Zurück
OTS-MeldungKollektivvertrag/GPA/Gewerkschaften

KV-Verhandlungen PROPAK 2026: Gewerkschaft droht mit Streik

5. März 2026 um 13:26
📰 OTS Import
Teilen:

<p>Die Spannungen in der österreichischen Papier- und Kartonindustrie erreichen einen neuen Höhepunkt. Nach vier erfolglosen Verhandlungsrunden für den Kollektivvertrag PROPAK 2026 steht die Branche v...

Die Spannungen in der österreichischen Papier- und Kartonindustrie erreichen einen neuen Höhepunkt. Nach vier erfolglosen Verhandlungsrunden für den Kollektivvertrag PROPAK 2026 steht die Branche vor einem möglichen Arbeitskampf. Die Gewerkschaft GPA lehnt das Arbeitgeberangebot von unter zwei Prozent kategorisch ab und hat ihre Drohkulisse verschärft. Betriebsräte aus ganz Österreich haben eine Resolution zur Unterstützung gewerkschaftlicher Maßnahmen beschlossen – ein deutliches Signal an die Arbeitgeberseite.

PROPAK-Industrie: Herzstück der österreichischen Papierproduktion

Die PROPAK-Industrie umfasst Unternehmen, die sich auf die Herstellung von Produkten aus Papier und Karton spezialisiert haben. Diese Branche ist ein wesentlicher Bestandteil der österreichischen Wirtschaft und beschäftigt tausende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Weiterverarbeitung von Papierrohstoffen. Anders als die Zellstoff- und Papierindustrie, die Rohpapier produziert, konzentriert sich PROPAK auf die Fertigung von Endprodukten wie Verpackungen, Kartonagen, Papiertüten, Wellpappe oder spezielle Industriepapiere.

Die österreichische Papierindustrie hat eine über 150-jährige Tradition und gilt als einer der innovativsten Sektoren des Landes. Mit einem Produktionswert von über 5 Milliarden Euro jährlich und mehr als 25.000 Beschäftigten ist sie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die PROPAK-Sparte macht dabei etwa 30 Prozent der gesamten Branchenwertschöpfung aus und ist besonders exportorientiert – über 70 Prozent der Produktion gehen ins Ausland.

Kollektivvertragsverhandlungen: Das österreichische Lohnsystem im Detail

Kollektivvertragsverhandlungen sind in Österreich ein zentrales Element der Sozialpartnerschaft und finden jährlich zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden statt. Der Kollektivvertrag regelt nicht nur die Löhne und Gehälter, sondern auch Arbeitszeiten, Urlaubsansprüche, Überstundenzuschläge und viele weitere Arbeitsbedingungen. In Österreich sind etwa 98 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von einem Kollektivvertrag erfasst – ein europäischer Spitzenwert.

Das Verhandlungssystem folgt einem bewährten Muster: Zunächst verhandeln die großen Branchen wie die Metallindustrie, deren Abschlüsse oft als Leitlinie für andere Sektoren dienen. Die PROPAK-Verhandlungen finden traditionell im ersten Quartal des Jahres statt und gelten als wichtiger Gradmesser für die gesamte Papier- und Verpackungsbranche. Die Gewerkschaft GPA (Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier) vertritt dabei die Interessen von rund 270.000 Mitgliedern österreichweit.

Historische Entwicklung der Lohnabschlüsse

Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt die Dramatik der aktuellen Situation. In den Jahren 2020 bis 2023 lagen die Kollektivvertragabschlüsse in der PROPAK-Industrie zwischen 2,5 und 4,2 Prozent. Der Höchststand wurde 2022 mit 4,5 Prozent erreicht, als die Inflation bereits deutlich zu spüren war. 2023 einigten sich die Sozialpartner auf 3,8 Prozent, was angesichts einer Teuerungsrate von über 9 Prozent bereits einen Reallohnverlust bedeutete.

