich – von Köchen über Kellner bis hin zu Hotelfachkräften.

Die Inflationsrate misst die Preissteigerung von Waren und Dienstleistungen über einen bestimmten Zeitraum. Eine Rate von 3,6 Prozent bedeutet, dass die Lebenshaltungskosten um diesen Prozentsatz gestiegen sind. Liegt die Lohnerhöhung darunter, verlieren Arbeitnehmer real an Kaufkraft – sie können sich mit ihrem Gehalt weniger leisten als zuvor.

Das Überstunden-Dilemma: Wenn Mehrarbeit nicht bezahlt wird

Noch brisanter als die Lohnfrage ist der Streit um die Überstundenbezahlung. Die Gewerkschaft vida fordert eine Erhöhung der Überstundenzuschläge auf 65 Prozent, falls Arbeitgeber diese zu spät auszahlen. Zusätzlich soll die Verfallsfrist für Überstundenansprüche von derzeit vier auf acht Monate verlängert werden. Die Arbeitgeberseite lehnt beide Forderungen kategorisch ab.

Überstundenzuschläge sind gesetzlich vorgeschriebene Aufschläge auf den normalen Stundenlohn, die bei Mehrarbeit über die reguläre Arbeitszeit hinaus bezahlt werden müssen. In Österreich beträgt der Mindestüberstundenzuschlag 50 Prozent. Die geforderte Erhöhung auf 65 Prozent bei verspäteter Zahlung würde als Strafzuschlag fungieren und säumige Arbeitgeber zur pünktlichen Bezahlung animieren.

Die Verfallsfrist bestimmt, wie lange Arbeitnehmer ihre Überstundenansprüche geltend machen können. Nach Ablauf dieser Frist "verfallen" die Ansprüche unwiderruflich – selbst wenn die Überstunden nachweislich geleistet wurden. Eine Verlängerung von vier auf acht Monate würde Beschäftigten mehr Zeit geben, ihre Ansprüche durchzusetzen.

Branchenvergleich: Überstunden in der Gastronomie

Die Forderungen der Gewerkschaft sind nicht unbegründet. Laut Arbeiterkammer-Studien ist das Hotel- und Gastgewerbe österreichweit "Spitzenreiter bei unbezahlten Überstunden". Im Vergleich zu anderen Branchen arbeiten Beschäftigte in der Gastronomie durchschnittlich 4,2 Stunden pro Woche mehr als vertraglich vereinbart. In der Industrie sind es hingegen nur 1,8 Stunden, im öffentlichen Dienst sogar nur 0,9 Stunden.

Diese Zahlen spiegeln die strukturellen Probleme der Branche wider: Unregelmäßige Arbeitszeiten, Personalmangel und hoher Kostendruck führen dazu, dass Mehrarbeit oft als selbstverständlich hingenommen wird. "Die Beschäftigten sind allzu oft die Leidtragenden einer Branche, die ihnen größten Einsatz abverlangt, bei der Bezahlung aber minimalistisch bleibt", bringt Eberhart das Problem auf den Punkt.

Internationale Perspektive: Wie regeln andere Länder Überstunden?

Ein Blick über die Grenzen zeigt unterschiedliche Ansätze beim Umgang mit Überstunden. In Deutschland beispielsweise können Überstundenansprüche je nach Tarifvertrag zwischen sechs Monaten und drei Jahren geltend gemacht werden – deutlich länger als die österreichischen vier Monate. Die Schweiz kennt sogar eine Verjährungsfrist von fünf Jahren für Lohnansprüche.

Besonders interessant ist das französische Modell: Dort müssen Überstunden innerhalb von 30 Tagen nach ihrer Leistung ausbezahlt werden, ansonsten fallen automatisch höhere Zuschläge an. Diese Regelung hat dazu geführt, dass unpünktliche Zahlungen in der französischen Gastronomie deutlich seltener sind als in anderen europäischen Ländern.

Die Auswirkungen auf Arbeitnehmer: Existenzsorgen trotz Vollzeitjob

Für die rund 220.000 Beschäftigten der österreichischen Hotellerie und Gastronomie haben die stockenden Verhandlungen konkrete Folgen. Maria S., eine Kellnerin aus Salzburg, erzählt: "Ich arbeite 50 Stunden pro Woche, aber bezahlt bekomme ich nur 40. Die zehn Überstunden sehe ich oft monatelang nicht auf meinem Konto." Solche Fälle sind keine Seltenheit – sie zeigen die prekäre Situation vieler Gastro-Angestellter auf.

