Arbeiterkammer fordert rasches Handeln von Politik und Betrieben
Oberösterreich verzeichnet österreichweit den stärksten Anstieg bei lehrstellensuchenden Jugendlichen. Gleichzeitig sinkt das Angebot drastisch.
Die aktuellen Arbeitsmarktdaten für Jänner 2026 zeichnen ein alarmierendes Bild für Oberösterreichs Jugendliche: Die Zahl der lehrstellensuchenden Jugendlichen ist im Vergleich zum Vorjahr um dramatische 19,2 Prozent gestiegen – der höchste Anstieg aller österreichischen Bundesländer. Gleichzeitig verschärft sich die Situation durch einen massiven Rückgang des Lehrstellenangebots um 22,9 Prozent.
Diese Entwicklung stellt nicht nur die betroffenen Jugendlichen vor große Herausforderungen, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen zur Ausbildungsbereitschaft der oberösterreichischen Wirtschaft und zur Effektivität der Landespolitik auf. AK-Präsident Andreas Stangl sieht dringenden Handlungsbedarf: "Jetzt muss rasch gehandelt werden, um diese Entwicklung zu stoppen."
Mit 1.043 als sofort verfügbar vorgemerkten lehrstellensuchenden Jugendlichen verzeichnet Oberösterreich im Jänner 2026 den höchsten Wert seit dem Jahr 2000. Diese Zahl macht das ganze Ausmaß der aktuellen Krise deutlich: Ein ganzer Jahrgang von Jugendlichen steht vor der Herausforderung, einen Ausbildungsplatz zu finden, während das Angebot kontinuierlich schrumpft.
Der Vergleich mit anderen Bundesländern unterstreicht die besondere Brisanz der Situation in Oberösterreich. Kein anderes österreichisches Bundesland weist einen derart dramatischen Anstieg bei den lehrstellensuchenden Jugendlichen auf. Dies deutet auf strukturelle Probleme hin, die über konjunkturelle Schwankungen hinausgehen.
Parallel zum Anstieg der Lehrstellensuchenden ist das Angebot an offenen Lehrstellen drastisch zurückgegangen. Mit nur noch 1.230 verfügbaren Ausbildungsplätzen verzeichnet Oberösterreich einen Rückgang von 22,9 Prozent. Österreichweit fällt nur Salzburg mit einem noch stärkeren Rückgang von 29,2 Prozent negativ auf.
Diese Schere zwischen steigender Nachfrage und sinkendem Angebot verschärft die Konkurrenz unter den Jugendlichen erheblich. Besonders betroffen sind dabei jene mit schwächeren schulischen Leistungen, die traditionell bereits erschwerten Zugang zu Ausbildungsplätzen haben.
AK-Präsident Stangl übt scharfe Kritik an jenen Betrieben, die sich "immer mehr aus ihrer Verantwortung stehlen" und die Lehrlingsausbildung einstellen. Diese Entwicklung ist besonders paradox, da viele Unternehmen gleichzeitig über einen eklatanten Fachkräftemangel klagen.
"Betriebe, die stets einen hohen Fachkräftebedarf beklagen, sind daher gefordert, nachhaltig in die Ausbildung junger Menschen zu investieren", betont Stangl. Die Arbeiterkammer sieht hier eine grundsätzliche Verantwortung der Wirtschaft, die nicht nur auf staatliche Unterstützung setzen, sondern selbst aktiv werden müsse.
Ein besonderes Anliegen der Arbeiterkammer ist die Forderung an die Betriebe, auch Jugendlichen mit nicht so guten schulischen Noten eine Chance zu geben. In Zeiten des Fachkräftemangels sollten Unternehmen verstärkt auf das Potenzial und die Motivation der Bewerberinnen und Bewerber setzen, anstatt ausschließlich auf Schulnoten zu fokussieren.
Diese Haltung könnte nicht nur zur Lösung des aktuellen Problems beitragen, sondern auch langfristig zu einem diverseren und resilienteren Fachkräftenachwuchs führen. Viele erfolgreiche Fachkräfte haben ihre Karriere trotz oder gerade wegen anfänglicher Schwierigkeiten im schulischen Bereich begonnen.