Das aktuelle Angebot von unter zwei Prozent liegt deutlich unter den Erwartungen und würde bei der prognostizierten Inflation von 2,8 Prozent für 2024 einen weiteren Kaufkraftverlust bedeuten. Zum Vergleich: In Deutschland erreichten die Gewerkschaften in der Papierindustrie zuletzt Abschlüsse von 3,5 bis 4 Prozent, in der Schweiz sogar bis zu 4,5 Prozent.

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen der Papierindustrie

Die österreichische Papierindustrie steht vor enormen Herausforderungen. Die Energiekosten sind seit 2021 um über 200 Prozent gestiegen, was die energieintensive Papierproduktion besonders trifft. Gleichzeitig führen veränderte Konsumgewohnheiten zu einer sinkenden Nachfrage nach Zeitungspapier, während die Nachfrage nach Verpackungsmaterialien durch den Online-Handel boomt.

Bernhard Hirnschrodt, der Kollektivvertragsverhandler der Gewerkschaft GPA, bringt die Situation der Beschäftigten auf den Punkt: "Die Beschäftigten spüren die gestiegenen Kosten jeden Tag an der Supermarktkasse oder bei der Stromabrechnung." Tatsächlich zeigen aktuelle Studien, dass ein Durchschnittshaushalt in Österreich seit 2020 etwa 3.000 Euro mehr für Lebenshaltungskosten aufwenden muss.

Vergleich mit anderen Bundesländern

Interessant ist ein Blick auf die regionale Verteilung der PROPAK-Industrie in Österreich. Oberösterreich ist mit über 40 Prozent der Beschäftigten das absolute Zentrum der Branche, gefolgt von Niederösterreich und der Steiermark. In diesen Bundesländern sind auch die größten Unternehmen wie Mondi, Mayr-Melnhof oder Sappi ansässig. Die Lohnstrukturen unterscheiden sich dabei regional: In Wien und Vorarlberg liegen die Durchschnittslöhne etwa 8-12 Prozent über dem österreichischen Schnitt, während sie in der Steiermark und in Kärnten leicht darunter liegen.

Auswirkungen auf Verbraucher und Wirtschaft

Ein möglicher Streik in der PROPAK-Industrie hätte weitreichende Folgen für die österreichische Wirtschaft. Die Branche ist ein zentraler Zulieferer für die Lebensmittelindustrie, den Einzelhandel und die Logistikbranche. Engpässe bei Verpackungsmaterialien könnten sich schnell auf die Verfügbarkeit von Produkten in den Supermärkten auswirken.

Besonders betroffen wären Online-Händler, die auf Kartonverpackungen angewiesen sind. Amazon, Otto und andere große E-Commerce-Unternehmen beziehen einen Großteil ihrer Verpackungen von österreichischen PROPAK-Unternehmen. Ein längerer Streik könnte zu Lieferengpässen und steigenden Versandkosten führen, die letztendlich an die Verbraucher weitergegeben würden.

Für die etwa 15.000 Beschäftigten in der PROPAK-Industrie geht es um mehr als nur Lohnprozente. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben in den vergangenen Jahren bereits Reallohnverluste hinnehmen müssen. Ein durchschnittlicher PROPAK-Arbeiter verdient derzeit etwa 2.800 Euro brutto monatlich. Bei einer Inflation von knapp drei Prozent und einem Lohnabschluss unter zwei Prozent würde sich die Kaufkraft weiter reduzieren.

Resolution der Betriebsräte: Rechtliche Grundlagen

Die von den Betriebsräten beschlossene Resolution zur Unterstützung gewerkschaftlicher Maßnahmen ist ein wichtiges Instrument im österreichischen Arbeitsrecht. Sie legitimiert die Gewerkschaft, verschiedene Druckmittel einzusetzen, ohne dass sich einzelne Betriebsräte rechtlichen Risiken aussetzen. Das Arbeitskampfrecht in Österreich ist streng geregelt und erlaubt Streiks nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Ein Streik darf erst ausgerufen werden, wenn alle Verhandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind und eine Urabstimmung unter den Gewerkschaftsmitgliedern stattgefunden hat. Die Gewerkschaft GPA hat in den vergangenen 20 Jahren nur selten zu diesem Mittel gegriffen, was die Brisanz der aktuellen Situation unterstreicht. Der letzte größere Streik in der Papierindustrie fand 2019 statt und dauerte drei Tage.