Besonders betroffen sind junge Beschäftigte und Saisonarbeiter. Viele trauen sich nicht, ihre Überstundenansprüche einzufordern, aus Angst vor Jobverlust. "Wer mehr arbeitet, muss das am Konto spüren", fordert Gewerkschafterin Eberhart. Ihr Vergleich macht die Problematik deutlich: "Ein Wirt kann auch nicht monatelang seine Fleisch- oder Getränkelieferungen nicht bezahlen, ohne dass es Konsequenzen gibt."

Soziale Folgen: Wenn Arbeit nicht zum Leben reicht

Die unzureichende Entlohnung von Überstunden verschärft die bereits angespannte soziale Lage vieler Gastro-Beschäftigter. Laut Statistik Austria arbeiten 28 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten im Beherbergungs- und Gaststättenwesen trotz ihrer Arbeit an oder unter der Armutsgefährdungsgrenze. Zum Vergleich: Im österreichischen Durchschnitt sind es nur 8 Prozent.

Diese Zahlen verdeutlichen die gesellschaftliche Dimension des Konflikts. Wenn Menschen trotz Vollzeitarbeit nicht von ihrem Lohn leben können, entstehen langfristige soziale Probleme: Altersarmut, Abwanderung aus der Branche und letztendlich Fachkräftemangel.

Die Position der Wirtschaftskammer: Zwischen Kostenwahrheit und Konkurrenzdruck

Die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) vertritt die Interessen von rund 65.000 Betrieben der Hotellerie und Gastronomie. Ihre zurückhaltende Position bei den Lohnverhandlungen begründet sie mit dem enormen Kostendruck in der Branche. Steigende Energie- und Rohstoffpreise, verschärfte hygienerechtliche Vorschriften und der intensive Wettbewerb machten höhere Lohnkosten schwer verkraftbar.

Besonders kleinere Betriebe – und das sind in der österreichischen Gastronomie etwa 80 Prozent aller Unternehmen – kämpfen oft ums Überleben. Viele Gasthäuser, Restaurants und kleine Hotels erwirtschaften nur geringe Gewinnmargen. Eine deutliche Steigerung der Lohnkosten könnte für diese Betriebe existenzbedrohend sein.

Das Dilemma der seriösen Betriebe

Doch genau hier setzt die Kritik der Gewerkschaft an. "Die WKÖ schützt damit de facto die Problemkinder der Branche", argumentiert Eberhart. Tatsächlich gibt es in der Hotellerie und Gastronomie nachweislich schwarze Schafe: Betriebe, die systematisch Überstunden nicht bezahlen, gegen den Jugendschutz verstoßen oder sogar bei der Registrierkasse manipulieren.

Diese Problemfälle schaden nicht nur den Beschäftigten, sondern auch den seriösen Betrieben, die ihre Mitarbeiter korrekt behandeln und fair entlohnen. Sie geraten durch unlauteren Wettbewerb unter Druck und müssen gegen Dumpingpreise ankämpfen. Eine konsequente Durchsetzung fairer Arbeitsbedingungen würde paradoxerweise gerade diesen seriösen Betrieben helfen.

Historische Entwicklung: Wie sich die Branche gewandelt hat

Die österreichische Hotellerie und Gastronomie hat in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Wandel durchlebt. Was in den 1960er und 1970er Jahren noch ein klassisches Handwerk mit starken familiären Strukturen war, ist heute eine hochkompetitive Dienstleistungsbranche geworden.

Der Tourismus-Boom der 1980er Jahre brachte zunächst Wachstum und steigende Löhne. Doch mit der EU-Osterweiterung 2004 und der damit verbundenen Arbeitnehmerfreizügigkeit änderte sich das Bild. Günstigere Arbeitskräfte aus Osteuropa setzten die Löhne unter Druck. Gleichzeitig führte die Deregulierung des Gewerberechts zu einer Zunahme von Betrieben – und damit zu schärferem Wettbewerb.

Die Corona-Pandemie 2020-2022 verstärkte diese Trends noch einmal dramatisch. Viele Beschäftigte verließen die Branche dauerhaft, was heute zu akutem Personalmangel führt. Paradoxerweise hat dieser Mangel aber nicht zu steigenden Löhnen geführt – stattdessen wird oft mit noch längeren Arbeitszeiten für die verbliebenen Mitarbeiter kompensiert.

Bundesländer-Vergleich: Unterschiede bei Löhnen und Arbeitsbedingungen

Innerhalb Österreichs gibt es erhebliche regionale Unterschiede bei Löhnen und Arbeitsbedingungen in der Gastronomie. Während in Wien und Salzburg aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten tendenziell höhere Löhne gezahlt werden, hinken ländliche Regionen oft hinterher.

Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede zwischen Tourismus- und Nicht-Tourismusregionen. In Tirol oder Salzburg können erfahrene Köche und Servicekräfte in der Hochsaison durchaus attraktive Einkommen erzielen – allerdings oft um den Preis extrem langer Arbeitszeiten und hoher Arbeitsbelastung. In strukturschwachen Regionen der Steiermark oder des Burgenlands sind hingegen auch die Spitzenlöhne der Branche kaum existenzsichernd.

Zukunftsperspektiven: Digitalisierung und Fachkräftemangel als Wendepunkt?

Die Branche steht vor grundlegenden Veränderungen, die auch die aktuellen Verhandlungen beeinflussen könnten. Der chronische Fachkräftemangel zwingt Betriebe bereits heute, attraktivere Arbeitsbedingungen zu bieten. Gleichzeitig eröffnet die Digitalisierung neue Möglichkeiten für effizientere Arbeitsabläufe.

Online-Bestellsysteme, automatisierte Kassensysteme und digitale Arbeitszeiterfassung könnten mittelfristig sowohl die Produktivität steigern als auch die Kontrolle der Arbeitszeiten verbessern. Besonders die elektronische Zeiterfassung wird das Problem der unbezahlten Überstunden reduzieren – vorausgesetzt, sie wird konsequent eingesetzt.

Experten prognostizieren, dass sich die Branche in den kommenden Jahren stark polarisieren wird: Auf der einen Seite werden hochqualifizierte Spitzenbetriebe entstehen, die ihren Mitarbeitern exzellente Bedingungen bieten können. Auf der anderen Seite werden einfache Gaststätten zunehmend unter Druck geraten und möglicherweise vom Markt verschwinden.

Die Rolle der Politik: Regulierung oder Marktlösung?

Politiker aller Parteien fordern regelmäßig Verbesserungen für Gastro-Beschäftigte, doch konkrete Maßnahmen lassen oft auf sich warten. Die neue Arbeitszeiterfassungspflicht, die 2023 eingeführt wurde, war ein erster Schritt. Sie verpflichtet alle Arbeitgeber zur lückenlosen Dokumentation der Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter.

Weitere politische Initiativen könnten die Kontrolldichte erhöhen oder härtere Strafen für Verstöße gegen das Arbeitsrecht einführen. Auch eine Mindestlohn-Debatte, wie sie in Deutschland geführt wird, steht in Österreich im Raum. Ein Mindestlohn von beispielsweise 1.700 Euro brutto würde viele Gastro-Löhne deutlich anheben.

Was bedeutet das für Verbraucher und Gäste?

Die Diskussion um faire Löhne in der Gastronomie betrifft letztendlich auch die Gäste. Höhere Personalkosten würden sich unweigerlich in den Preisen niederschlagen – ein Wirtshaus-Schnitzel oder der Cappuccino im Café könnten teurer werden. Die Frage ist: Sind Österreichs Konsumenten bereit, für faire Arbeitsbedingungen mehr zu bezahlen?

Studien zeigen ein ambivalentes Bild: Während in Umfragen eine Mehrheit angibt, höhere Preise für faire Löhne zu akzeptieren, zeigt das tatsächliche Konsumverhalten oft das Gegenteil. Billige All-you-can-eat-Buffets und Discount-Gastronomie boomen nach wie vor.

Gleichzeitig wächst aber auch das Segment der "bewussten Konsumenten", die Wert auf Qualität und Nachhaltigkeit legen. Diese Gäste sind durchaus bereit, für erstklassigen Service und faire Arbeitsbedingungen einen angemessenen Preis zu zahlen. Erfolgreiche Betriebe setzen bereits heute auf diese Strategie: Statt auf Masse und niedrige Preise zu setzen, bieten sie ihren Mitarbeitern attraktive Bedingungen und verlangen dafür entsprechende Preise.

Der Weg nach vorne: Zwischen Kompromiss und Konfrontation

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die verhärteten Fronten zwischen Gewerkschaft und Wirtschaftskammer aufgeweicht werden können. Das vida-Verhandlungsteam wartet auf neue Terminvorschläge der Arbeitgeberseite, doch die Zeit drängt. Ohne Einigung droht ein Flächentarifkonflikt, der die gesamte Branche lähmen könnte.

Für die 220.000 Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie steht viel auf dem Spiel. Sie hoffen auf eine Einigung, die nicht nur ihre unmittelbaren Einkommensverluste kompensiert, sondern auch langfristig für fairere Arbeitsbedingungen sorgt. Die Frage der Überstundenbezahlung wird dabei zum Gradmesser dafür, ob die Branche bereit ist, ihre strukturellen Probleme anzugehen oder weiterhin auf Kosten der Beschäftigten zu wirtschaften.

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