Als konkreten Lösungsansatz schlägt die Arbeiterkammer die Einführung eines Ausbildungsfonds vor. Dieses Modell sieht vor, dass Betriebe, die keine Lehrlinge ausbilden, in einen gemeinsamen Fonds einzahlen. Unternehmen, die hingegen hochwertig ausbilden, sollen aus diesem Fonds Förderungen erhalten.
Dieser Ansatz würde das Prinzip der Solidarität in der Ausbildung stärken und könnte Anreize für eine verstärkte Lehrlingsausbildung schaffen. Gleichzeitig würde er jene Betriebe unterstützen, die bereits jetzt Verantwortung übernehmen und in die Zukunft der Jugendlichen investieren.
Neben der finanziellen Umverteilung fordert die Arbeiterkammer auch einheitliche Qualitätsstandards für Lehrstellenförderungen. Diese sollen sicherstellen, dass öffentliche Mittel nur an Betriebe fließen, die tatsächlich hochwertige Ausbildung bieten. Damit soll verhindert werden, dass Förderungen als reine Subventionen ohne entsprechende Gegenleistung vergeben werden.
Solche Standards könnten Kriterien wie die Übernahmequote nach der Lehre, die Erfolgsquote bei Lehrabschlussprüfungen oder die Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrlinge umfassen. Dies würde nicht nur die Qualität der Ausbildung verbessern, sondern auch die Attraktivität der Lehre als Ausbildungsweg steigern.
Die Arbeiterkammer sieht auch die Landespolitik in der Pflicht. "Die politisch Verantwortlichen auf Landesebene sind nun gefordert, passende arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zu ergreifen und so jungen Menschen eine Perspektive zu geben", betont AK-Präsident Stangl.
Mögliche Maßnahmen könnten die Stärkung der überbetrieblichen Lehrausbildung, verstärkte Beratungs- und Vermittlungsangebote oder gezielte Förderprogramme für benachteiligte Jugendliche umfassen. Auch eine bessere Koordination zwischen Bildungssystem und Wirtschaft könnte dazu beitragen, die Situation zu verbessern.
Die aktuelle Entwicklung hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf die betroffenen Jugendlichen, sondern auch langfristige Folgen für die oberösterreichische Wirtschaft. Junge Menschen, die keine Ausbildungsmöglichkeit finden, drohen in die Arbeitslosigkeit oder in prekäre Beschäftigungsverhältnisse abzurutschen.
Gleichzeitig verschärft sich der bereits bestehende Fachkräftemangel weiter, wenn weniger Jugendliche eine qualifizierte Ausbildung erhalten. Dies könnte mittelfristig die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Oberösterreich gefährden.
Die sinkende Ausbildungsbereitschaft der Betriebe stellt auch den traditionellen "Generationenvertrag" der dualen Ausbildung in Frage. Dieser sieht vor, dass Unternehmen in die Ausbildung junger Menschen investieren und dafür langfristig qualifizierte Fachkräfte erhalten.
Wenn immer mehr Betriebe aus diesem System aussteigen, erhöht sich die Belastung für jene Unternehmen, die weiterhin ausbilden. Dies könnte zu einer weiteren Erosion der betrieblichen Ausbildung führen und den Fachkräftemangel zusätzlich verschärfen.
Die aktuellen Zahlen zum oberösterreichischen Lehrstellenmarkt zeigen deutlich: Es braucht rasche und entschlossene Maßnahmen von allen Beteiligten. Sowohl die Politik als auch die Wirtschaft sind gefordert, ihrer Verantwortung für die Zukunft der Jugendlichen gerecht zu werden.
Der von der Arbeiterkammer vorgeschlagene Ausbildungsfonds könnte ein wichtiger Baustein einer umfassenden Reform sein. Entscheidend wird jedoch sein, dass alle Akteure – Politik, Wirtschaft und Sozialpartner – an einem Strang ziehen, um dieser negativen Entwicklung entgegenzuwirken und Oberösterreichs Jugendlichen wieder bessere Perspektiven zu bieten.