Verhandlungsstrategie und Timing

Das Timing der Verhandlungen ist kein Zufall. Die PROPAK-Industrie hat traditionell eine hohe Auftragslage im ersten Halbjahr, da viele Kunden ihre Verpackungsbestellungen für das gesamte Jahr früh platzieren. Ein Streik in dieser Phase würde die Unternehmen besonders hart treffen und den Verhandlungsdruck erhöhen.

Hirnschrodt macht deutlich, dass die Gewerkschaft nicht vor einem Arbeitskampf zurückschreckt: "Sollten die Arbeitgeber weiterhin an ihrer Blockadehaltung festhalten, werden auch wir den Druck erhöhen." Diese Worte sind als klare Warnung an die Arbeitgeberseite zu verstehen.

Internationale Perspektive und Zukunftsprognosen

Im europäischen Vergleich steht die österreichische Papierindustrie gut da. Die Produktivität liegt etwa 15 Prozent über dem EU-Durchschnitt, auch die Löhne bewegen sich im oberen Mittelfeld. Deutschland als wichtigster Handelspartner hat in der Papierindustrie zuletzt Lohnsteigerungen von 3,5 bis 4 Prozent vereinbart, was den österreichischen Arbeitnehmern als Vergleichsmaßstab dient.

Die Zukunft der Branche hängt stark von der Digitalisierung und dem Wandel zu nachhaltigen Verpackungslösungen ab. Kunststoffverpackungen werden zunehmend durch Papier- und Kartonalternativen ersetzt, was der PROPAK-Industrie neue Chancen eröffnet. Gleichzeitig erfordern diese Innovationen höher qualifizierte Arbeitskräfte, die entsprechend entlohnt werden müssen.

Experten prognostizieren für die kommenden Jahre ein moderates Wachstum der Branche von etwa 2-3 Prozent jährlich. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Unternehmen in moderne Technologien investieren und qualifizierte Fachkräfte halten können. Hier spielt die Lohnentwicklung eine entscheidende Rolle für die Attraktivität der Branche als Arbeitgeber.

Ausblick auf weitere Verhandlungsrunden

Die fünfte Verhandlungsrunde, die nach der Pressemitteilung stattfand, wird als entscheidend angesehen. Sollte auch diese ohne Ergebnis bleiben, ist mit einer Verschärfung der Situation zu rechnen. Die Gewerkschaft hat bereits angekündigt, dass sie "den Druck erhöhen" wird, was verschiedene Formen des Arbeitskampfes bedeuten kann – von Warnstreiks über Betriebsversammlungen bis hin zu einem unbefristeten Streik.

Für die österreichische Wirtschaft wäre ein längerer Arbeitskampf in der PROPAK-Industrie problematisch. Die Branche ist so stark vernetzt mit anderen Sektoren, dass Produktionsausfälle schnell Kettenreaktionen auslösen können. Besonders der Einzelhandel und die Logistikbranche wären von Engpässen bei Verpackungsmaterialien betroffen.

Die Verhandlungen zeigen exemplarisch die Herausforderungen der österreichischen Sozialpartnerschaft in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit. Während die Arbeitgeber auf gestiegene Kosten und unsichere Marktaussichten verweisen, pochen die Gewerkschaften auf eine faire Beteiligung der Beschäftigten am wirtschaftlichen Erfolg. Ein ausgewogener Kompromiss wird entscheidend sein für die Zukunftsfähigkeit der gesamten Branche und das Vertrauen in das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft.

Weitere Meldungen

OTS
Lohnrunden

Kollektivvertragsverhandlungen für Spediteure gescheitert

4. März 2026
Lesen
OTS
Kollektivvertrag

Streik in Oberösterreichs Ordensspitälern: 1.700 Beschäftigte kämpfen um 37-Stunden-Woche

3. März 2026
Lesen
OTS
Kollektivvertrag

1.700 Spitalsbeschäftigte streiken in Oberösterreich

3. März 2026
Lesen
Alle Meldungen anzeigen